Die SchülerbotschfterInnen zu "Eine Familie"

Unsere SchülerbotschafterInnen verfassen regelmäßig Rezensionen.

Die Abgründe familiären Zusammenlebens


Stücke mit aufwendiger Kulisse sind fade, fantasielos und verstaubt? Nicht dieses.
Es ist heiß, als die Familie zusammen kommt, der Zuschauer bekommt davon nicht viel mit, er sitzt im gut klimatisierten Theater und badet nicht in seiner von Schweiß durchnässten feinen Abendgarderobe, aber durch das lebendige Schauspiel, die realistische Kulisse und die eindringliche Atmosphäre wird der Zuschauer förmlich in diese Realität auf der Bühne eingesaugt, auf der die Hitze brütet und in der familiäre Gefechte toben.
Es gab einen Vorfall, der Vater, Beverly Weston, ein gealterter und alkoholkranker Autor, dessen beste Jahre schon vorüber sind, ist seit mehreren Tagen verschwunden und die Mutter, seine Gattin Violet Weston, die im Begriff ist, ihren Verstand zu verlieren und die von Schmerztabletten abhängig ist, trommelt ihre Familienangehörigen zusammen, ihre Schwester, deren Ehemann und Sohn, ihre drei Töchter, deren Ehemänner, Verlobte und Kinder. Gemeinsam harren sie aus und warten auf ein Lebenszeichen ihres Gatten, Vaters, Schwiegervaters oder Großvaters. Unvermittelt taucht der Sheriff auf und überbringt die erschütternde Nachricht, er sei tot, ertrunken, es war wahrscheinlich Selbstmord. 
Nachdem die aufgedunsene und von Karpfen angefressene Wasserleiche von Beverly, von dessen traumatisierten und trauernden Angehörigen, identifiziert worden ist, kommt es während der Trauerfeier zum katastrophalen Eklat. 
Die familiären Konflikte und Feindseligkeiten, Streitereien und Schwindeleien, die sich schon zu Beginn ihre Bahnen gebrochen haben und in zügellosen und hitzigen Streitereien ausgetragen worden sind, kommen nun zur vollen Geltung. 
Man gibt sich gegenseitig die Schuld am Selbstmord des Vaters, zankt sich um den sozialen Status innerhalb der Familie, fühlt sich betrogen und benachteiligt, Lügen kommen zum Vorschein und Gehässigkeiten werden ausgetauscht. 
Denn der Vater ist nicht der einzige Tote, auch die Familienangehörigen haben Leichen im Keller, die nach und nach ausgebuddelt und vor der Familie aufgebahrt werden.
Das poröse familiäre Konstrukt fängt an zu wanken und in sich zusammenzubrechen.
Die Tablettensucht der verbitterten und krebskranken Mutter wird beim Leichenschmaus aufgedeckt, die kaputte Ehe der Kinder wird öffentlich an den Pranger gestellt, während die minderjährige Enkeltochter von dem weitaus älteren Verlobten ihrer oberflächlichen und snobistischen Tante verführt und zum Drogenkonsum angestiftet wird. Aber es tun sich noch ganz andere, heimliche inzestuöse Beziehungen auf. Dieses Familiendrama endet im vollkommenden Zerwürfnis, in Verbitterung, Verleumdung und Verdrängung.
Alles in Allem also eine ganz normale Familienfeier.
Bei einem Regisseur wie Antú Romero Nunes, der eher als Komödiant der Klassiker gilt, als dass er für seine finsteren und ernsten Inszenierungen bekannt ist und der mit Effekten und Klamauk jongliert, anstatt, dass er tiefgreifende Familienkonflikte schildert, fragt man sich, ob es ihm gelingen kann, einen solch vielschichtigen Stoff in all seiner Drastik und Ernsthaftigkeit auf der Bühne zu erzählen und ja, das tut es, bisweilen auf brillante wie erschütternde Weise, dabei schafft er es sogar, sich seinen Sinn für das Absurde nicht nehmen zu lassen und selbst die finsteren Abgründe dieses Familiendramas grotesk und bitterböse auszuleuchten, sodass die Zuschauer vor Entsetzten laut auflachen, nur um im gleichen Moment wieder zusammenzufahren.

Laurence Volquardsen
Mode-Design, HAW Hamburg