Piratinnen mit Hut. Bilder deiner großen Liebe

Eine Romanbegehung mit Birte Schnöink und Marie Rosa Tietjen. Von Matthias Günther

Wenn man den weißen Raum betritt, spielt Musik. Nina Simone singt, ihre Stimme kommt aus dem Lautsprecher. In Livekonzerten sagte sie zum Publikum: „Let's share this moment together“. Mal sehen, was passiert. Da steht die Schauspielerin Birte Schnöink, verschiebt ein paar Scheinwerfer auf Stativen und richtet die Bühne ein. Sie trägt einen Hut. Der Hut fällt sofort auf. Im Hutgeschäft Chapeau in St. Georg hatten Marie Rosa Tietjen und Birte Schnöink, diesen Hut in Auftrag gegeben. Ein Hut für Isa, das vierzehnjährige Mädchen aus Wolfgang Herrndorfs Roman „Bilder deiner großen Liebe“. Nach einem Foto „kleines Mädchen mit Hut“, einem Fundstück aus einem Fotobuch, wurde der Hut gefertigt.

Mit diesem Hut könnte Isa, die Hauptdarstellerin in einem Westernfilm sein. Aber will sie das? Birte Schnöink trägt an der Hüfte statt einem Revolver einen Akkuschrauber.

Auf der Requisitenliste, die schon vor Probenbeginn im Theater abgegeben werden musste, war der Akkuschrauber an erster Stelle. Eigentlich sollte es eine Bohrmaschine sein. In einer Ausstellung von Wolfgang-Herrndorf-Bildern, der auch Maler, Zeichner und Illustrator war, hing an einer Wand ein Selbstporträt des Malers, auf dem er eine Bohrmaschine in der linken Hand hält. Als klar war, dass eine Bohrmaschine aus Sicherheitsgründen auf der Bühne nicht benutzt werden darf, fiel die Entscheidung für den Akkuschrauber.

Auf der Bühne hat Birte Schnöink mittlerweile eine Gitarre an einen Verstärker angeschlossen und einen Ventilator positioniert. Eine Maschine stößt ein bisschen Nebel in den Raum, als sei jetzt alles angerichtet. Birte Schnöink schlägt ein Rad und verbeugt sich, der Hut sitzt fest auf dem Kopf, vielleicht ist Isa Artistin.
Sie zieht den Akkubohrer aus dem Halfter und beginnt zu bohren, die Musik verstummt. Sie schaut ins Publikum. Was ist das für ein Gesicht?  Marie Luise Fleißer hat mal über Buster Keaton geschrieben: „Die Blässe des Gesichts blickt an dir vorbei, zart wie eine Hyazinthe. So lang er lebt, gibt er Obacht, dass ihm keine Bewegung zu viel passiert.“

Isa blickt lange ins Publikum, dann hebt sie ihre Stimme – rein in die Sprache - und redet, redet von früher. Sie greift in ihre Tasche und dann fliegt was durch die Luft, was in ihrem Mund mit einem Happs verschwindet. Eine Tablette, vielleicht. Sie begrüßt die Sonne. Ein Scheinwerfer wirft einen Kreis an die Wand. Sie stellt sich ins Licht und der Schatten von ihrem Kopf mit Hut wird an die Wand geworfen. Mit dem rechten Daumennagel, sagt sie, kann sie den Rand der Sonne berühren, damit die Sonne nicht mehr weiterwandert. Und dann schiebt sie - als sei sie Helios, der Sonnengott - den Scheinwerfer ein Stück seitwärts, ostwärts als würde die gerade aufgegangene Sonne, wieder untergehen. Sie sagt, sie sei Isabel, die Herrscherin über das Universum, die Planeten. „Wenn ich will, dass die Sonne steht, steht die Sonne.“

Im Universum des Theaters ist es gut, wenn die gewohnten Bahnen und Planetenkonstellationen durcheinandergewirbelt werden. Die Schauspielerinnen Birte Schnöink und Marie Rosa Tietjen, die beide sehr erfolgreich in den letzten acht Jahren große Rollen im Theater gespielt haben, hatten die Idee für ihr eigenes Projekt. In einem Buchladen fiel Marie das Buch von Wolfgang Herrndorf wegen dem Untertitel auf: „Unvollendeter Roman“. Sie hat sechs Seiten gelesen und Birte angerufen und gesagt, „das müssen wir machen!“ Birte meinte, sie sollte es vielleicht zunächst ganz durchlesen. Schnell war klar, dass die Beschäftigung mit diesem Buch, mit der Gedankenwelt der Figur Isa, die Möglichkeit bietet, eigene Fragen zu formulieren. Zunächst war noch nicht klar, wie sie diesen Roman umsetzen werden. „Aber sich damit zu beschäftigen, vielleicht gar nicht die Antwort zu finden, aber die Gedanken in diesem Buch Schritt für Schritt durchzugehen, das ist ein tolles Angebot“, sagt Marie.
In der Garage des Thalia Theaters in der Gaußstraße, können sie ihre Startup-Theateridee umsetzen. Ihre Probenarbeit folgt Wolfgang Herrndorfs Eintrag im Blog „Arbeit und Struktur“ über seinen „Isa Roadmovie“: „Man kann Szene an Szene stricken, irgendwo einbauen, irgendwo streichen, irgendwo aufhören.“ Für Birte und Marie ist das ein großes Glück. Einfach rein in den unvollendeten Roman, in diese Textlandschaft. Sie entscheiden sich dafür, dass Birte die Figur Isa spielt und Marie die Regie übernimmt.
„Marie hat einen Regieblick“, sagt Birte, „sie sieht auch andere Wege und Möglichkeiten, wie man etwas machen könnte. Sie kann in Inszenierungen denken.“
Marie hat einen guten Kompass, auf ihrer Wanderschaft durch die Theaterwelt hat sie viel gelernt. Die Begegnung mit René Pollesch, mit dem sie am Schauspielhaus Zürich fünf Arbeiten gemacht hat, ist für sie prägend. Das eigene Denken zu schärfen, das ist eine Aufforderung und Konsequenz aus den Arbeiten mit Pollesch und den anderen Schauspielern. Man interessiert sich in der Gruppe für Themen und andere Perspektiven. Es gibt eine Freude am Anderen oder wie es bei Pollesch heißt: „Deine Subjektivität ist doch wesentlich interessanter als meine“. Marie freut sich über solche Sätze.
Nach dem Studium an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin, wo ein gewisses Selbstbewußtsein vermittelt wird und Antworten in den Rucksack gepackt werden, hat sie gedacht: „Moment, es ist ja eine Antwort da, bevor überhaupt eine Frage gestellt wurde.“ Und Marie interessieren Fragen.
Und so stellt sie Fragen und macht Vorschläge. Sie ist als Regisseurin Partnerin im Spiel und ruft der Figur Isa zu: „Ja genau“. Es gibt Momente, wo Marie sagt: „Birte, es ist so toll, dass diese Sätze jetzt auf einer Bühne stattfinden.“

Birte steht auf der Bühne leicht in den Knien gebeugt, die Hände an die Oberschenkel gelegt, den Oberkörper nach unten gefaltet. Es könnte eine Skulptur von Giacometti sein, „Mädchen mit Hut krumm stehend.“ Dann sagt sie: „Ein schwarzer Gedankenstrich, eine gelbe Schlange, ein rotes Dreieck. Mein Name. Isa.“ Die Wörter heben ab aus dem Buch und auf der Bühne materialisieren sie sich in etwas anderes. Isa ist ein unerhört verletztes Mädchen. Und so wird ihr Sprechen auf der Bühne, auch wenn die Sprache zunächst eigentlich Prosa ist, zur gebrochenen Zeile, zum Vers, zum Song, ergänzt durch eine kleine Bewegung, einen Blick. „Man sagt die Wörter und die haben wieder eine Wirkung auf einen zurück“, sagt Birte, „Laden und entspannen, es ist wie ein Pulsschlag.“
Birte spielt alleine, das fiel ihr am Anfang schwer. „Man muss über die Schwelle hinaus, immer weitergehen in den nächsten Gedanken und sich überraschen lassen, was kommt.“
Es sind oft detaillierte Albernheiten, gehüpft, gesprungen, geworfen, während die Scheinwerfer strahlen, die Nebelmaschine nebelt oder die Windmaschine bläst. „Ohne Wind wäre unerträglich“, sagt Isa und macht sich einen Spaß mit der Sprache, weil sie etwas sagt und ihr Körper sich wehrt. Oder sie befolgt die Anordnung der Sprache genau: Isa sagt, sie kann Englisch, aber kein „Tee-Aitch“. Sie schnallt sich die Gitarre um, und schickt den Sound zwischen die Garagenwände. „Survivor“, ein Song von Destiny's Child mit ganz viel „You thought that” wird zum Festival des „Tee-Aitch“-Fehlers und zeigt Brechts Theatertheorie im Teenage Riot-Modus: Die Zeigende wird gezeigt, wie sie zeigt, dass sie das Zeigen zeigt.
Da will selbst Isa nix wie weg. Manic Depression und an der Bushaltestelle rumlungern und lange winken. „ Isa hier. Universum hier. Alles an seinem Platz.“ Die Sonne macht weiter, der Nebel macht weiter, die Windmaschine macht weiter. Kurz- und Kürzestgeschichten, kleine Parabeln und Fabeln. Am Ende singt aus dem Lautsprecher Sophie Hunger: „Ich heb mein Glas und salutier dir Universum / dir ist ganz egal, ob und wer ich bin / du bist ungerecht und deshalb voller Hoffnung / ich lass mich fallen und warte auf den Wind.“

Mit „Bilder deiner großen Liebe“ haben Marie Rosa Tietjen und Birte Schnöink ein großartiges Projekt verwirklicht. Als Piratinnen haben sie sich ein kleines Theaterboot gekapert. Jetzt muß es weitergehen, gemeinsam mit anderen Piratinnen suchen sie neues Material, um die Segel zu hissen und  ihre Flagge zu zeigen. „Das ist der Plan“, sagt Marie „aber im besten Sinne noch planlos, weil wir ein Grundvertrauen haben, dass uns die richtigen Sachen zufallen“.

Matthias Günther ist Dramaturg am Hamburger Thalia Theater.
Der Text ist in kürzerer Version im Magazin Radikal jung – Das Festival für junge Regie 2018 veröffentlicht.