Wie man dem toten Hasen

Gastspiel Theater NO99, Tallinn, Estland

In Estland tobt die Kulturdebatte und Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper geben mit einer Inszenierung, deren Titel einer Aktion von Joseph Beuys entlehnt ist, eine Antwort aus dem Geist der Kunst, denn eines ist sicher: Kunst muss sein. Auch wenn kein Geld da ist. Und auch wenn sich die Rolle der Kunst in den letzten Jahren im krisengeschüttelten Estland verändert hat und sie ihre Bedeutung für die Gesellschaft eingebüßt haben mag. Und vielleicht muss sie gerade dann umso mehr sein. Der Kampf ums Geld ist den Künsten und Künstlern stets immanent gewesen. Und so beweisen sich die Kunst und das Theater selbst, indem sie den Dialog mit der estnischen Kulturministerin suchen, deren Name „Janis“ übersetzt „Hase“ bedeutet und die ist ebenfalls Sportministerin ist. So irritiert es sehr, wenn eine sich selbst beklatschende Frau Hase Reden wie Wunschkonzerte hält und davon erzählt, dass Kunst vor allem der Imagepflege des Landes dienen solle und Kulturförderung doch bitte an internationale Erfolge und Preise gekoppelt sein müsse. Und wenn Frau Hase dann noch, wie es ihr des Öfteren (wohl nicht nur in der Inszenierung) unterläuft, die Bereiche Kunst und Sport verwechselt und die gleichen Reden in beiden Bereichen hält, wenn sie also über ähnliche Methoden der Bewertbarkeit und Förderung in Sport und Kultur redet, dann ist die politische Glaubwürdigkeit schnell verloren. In „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ antwortet das Theater NO99 mit einer temporeichen und virtuosen Antwort aus Improvisationen, Videoeinspielungen, artistischen Aktionen, Schauspiel, Zitaten aus der bildenden Kunst sowie aus dem Bereich des Sports auf eine aktuelle Kulturdebatte, wie sie zurzeit nicht nur in Estland geführt wird. Entstanden ist ein berauschender, sinnlich verspielter, unterhaltsamer Diskurs um politischen Willen und künstlerisches Begehren, der nebenbei noch einmal kurz daran erinnert, wie reichhaltig Kunst tatsächlich ist und welche Geschichte sie in sich trägt. Von Beuys bis Christo, über olympische Slapstick- Choreographien bis zur Folklore wird alles zitiert, was Bilder entstehen lässt. Bilder, die sich immer wieder neu erfinden und in ihrem Ursprung so schlicht, einfach und berauschend sind wie der Schauspieler im Hasenkostüm, der in einer der Szenen verständnislos, aber doch neugierig den Kopf schief hält, während er die Bilder im Museum betrachtet.

Idee, Produktion, Bühne und Kostüme Tiit Ojasoo & Ene-Liis Semper Tanz Mart Kangro Musik John Adams, Steve Reich Songs und Soundinstallation Hendrik Kaljujärv Dramaturgie Eero Epner
Ensemble Rasmus Kaljujärv, Eva Klemets, Risto Kübar, Andres Mähar, Mirtel Pohla, Jaak Prints, Gert Raudsep, Tambet Tuisk, Marika Vaarik, Sergo Vares sowie Eha Komissarov (im Video)

Aufführung in estnischer Sprache und mit deutschen Übertiteln.

Im Anschluss an die Vorstellung am 26. Januar findet ein Publikumsgespräch statt. Moderation: Katrin Ullmann (u.a. Tagesspiegel, Nachtkritik).

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