Der Kirschgarten

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arten

Deutsch von Thomas Brasch / in der Fassung von Luk Perceval

Die Realität der Illusion
Notizen zum  „Kirschgarten“


„Nietzsche sagt, es sei erlaubt in einer solchen Situation Geld zu drucken, Falschgeld meine ich.“
Der Kontorist Jepichodow im Hamburger Kirschgarten


Mehr Abschied als Aufbruch. Andrejewna Ranjewskaja, Eigentümerin eines Landgutes mit großem Kirschgarten, hat mehrere Jahre im Ausland gelebt und sich dort völlig verschuldet. Nun kommt sie mit Tochter und Hausfreund zurück auf ihr Gut und muss feststellen, dass ihr gesamter Besitz vor der Zwangsversteigerung steht. Die Hypothekenzinsen können nicht mehr bezahlt werden. In einer solchen Situation ist schnelles und kluges Handeln geboten, wenn man noch etwas retten will. Bei Tschechow ist es umgekehrt: Die Menschen ergeben sich heiter und gelassen ihrem Schicksal; sie reden und reden, lehnen jeden Rettungsversuch ab, lachen, feiern und tanzen – und verschwinden.


Solange wir reden, sind wir nicht tot. Tschechows Figuren, die auch im 21. Jahrhundert bei den Theaterbesuchern und den Theaterakteuren überaus beliebt sind, erzählen viel und hören wenig zu. Sie erzählen fast zwanghaft immer ihre eigenen Geschichten und Tschechow lässt sie, auch wenn sie still sind, in ihrem Innern weitererzählen und an irgendeiner passenden oder unpassenden Stelle der Konversation mit ihrem Selbstgespräch wieder an die hörbare Oberfläche kommen. Im „Kirschgarten“ ist dieses Lautwerden innerer Monologe besonders deutlich. Das macht einen Teil der Komik aus, die diese „Komödie“ durchzieht, in der Wirkliches und Unwirkliches ununterscheidbar zusammenfallen. Das fortwährende stille oder laute Reden dient nicht in erster Linie der Kommunikation und erst Recht nicht dem Handeln. Es ist kein „Dinge tun durch Worte“ und es geht auch nicht um die Mitteilung von Informationen, es geht bei diesem Reden eher um so etwas wie eine permanente Selbstvergewisserung. Das Sprechen dient der Bewahrung des inneren Gleichgewichts, dem Abbau von Traumatisierungen durch Wiederholung oder auch einfach der Strukturierung der ablaufenden Zeit. Die Sprache und das Sprechen werden Selbstzweck. Sie haben (fast) nichts mehr zu bedeuten. Das muss nicht zwingend als pathologisch verstanden werden, diese Art zu sprechen hat auch etwas Künstlerisches, denn sie verfolgt wie die Kunstpraxis keine Zwecke und dient nicht (zumindest nicht in erster Linie) der Durchsetzung von Interessen. Das zweckfreie Reden ermöglicht es Akteuren, die sich, sei es aus Altersgründen, sei es aufgrund ihrer ökonomischen Situation, überflüssig und ohne Zukunft fühlen müssen, ein Gefühl für sich selbst zu bewahren, den Augenblick zu retten und „den Tag zu überstehen“.


Die Inszenierung erforscht Bereiche unwirklich werdender Wirklichkeiten. Was einem aus Tschechows Text entgegenkommt, dient nicht der Rekonstruktion einer untergegangenen russischen Welt, auf die wir nostalgisch, aber auch überlegen herabblicken können. Der Text fungiert eher als Katalysator. Er ist ein literarisches Dokument, das die Beschäftigung mit Beobachtungen, Erfahrungen und Erinnerungen ermöglicht, die wir gerne an den Rand unseres Bewusstseins schieben, mit denen wir uns nicht beschäftigen wollen, weil sie vom Verschwinden, vom Niedergang handeln, und das passt uns, die wir grundsätzlich in Kategorien von Erfolg und Aktivität urteilen, nicht in den Kram.


Der „Kirschgarten“ ist Tschechows letztes Stück. Er war schon todkrank als er es schrieb und starb wenige Monate nach der Uraufführung. Das Stück besticht durch seinen Humor und seine Gelassenheit. Tschechow verklärt den Niedergang nicht, aber er entwickelt ein liebevolles und verständnisvolles Verhältnis zu allen Figuren. Er scheint sie für ihre Techniken zu bewundern, mit denen sie durch Ignoranz, Vergessen und fröhliches Erdulden gute Laune bewahren – trotz des drohenden Verlustes von mehr oder weniger allem, was ihr Leben ausmacht. Denn dafür steht der Kirschgarten. Man denkt an das Märchen von „Hans im Glück“, der erst restlos zufrieden ist, wenn er alles verloren hat, dessen Lebenslauf nicht, wie wir es uns immer noch idealtypisch vorstellen, vom Tellerwäscher oder Scherenschleifer zum Millionär verläuft, sondern genau umgekehrt.


Luk Percevals eigene Beobachtungen in der Familie, in Brüsseler Kaffeehäusern, in denen Menschen, die nicht mehr gebraucht werden, den Tag mit Alkohol und Reden (und Tanzen) verbringen, im Altersheim, wo man sich im Vergessen einrichtet, sind offenbar sehr gut mit Tschechows über 100 Jahre alten Texten kompatibel. Weltliteratur ist nicht an den Ort gebunden, an dem sie entstanden ist. Und auch die Schauspieler können auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen, wenn sie sich in die Personen hineinversetzen, mit denen Perceval die Menschen Tschechows übermalt (vgl. Barbara Nüsse im Dokumentarfilm von Marat Burnashev).


In einem aber bleibt Perceval nah am Original: Er denunziert niemanden, er betrachtet die Passivität und den wissenden Illusionismus der Personen, für die Erinnern und Vergessen dasselbe zu sein scheint, mit Wohlwollen und Bewunderung. Sie beherrschen etwas, das uns heute schwer fällt, nämlich passiv zu sein. Passivität ist aber eine unerlässliche Bedingung des Lebens und des Sterbens. Die westliche Kultur scheint das vergessen zu haben.

 

Premiere 3. März 2012, Thalia Theater

PRESSESTIMMEN

„Keine Kirschbaumblüte. Kein großbürgerlicher Salon mit Samowar. Nur eine Reihe von Stühlen an der Rampe. Im leeren schwarzen Raum schweben weiße, verschieden große Leuchtkugeln. Sie erinnern an Gestirne oder Planeten, spenden mal mehr, mal weniger Licht. Ein kosmisches Bild hat Katrin Brack für Luk Percevals Spiel über die Liebe und den Tod nach Anton Tschechows letzter Komödie „Der Kirschgarten“ geschaffen. Mit der Hammondorgel im Hintergrund erinnert der Raum aber auch an einen Tanzsaal. In gewisser Weise inszenieren der Regisseur und der Choreograf Ted Stoffer auch einen Totentanz. […] Die Form des Tanztheaters ist ungewöhnlich, dennoch schlüssig aufgehend. In ihr spiegelt sich, in darstellerisch präzise ausgefeilter Zeichnung der Charaktere, der Tanz der gegenwärtigen Gesellschaft am Abgrund und der Kreislauf der Natur, die das Leben gibt und wieder zerstört.“ - Hamburger Abendblatt
 

Weitere Pressestimmen
Gastspiele

16. Oktober 2013

Direction Space 2013, Perm

 

20. und 21. Oktober 2012

Stanislavsky season International Theatre Festival Moskau, Russland

 

17. Oktober 2012

International Baltic House Theatre Festival, St. Petersburg, Russland

 

16. und 18. Mai 2012

Ruhrfestspiele Recklinghausen

Ausgewählte Kommentare
"Tschechow, wie langweilig! Da passiert ja nichts!" war der Kommentar meiner 93jährigen Schwiegermutter, als ich ihr erzählte, dass wir uns "Der Kirschgarten" ansehen wollten. Nach der gestrigen Premiere der neuen Inszenierung von Luk Perceval kann ich sie eines Besseren belehren. Da passierte nach anfänglichem angespanntem Schweigen eine ganze Menge! Wunderbare Schauspieler (besonders im Focus Barbara Nüsse und Tilo Werner) konfrontierten uns sowohl mit brandaktuellen als auch mit ewig gültigen Themen und Fragen. In ihren Verhaltensmustern, ihren Dialogen, vor allem aber ihren zahlreichen Monologen und ihrem Nicht-Zuhören, waren sie zutiefst menschlich und glaubwürdig. Jeder von uns kennt solche Situationen. Natürlich wirken sie in einem vorgehaltenen Spiegel komischer oder grotesker, als wenn man selbst darin steckt. Es war ein heiterer, unterhaltsamer Abend, der uns aber auch nachdenklich machte und berührte.
Das Bühnenbild sowie die Musik- und Tanzeinlagen schufen eine träumerische Atmosphäre. Das alles werde ich nun der alten Dame am Telefon erzählen. Leider ist sie nicht online, um die beiden gelungenen Videos anzuschauen. Vielleicht kann sie das interessante Programmheft entschädigen.
Sigrid Voigt, 04.03.12
Alles in allem eine schwache Leistung. Die vollkommen verunglückte Inszenierung hätten auch die besten Schuaspieler nicht retten können und so wünscht man sich, dass das Publikum den Mut gehabt hätte, das Ensemble schon in der langatmigen und vollkommen sinnfreien Eröffnungsszene von der Bühne zu buhen.

Text und Charakterisierung der schon bei Tschechowa weitgehend nicht handelnden Personen zugunsten von Pausen und dilettierenden Tanzeinlagen zu verkürzen mag schick sein - sinnvoll ist es nicht. Das diese noch gelegentlich noch mit Szenenapplaus bedacht wurden, ist leider eher ein Ausweis der Leidensfähigkeit des Hamburger Theaterpublikums als alles andere. Lediglich in den Szenen unmittelbar nach der Versteigerung des Kirschgartens kam so etwas wie Atmosphäre auf.
Populär natürlich das Stück in die Jetztzeit zu transferieren. Die ist aber derart bemüht und und geradezu peinlich erfolgt, dass es eher verwirrt als alles andere.
Karl Banke, 08.06.12
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