Der Wij

D
er Wij

von Bohdan Pankrukhin & Kirill Serebrennikov / übersetzt von Kyra Heye / inspiriert von einer Erzählung von Nikolai Gogol / Regie Kirill Serebrennikov / Uraufführung
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Regie, Bühne, Kostüme
Kirill Serebrennikov
Mitarbeit Bühne
Elena Bulochnikova
Choreografie
Ivan Estegneev
Evgeny Kulagin
Künstlerische Mitarbeit
Anna Shalashova
Dramaturgie
Matthias Günther
Übersetzerin
Kyra Heye

In einer Zeit, in der in Europa ein Krieg Tod und Vernichtung gebracht hat und unsere Werte gefährdet, verbinden sich auf der Bühne Künstlerinnen und Künstler im Geiste der FREIHEIT. Kirill Serebrennikov and friends gehen den Weg nach Westen, nach Europa und suchen neue Partnerschaften: „Gogol Center. Europe meets Thalia.“ Mit einem europäischen Ensemble will Serebrennikov im Geiste der Kunst das realisieren, was in der Wirklichkeit derzeit schier unmöglich ist: Partnerschaft zwischen Künstlern, die egal welcher Herkunft, der Glaube an die gleichen Werte verbindet – trotz allem. Mit einem Stoff des 1809 in der Ukraine geborenen Autors Nikolaj Gogol.
Gogol hat als Chronist seiner Zeit 1835 eine ukrainische Volkssage aufgeschrieben – sie wurde seither Gegenstand erfolgreicher Fantasy- und Horror-Filme. In ihr muss die Vernunft gegen die dunklen, ja magischen und destruktiven Kräfte einer erdverklebten Wurzelfigur namens „Wij“, deren Augenlider bis zum Boden reichen, kämpfen und gerät in deren Geiselhaft.

Kirill Serebrennikov bearbeitet den Stoff unter dem Eindruck gegenwärtiger Verhältnisse radikal zeitgenössisch und liest ihn als Erzählung über den Krieg. Er schreibt in den Stoff Gegenwelten der europäischen Kunst und Poesie ein, die an die Kraft des Humanen glauben anstatt an die Macht der Destruktion, – trotz Leningrad, Hiroshima, Coventry, Dresden, Grosny oder Mariupol.

 

 

Dauer 2:00h, kein Pause 

Uraufführung 3. Dezember 2022, Thalia Gauss

Eine internationale Produktion

PRESSESTIMMEN

„Das russisch-ukrainisch-deutsch durchmischte Ensemble beschwört Schrecken und Schmerz mit exzessiver Energie. Die Aufführung geht derart an die Nieren, dass es der allerletzten Regie-Anweisung gar nicht bedürfte: Keinen Applaus bitte. Und bitte auch keinen Protest mehr auf der Straße gegen eine Theater-Arbeit, wie sie angemessener kaum sein könnte in Zeiten des Krieges.“ - Michael Laages, Die Deutsche Bühne, 4.12.2022

 

„Wenn das Ensemble mit weit aufgerissenen Augen fragt: „Was passiert, wenn wir unsere Augen öffnen und uns gegenseitig anschauen?“, so ist das einer von vielen tief unter die Haut gehenden Momenten dieser so kraftvollen wie beklemmenden Inszenierung, die letztlich ein starkes Statement gegen den Krieg darstellt.“ - Oda Baum, Kieler Nachrichten, 6.12.2022

 

„Die Schlussszene gehört dem schuldigen Russen, den der phänomenale Filipp Awdejew als Kabinettstück einer zerstörten Persönlichkeit gibt, das doch an keiner Stelle Mitleid erzeugt.“ - Kerstin Holm, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.12.2022

 

Weitere Pressestimmen

Im Rahmen der Lessingtage 2023

 

31. Januar + 1. Februar, 20 Uhr, Thalia Gauß
Eintritt € 31/17

 

Am 1. Februar im Anschluss:

Matthias Günther (Dramaturg) im Gespräch mit dem Ensemble

Förderer

Mit weit geöffneten Augen
von Kirill Serebrennikov


Vor neun Monaten hat Russland der Ukraine einen verbrecherischen Krieg erklärt. Der Staat hat Hunderttausende Zivilisten in den Krieg geschickt. Zum Töten. Zum Sterben. Wie kann einer einfach ein Maschinengewehr in die Hand nehmen und losschießen? Wie einem anderen Menschen das Leben nehmen? Kann es irgendeinen Grund geben, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen? Wie ist es möglich, der bodenlosen Propaganda Russlands Glauben zu schenken? Wie kann jemand überhaupt durch Krieg Geld verdienen wollen? Wie ist das alles möglich?


Ein junger Schauspieler, der sich vor der Mobilisierung in Moskau versteckte, hat mir erzählt, dass er spät am Abend in einen Laden ging, um Lebensmittel einzukaufen. An der Kasse traf der Schauspieler, der eine stylische Brille trug, auf einen Mann, der ihn erst unfreundlich ansah und dann plötzlich anschrie: „Na, hast du Angst zu kämpfen, du Arschloch?“ Mein Bekannter antwortete ihm ehrlich: „Ja. Ich kann einen anderen Menschen nicht angreifen, geschweige denn töten. Ich verstehe nicht, wie das überhaupt möglich ist.“ Daraufhin antwortete der Mann, der offenbar bereits zurück von der Front war, gelassen: „Scheiß dir nicht in die Hose! Schließ die Augen und drück ab! Es ist alles ganz einfach. Schließe die Augen...“ Schließe die Augen! Als ich diese Geschichte hörte, dachte ich, sie sei eine Art Epigraph für unsere Aufführung.


Der Wij ist in der slawischen Mythologie eine Figur aus der Unterwelt, deren Blick tötet. Ihre Augen sind von riesigen Augenlidern verdeckt, die er ohne fremde Hilfe nicht öffnen kann. Doch hebt man seine Augenlider, ist sein Blick für denjenigen, den er ansieht, unerträglich: Er stirbt auf der Stelle. Der Wij kann mit seinem Blick nicht nur einen Menschen töten, sondern auch ein Dorf oder eine Stadt zu Asche verwandeln. Am Ende der Erzählung Gogols werden Wijs Lider gehoben - er öffnet die Augen: Doch nicht durch den Blick stirbt die Hauptfigur: Absolut tödlich ist die eigene Angst vor diesem Blick, daran stirbt sie letztendlich...


Bereits im Frühjahr 2022 begann ich zusammen mit dem jungen ukrainischen Dramatiker Bohdan Pankrukhin, das Stück zu schreiben. Wir haben uns durch Hunderte von Berichten gearbeitet, Dokumentarfilme und Videos über den Krieg angeschaut. Bucha, Mariupol, Irpen... Die Hölle auf Erden. Unschuldige Opfer. Ungeheuerliche Verbrechen, dokumentierte Beweise der Barbarei. Dokumentierte Gespräche russischer Soldaten mit ihren Familien über gestohlene Handys und Waschmaschinen...


VIY – WAR – WIJ
In dem Stück ist der WIJ der Krieg (WAR) – ein seelenloses Monster mit geschlossenen Augen. Er beraubt die Menschen ihrer Identität und ihrer Zukunft. Der Mensch tötet andere und sich selbst. Eine Katastrophe: „Augen zu und schießen.“


Wir erarbeiten unser Theaterstück mit einem großen internationalen Team. Deutsche, die einst ihre eigene Katastrophe überlebten und nun denen die Hand reichen, die jetzt in Not sind. Ukrainer, die vor dem Krieg fliehen, vor Bombenangriffen, Erschießungen und Okkupation. Russen, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, weil sie mit den Verbrechen ihres Staates nicht einverstanden waren. Gemeinsam versuchen wir, die Geschichte dieser Katastrophe zu verstehen und zu erzählen.“


Was passiert, wenn wir unsere Augen öffnen und uns gegenseitig anschauen?
Was ist, wenn wir sie nicht schließen?
Was ist, wenn wir nicht wegschauen?


(übersetzt von Kyra Heye)