Ödipus, Tyrann

Ödip
us, Tyrann

Nach Hölderlin von Heiner Müller

Ödipus ist der Fremde. Er ist der Ausgestoßene, der als Kind in der Wildnis ausgesetzt werden sollte, aus Mitleid gerettet, über seine Herkunft getäuscht wurde und der nicht nur äußerlich durch die Verletzung am Fuß stigmatisiert ist, sondern auch durch den Spruch des Orakels, der ihn zum Mörder macht. Er entschließt sich, seinem Schicksal zu entfliehen. Doch jeder Schritt, von dem er glaubt, dass er ihn entfernt, bringt ihn nur näher an die Vorsehung heran und schleudert ihn gleichermaßen aus der Welt der Menschen. Ödipus ist der Rätsellöser. Er hat Theben von der mörderischen Sphinx erlöst, in dem er in ihrem Rätsel den Menschen erkannte und nun will er die Stadt, in der die Pest wütet, erneut retten. Ödipus ist zugleich der fanatische Wahrheitssucher. Indem er eine rücksichtslose Aufdeckung der mörderischen Tat am König Laios, seinem Vorgänger, verfolgt, wird er von seinem eigenen Werk vernichtet. Er will handelnd er selbst sein und muss erfahren, dass das unmöglich ist. Er ist Detektiv und Gesuchter, Richter und Täter in einer Person. Als er erkennt, dass er der Mörder seines Vaters ist und mit der eigenen Mutter Kinder gezeugt hat, muss er nicht nur die entblößenden Blicke der anderen ertragen, sondern auch die intime Selbsterkenntnis der eigenen Schuld. Als Souverän der Polis muss er erleben, dass das Gesetz, das er verkörpert, ebenso wenig real gewesen ist wie das Bild, das er von sich selbst hatte. Als Mensch erfährt er, dass er an sich selbst gefesselt ist und sich selbst nicht zu entkommen vermag. Und dass auf der Lebensgeschichte eines jeden lastet, was er getan hat, und nicht nur das, was er absichtlich getan hat. So blendet sich der, der als Sehender blind war, am Ende selbst.

 

Premiere 4. Dezember 2009, Thalia Theater


Einladungen:

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
27. Mai 2010

PRESSESTIMMEN

Wo anfangen, wo aufhören: Dimiter Gotscheff hat einen Ödipus geschaffen, so intensiv und vielschichtig, so bilderstark und konzentriert, so klug choreographiert, dass die Gänsehaut danach noch lange anhält. […]
Das Volk, der Chor, der unter der Führung der ungemein geschmeidigen Patrycia Ziolkowska agiert wie eine wortgewaltige Tanzgruppe, fordert Aufklärung, damit die Götter, die die Pest über Theben gebracht haben, der Stadt wieder Frieden schenken. […]
Gotscheff und sein Ausnahme-Ensemble haben einen großen Theaterabend geschaffen, den besten, den es in dieser Spielzeit bisher in Hamburg zu sehen gab, den besten seit langem.

NDR Kultur

Mit dem Mut der Verzweiflung und der Kraft des Triumphators in eigener Sache zeigt der großartige Bernd Grawert freilich, wie oft dem „Schwellfuß“ genannten Unglücksgriechen jeder Schritt weh tun muss. […]
Ob überhaupt jemand und wer an dieser Konstellation Schuld trägt, was es mit dem Ödipus-Komplex auf sich haben könnte und wie viel Wahrheit den Menschen im Allgemeinen zugemutet werden kann, interessiert Dimiter Gotscheff in seiner kühlen, klaren, spielend schönen Inszenierung des „Ödipus, Tyrann“ von Sophokles in der Übersetzung von Friedrich Hölderlin und in der Fassung Heiner Müllers kaum. Weder Argumente noch Reflexionen bestimmen den Ablauf dieser intensiven, formal nachdrücklichen Aufführung, sondern eine streng narrative Choreographie. Gotscheff lässt das vorzügliche, in jeweils mehreren Rollen eingesetzte Ensemble die alte Tragödie auf eine sehr physische und heutige Weise erzählen. […]
Der König ist tot, heißt das am Schluss in Gotscheffs hellsichtig distanzierter wie anrührender Inszenierung, es lebe der König - möglicherweise.

Frankfurter Allgemeine

Aus dem von Sex und Crime strotzenden Drama wird von Gotscheff aber mit stählernem Würgegriff jede Sinnlichkeit herausgepresst. Allein Karin Neuhäuser gesteht er ein bisschen Weiblichkeit zu. Doch das Wortoratorium, das dem Regisseur vorschwebte, funktioniert nur selten, weil man oft, ganz banal, zu wenig versteht. Schon Müllers Bearbeitung von Hölderlins Übersetzung bestand ja vor allem darin, die sperrigen Verse des Schwaben noch weiter ins Geschraubte zu drehen. Diesem hohen Anspruch ist die Sprechkultur der Darsteller nicht immer gewachsen (besonders rühmliche Ausnahme: Patrycia Ziolkowska als Chorführerin und Priesterin). So wird dieser anspruchsvolle und manchmal sogar virtuose Abend trotzdem - wie so oft bei Gotscheff - Theater für Leute, die sich gerne ein bisschen quälen lassen.

Die Welt

Nicht allen Schauspielern gelingt es, hinter dem starren Sprechduktus, den ihnen die Regie in treuem Glauben an Brecht und das antike Theater verordnet, eine universelle Haltung zu entwickeln. Bernd Grawert als Ödipus ist allerdings überragend. Er trägt als einziger Schuhe und Pulli und spielt den Tyrannen als Gezeichneten, durch die Verletzung seiner Füße von Geburt an Behinderten. Als einen, der nach Befreiung hungert und darum eine wundersame, wütende Kraft entfesseln kann, die ihn plötzlich ausrasten, tanzen und mit ausgestreckten Armen rotieren lässt. Jeder seiner Gesten wohnt die Angst vor der Wahrheit inne.

Frankfurter Rundschau

Die Analyse des Ödipus-Traumas ist das Zentrum des Dramas, und Dimiter Gotscheff verpasst dieser Kriminalhandlung ein poetisch-musikalisches Gewand. Von Beginn an lässt er seinen Hauptakteur Bernd Grawert in den Zeilen und Worten förmlich baden, seine Bewegungen umkreisen, liebkosen den Text beinahe, auch wenn er nichts versteht oder nur hilflos Wort für Wort seine ihm unbekannte, fluchbeladene Lebensgeschichte entdeckt. Die durchbohrten, verletzten Füße (Ödipus heißt auf Griechisch "Schwellfuß"), die ihn einst nach seiner Verbannung als Kind an der Rückkehr zu den Eltern hindern sollten, prägen symbolisch sein Wesen: Bei Gotscheff trommelt Ödipus damit seinen Herzschlag auf die Bühne, ziellos nervös, aber doch unerbittlich und drohend: Der Rhythmus des Schicksals, nach dem der Tyrann tanzt. Später, wenn die Erkenntnis dämmert, scheint sich Ödipus über sein Schicksal zu erheben und tanzt buchstäblich weiter nach diesem inneren, schlichten Rhythmus, mit ausgebreiteten Armen und wilden Drehungen - ein makaberer Todes-Sirtaki voller Verzweiflung. […] Viel Beifall gab es fürs Thalia Ensemble (fulminant Bibiana Beglau in drei Rollen) und das Regieteam um Dimiter Gotscheff, das dem archaischem Text große poetische und sinnliche Momente abgerungen hat.

Spiegel online

Gotscheff liefert eine sehr körperbetonte Inszenierung, einen wild ringenden Ödipus, eine tanzende Iokaste, einen vogelartig krächzenden Chor mit ausgreifenden Gesten der Verzweiflung. Mit imposanter Direktheit und knappen Mitteln hat nicht nur Sophokles seine ungeheure Thematik bewältigt, auch Regie und Bühne (Mark Lammert) beschränken sich auf Kargheit und die physische Ausdruckskraft der Darsteller, die - bis auf Ödipus - barfuß gehen, rennen, taumeln, zuweilen fast wie ein Tanztheater. Unterhaltung wird da kaum geboten. Man muss sich konzentrieren auf diese grausame Familiengeschichte. […] Exzessive Körpersprache auch beim Chor - vier Männer und drei Frauen in weiten, schwarzen Anzügen. Mit ausgreifenden Armen rennen sie an den Bühnenrand, krähen wie Aasgeier von existenzieller Not. Als biegsame Masse schmiegen sie sich lauernd ins Eck. Immer beobachten, kommentieren sie, allen voran Chorführer Patrycia Ziolkowska, die klar und selbst verwirrt das Unausweichliche verkündet. Kreon ist bei Bibiana Beglau ein albtraumhafter Todesvogel mit weiten Schwingen. Einzig Iokaste bekommt bei der großartigen Karin Neuhäuser einen realistisch zupackenden Ton. Als liebende Frau, die selig tänzelt, als erschrockene Mutter, die, bei aller Schmach, ein kurzes Glück darüber zeigt, dass ihr tot geglaubter Sohn noch lebt.

Hamburger Abendblatt

Wer handelt, macht sich schuldig. Wer nicht handelt, auch. Heiner Müllers Deutung, die Gotscheff und sein engagiert spielendes Ensemble auf die Bühne schaufeln, lotet diesen unlösbaren Widerspruch in seiner tragischen Tiefe eindrucksvoll aus. Im gleichen Maß wie Ödipus' argen Weg der Erkenntnis betont Gotscheff in seiner Inszenierung die Rätselhaftigkeit: Die Inszenierung ist deutlich von der Auseinandersetzung mit dem absurden Drama, mit Samuel Beckett geprägt. Bühnenbildner Mark Lammert belässt die Bühne im großen Haus fast ganz roh, nur ein riesiger, goldfarbener Sack, der entfernt an einen überlebensgroßen Punchingball erinnert, hängt vom Schnürboden herab, wohl ein Symbol für Apoll und sein vieldeutiges Orakel, für das Rätsel, warum das menschliche Vermögen nicht ausreicht, Gründe und Folgen unseres Handelns zu erkennen. Dimiter Gotscheff fordert sein Publikum, er gibt kein Pardon. Unterhaltung wird nicht geboten, Konzentration verlangt. Das Thalia in Hamburg hat eine anstrengende Inszenierung im Repertoire, großes, schweres, uraltes und gleichzeitig ganz aktuelles Theater.

Deutschlandradio Kultur

Ödipus nimmt sein Schicksal an. Ein eindrucksvolles Bild ist das – doch es gibt viele eindrucksvolle Momente in dieser Inszenierung. So kann der von der Pest geplagte Chor nur noch stammeln und stöhnen. Und Iokaste, gespielt von der großartigen Karin Neuhäuser, fällt wie ein Stein vom Stuhl, als sie begreift, mit wem sie ihr Bett geteilt hat. Eine faszinierende Aufführung – Es gab Bravos für die Darsteller und Jubel für den Refisseur.

NDR 90.3

Ausgewählte Kommentare
Auch wir waren enttäuscht, nachdem wir uns 2 Stunden lang einem Ödipus hingeben mussten, der aufgrund einer negativ durchdachten Inszenierung sein Schicksal weder den anderen Darstellern, noch dem Publikum glaubhaft darstellen konnte. Dazu kommt der nicht unwichtige Fakt, dass man selbst in den vorderen Reihen des Parketts oft vieles akustisch nicht verstehen konnte, da die Schauspieler über weite Strecken zu leise sprachen. "Ödipus. Tyrann", definitiv KEIN weiterer Stern am Himmel des Thalia Theaters, eine herbe Enttäuschung.

Christian Hansen
Christian Hansen, 06.12.09
Guten Abend,

ich wollte mich auf diesem Wege noch einmal sehr herzlich bei Ihnen für diesen außerordentlich beeindruckenden Theaterabend bedanken. Die vorhergehende, sehr persönliche Einführung in das Stück durch die Regieassistentin und die Dramaturgin des Thalia Theaters war für mich besonders wertvoll, da mir diese ein noch intensiveres Erleben und Erfassen des Themas und der schauspielerischen Darbietung ermöglichte. Diese Einarbeitung wäre mir selbst, wenn überhaupt, nur ungleich schwerer gefallen. Dieser Abend hat meiner Idealvorstellung eines Theatererlebnis durchaus entsprochen. Ich hoffe sehr, dass ich wieder die Gelegenheit haben werde an einer Ihrer Veranstaltungen teilzunehmen, auch wenn ich vielleicht nicht exakt der Zielgruppe dieses Angebots entspreche. Auf diesem Wege würde ich auch gerne meine Bereitschaft bekunden ihr "Theater für Menschen mit Migrationshintergrund" Projekt in welcher Form auch immer zu unterstützen sofern hier eine Möglichkeit beziehungsweise Bedarf besteht.

Abschließen möchte ich nochmals mit einem großen Dankeschön und ich würde mich über ein wiedersehen im Theater sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Noel El Fontroussi (Teilnehmer Thalia Migration)
Noel El Fontroussi, 24.03.11
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