
»Wenn ein Traum in Erfüllung geht, möchte man ihm auch gerecht werden.«
Sonja Anders: Schön, dass du da bist, Nellie. Du kommst gerade von einer Probe zu Deutsches Haus. Wie geht es dir nach so einer langen Spielzeit mit Proben, Vorstellungen und wieder Proben?
Nellie Fischer-Benson: Ich bin ein bisschen erschöpft und freue mich sehr auf den Sommer. Wenn das Wetter schöner wird, fällt es mir schwer, in diesen abgedunkelten Raum ohne Tageslicht zu gehen. Gleichzeitig ist die Anziehungskraft immer noch da. Ich habe das Gefühl, dass mich dieser Raum verschluckt. Um 14 Uhr spuckt er mich wieder aus, und ich bin zurück in meinem Alltag. Abends fahre ich dann wieder hin.
Sonja: Wie gehst du mit dem Wechsel von einer Probe am Vormittag zu einer Vorstellung am Abend um? Wenn du zum Beispiel nach einer Probe Deutsches Haus abends Der zerbrochne Krug spielst.
Nellie: An solchen Tagen versuche ich, mich immer auf den nächsten Schritt zu konzentrieren. Ich mache mir sehr genaue Listen. Da steht dann: Frühstück, Probe, Rückfahrt, kochen, essen, kurz entspannen, Text, Maske, Vorstellung.
Sonja: Ein ziemlich voller Tag.
Nellie: Ja. Es hilft mir, alles einzeln aufzuschreiben. Dann wirkt jede Aufgabe für sich machbar. In der Summe ist es viel, aber jeder einzelne Schritt ist überschaubar. So denke ich morgens nicht schon daran, dass ich abends noch spielen und dafür fit sein muss. Eigentlich mag ich diese Tage sogar, auch während der Endproben. Man wird noch einmal in einen anderen Kontext geworfen. Außerdem kann ich die Probe danach schneller loslassen als sonst.
Sonja: Belasten dich die Stoffe oder Themen der Stücke sehr über die Arbeit hinaus?
Nellie: Ja, absolut. Die Thematik des Krugs zum Beispiel belastet mich sehr. Das habe ich schon während der Proben gemerkt. Und ich finde, das ist auch richtig so.
Sonja: Du meinst damit das Thema sexuelle Gewalt?
Nellie: Wenn ich mich acht Wochen lang jeden Tag in die Lage einer Frau versetze, die in der Nacht zuvor vergewaltigt wurde, dann hinterlässt das natürlich Spuren, direkt auch in meinem Körper.
Sonja: Hast du Techniken wie das Listenschreiben, die Versachlichung oder die Akzeptanz dieser Schwere von deinen Eltern gelernt? Du kommst ja aus einer Schauspielerfamilie – möchtest du darüber überhaupt sprechen?
Nellie: Diese Techniken habe ich tatsächlich nicht von meinen Eltern übernommen. Sie gehen anders damit um. Aber es tat immer gut, sich bei ihnen rückzuversichern und gespiegelt zu bekommen, dass es in Ordnung ist, wenn einen die Arbeit beschäftigt.
Sonja: Du bist in Hamburg geboren und aufgewachsen und dann zum Schauspielstudium nach München gegangen – ein großer Sprung für eine junge Frau von noch nicht einmal zwanzig Jahren.
Nellie: Schon während des Abiturs wusste ich, dass ich Schauspielerin werden möchte. Ich erinnere mich noch, wie ich im Sommer vor dem Abi am Strand saß, Monologe markierte und völlig darin versunken war. Ich habe mir ausgemalt, wie ich vorspreche und an einer Schauspielschule angenommen werde. Mit 18 habe ich Abitur gemacht und direkt vorgesprochen. Ich hatte großes Glück, dass es so schnell geklappt hat und ich schon im September 2019 mit 19 Jahren mein Studium beginnen konnte. Damals dachte ich: Jetzt geht mein Leben los. Jetzt fahre ich in mein Leben hinein.
Sonja: Und aus dem Studium heraus haben wir dich nach Hannover ans Schauspielhaus engagiert und jetzt bist mitgekommen ans Thalia Theater, zurück nach Hamburg. Macht dich das froh?
Nellie: Das ist immer noch etwas, was ich manchmal kaum fassen kann. Natürlich gehört mehr dazu als Glück, aber ich weiß auch, wie viele andere Wege dieser Beruf nehmen kann. Deshalb empfinde ich große Dankbarkeit dafür, wie es für mich bisher gelaufen ist. Gleichzeitig bringt jeder Schritt auch neuen Druck mit sich – vor allem den, den ich mir selbst mache. Es war ein Traum von mir, hier zu spielen. Und wenn ein Traum in Erfüllung geht, möchte man ihm auch gerecht werden. Früher dachte ich: Wenn ich an einem großen Theater spiele, dann bin ich Schauspielerin und alles ist gut. Das ist natürlich ein naiver Gedanke. Heute merke ich, dass Erfolge nicht bedeuten, dass alle Fragen verschwinden. Im Gegenteil: Das Leben hält immer neue Herausforderungen bereit. Manchmal denke ich tatsächlich: Was kann jetzt eigentlich noch kommen? Vielleicht auch, weil vieles bisher so schnell gegangen ist.
Sonja: Ja, das kann ich mir vorstellen. Du warst diese Spielzeit in Produktionen zu sehen, die außergewöhnlich erfolgreich waren, etwa Die Wut, die bleibt. Pusht es einen, wenn am Ende nahezu der ganze Saal aufspringt, weint, jubelt und Standing Ovations gibt?
Nellie: Ja, enorm. Die Premiere in Salzburg werde ich wahrscheinlich nie vergessen. Wir waren alle unglaublich aufgeregt. Es hieß immer, das Publikum sei eher konservativ, deshalb wussten wir nicht, wie der Abend aufgenommen werden würde. Ich erinnere mich an die Schlussszene, an das Black, an den Moment, als das Licht wieder anging – und die Menschen aufsprangen. Vielleicht verklärt die Erinnerung das inzwischen ein wenig, aber genau so habe ich es erlebt. Besonders ist für mich, dass bei diesem Stück die Energie, die man hineingibt, so unmittelbar zurückkommt. Ich habe das selten so stark erlebt. Es entsteht ein gemeinsames Erleben zwischen Bühne und Publikum. Genau dafür macht man diesen Beruf. Die Zuschauer*innen sind nicht einfach da, sie tragen den Abend mit. Man lädt sich gegenseitig auf.
Sonja: Ob es sich wohl so anfühlt, ein Popstar zu sein?
Nellie: Vielleicht. Aber auf eine andere Art. Es geht nicht um die eigene Person, sondern um das, was man gemeinsam erzählt. Es ist der Inhalt und es sind die Fragen, die wir an die Gesellschaft richten, die machen, dass es sich so besonders anfühlt. Neulich saß ich vor einer Vorstellung bei Regen völlig erschöpft auf dem Sofa und fragte mich, wie ich diesen Abend überhaupt spielen soll. Dann geht man auf die Bühne, spielt die Vorstellung mit der Energie, die man gerade hat – und erlebt am Ende diese Resonanz und denkt: Es hat sich gelohnt.
Sonja: Begonnen hast du die Spielzeit mit Marschlande von Jarka Kubsova. Wie bei Die Wut, die bleibt und jetzt bei Deutsches Haus ist die Regisseurin Jorinde Dröse. Wie ist es, mit jemandem zu proben, den man bereits gut kennt?
Nellie: Wenn ich mit jemandem arbeite, den ich bereits kenne, wie mit Jorinde, gibt es eine gemeinsame Grundlage. Ich weiß ungefähr, wie sie arbeitet, wie sie denkt und wie wir miteinander kommunizieren. Das schafft Vertrauen und erleichtert vieles. Bei Menschen, die ich noch nicht kenne, bin ich zunächst zurückhaltender. Man tastet sich erst aneinander heran und fragt sich: Verstehen wir uns? Finden wir eine gemeinsame Sprache? Das bringt Unsicherheiten mit sich, benötigt aber auch eine besondere Offenheit. Mit Jorinde konnten wir von Anfang an auf etwas aufbauen. Ob man dadurch automatisch tiefer kommt, weiß ich gar nicht. Aber man kann schneller ins Arbeiten kommen. Aber allgemein finde ich neue Probenprozesse spannend, weil jede Konstellation einzigartig ist. Oft kommt genau diese Gruppe von Menschen so nie wieder zusammen.
Sonja: In Deutsches Haus geht es um die Frankfurter Auschwitz-Prozesse von 1963, also um ein historisch und emotional hoch belastetes Thema. Gleichzeitig erzählt das Stück die Geschichte einer Familie. Deine Figur wird mit Wahrheiten konfrontiert, die ihr bislang verborgen geblieben sind. Wie nähert ihr euch diesem Spannungsfeld zwischen großer Geschichte und persönlichem Erleben?
Nellie: In der Vorbereitung haben wir viel recherchiert. Wir haben die Romanfassung gelesen, Dokumentationen über die Auschwitz-Prozesse und die Bundesrepublik der frühen Sechzigerjahre gesehen. Besonders beschäftigt hat mich die Gleichzeitigkeit dieser Zeit: Auf der einen Seite Wirtschaftswunder, Aufbruch und Zukunftsglaube, auf der anderen Seite eine weitgehend verdrängte Vergangenheit. Wir haben uns auch Werbe- und Lehrfilme aus dieser Zeit angeschaut. Das wirkt heute oft befremdlich, macht aber deutlich, in welchem gesellschaftlichen Klima die Geschichte spielt. Und genau diese Gleichzeitigkeit hat es ja tatsächlich gegeben.
Sonja: Diese Zeit wirkt weit entfernt – und ist uns doch näher, als man zunächst denkt.
Nellie: Ja. Ich muss dabei oft an Geschichten meiner Großmutter denken. Da merkt man plötzlich, dass diese Zeit gar nicht so weit weg ist. Gleichzeitig wird in Deutsches Haus deutlich, wie stark Verdrängung als gesellschaftlicher Mechanismus funktioniert hat. Im Moment arbeiten wir noch an den frühen Szenen des Stücks. Am Anfang wirkt alles beinahe leicht. Man begegnet einer jungen Frau, die vor allem damit beschäftigt ist, ob ihr Freund ihr endlich einen Heiratsantrag machen wird. Uns interessiert dabei besonders ihre Perspektive. Für sie ist die Welt zunächst in Ordnung. Das größte Problem scheint zu sein, dass ihr Leben vielleicht nicht so verläuft, wie sie es sich vorgestellt hat. Das muss man ernst nehmen, damit das, was später passiert, seine ganze Wucht entfalten kann. Ich hoffe, dass das Publikum diesen Weg mit ihr geht: dass man gemeinsam mit ihr erschrickt und erlebt, wie ihre Gewissheiten Stück für Stück zerbrechen.
Sonja: Das Erstaunliche an den frühen Sechzigerjahren ist ja, dass der Nationalsozialismus gesellschaftlich noch überall präsent war und die Aufarbeitung noch gar nicht begonnen hatte. Anhand dieser Figur erleben wir diese Dynamik gewissermaßen im Zeitraffer.
Nellie: Ja. Und sie entdeckt nicht nur die Geschichte ihres Landes neu, sondern auch die ihrer eigenen Familie. Plötzlich muss sie erkennen, dass ihre Angehörigen viel stärker in diese Vergangenheit verstrickt waren, als sie jemals vermutet hätte.
Sonja: Was mich an dem Roman von Annette Hess besonders beeindruckt, ist die Frage nach den Konsequenzen. Wann erheben wir unsere Stimme? Wann widersprechen wir? Wann durchbrechen wir das Schweigen? Die Figur lernt, im besten Sinne politisch zu handeln und Verantwortung zu übernehmen – auch wenn das einen Preis hat.
Nellie: Das finde ich auch einen der stärksten Aspekte des Stoffes. Die Frage nach Verantwortung und Wiedergutmachung beschäftigt die Figur sehr. Sie kommt aus einer Welt, in der man glaubt: Wenn man einen Fehler gemacht hat, entschuldigt man sich, und dann ist alles wieder gut. Doch sie muss erkennen, dass es Schuld gibt, die sich nicht einfach auflösen lässt. Dass es Verbrechen gibt, für die keine Entschuldigung ausreicht. Ich finde es wichtig, dass das Stück sie mit dieser Erkenntnis nicht entlässt und auch dem Publikum keine einfachen Antworten anbietet.
Sonja: Es gibt keinen Trost. So heißt es an einer Stelle im Roman. Nicht für die Opfer und nicht für die Täter. Wie erlebt ihr als Ensemble, dass sich ja noch gar nicht so gut kennt, so tiefe Fragestellungen innerhalb eines Stoffes?
Nellie: Man taucht bei beinah jeder Arbeit gemeinsam in Themen ein, beschäftigt sich mit Geschichte, Politik und gesellschaftlichen Entwicklungen. Gerade bei Deutsches Haus merkt man, wie aktuell viele dieser Fragen sind. Und die gemeinsame Auseinandersetzung verbindet. Man lernt nicht nur den Stoff besser kennen, sondern auch die Menschen, mit denen man daran arbeitet. Das Besondere an unserem Beruf ist, dass man sich ungewöhnlich schnell kennenlernt, auch darüber, dass man gemeinsam solche Themen bearbeitet. Natürlich ist Proben keine Therapie. Man spricht nicht ständig über sich selbst. Aber man begegnet sich über Figuren, Situationen und Emotionen. Dadurch entsteht oft überraschend schnell Vertrauen. Wenn ich auf der Bühne stehe, versuche ich mich wirklich auf die Person einzulassen, die mir gegenübersteht. Daraus können sehr intensive Verbindungen entstehen. Das mag ich an diesem Beruf besonders.
Sonja: Möchtest du noch etwas über Hamburg sagen? Über deine Heimatstadt?
Nellie: Ich fühle mich hier sehr wohl. Besonders schön finde ich, dass ich die Stadt gerade noch einmal neu kennenlerne.
Sonja: Wo genau bist du aufgewachsen in Hamburg?
Nellie: In Eimsbüttel.
Sonja: Und wo lebst du heute?
Nellie: In Winterhude. Ich entdecke den Stadtpark ganz neu für mich. Besonders die Alster jetzt im Sommer. Das habe ich an Hamburg am meisten vermisst. Das Wasser. Aufs Wasser zu gucken. Die Elbe. Die Fontäne auf der Binnenalster und ehrlich gesagt auch den Regen der aus den dunklen Wolken pladdert.