Digitales Programmheft

To My Little Boy

Held aus Polyester von Caren Jeß Regie Marie Bues
Dauer 1 Std. 40 Min., keine Pause
Uraufführung 16.1.26, Thalia Gaußstraße
Content Notes
Thematisierung von Queerfeindlichkeit, Klimaangst; stroboskopähnliche Lichteffekte

Hoffnung im Angesicht des Untergangs

Über To My Little Boy 

von Nora Khuon

„Heute leben wir im Zeitalter der globalen Übersteuerung,

»Tand Tand ist das Gebilde von Menschenhand«,

raften durch einen reißenden Strom aus Überfluss und Überforderung,

sattelfest im porösen Anthropozän, unserem abgehalfterten High-Tech-Gaul,

bisschen macht der noch,

wir füttern Optimism Bias statt Hafer,

(…)

wie dem auch sei,

Hauptsache das Schwein ist dabei,

und ich arbeite an einem Bundesforschungszentrum.

Sonne, Mond und Sterne,

not my business.

Ich kümmere mich um die Erde,

kein Problem.“ 

 

 

Hier spricht Aaron: Geologe, um die vierzig, schwul, ehemals religiös (Sprössling einer Pastorenfamilie) und überfordert. „Kein Problem“ liegt hier ebenso fern wie Sonne, Mond und Sterne. Überall tummeln sie sich nämlich in seinem Leben – Probleme – und meist entstehen sie im Zusammenhang mit Menschen. Da liegt es nah, sich zurückzuziehen und sich um die Erde zu kümmern. Ihr ist nahe zu kommen ohne missliche Kommunikation, sondern mit naturwissenschaftlichen Verfahren. Sie ist langmütig, scheint erklärbar und im besten Fall ist sie, durch die Erkenntnisse, die er aus ihr gewinnt, zu retten. Denn eins ist klar: Wir, ihre menschlichen Bewohner, waren kein guter Umgang für sie und Rettung tut dringend Not.

„Wir müssen mehr über Rohstoffe reden!“ ruft er beseelt aus. Nachhaltige Kreislaufwirtschaft ist sein Kerngebiet und für ihn der Schlüssel. So genau er aber auch die Problemlage der Erde erkennen kann und so unschwer eine Wendung des schon fast sicher geglaubten Untergangs herbeizuführen wäre - nämlich aus bloßer Analyse ihrer Gesteinsschicht und der Anpassung des Verhaltens der Menschen auf diese - so wenig kennt er die Werkzeuge, die es bräuchte, dem Menschen zu vermitteln, was Steine und Pflanzen bräuchten. Die Welt besteht eben auch aus lebendiger, organischer Masse und mit der tut er sich schwer. Selbst seine Freundin Anouk bleibt ihm ein Rätsel: Als sie ihm von ihrer Schwangerschaft schreibt, fällt Aaron nichts Anderes ein als ein Shania-Twain-Zitat, das er sich besser verkniffen hätte: „That don’t impress me much“. 

Doch Aaron hat jemanden an seiner Seite, der für ihn ohne Rätsel ist, nämlich Tupper. Tupper ist ein Schwein aus Plüsch und Nachfolger eines echten Schweins, das Aaron durch seine Kindheit begleitete, bis es starb und Sehnsucht nach einem Gefährten hinterließ. Tupper hat mit Aaron die Pubertät und Uni überlebt, begleitet ihn zur Arbeit – heimlich natürlich. Er ist ein Stabilisator in dieser als sonst so feindlich empfundenen Welt. Tupper ist genauso ein Zeichen für Aarons Weltflucht, wie dessen unbedingter Weltlust, denn dieser Welt entsagen will Aaron nicht.

Aaron entstammt, wie Caren Jeß‘ Figuren so häufig, unserer realen Gegenwart. Gleichzeitig sind ihre Figuren eine Entdeckung, alles andere als banal und bekannt. Caren Jeß dringt ein in den Kern des Einzelnen. Dorthin, wo sowohl das Prototypische als auch das Besondere liegen. Sie betrachtet unsere Welt sehr präzise, verdichtet, erweitert, um ihre Absurdität mit unendlicher Liebe und Humor zu überspitzen. Caren Jeß macht sich nicht lustig. Sie beschämt nicht. Sie erzählt voller Skurrilität, Witz, Schlagfertigkeit und Überraschung. Sie schafft es mit Leichtigkeit, dass wir diese schrägen Figuren lieben und dennoch erkennen, was bei ihnen und in unserer Welt schiefläuft. 

„Auch wenn Aaron zuweilen so scheint als wolle er sich verstecken, steht das Tor zur Welt doch eigentlich für ihn weit offen. Aaron reist nach Peru, versucht sich in der Liebe, der Freund*innenschaft und das elterliche Zuhause sitzt nicht nur im Nacken, sondern bleibt steter Begleiter. Caren Jeß zeichnet ihre Hauptfigur als klug und fein, differenziert und erkenntnisbegabt und als nicht zufrieden mit dem Zustand dieser Welt. Rückzug, Tuppers Treue, Einsamkeit, das alles sind Übergangsszenarien . Aaron will diese Welt: Er will die Begegnung, die Auseinandersetzung, die Berührung, das Gemeinsame, auch wenn ihm der Kontrollverlust und das Scheitern Angst machen und Tupper an seiner Seite für Beruhigung sorgen muss. In einem Dasein, das wenig steuerbar erscheint, ist die Schöpfung dieses Wesens, das selbst wenn es einem widerspricht, und das tut Aarons Tupper selbstverständlich, ein notwendiger Halt. Es ist eine Hilfskonstruktion, entstanden aus elementarer Verunsicherung, die wir als sein Publikum kennen und ebenso versuchen zu verdrängen und zu bearbeiten, hilflos im Angesicht der multiplen Konflikte, Katastrophen und Kriege. 

Doch „To my Little Boy“ wäre nicht von Caren Jeß, wenn sich Aaron dieser Misere ergeben würde. Es gibt einen Ausweg. Sicherlich nicht für sämtliche Konfliktherde der Erde, aber eine Antwort auf sie: Freund*innenschaft. Jenseits von Wettbewerb, Engstirnigkeit, Utilitarismus und Macht. Etwas, das Caren Jeß in ihrem letzten Stück zärtlich „Heartship“ genannt hat, zeigt sich. Erst vom Job beurlaubt, nach einem durchaus radikalen Ausraster auf offener Bühne, dann gescheitert in seinem erotischen Verlangen, zeitlebens betrogen durch ein Elternhaus, das sich den eigenen strengen evangelikalen Regeln weniger unterworfen hat als behauptet, geht Aaron nicht unter. Doch es ist nicht Tupper, der ihm zur Seite steht, es ist Anouk: seine beste Freundin, Begleiterin und sein Gewissen. Klar, stark und in der Welt stehend, ergibt sie sich nicht der Verzweiflung im Angesicht der vielen Krisen, die die Welt im Allgemeinen und Aaron im Besonderen heimsuchen, sondern stellt sich ihnen - gelassen, großzügig und mit Humor. 

Caren Jeß‘ ästhetische, poetische Spur tastet in spezifische, eigene Sprachkosmen vor. Sie verbindet unterschiedlichste Formen miteinander, indem sie vom Normativen ins Abseitige, Eigene eintaucht. Aaron und Tupper sprechen mit uns, ihrem Publikum, genauso wie mit den vielen Figuren des Stückes und miteinander. Dann und wann erhebt sich der Text, schwirrt und verselbständigt sich poetisch und dicht, wüst und klar. 

Komplex und einfach zugleich ist „To my Little Boy“, erlösend und mahnend, irritierend und zugänglich. Doch immer durchströmt von Hoffnung im Angesicht des Untergangs und damit überholt das Gelingen das Scheitern.