Winterreise

Winter
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von Elfriede Jelinek / Regie Anne Lenk

„Winterreise“ gehört zu den persönlichsten Werken der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Mit über 20 Inszenierungen ist es eines der meist gespielten deutschsprachigen Stücke der letzten Jahre, gleichzeitig das fünfte Stück der Autorin am Thalia Theater. In präziser assoziativer Sprache, die Wortspiel und -philosophie vereint, greift Jelinek in „Winterreise“ Rastlosigkeit und Verlassenheit auf und setzt sich dem Versuch aus, Zeit zu begreifen. Anne Lenk inszeniert nach „Räuberhände“ und „In der Republik des Glücks“ zum dritten Mal in der Gaußstraße. Sie wird sich dem von Schuberts Liederzyklus inspirierten Stück über musikalische Elemente, die Biografie der Autorin und deren Blick auf das Zeitvergehen nähern.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh´ ich wieder aus“, beginnt Schuberts Liederzyklus Winterreise, den er 1827, ein Jahr vor seinem Tod, zu Texten des Dichters Wilhelm Müller komponierte: Ein Wanderer streift ziel- und hoffnungslos durch eine Winternacht, verlassen von seiner Liebsten. Schließlich trifft er im letzten, 24. Lied auf einen Leiermann, in dem er seine Todessehnsucht verkörpert sieht.

„Fremd eingezogen, fremd ausgezogen, die Leier drehend, immer dieselbe Leier, immer dasselbe?“, fragt sich das erzählende Ich in der Winterreise von Elfriede Jelinek, die sie 2011 geschrieben hat und dafür im selben Jahr mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. Jelinek lehnt ihre Winterreise immer wieder deutlich an Müller/Schubert an, doch sie macht sich auch auf eine ganz persönliche Reise, so dass die Vorlage dadurch neu verortet wird. In acht Bildern erlebt das lyrische Ich unterschiedliche Situationen des Ausgestoßenseins, der Vertreibung. Doch sobald man glaubt, das Ich der Autorin zu erkennen, entzieht es sich sogleich wieder der Eindeutigkeit, ein Spiel von Verhüllung, Privatheit und Öffentlichkeit entspinnt sich.

Regisseurin Anne Lenk („Räuberhände“, „In der Republik des Glücks“) nähert sich in ihrer dritten Arbeit am Thalia Theater Jelineks Winterreise mit musikalischen Elementen Schuberts und mit einem Ensemble aus fünf Frauen, die in verschiedenen Lebensaltern die existentiellen Fragen des „Ichs“ zu Vergänglichkeit, Scheitern und Sehnsucht nach Leben und Tod aus unterschiedlichen Perspektiven umkreisen.

Premiere 18. Januar 2015, Thalia gauss

PRESSESTIMMEN

„Anne Lenk vertraut ganz auf den Zauber des Surrealismus und ansonsten der Schauspielkunst bei dieser hochmusikalischen Feier des Wortes. Was die fünf Darstellerinnen hier abliefern, ist höchste Virtuosenklasse. (...) Es liegt etwas Befreiendes darin, diesen Gefühlsausbrüchen zwischen fragil und ätzend nachzuspüren. Darin liegt der Reiz dieser Inszenierung, die ganz offen auf einen Bruch zwischen Form und Inhalt setzt.“ - Hamburger Abendblatt

„Anne Lenk hat für den seither vielgespielten Text jetzt im Thalia in der Gaußstraße ihre eigene originelle Form gefunden. … Ein Chor für fünf Frauen quer durch die Generationen. Und es ist wahrlich sehenswert, wie die Schauspielerinnen aus dieser Wanderung der österreichischen Nobelpreisträgerin Funken schlagen. … Zwischen Monologen, Dialog- und Chorpassagen findet diese herrliche Selbst- und Weltbespiegelung ihren Rhythmus.“ - Kieler Nachrichten

„Ein schönes Einstiegsbild in Elfriede Jelineks „Winterreise“ ist Anne Lenk da am Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße gelungen, ein Einstiegsbild, das den Stoff konsequent ironisiert. … Und der Abend endet… wie er begonnen hat: trunken von der eigenen Melancholie und gleichzeitig analytisch scharf. Kulinarisch und gleichzeitig sich jeder Konsumierbarkeit verweigernd. Kalauernd und gleichzeitig auf rätselhafte Weise tieftraurig.“- Theater heute