Lessingt
age

HEAR WOR(L)D!

 

Überall auf der Welt erheben Menschen, die sich nicht gehört fühlen, ihre Stimme. Seit Jahren ist viel die Rede von „Selbstermächtigung“ oder „Autonomie“, auch von „Bewegungen“ aus den verschiedensten gesellschaftlichen Perspektiven. Das Misstrauen in die traditionellen Apparate ist groß, die klassische Politik und insbesondere die westlichen Demokratien straucheln erheblich. Dabei ist der derzeit vorherrschende Zeitgeist extrem ambivalent. Er kann emanzipatorische Freiheitsbewegungen im klassischen Sinne meinen, sich selbst ermächtigend sind aber auch Terroristen oder rechtsradikale Populisten. Wann ist es „gut“, seine Stimme zu erheben, wann ist es „schlecht“? Und wer entscheidet das? Was tun, wenn die Stimme, die sich erhebt, die Sprache des Hasses spricht?

 

Das Festival „Um alles in der Welt – Lessingtage“ findet zum 10. Mal statt und ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Zum ersten Mal konzentrieren sich die Lessingtage in einem eigenen Schwerpunkt auf die antikoloniale Emanzipation in Afrika – zwei Aufführungen aus weiblicher Sicht, voller Lebenslust, ganz im Sinne der afrikanischen „Le Rire“-­Philosophie. „Who is Happy in Russia?“ fragt dagegen das Moskauer Gogol­Center und kämpft damit für Demokratie und Freiheit. In Hamburg ist erstmals eine Inszenierung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov zu sehen. Er steht seit August 2017 in Moskau unter Hausarrest und hat de facto Arbeitsverbot. Der libanesische Choreograf Omar Rajeh gibt in seiner Tanz­Performance „#minaret“ denjenigen eine Stimme, die übrig geblieben sind im vom Krieg zerstörten Aleppo. Und in Europa? Hier suchen zwei Exil Ensembles nach einer Sprache für sich selbst, indes junge Europäerinnen und Europäer aus den verschiedensten europäischen Städten mit der Behauptung „I AM EUROPE“ antreten. Nach Gastspielen aus Nigeria, der Elfenbeinküste, dem Libanon und Russland beendet die Berliner Schaubühne mit Thomas Ostermeier die diesjährigen Lessingtage: Horváths „Italienische Nacht“ beschreibt das Aufkommen rechter Bewegungen. Gegen deren fundamentale Versprechungen verlor die Sozialdemokratie einst den politischen Kampf.

 

Eröffnet werden die Lessingtage 2019 mit einer Uraufführung: der britische Dramatiker Simon Stephens erzählt in „Maria“ vom Versuch eines selbstbestimmten Lebens einer jungen Frau in einer englischen Großstadt. Und in der Gaußstraße fragt Saša Stanišic´ in „Vor dem Fest“, wie man die Polyfonie eines ganzen Dorfes hörbar macht. Mit ihren Eröffnungsreden halten Dunja Hayali und Michel Abdollahi ein dringliches „Plädoyer für eine offene Gesellschaft“.

 

„HEAR WOR(L)D!“ ist – in Anlehnung an „HEAR WORD!“, den Titel des Gastspiels aus Nigeria – eine Einladung, mit offenen Ohren in die Welt hineinzuhorchen, ihrer Vielstimmigkeit zuzuhören und zugleich eine Ermutigung, sich Gehör zu verschaffen. 

 

Joachim Lux, Julia Lochte, Emilia Linda Heinrich

Alle Trailer der Gastspiele
Das Programm der Lessingtage 2019
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