Die SchülerbotschafterInnen zu Michel Kohlhaas

Unsere SchülerbotschafterInnen verfassen regelmäßig Rezensionen. Bitte hier klicken:

Aus alt mach neu

Michael Kohlhaas, einer der rechtschaffensten und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. Ihm widerfuhr  Ungerechtigkeit und er forderte  sein Recht ein, da ihn aber die Rechtsprechung als einen Querulanten betitelte, verschafft er sich Gerechtigkeit.
Doch der Kampf um Recht und Gerechtigkeit ist noch nicht ausgefochten, Kohlhaas lebt weiter.
Drei Brüder sind Inhaber eines florierenden In-und Exportunternehmens, aus heiterem Himmel widerfährt Ihnen genauso unrecht, ihr Geschäft geht bankrott und sie tun alles, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Aus den eigentlich philisterhaften Büroangestellten, die sich auf absurdeste Weise die Zeit vertreiben, kommt mit der Ungerechtigkeit eine sehr gegensätzliche Seite zutage. Das Büro wird zur Terrorzelle und die Gebrüder Kohlhaas werden zu Reichsbürgern 

Mit viel Witz und Humor wird die Geschichte neu erzählt, doch im alten Gewand. Man könnte meinen, die Geschichte wiederhole sich.

Für meinen Geschmack wird die Vorgeschichte der Brüder zu langatmig erzählt. Die Slapstick-Komik wird bis aufs Äußerste überstrapaziert, doch zur Mitte hin kann sich das Stück wieder fangen und die eigentliche Handlung setzt ein.
Was es besonders humorvoll macht, ist die Mischung aus alten Elementen, der von Kleist erzählten Handlung. Martin Luther mit Dialekt und der Junker Wenzel von Tronka in einem flamboyanten, überdimensionierten Kleid. Hier  wird das Übertriebene zum Humoristischen. Alles passt gut hinein und trotzdem wird sich über „Michael Kohlhaas“ auf subtile Weise lustig gemacht. 

Antú Romero Nunes hat eine wunderbare Neuinszenierung geschaffen, dabei aber schöne Parallelen zu Heinrich von Kleists Novelle gezogen. Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ sollte dennoch dem Publikum bekannt sein um manche Pointen zu verstehen. Alles in allem war es ein anregender Theaterabend, mit einigen Lachern und schönen Bezügen zur Novelle.
Lukas Weisselberg , STS Poppenbüttel, Jg 13

______________________________________________



10. März 2018, Hamburg.

Der Apfel fällt meist nicht weit vom Stamm. Dieses Sprichwort hat sich jedenfalls bei dem Pferdehändler Michael Kohlhaas und seinen skurrilen Nachfahren bewährt. Denn als Michael Kohlhaas zwei Pferde als Pfand an einer Grenze zurücklassen muss, beginnt die verzwickte Geschichte, die in einen Rechtsstreit aus Vetternwirtschaft, Gewalt und Rache eskaliert. Jahrzehnte später sollen es Kohlhaas Nachfahren auch nicht angenehmer haben: Gerade noch feiern die drei Brüder den Erfolg ihres Export-Import-Unternehmens, da befinden sie sich schon in einem blutigen Krieg gegen das System.

Die gleichnamige Vorlage zu „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist scheint dabei auf den ersten Blick eine düstere Sicht auf rechtsfreie Bürokratie zu sein, in der ein unschuldiger Händler als Querulant abgestempelt für Ordnung und Recht kämpfen muss. Doch Antú Romero Nunes Inszenierung dieser Geschichte ist mehr als eine systemkritische Verirrung, in der die Grenzen von Gut und Böse gänzlich verschwimmen. Denn diese Inszenierung ist vor allem eins: wahnsinnig komisch.

So konzentriert sich die Inszenierung in der ersten Hälfte nur auf die drei Nachfahren des Kohlhaas; über die im Original nur in der Chronik ausgesagt wird, von Michael Kohlhaas hätten im vergangenen Jahrhundert einige frohe und rüstige Nachfahren gelebt. Dabei erinnert die Handlung rund um die drei Kohlhaas-Brüder ein wenig (sehr) an eine Slapstick-Komödie. Da macht der eine Bruder das neue Fahrrad kaputt, irgendwo brennt es und dann gibt es mühsam gebrühten Kaffee. Und auch die Brüder selbst sehen so aus, als ob man sie nicht ganz ernst nehmen soll: Mit steifen Anzügen, klobigen Brillen und Pferdezähnen. So weit so gut, es gibt viel zu lachen, die Welt der Kohlhaas-Nachfahren scheint in Ordnung.

Doch sobald das Geschäft der Kohlhaas-Brüder ruiniert ist und diese heile Welt auseinander fällt, ändert sich die komplette Stimmung der Inszenierung. Ja, nicht mal Ambiente, Zeit und Personen bleiben gleich, man wird in die Vergangenheit zu dem Vorfall des Vorfahren, Michael Kohlhaas, zurückversetzt. Doch auch wenn der eskalierte Konflikt des unschuldigen Pferdehändlers im starken Kontrast zum naiven Rumgealbere der Nachfahren steht, so bleibt doch ein bisschen Humor erhalten. Selbst die hinterhältigsten Charaktere werden mit viel Witz, sowohl innen als auch außen gestaltet. So ist einer der Widersacher Kohlhaas ein aufgeblähter Egoman, der eher an einen Luftballon als an einen Menschen erinnert.
Doch handlungsmäßig ist der Spaß bald vorbei; in der Gegenwart werden Menschen massakriert, Geschütze gefeuert und als einer der Brüder von seinem eigenen Bruder mit einer (echten!) Würgeschlange ermordet wird, ist die Komödie gänzlich vorbei.

Dabei ist es gerade dieser Kontrast, der das Stück so einzigartig macht. Gerade noch wurde über belanglose Sachen gelacht, da eskaliert ein kleiner Konflikt und diese heile Welt ist gänzlich vorbei.
Um diesen Kontrast zu verwirklichen, werden extra die Nachfahren des Kohlhaas ins Leben gerufen; Bürohengste, die sich dämlich gut vertragen und deren sorgenlose Leben einfach, aber doch witzig gestrickt sind. Und die sich dann später in ihrem Büro verbarrikadieren und sich einen blutigen Kampf mit dem Rest der Welt liefern.

Hierbei muss auch die wahrlich geniale Schauspielkunst geehrt werden; denn die gelungene Verkörperung der Kohlhaas-Brüder und später auch aller Figuren aus dem originalen Kohlhaas-Konflikt durch Thomas Niehaus, Paul Schröder und Jörg Pohl hat dem Stück erst seinen wahren Charakter verliehen. So wird dem Publikum zu Anfang eine stumme, einfache Slapstick-Komödie präsentiert, die sich dann von dem Vergangenheitskonflikt über in eine blutige Tragödie verwandelt; während jede einzelne verschrobene Figur von nur drei talentierten Schauspielern belebt wird.

Dieses Stück ist daher wahrlich besonders; dabei ist zu Anfang unklar, was dieses Herumgeturne im Büro mit Pferden und von Rache getränkten Eskalationen zu tun haben soll; schließlich braucht es mehr als die Hälfte der Spielzeit, bis zum ersten Mal der originale Konflikt des Michael Kohlhaas erwähnt wird. Aber da sich dieser naive Humor so gelungen und auch schlagartig in blutigen Ernst umschlägt, wird diese Verwandlung von Alltag in Konflikt viel effektiver deutlich.

Wobei letztlich tatsächlich nicht ganz klar wird, wie die Kohlhaas-Nachfahren einzuordnen sind; zum Einen scheinen sie für ihr Recht zu kämpfen, zum Anderen wirken sie mehr wie die selbsternannten Anarchisten in einem funktionierenden System, die eher die Ordnung stören, als sie zu erzwingen.
Doch als ganz am Ende, als der Kampf verloren und alles zerstört ist, Pferde in sado-maso- ähnlichen- Aufzügen hereingallopieren und auch den letzten Kohlhaas erschießen, besinnt sich diese geniale Inszenierung von Antú Romero Nunes wieder auf den (etwas anderen) Ausgangspunkt des Originalwerkes zurück: Wie Pferde den Untergang eines unschuldigen Menschen herbeiführen können.
Luise Lämmerhirt, Leibniz Privatschule, Elmshorn, JG 12

_____________________________________________


Michael Kohlhaas. Aber jetzt mal so richtig. So richtig modern. Alle Deutsch- Professoren und Lehrer haben Kleist falsch gelesen. Ein frischer Wind weht durch die Theaterlandschaft – also nicht so richtig, aber schon irgendwie – und auf diesem reitet Antú Romero Nunes.
Er betrachtet die Dinge neu. Nicht nur hier, nein, immer!
Aber hier erst so recht. Kohlhaas, der Anti-Held und unverschämte Bad-Boy des 16. Jahrhundert. Er lehnt sich gegen die Obrigkeiten auf. Seine Pferde, die er als Pfand hinterlegen muss, um irgendwo durch Deutschland zu reisen – wir erinnern uns an die 9. Klasse Geschichte: Irgendwas mit Fürstentümern und Flickenteppich, oder so ähnlich... - findet er geschunden wieder.
Nun probiert er auf dem Rechtswege Genugtuung zu erreichen, das klappt aber nicht.
Jetzt kommt es zur Streitfrage des Stückes. Kohlhaas macht den selbstjustiziaren Pferde-Rambo und legt den Juncker – der Mann, der seine Pferde geschändet hat – und seine gesamte Gefolgschaft kurzerhand um. Wenn man sich zum Beispiel einmal den Wikipedia-Artikel anschaut, wird das dort nur mit positiven Anmerkungen versehen. Er lehnt sich auf, kämpft gegen die Oberschicht und schlägt der ach so unfairen Justiz ein Schnäppchen.

Aber das sieht Nunes anders. Für ihn ist Kohlhaas kein Held, sondern eine pedantische Nervensäge, die – ganz typisch deutsch – auf ihr Recht beharrt. Man würde hier sagen, dass Kohlhaas ein intuitiver Typ ist. Er denkt nicht logisch. Ihm geschieht etwas Schlechtes und deswegen: Auge um Auge, Zahn um Zahn, werden alle umgelegt.
Um uns das klar zu machen, dass es hier nicht so richtig um das Stück, sondern mehr um seine Ideen geht, bedient er sich eines super tollen V-Effektes. Er versetzt die Handlung in eine andere Zeit und ändert die Personen.

„Vom Kohlhaas aber haben noch im vergangenen Jahrhundert, im Mecklenburgischen, einige frohe und rüstige Nachkommen gelebt.“ Mit diesen Worten endet die Novelle. Und hier setzt das Stück an. Wie sind die Sprösslinge eines so Ur-Deutschen Alpha-Rambos drauf? Klar, sie haben Pferdezähne, bei den Sarah Jessica Parker neidisch würde; sexy Pferdeschwänze auf dem Kopf und tragen unschnittige 90er- Jahre- Anzüge. Richtige Bürohengste – purer Sex!

Die ersten 45Minuten erleben wir deren dämlichen Büroalltag mit. Es ist ein bisschen wie ein Buster Keaton Film. Slapstick Humor ohne Wenn und Aber. Der Ofen brennt. Das Fahrrad geht kaputt und so weiter und so fort. Am Anfang sind diese stummen Gestalten, die sich angrunzen und stupsen, und dabei unheimliche Ähnlichkeit zu Stefan Raab haben, ja noch witzig, aber nach 20 Minuten werden die Lacher der Zuschauer immer müder, ...wenn sie überhaupt noch lachen.
Aber dann schwengt es um. Am Geburtstag der ominösen Firma, die Pakete durch den Raum wirft, geht sie bankrott.
Und für die letzte Stunde nimmt das Stück richtig Fahrt auf. Die drei Mecklenburger Jungs werden zu richtigen Reichsbürgern. Also kein Witz. Sie werden zu einer autonomen Selbstverwaltung, die die BRD-GmbH entschlossen ablehnt. Das bilden sie sich zumindest ein. Aus ihrem Büro wird eine Terrorzentrale, bei dessen Anblick al-Baghdadi sich vor Freude in die Hose machen würde.
Und so beginnt der Kampf gegen die Obrigkeit. Aber mehr soll an diesem Punkt gar nicht verraten werden... Es ist ein spannendes Thema. Die drei, die eigentlich nur in ihrem Kopf harte Typen sind, werden zum stärksten Gorilla im Wald. Meinen sie zumindest. Sie müssen, genauso wie Bernd Höcke, „ihre Männlichkeit wieder entdecken“. Und das sorgt für wunderschöne Komik.

Die Parallele zu Kohlhaas ist super gezogen. Das Stück macht auch generell Spaß. Es ist nicht unbedingt Hochkultur, aber es zeigt auf jeden Fall einen anderen Blick auf die Novelle. Besonders Jugendlichen, die eigentlich keinen Spaß mit Theater haben, dürften hier komplett befriedigt werden. Es ist mehr wie „Bad-Boys“, als ein normales Theaterstück.
Paulo Jamil Sieweck, Corvey Gymnasium, Jg 10