Die SchülerbotschafterInnen zu "Maria"

Unsere SchülerbotschafterInnen verfassen regelmäßig Rezensionen.

9. Februar 2019
Es ist wohl Ironie des Schicksals: In einer Welt, in der man durch das Internet zu jeder Zeit überall mit jedem verbunden zu sein scheint, nimmt doch tatsächlich die Vereinsamung zu. Dieses Phänomen steht fast schon stellvertretend für die heutige Zeit und so hat es sich natürlich Gegenwarts-Guru Simon Stephens mal wieder zur Aufgabe gemacht, daraus ein neues Werk hervorzuzaubern. Wer keine Lust hat, den Schinken durchzulesen, kann sich auch viel bequemer Sebastian Nüblings Inszenierung zu Stephens „Maria“ antun.

Maria, gerade mal 18 und schon hochschwanger, lebt in komplizierten Familienverhältnissen. Ihre Mutter wurde von einem LKW überfahren, ihr Bruder ist abgehauen, der Vater auf die Arbeit fokussiert und die apathische Großmutter wirkt auch nicht allzu sympathisch. Maria selbst schuftet in einem Fitnesssalon, bis sie aus der Einsamkeit der Menschen Profit schlägt und über das Internet platonische Liebe verkauft.

Diese düstere Welt Marias aus purer Leistungsökonomie und Verlust der Gemeinschaft ist dabei ein recht genaues Abbild unserer heutigen Realität. Nicht umsonst ist das Bühnenbild ein einziger, sich drehender Lastwagen mit der polemischen Aufschrift „All you need is love“. Zusammen mit nervtötenden Technobeats wird so ein Ambiente der zwischenmenschlichen Kälte und leistungsorientierten Hetze kreiert, wie es die Niedriglohn-verdienenden Paketboten der Megakonzerne wie Amazon, Zalando und Co. zu jeder Weihnachtszeit spüren müssen.

Das einzige, was nun diesem drastischen Bild der heutigen Realität in dieser Inszenierung die Authentizität raubt, ist die Darstellung der dem Stück namensgebenden Protagonistin Maria. Wer um die Mittagszeit herum den Fernseher anschaltet und sich auf RTL II Sendungen wie „Mitten im Leben“ oder „Teenie-Mütter“ antut, wird Charaktere finden, die der Maria in Sachen Persönlichkeit und Intellekt stark ähneln. Nun ist jedem hoffentlich klar, dass die Figuren aus RTL II (zum Glück) größtenteils der Fiktion entsprechen und nicht stellvertretend für die heutige Generation stehen.
Dementsprechend ist es fast schon eine Beleidigung, eine Figur wie die Maria dieser Inszenierung stellvertretend für eine Generation sprechen und handeln zu lassen.
Lisa Hagmeister tut dabei ihr Bestes, eine jugendhafte, authentische Maria zu verkörpern; was jedoch ankommt ist eine dümmlich-naive Maria, die eher Fremdscham als Verständnis erzeugt.

Wahre schauspielerische Leistung zeigt in dieser Inszenierung Irene Kugler, welche Barbara Nüsse als Marias Großmutter vertritt. Zu Beginn noch harsch und indifferent, später verständnisvoll und nahbar, wirkt diese Darstellung der Großmutter von allen Charakteren am Menschlichsten und passt so am Besten in das realistisch wirkende Stück.

Nichtsdestotrotz beinhaltet diese recht düster wirkende Inszenierung auch einige aufheiternde, ja sogar witzige Momente, die der drastischen und verdrossenen Atmosphäre recht gelungen die Stirn bieten. So zum Beispiel die Szene mit dem gehetzten Nachbarn, der durch seine Ironie und Ignoranz nicht nur zum Denken anregt, sondern absolut witzig ist.
Andere Szenen hingegen strecken sich in die Länge und verlieren dadurch schnell an Wirkung. So sind zum Beispiel die Monitore, auf welchen abwechselnd irgendwelche abstrusen Gestalten erscheinen, die sich nach Marias platonischer Zuneigung sehnen, eine wahrlich geniale und einzigartige Idee. Durch die dauerhafte Wiederholung der einzelnen Figuren und ellenlanger Dialoge wird es jedoch schnell langweilig.

Zusammenfassend ist zusagen, dass Sebastian Nüblings Inszenierung von „Maria“ durchaus Potential besitzt. Durch eine eher lächerliche und quacksalbernde Verkörperung der Protagonistin, sowie sich hinziehender, repetitiver Dialogpassagen fühlt man sich jedoch eher in das RTL II Vormittagsprogramm hineingeschmissen, als in einem modernen, gesellschaftskritischen Stück. Was schade ist, denn selten hat ein Stück so gute Chancen, den Zahn der Zeit da zu treffen, wo es richtig weh tut.

Luise Lämmerhirt, Leibniz Privatschule Elmshorn, Jg. 13