Vor dem Fest

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von Saša Stanišić / Regie Charlotte Sprenger

„Wir sind traurig“, sagt das Dorf. „Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot.“

Überhaupt ist die Einwohnerzahl fallend. Die einzige Tankstelle hat dichtgemacht. Kneipen gibt es auch nicht mehr. „Wir trinken in Ullis Garage“, sagt das Dorf. Es heißt Fürstenfelde und hat für ein Dorf eine Menge zu erzählen, obwohl die Fürstenfelder eher wortkarg sind.

Saša Stanišić, der 1978 im bosnischen Višegrad geboren wurde, 1992 als Flüchtling nach Deutschland kam und heute in Hamburg lebt, lässt sein Dorf als vielstimmigen Chor sprechen: „Was War, Was Ist, Was Wird Geschehen.“ Das Annenfest ist der Höhepunkt des Jahres. Es wird eine dramatische Nacht. Im Dorfarchiv wird eingebrochen, die alten Sagen und Geschichten fliehen durch das offene Fenster in die Nacht. Die Archivarin Frau Schwermuth dreht durch. Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, sucht einen funktionierenden Zigarettenautomaten und findet Gründe gegen das Leben. Da ist die alte Malerin Frau Kranz, deren Gemälde seit Jahrzehnten nur ein Motiv kennen – Fürstenfelde und seine Bewohner, und die taumeln durch die Nacht.

Saša Stanišić sagt: „Ich wollte ein Dorf aus dem Nichts literarisch erschaffen. All diese Figuren, die durch meine Nacht laufen, gibt es auch in der Stadt. Jede von ihnen hat ein Problem und eine psychologische Disposition. Was die Figuren angeht, und auf die kommt es mir an, ist es kein Dorfroman. Aber die Atmosphäre in diesem Dorf interessiert mich sehr.“

„Vor dem Fest“ ist ein Spiel mit unterschiedlichen Erzählformen, Stimmen und Stimmungen. Regisseurin Charlotte Sprenger, die den Roman für die Bühne adaptiert, leitete in den letzten zwei Spielzeiten zusammen mit dem Kuratorenteam „Britney“ die Außenspielstätte Offenbachplatz des Schauspiel Köln. Mit ihrer Inszenierung von Jonas Hassen Khemiris Roman „Alles, was ich nicht erinnere“ war sie zum Festival Radikal Jung 2018 eingeladen.

Premiere 18. Januar 2019, Thalia Gauß

 

Am 19. Januar im Anschluss: Matthias Günther im Gespräch mit Saša Stanišić und Charlotte Sprenger