Vorwort Spielzeit 26/27

Liebes Publikum!

 

»Warum ist die Welt so gewalttätig und schmerzvoll? Wie kann die Welt gleichzeitig so schön sein?«

 

So fragt Han Kang in ihrer Dankesrede zum Nobelpreis. Die Autorin unserer Eröffnung in der Gaußstraße stellt in ihrem Werk die Gewalt gegen die Schönheit. Ins Zentrum ihres Schreibens aber setzt sie stets die Zerbrechlichkeit des Menschen. Und so kalt und bedrohlich ihr die Welt erscheint, so sieht sie doch Verbundenheit und Liebe als unser aller Rettungsmöglichkeit. In Zeiten, die von Verunsicherung geprägt sind, werden wir in dieser Spielzeit ihren Gedanken folgen: Welche Handlungsmacht haben wir als Einzelne und welche gemeinsam? Wie können wir Haltung zeigen? Welche Chance haben Liebe und Schönheit gegen Hass und Populismus? Wie kommen wir zusammen? – Es ist ein vielschichtiger Kosmos aus Gedanken, Gefühlen und Zerrissenheiten, den wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten: Wir spielen, tanzen, erzählen. Wir diskutieren, kooperieren, feiern. Wir öffnen das
Theater – für alle, für Sie! 

 

Zehn Premieren im Thalia Theater, fünf in der Gaußstraße sowie Festivals, Reihen und unterschiedliche Formate in BOX, Nachtasyl und an anderen Orten: Wir laden Sie ein auf eine Reise durch die Vielgestaltigkeit des Theaters. Allabendlich starten wir in der Gegenwart und nehmen Sie spielend in deren Tiefen, in die Vergangenheit oder Zukunft mit – retour sind wir alle dann hoffentlich ein Stück weit bewegt und verwandelt. »Gegen den Hass« ist der Antrieb dieses Spielplans, und nicht zufällig liegt ein Schwerpunkt auf Stücken, die in der Zeit vor und nach dem Nationalsozialismus spielen und die Menschen in ihrer Verführbarkeit, Schwäche, aber auch Widerstandskraft zeigen. Programmatisch ist dabei, dass wir uns weiterhin künstlerisch mit anderen Theatern, Initiativen, Stiftungen, Kulturinstitutionen aktiv verbinden.

 

Wir haben in unserer ersten Spielzeit in Hamburg die Erfahrung gemacht, dass kooperatives Denken und Handeln Sinn und Freude stiften. Dies wollen wir fortsetzen und uns gegenseitig stärken, inspirieren und verbünden: Wir produzieren gemeinsam mit den Salzburger Festspielen, planen eine große Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin und gehen mit der Hamburgischen Staatsoper in einen künstlerischen Austausch. In unseren Räumen
beheimaten wir Kampnagel, das Theaterensemble Meine Damen und Herren, das Lichthof Theater und viele mehr.
 

In Nation of Strangers philosophiert Ece Temelkuran über eine Welt voller Fremder, über einen erweiterten Heimatbegriff und Formen des Miteinander. In der noch jungen BOX wollen wir ihrer hoffnungsvollen Zeichnung einer zukünftigen Neuordnung Raum geben: »Dort, wo Angst herrscht, ist der Mensch heimatlos. Heimat ist, wo Freude herrscht. Und mit der Zeit, zumindest spüre ich das, wird es viele Heimaten über Grenzen hinweg geben, die uns,
diese lustigen, fragilen, kleinen Geschöpfe, beheimaten werden.« 

 

Wir freuen uns, wenn Sie uns weiter begleiten – so diskurslustig, offen, freudvoll wie in der letzten Spielzeit!
Bis bald! Ihre Sonja Anders und das ganze Team des Thalia Theaters Hamburg