Gespenster

von Henrik Ibsen

Gastspiel Burgtheater Wien
Zum 10. Jubiläum des Festivals Körber Studio Junge Regie

Vor uns liegt eine „düstere, von Dauerregen verschleierte Fjordlandschaft“. Vielleicht in der Gegend um Bergen, im Westen Norwegens, vielleicht anderswo. Auf Frau Alvings Gut, soviel scheint klar, spukt es. Doch handelt es sich um sehr weltliche Gespenster, die dort umgehen: Wiedergänger (Ibsens Originaltitel lautet: Gengangere) aus einer verdrängten Vergangenheit, welche im Handlungsverlauf allmählich ans Licht treten. Die eigentliche Hauptperson, Patriarch Alving, ist zu Stückbeginn längst tot. Das dunkle Erbe des Kammerherrn aber enthüllt sich erst jetzt, da ihm ein Denkmal gesetzt werden soll und der malende Sohn Osvald waidwund aus Paris heimkehrt. Helene Alving ist hin- und hergerissen zwischen der eigenen Sehnsucht nach Wahrheit und Freiheit und den von ihr selbst fälschlicherweise in die Welt gesetzten Illusionen ihres Sohnes.
Henrik Ibsens Familiendrama musste 1882 in Chicago uraufgeführt werden, da etliche nordeuropäische Theater sich an dieses finstere Gespenst von einem Stück nicht herantrauten – zu massiv attackierte es vermeintliche Stützen der Gesellschaft wie protestantische Moral. Unter der Fassade großbürgerlicher Respektabilität legt Ibsen die abgründige Wirklichkeit frei: In seiner Radikalität, seiner Themenwahl (eheliche Machtkämpfe, unaussprechliche Geschlechtskrankheiten, klerikale Korruption, Inzest) und nicht zuletzt seiner Hoffnungslosigkeit geht „Gespenster“ über die ihre Puppenheim-Familie verlassende „Nora“ weit hinaus. Am Schluss bleibt Helene Alving, die einst ihre Liebe zu Pastor Manders auf dem Altar der Konventionen und des Materialismus geopfert hat, allein mit ihrem sterbenskranken, nach Morphium flehenden Sohn Osvald zurück. Endlich hat der Dauerregen ein Ende. Die Sonne geht auf. Der Vorhang fällt. Sein schottischer Übersetzer William Archer hat Ibsen einmal gefragt, was daraufhin passieren würde: „Gibt sie ihrem Sohn das Gift oder nicht?“ Ibsen lachte und erwiderte: „Das weiß ich nicht. Das muss jeder selbst herausfinden. Ich würde nicht im Traum daran denken, so eine schwierige Frage zu entscheiden. Aber was meinen Sie?“ Darauf Archer: „Wenn sie ihn nicht erlöst, liegt das zweifellos an einem gengangere, einem Gespenst, das immer noch in ihr umgeht – vorausgesetzt, dass die Krankheit als absolut unheilbar diagnostiziert ist.“ „Vielleicht“, entgegnete Ibsen, „ist die Erklärung dort zu suchen: dass die Mutter die ‚Erlösung’ wieder und wieder aufschiebt, mit der
Ausrede, solange Leben da sei, gebe es Hoffnung …“

Regie David Bösch Bühne und Kostüme Patrick Bannwart  Licht Felix Dreyer  Dramaturgie Florian Hirsch
Es spielen Kirsten Dene, Markus Meyer, Martin Schwab, Falk Rockstroh, Liliane Amuat 


David Böschs Inszenierung vom Wiener Burgtheater ist zum zehnten Jubiläum des Körber Studio Junge Regie eingeladen. Bösch, der inzwischen als Leitender Regisseur am Bochumer Schauspielhaus arbeitet, war 2003 Preisträger des ersten Festivals. Nach einem Jahrzehnt hat sich das Körber Studio Junge Regie, das jedes Jahr im Thalia Theater in der Gaußstraße stattfindet, als Plattform für den Regie-Nachwuchs und als Forum zum gegenseitigen Austausch fest etabliert. Viele junge Regisseurinnen und Regisseure, die heute erfolgreich in der deutschen Theaterszene inszenieren, haben hier ihre Abschlussarbeiten präsentiert.

Das Körber Studio Junge Regie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Hamburg, der Körber-Stiftung und des Thalia Theaters unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bühnenvereins.
 

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