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Thalia-Freunde Preis in M
emoriam Eva Bonacker

Impressionen der Preisverleihung

Im Gedenken an die Theaterfreundin und Stifterin Eva Bonacker wird seit 2013 auf der Jahresversammlung der Thalia Freunde ein Nachwuchs-Preis für besondere Leistungen in bühnenkünstlerischer Gestaltung vergeben.

 

Am 7. November 2019 wurde dem Bühnenbildner Michael Köpke, der am Thalia Theater u.a. die Bühne von „Patentöchter“ schuf, im Rahmen der Jahresversammlung der Thalia Freunde der Preis übergeben.

 

Dramaturgin Susanne Meister hielt die folgende Laudatio:

 

„Michael Köpkes Räume definieren Inszenierungen.  Zu seiner Arbeit fallen mir spontan drei Begriffe ein: Genauigkeit, Beharrlichkeit und Phantasie. Ich habe ihn 2010 kennengelernt, noch als Bühnenbildassistenten.  Für unsere allererste „Lange Nacht der Weltreligionen“ hat er Mitwirkende aller Religionen nicht auf verschiedenste Stühle, sondern auf eine gemeinsame Holzbank gesetzt.  Eine Bühnenlösung der einfachsten Art, die den vielschichtigen Abend zentriert und ihm ein Bild gegeben hat.

 

Kurz darauf habe ich das Projekt „Kindersoldaten“ in Bremen gesehen, nach Hamburg zu den Lessingtagen eingeladen und dabei erstmals den Regisseur kennengelernt, mit dem er den längsten künstlerischen Weg teilt: Gernot Grünewald, auch Regisseur der „Patentöchter“.

 

2015 konnten Sie in Hamburg dann – wieder bei den Lessingtagen-  eine Auftragsarbeit von Grünewald /Köpke sehen: „Ankommen“ - ein hoch engagiertes, viel beachtetes Projekt mit jungen, unbegleiteten Geflüchteten in Hamburg.

 

Dabei war Michael Köpkes Raumkonzept sozusagen der Abend. Mit großer kreativer und organisatorischer Energie hat er für jeden geflüchteten Jugendlichen einen persönlichen Raum erfunden, in den das Publikum eingeladen war. Damit hat er einerseits einen Schutzraum für diese „Darsteller ihrer selbst“ geschaffen, aber auch einen Erfahrungsraum für das Publikum.

 

Pro Vorstellung wurden 12 Zuschauer einzeln durch die Installation auf unserer Probebühne IV geführt, Jeweils 10 Minuten eine Eins-zu-Eins Begegnung mit einem fremden Schicksal. Berührend. Verstörend. Emotional und gedanklich Räume öffnend. In der Aufführung, die ich besucht habe, lag in einem Raum nur ein Zettel, er lautete in etwa: „Kann heute leider nicht hier sein, muss zur Ausländerbehörde.“  In einem Raum lief ein Video, sein „Bewohner“ war verschwunden – wohin? Da hatte jemand nicht nur Wohnräume gebaut, sondern künstlerisch und intellektuell auf hohem Niveau eine brisante Zeit kommentiert und sinnlich erfahrbar gemacht.

 

Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Die Inszenierung „Patentöchter“, deren Bühnenbild und Kostüme Sie heute auszeichnen, ist bereits die sechste Arbeit von Michael Köpke, die ich als Dramaturgin begleiten durfte. Ich freue mich sehr, Michael, dass du dir gewünscht hast, dass ich heute diese Laudatio auf dich halte.

 

Dem Theater hat sich Michael Köpke  - wie das für ihn typisch ist – sorgfältig, vielschichtig und doch sehr zielstrebig angenähert. Zunächst studierte er zwar die Theorie, nämlich Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Neue deutsche Literatur, er wechselte dann aber schnell zu einem künstlerischen Studiengang – zu Szenographie. Es folgten mehrere Stationen in Utrecht und Prag, an der renommierten Kunsthochschule Weissensee in Berlin mit Schwerpunkt „Neue Medien“ und ein Erasmus-Austausch im Fachbereich Audiovisuelle Medien in Paris. An der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe schloss er sein Diplom mit Auszeichnung ab.

 

Der Studiengang Szenographie - eine in romanischen Ländern schon lange geläufige Bezeichnung -, hebt die klassische Trennung von Bühnenbild und Regie auf.  SzenografInnen und Szenographen wollen keine herkömmlichen Kulissen und Bühnenbilder entwickeln, sondern narrative Räume – das heißt Räume, die eine eigene Erzählung haben. Zentrales Thema ist immer wieder die Beziehung zwischen Raum, Inhalt, Betrachter und Zeit. Lassen Sie mich das als eine Art Überschrift nehmen für „Patentöchter“.

 

Ausgangspunkt ist das gleichnamige Buch, bestehend aus Briefen, die von der Wiederannäherung zweier Frauen erzählen, die beide persönlich betroffen waren von dem RAF-Attentat auf Jürgen Ponto im Deutschen Herbst 1977. Julia Albrecht, Schwester der RAF-Terroristin, und Corinna Ponto, Tochter des Opfers.  Diese Briefe, 40 Jahre nach der Tat geschrieben, erzählen vom Erstarren vor Entsetzen, vom jahrelangem Warten auf die schuldig gewordene, verloren gegangene Schwester und Tochter. Und davon, wie Gegenwart unerträglich wird, wie Erinnerung sich verbiegt, wie Struktur zerfällt und wie schwierig es ist, zu vergeben und zu vergessen.

 

Michael Köpke gelingt das Kunststück, für all diese hochkomplexen psychischen Zustände Räume, Atmosphären und Bilder zu finden. Er teilt die Bühne der Gaußstrasse mittendurch: Links das fiktive Wohnzimmer der Familie Albrecht, dahinter deren Küche. Gespiegelt rechts – also diesmal vorne – die Küche der Pontos, dahinter das Wohnzimmer. Alle Räume spezifisch und detailreich  - aber nicht komplett - eingerichtet, die Küchen mit funktionierender Spüle und Herd. In dieser klug erdachten, doppelten bespielbaren Installation agieren jeweils drei Schauspielerinnen. Versuchen Alltag. Kochen Suppe, schauen fern, knipsen das Licht an und aus, decken den Tisch, trinken Tee, schreiben Briefe, erhalten schockierende Telefonanrufe. Alles Wand an Wand.

 

Diesen quasi realistischen Raum hat Michael Köpke so gebaut, dass er sich durch Töne, Licht und Film atmosphärisch stark aufladen lässt.  Über seine ganze Breite hat er eine Leinwand gespannt und Kameras und Mikrofone in den Wohnräumen installiert. Auf den ersten Blick wirkt diese Verkabelung wie ein ironischer Kommentar auf die mediale Omnipräsenz, der die Familien nach dem Attentat ausgesetzt waren - alles sichtbar gemacht, alles öffentlich. Vielleicht deshalb baut Köpke den Schauspielerinnen einen privaten, verborgenen Raum, vom Zuschauerraum aus nicht einsehbar - wir haben ihn in den Proben den „Susanne-Raum“ genannt. Eine Art Cockpit, von hier aus werden im Geheimen – und Live-,  auf einer Soundmaschine Loops produziert, Familienfotos großgezogen, Bilder aus der Einsamkeit der untergetauchten Terroristin Susanne und der verlassenen Schwester Julia nach außen transportiert.

 

Die Leinwand über den Wohnungen ermöglicht jedoch noch etwas anderes. Sie wird zu einer kongenial erdachten Bühne für die innere Welt der Figuren. Während sich die Frauen in den Wohnungen an ihren Alltag klammern, sehen wir zeitgleich auf der Leinwand Verletzung, Panik, Kontrollverlust in Großaufnahme. Sehen die Frauen als das, was sie sind: Gefangene ihrer Erinnerungen. Standbilder und rhythmisch verlangsamte, zeitverzögert abgespielte Sequenzen legen Verschiebung von Realität offen, zeigen, wie subjektiv unser Zeitempfinden sein kann, im Trauma, in der Trauer und in der Verzweiflung.

 

Spielerisch provoziert Michael Köpkes Versuchsanordnung aus Realem und Gefilmten auch die naheliegende Frage: Kann man mit dokumentarischem Material einfach so tun, als ob etwas „tatsächlich so passiert“ sei? Und das ausgerechnet auf dem Theater, der trügerischsten Illusionsmaschine, die uns gerade mit ihrem Live-Charakter immer wieder erfolgreich hereinzulegen versucht?

 

Das Schnippeln des Gemüses, der Geruch der Suppe, die gekocht wird – nach und nach kapert Michael Köpke raffiniert unsere Sinne, verändert unser Zeitgefühl. Subtil werden wir dazu verführt, uns Schritt für Schritt hineinzubegeben in fremde Gefühle und Gedanken.

 

Lichtschalter werden betätigt, Geschirr abgespült, wir aber sehen das Innere der Menschen, die von den Schauspielerinnen verkörpert werden. Der Fernseher produziert fröhliche Bilder einer Quizsendung,  wir aber sehen Seelen, bei denen die Stopptaste gedrückt ist. Wir können nicht anders, wir fühlen mit. Sind ihnen nahe. Kommen selbst in ihre Zustände.

 

Eine multimedial hochkomplexen Installation, in der Michael Köpke fast alle seine Mittel entwaffnend offenlegt, versetzt uns mitten hinein in die einzige Realität, die eine Bühne provozieren kann: in der Realität der Gegenwärtigkeit unseres Erlebens als Zuschauer.

 

Sie zeichnen den Szenographen Michael Köpke heute vollkommen zu Recht aus. Subtil und kraftvoll und zugleich mit leichter Hand verführt er uns hinein in komplexe, menschliche Zustände und Geschichten. Indem er entschlossen und genau denkt, einrichtet, plant, phantasiert und dabei seine komplexen Mittel stets souverän einsetzt und beherrscht.

 

Und das alles – und das sage ich quasi erstaunt als Dramaturgin –,  und das alles ganz ohne Text.“ -  Susanne Meister