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أصوات من الشتات

Blogging: Stimmen aus dem Exil

Die Embassy of Hope hat momentan zwar geschlossen, aber das "Stimmen aus dem Exil" - Kollektiv des Thalia Gauß bloggt auf unserer digitalen Bühne wöchentlich Texte, Erinnerungen, Songs, Illustrationen, Videos und vieles mehr aus den letzten zwei Jahren der mehrsprachigen szenischen Lesereihe.

 

Stimmen aus dem Exil vom 12. April 2018

 

إلى أُمِّي

أحنّ إلى خبز أمي

وقهوة أمي

ولمسةِ أمي...

وتكبر فيّ الطفولة ُ

يوما على صدر يوم

وأعشق عمري، لأني

إذا متّ

أخجل من دمع أمي

 

 

خذيني، إذا عدت يوما

وشاحا لهُدبكِ

وغطـّي عظامي بعشبٍ

تـَعـَمّـد من طـُهر كعبكِ

وشدّي وثاقي...

بخصلة شـَعرٍ...

بخيطٍ يلوّح في ذيل ثوبكِ...

عساي أصير إلها

إلها أصير...

ادا لمست قرار قلبك

 

 

ضعيني، إذا ما رجعتُ

وقودا بتنور ناركِ

وحبلَ غسيل على سطح داركِ

لأني فقدت الوقوف

بدون صلاة نهارك...

هرمتُ، فرُدّي نجوم الطفولةِ

حتى أشاركَ

صغارَ العصافير

دربَ الرجوع...

لِعشّ انتظارك...

                                                                    

  محمود درويش

© Milad Atfeh

 

إلى وَلَدِيْ:

 

مضى عامان يا أمي....هكذا قالها فأجبته 

من بهجة لقياك 

      من رنة المفاتيح بين يديك 

      من مشجب يتفرد برائحة عطر قميصك 

مضى عامان وأكثر 

                على يوم في الذاكرة 

       على نهار دافئ الخدين 

وحنين يخطو على أزقة تلك العامرة 

        وحديث حجارتها وصبا الأمنيات 

وطاولة في مقهى وأصوات وضحكات 

         ورسومات على الجدار مازالت معلقة 

     وحقائب وطائرة 

                  وصدى  الغياب 

                              مباركة خطاك 

مضى عامان يا أمي 

                   بل أعوام ...على قلبي الذي يراك 

أزور كما ..كل مساء 

       أرفع صلاتي ...تسبيحي 

                      وأبتهل بصوتكما 

فارتقب ....

فثمة امرأة تقبلك آخر الليل 

        ويداها تحملها أغنية تمسد شعرك 

  وتجلس بمحاذاة قلبها 

              فهي وحدها 

                     وبدون قصد 

                               وضعت قلبها 

                    في حقائب سفرك

 

 

Amal Swaid

آمال سويد 

8/10/2017

 

© Rabea Alsyed

 

 

 

لاني احبك لا بد ان اعترف

 

 ﻫﺬي اﻟﺒﻼد ﻟﯿﺴﺖ ﺑﻼد 

أﻧﻬﺎ اﺣﺘﻼلٌ / اﺣﺘﻤﺎلٌ / اﻋﺘﻘﺎلٌ / اﺣﺘﻔﺎلٌ / اﺧﺘﺰال /  ﻗﺒﻮرٌ / ﻗﯿﻮدٌ / ﺟﻨﻮدٌ / رﺻﺎصٌ / ﻗﺼﺎصٌ ادﻋﺎء / ﻋﻮاءٌ / دﻣﺎءٌ/ ﺑﻜﺎءٌ / دوﻻرٌ / ﺣﺼﺎرٌ /  ﻓﺮارٌ / أرﻗﺎمٌ / ﻛﻼمٌ  / أﻋﺪادٌ / إﻋﺪامٌ / ﻧﻔﻂٌ ﺟﺮحٌ / ﻣﻮتٌ / ﻓﺮحٌ ﺧﺠﻮلٌ ﯾﺄﺗﻲ ﻓﻲ ﻣﯿﻼد اﻟﺤﺰن ﻓﻬﻞ ﻣﻦ ﺑﻼدٍ ﻏﯿﺮ ﻫﺬه اﻟﺒﻼد ﻓﯿﻬﺎ ﻟﻸﺣﺰان ﻣﯿﻼد ...؟؟؟ 

ﺗﻠﻚ اﻟﺒﻼدُ ﺻﻨﺎدﯾﻖُ ﻣﻦ ذاﻛﺮة ﻣﻘﻔﻠﺔ ٬ ﻛﻞ ﻣﻦ ﻣﺪ ﯾﺪﯾﻪِ ﻟﯿﻘﺮأ ﻟﻬﺎ اﻟﺒﺴﻤﻠﺔ٬  ﮔﻔﺮوهُ ﺑﺂﯾﺎتٍ ﺑﻬﺎ ﯾﺰﻧﻮن وﯾﻘﺘﻠﻮن وﯾﺴﺮﻗﻮن ﻓﺎﻟﺬاﻛﺮة ﻓﻲ رؤوس اﻟﻔﻘﺮاء, إذا ﻣﺎ اﻧﻔﺠﺮت ﺑﺄﻟﻒ ﻗﻨﺒﻠﺔ!! 

ﺣﺬارِ ..... ﺣﺬارِ ﻣﻦ ﺗﻠﻚ اﻟﺘﻲ اﺳﻤﻬﺎ ﺑﻼد 

ﺣﺬارِ ﻣﻦ أن ﺗﻮﻗﻈﻮا اﻟﺬاﻛﺮة ﻛﻲ ﻻﺗﻮﻗﻈﻮا اﻟﻐﺪ اﻟﺬي ﯾﻜﺮﻫﻮن واﺑﻘﻮا ﺧﺮاﻓﺎً ﺗﻬﺰ اﻟﺮؤوسَ ﻟﻤﺎ ﯾﺪﻋﻮن ، أﺟﻞ ﺗﻠﻚ اﻟﺒﻼد اﻟﺘﻲ ﯾﺪﻋﻮن ، لماذا ﻧﺤﻤﻞُ  ذﻧﻮب اﻟﻘﺘﻠﺔ ؟؟ 

ﻟﺘﺤﯿﺎ ﺑﻼدٌ ﻓﻮق ﻣﻮﺗﻨﺎ وﻧﺤﻦ ﺑﻼ ﻗﺒﺮٍ ﯾﻀﻤﻨﺎ 

ﺟﺜﺚٌ ﻋﻠﻰ ﺟﺜﺚ  / ﻧﻨﺠﺐ ﺟﺜﺚ / ﻧﺤﺐ ﺟﺜﺚ ﻧﻘﺘﻞ ﺟﺜﺚ / ﻧﺒﻜﻲ ﺟﺜﺚ / ﻧﻀﺤﻚ ﺟﺜﺚ /ﻧﺤﯿﺎ ﺟﺜﺚ 

ﻋﻤﺮٌ ﻣﻀﻰ وﯾﻤﻀﻲ وﺳﯿﻤﻀﻲ .. ﻓﻤﺘﻰ ﻧﺒﻌﺚ ؟؟  

أﯾﻦ اﻹﻧﺴﺎن اﻟﺬي ﺑﻌﺜﻨﺎهُ ؟  ﻣﻦ ﯾﺮﻓﺾ ﻫﺬا اﻷﺑﺪ؟ ﻫﻞ ﻣﻦ اﺣﺪ؟ 

 ﻟﯿﺴﺖ ﺑﻼدٌ ﺻﺪﻗﻮا ...

 أﻧﻬﺎ أﺳﻤﺎءٌ / اﺑﺘﻼءٌ / أﻋﺪاءٌ / ﻣﺤﺎوﻟﺔ

 ﻟﻜﻦ ﺻﺪﻗﻮا ﻟﯿﺴﺖ ﺑﻼد ٫ أو ﺻﻔﻘﻮا إذاً .. إن ﻟﻢ ﺗﺼﺪﻗﻮا

 ﻗﺪﻣﻮا دﻣﻜﻢ ﺑﺎﻟﻤﺠﺎن  ﻓﻜﻞُ ﺷﻲء ﻣﺒﺎح ﻓﻲ ﺳﺒﯿﻞ ﻛﺮاﺳﻲ اﻷوﻃﺎن

ﻫﺬه اﻟﺒﻼد دم اﻹﻧﺴﺎن ﻓﯿﻬﺎ ﻛﺎﻟﺨﻤﺮِ ﻓﻲ ﻟﯿﻠﺔ ﺳُ ﻜﺮ  ﺑﺮاﻣﯿﻞٌ ﻣﺼﻔﻮﻓﺔ ﻋﻠﻰ ﻃﻮل اﻟﺬل وﻋﺮض اﻟﻤﻬﺰﻟﺔ..

 اذاً ﻻﺑﺄس ﻻﺑﺄس ﯾﺎ ﺳﺎدﺗﻲ ارﻓﻌﻮا اﻷﻗﺪاح ﺗﺨﺒﻄﻮا ﻓﻮﻗﻨﺎ  ﺗﺮاﻗﺼﻮا / ﺗﻨﺎﻛﺤﻮا / ﺗﺘﻀﺎﺟﻌﻮا / ﺗﻘﯿﺌﻮا  وﺑﺎﺷﺮوا ﺑﺎﻟﺼﯿﺎح

وأﻧﺘﻢ ﻣﻦ ﻟﻢ ﺗﺼﺪﻗﻮا ﺻﺪﻗﻮا أو اﺻﻤﺘﻮا وأﻧﺼﺘﻮا ﻟﻤﻮﺳﯿﻘﻰ اﻟﻨﺒﺎح  ﻗﺪﻣﻮا ﻟﺤﻤﻜﻢ ﻟﯿﺸﺒﻌﻮا ﻟﯿﺼﻨﻌﻮا اﻟﻄﺒﻮل ﻣﻦ ﺟﻠﻮدﻛﻢ

 وﻣﻦ ﻋﻈﺎﻣﻜﻢ ﻋﺼﺎ ﻟﻤﻦ ﻋﺼﻰ ﻣﻦ ﺑﻌﺪﻛﻢ … و ﯾﻘﺮﻋﻮا / و ﯾﻘﺮﻋﻮا ..  ﻟﺘﺤﯿﺎ ﺑﻼدﻫﻢ اﻟﺘﻲ اﺳﻤﻬﺎ ﺑﻼد

 وأﻧﺘﻢ ﺻﻔﻘﻮا إذاً أن ﻟﻢ ﺗﺼﺪﻗﻮا

ﻫﺬي اﻟﺒﻼد ﻻ ﯾﺰورﻫﺎ ااﷲ ﻓﻠﻤﺎ ﯾﺤﺴﺒﻮﻧﻨﺎ ﻓﯿﻬﺎ ﻋﺒﺎد ؟؟ 

 ﻧﺤﻦ  أﺷﺒﺎهُ رﺟﺎل ٬ أﺷﺒﺎهُ ﻧﺴﺎء٬ أﺷﺒﺎهُ أﻃﻔﺎل٬ أﺷﺒﺎهٌ ﻣﻦ اﻷﺷﺒﺎه

 ﻟﯿﺴﺖ ﺑﻼد ﺻﺪﻗﻮا

 ﺗﻠﻚ اﻟﺘﻲ ﺗﻮﻗﻒُ اﻹﻧﺴﺎن ﻋﻠﻰ اﻟﺤﯿﺎد  ﻓﻤﺘﻰ ﻧﺼﺪق ﻟﺘﻌﻮد اﻟﺒﻼدُ ﺑﻼد ؟؟

 

 

شاهين شيخو

Shahin Shekho

   

 

 

  

  

#LeaveNo
OneBehind

Hier geht es zu der Petition #LeaveNoOneBehind

Von und mit: Mohammed Ghunaim (Ziko), Shahin Shekho, Rayan Farousi, Hosna Abassy, Nail Dogan, Iman Ehamwi, Sung-Yong Lee, Amal Swaid  Live-Musik: Abdullah Ghunaim, Abed Harsony, Nour Abu shaer  Thalia-Ensemble: Julian Greis, Oda Thormeyer  Szenische Einrichtung: Sophie Pahlke Luz , Anna Sinkemat  Video: David Sinkemat

أصوات من الشتات في ١٢ من نيسان ٢٠١٨

An meine Mutter  

 

Ich sehne mich nach dem Brot meiner Mutter,

dem Kaffee meiner Mutter,

der Berührung meiner Mutter.

Die stillende Brust eines jeden Tages 

lässt meine Kindheit sich entfalten.

 

Ich liebe mein Leben. 

Ich muss mein Leben lieben, 

weil ich mich der Tränen meiner Mutter schämen würde, 

wenn es nicht so wäre!

 

Nimm mich, wenn ich wiederkehre;

Lege mich wie einen Schal um deine Augenlider, 

dann bedecke meine Knochen mit Kräutern,

die geweiht sind von der Reinheit deiner Ferse.

Verflechte unsere Bindung mit deiner Haarsträhne 

und einem Faden deines Kleides.

 

Ich werde allmächtig, ja ein Gott,

wenn ich mich tief in deinem Herzen fühle.

 

Wenn ich jemals zurückkehre,

möchte ich das Feuer deines Ofens sein,

möchte ich die von deinen Händen

gespannte Wäscheleine auf unserem Dach sein.

 

Kraftlos ohne dein tägliches Gebet. 

Ich kann nicht länger stehen. Bin alt. 

Gib mir die Sterne meiner Kindheit zurück,

damit ich mit den jungen Vögeln wiederkehren kann – zurück ins Nest.

Ins Nest deiner Geduld.

 

Mohammed Ghunaim, inspiriert von Mahmoud Darwish

 

©Yaman Albaker

An meinen Sohn

 

„Zwei Jahre sind vergangen, Mutter“, so sagte mein Sohn und ich antwortete:

 

Zwei Jahre 

Seit der letzten Freude dir zu begegnen

Seit du mit deinem Schlüssel unser Heim betratst

Getrennt von dem einmaligen Geruch deines T-Shirts

Zwei Jahre und mehr

 

Am Tag der Erinnerung

Ein warmer Tag auf deinen roten Wangen

Auf den Gassen dieser Stadt schreitet die Nostalgie voran

und die Gespräche ihrer Steine und die jungen Wünsche 

So jung, wie das Alter der weiten Welt

Ein Tisch in einem Café, viele Geräusche und Lachen

Eure Graffitis an den Wänden sind immer noch da

Taschen, Flugzeuge

Das Echo deiner Abwesenheit segnet deine Schritte

 

„Zwei Jahre sind vergangen, Mutter“

Aber Jahre…

In meinem dich sehenden Herzen begegne ich dir jeden Abend

Ich erhebe mein Gebet, meine Stimme

Und ich weine mit euren Stimmen

Auch mit der alt gewordenen Diaspora Stimme deines Bruders

Also warte ich…

 

Es gibt eine Frau, die dich in der Nacht küsst

Und ihre Hand hält ein Lied

Sie streichelt dein Haar

Du sitzt nah an ihrem Herzen

Sie ist diejenige

Unbeabsichtigt legte sie ihr Herz in deine Reisetasche.

 

  1. Oktober 2017, Amal Swaid

© Milad Atfeh

Weil ich dich liebe, muss ich bekennen

Weil ich dich liebe, muss ich bekennen, dieses Land ist kein Land.

Es ist Besetzung / Behauptung / Belagerung / Bestrafung und Beschränkung / Verhaftung / Gerede / Geld und Blut / Betrug / Petrol und Tod.

Es ist Weinen / Heulen / Flucht und Kugeln.

Es sind Gräber / Soldaten / Geschosse / Wunden.

Dieses Land ist kein Land.

Gibt es ein Land, wie dieses Land, in dem die Trauer geboren wird?

Dieses Land besteht aus Truhen verschlossener Erinnerungen. Die, die Bismillah sagen, werden als Gotteslästerer bezeichnet von jenen, die im Namen derselben Verse Ehebruch begehen, töten und stehlen. Die Erinnerung in den Köpfen der Armen: wenn sie explodiert, explodiert sie wie tausend Bomben.

Vorsicht, Vorsicht vor diesem Land.
Vorsicht, weckt nicht die Erinnerung, sie würde sonst ihre Zukunft ändern.
Seid lieber wie nickende Schafe, behauptet was sie behaupten, stimmt einfach zu.

Wie lange müssen wir noch die Sünden der Mörder tragen,
während das Land über unseren Tod entscheidet
und uns nicht einmal ein Grab umarmt?

Leichen über Leichen / Wir bringen Leichen zur Welt / Wir lieben die Leichen / Wir töten Leichen / wir weinen wie Leichen / Wir lachen wie Leichen / Wir leben wie Leichen

Das Alte ist weggelaufen und läuft weg und wird weglaufen, aber wann werden wir auferstehen. Wo ist der auferstandene Mensch dem wir ein neues Leben schenken? Wer lehnt diese Ewigkeit ab? Ist da wer?

Es ist kein Land, glaubt mir, es sind bloß große Namen, Geißel, Feinde und Versuche.
Glaubt mir, so etwas kann kein Land sein, wenn ihr es nicht glaubt, so applaudiert und verschenkt euer Blut.

Den Thronen der Länder ist alles erlaubt:
Das Blut der Menschen wie der Wein einer trunkenen Nacht.
Fässer von Blut, gelagert entlang des Weges der Demütigung.

Aber kein Problem, kein Problem meine Herren:

erheben Sie weiter Ihre Gläser, suhlen Sie sich weiter, tanzen Sie,

ficken Sie, kotzen Sie, beginnen Sie zu brüllen.

 

Und ihr, die ihr immer noch nicht glaubt,
glaubt oder seid leise und hört diesem Bellen zu.
Bietet euer Fleisch an, damit sie satt werden.
Bietet eure Häute an, damit sie euch zu Trommeln machen
Bietet eure Knochen an, damit ihr ihre Trommelstäbe werdet
Jetzt können sie trommeln und trommeln, auch in Zukunft werden sie trommeln, mit euren Knochen auf euren Kindern – unseren Kindern.

Dieses Land wird nie von Gott besucht, wie könnt ihr also davon ausgehen, dass wir seine Sklaven sind?

Gleichen wir Menschen?Wir gleichen Männern, gleichen Frauen, gleichen Kindern.
Doch eigentlich gleichen wir noch nicht einmal denen, die gleichen.

Dieses Land ist kein Land!
Wieso glaubt ihr nicht,
wenn es uns doch ewig in seinen Fängen hält?

Dieses Land ist kein Land!
Nur wenn ihr daran glaubt,
kann dieses Land wieder werden ein Land.
Kann dieses Land wieder werden ein Land.

            Shahin Shekho

© David Sinkemat

der unsichtbare gast.

 

In seinen Augen distanzierte Nachdenklichkeit, klar, scheu.

In seinen Augen zerstreute Verzweiflung,

gebändigt in rudimentären Gedanken.

Mit verschwitzten Fingern zieht er Münzen aus der Hosentasche,

lässt sie theatralisch auf den Tresen gleiten

während sich die Hälfte des Glases mit Anisschnaps,

die andere Hälfte mit Wasser füllt.

Eine trüb gewordene Flut verschwindet zwischen seinen dünnen Lippen.

 

In seinen Augen eine schwindelerregende Ungewissheit, vernebelt Raum und Zeit.

In diesen Augen notwendige Angst, zerbrechlich.

Fragezeichen hängen ihn auf.

Ein Falke mit gebrochenem Flügel.

Eine Prise Salz, saurer Essig.

Ein Hirngespenst. Ein Hirngespenst ist es.

Sitzt direkt unter seinem kastanienbraunen Haar

über den desinteressiert wirkenden Augenbrauen.

Ein Hirngespenst,

eine neue Möglichkeit,

eine Idee,

Hoffnung.

Oh, sei es auch trügerische, naive Hoffnung,

doch ist es Hoffnung.

 

Vor der Kneipe, das Meer.

Wellen schlagen mit lackierten Nägeln ans Ufer,

liegen schmutzige Straßenhunde wie kleine Felsbrocken im Sand,

schlafen den Schlaf der Gerechten,

hinterlassen bittere Fingerabdrücke.

Das Licht fällt auf einen Käfer,
der an der Fensterbank nach Verwandten guckt.
In der Kneipe sitzt dieser Mann.
Mit seiner siechenden, unbekannten Sache.
Diesem Hirngespenst.

Vor einigen Wochen flatterte es zu seinen Ohren.

Zwischen Auberginen und Tomaten.

Zwischen blutroten Kirschen, delikaten Orangen.

Zwischen Thymian, Kümmel.

Zwischen einem Merhaba und einem Schluck Schwarztee.

Zwischen kunterbunten Kanarienvögeln Goldschmuck,

mitten auf dem Bazaar, riesiger Knall

Dir nichts, mir nichts.

Welch ein gravierender Moment,

unbewusst unbewusst,

gesprochen in den blauen Himmel hinein.

 

Almanya.

Aha, Almanya. Ah, Almanya.

Almanya, also.

Almanya.

 

Jetzt sitzt er da.

In seinem Kopf spielen wirre Dämonen

kafkaeske Akte vor.

Die Gedanken schnappen nach Luft,

tauchen ab in seine Kniekehlen.

In seinen Augen liegt breitbeinige Verlorenheit.

Eines Menschen Recht auf bessere Tage,

Limonensaft und Rosenwasser.

Almanya, also.

In seinen Augen liegt Wirklichkeit,

unverdünnt, wie Seitenstechen.

Almanya.

 

Er wirft sich den Mantel über die schmalen Schultern,

nickt dem Wirt zu,

im Takt seines Ganges,

an alle gewidmet und an keinen,

„iyi geceler“, verlässt die Kneipe,

das Hirngespenst synchron seinem Schritt angepasst,

geht mit ihm,

Iyi geçeler.

 

Ich bleibe zurück.

Ich sitze hinten am letzten Tisch.

Auch ich trinke Anisschnaps.

Ich habe ihn gesehen, er mich nicht.

Ich habe ihn gesehen, er nicht mich.

Ich bin nur etwas Staub, ein unsichtbarer Gast.

Noch nicht geboren, ohne Konturen, namenlos.

 

Bald wird seine Wange auf der kalten Scheibe liegen.

Bald wird ihr Arm winken.

Bald wird ihr Arm aus seinem Panorama verschwinden.

Bald wird die Vergangenheit davonziehen.

Bald, sehr bald, wird er tief Luft holen.

Tief, tief, ganz tief

 

in der Weite des Nichts,

in triefender Lächerlichkeit eines Zufalls

bei Onkel Murphy

in diesem Bahnhof

werden wir zu Ausländern,

du und ich,

genau hier,

in diesem Augenblick,

werden wir zu Ausländern, du und ich.

 

Nail.dogan

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