Stadtgespräch - Dr. Ulrike Murmann
Ulrike Murmann über Engel, Eltern und die Evangelische Kirche in Hamburg. Die Pröpstin und Hauptpastorin der Katharinen-Kirche ist Aufsichtsratsmitglied des Thalia Theaters und spricht mit Intendantin Sonja Anders auch über die Premiere im Juni »The Boys are kissing«.
… sie nehmen dir am Ende die Arbeit nicht ab.
Sonja Anders: Schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben, über die Kirche und das Theater und über Ihren Blick auf die Stadt Hamburg. Mögen Sie kurz erklären, was genau Ihr Arbeitsbereich als Pröpstin ist?
Ulrike Murmann: Wir haben in der evangelischen Kirche drei Ebenen: Pastor*innen, Pröpst*innen und Bischöf*innen. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich nicht nur Pröpstin bin, also verantwortlich für eine Anzahl von Kirchengemeinden, sondern auch Hauptpastorin an einer Kirche, an St. Katharinen.
Sonja Anders: Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Ulrike Murmann: Ich habe zunächst Interesse an dem Studium der evangelischen Theologie gehabt. Ich hatte eine beeindruckende Religionslehrerin, die mich schon damals mit feministischer Theologie vertraut machte. Sie stellte die richtigen Fragen, wie: Was ist der Sinn des Lebens, wozu lebst du, wo kommst du her, was ist dein Ziel? Denen wollte ich nachgehen. Mit jedem Semester, das ich länger studierte, war ich beeindruckter von der Breite der Themenbereiche, wie Altem und Neuem Testament, Kirchengeschichte, Religionsphilosophie, praktischer Theologie, Systematik, Dogmatik und Ethik. Es war faszinierend. Dann habe ich ein Praktikum in einer Gemeinde gemacht, um zu prüfen, ob das was für mich ist, und noch eine Promotion angehängt, weil ich theologisch weiter in die Tiefe bohren wollte. Als Pastorin kommst du mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammen, das fand ich dann doch interessanter, als an der Uni zu bleiben.
Sonja Anders: Spielt die Stadt Hamburg bei Ihrer Tätigkeit eine Rolle?
Ulrike Murmann: Ganz bestimmt. Hamburg ist ja Teil der Nordkirche und die galt immer schon als eine progressive, liberale Kirche. Sie hat früh angefangen, Frauen zu fördern. Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen war weltweit die erste evangelisch-lutherische Bischöfin. Sie hat mit dafür gesorgt, dass Frauen in Leitungsämter kamen. Das hat mir geholfen, Familie und Berufsleben zusammen zu denken.
Stadtteilübergreifend, auch religionsübergreifend so etwas zu schaffen, das sind Aufgaben, vor denen wir stehen, damit die Stadt nicht auseinanderbricht (...)
Sonja anders: Wenn Sie aus Ihrer Perspektive auf die Stadt gucken, was finden Sie die gröẞten Herausforderungen?
Ulrike Murmann: Für mich ist eine Herausforderung, dass wir in den unterschiedlichsten Quartieren und Milieus nicht auseinanderdriften, sondern Orte schaffen, an denen wir miteinander im Gespräch bleiben, auch Dinge bewegen. Eine meiner eindrücklichsten Erfahrungen war 2015, als Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern zu uns kamen, wir in den Kirchen wie selbstverständlich Räume geöffnet haben, viele Ehrenamtliche sich eingefunden und mit uns Essen, Kleidung, Matratzen gesammelt haben. Wir waren plötzlich eine große Gemeinschaft von Menschen, die sich für ein Thema engagierten. Da spielte Kirchenmitgliedschaft keine Rolle, sondern das gemeinsame Ziel, diese Menschen aufzunehmen und ihnen Asyl zu geben. Stadtteilübergreifend, auch religionsübergreifend so etwas zu schaffen, das sind Aufgaben, vor denen wir stehen, damit die Stadt nicht auseinanderbricht in wohlhabende Quartiere und Quartiere, in denen die soziale Not groß ist.
Sonja anders: Und Vorurteile, was die Religionszugehörigkeit angeht, spielen die bei dieser Arbeit eine Rolle?
Ulrike Murmann: Zu meiner Propstei gehört die Kirchengemeinde St. Georg, in der gibt es über 30 Moscheegemeinden. Dort pflegen wir einen wirklich tollen interreligiösen Dialog. Es gibt zum Beispiel gemeinsame interreligiöse Schulanfängerfeiern und Prozessionen. Christen und Muslime engagieren sich zusammen für die Jugendlichen im Stadtteil. Das sind Beispiele, wo interkulturelles Leben gelingen kann. Dafür braucht es Player wie zum Beispiel Gemeinden, Vereine oder Kultureinrichtungen und öffentliche Orte, wo Jugendliche zusammenkommen können.
Sonja anders: In THE BOYS ARE KISSING geht es um zwei Elternpaare, deren Söhne sich auf dem Schulhof geküsst haben. Es wird sichtbar, wie komplex die Regeln sind, die unser Leben prägen. Erleben Sie das auch bei sich in der Gemeinde? Dass die kleinsten Dinge zu Konflikten führen?
Ulrike Murmann: Ja, gerade bei Themen, die persönlich und emotional sind, wo eigene Rollenbilder, vielleicht auch alte Rollenbilder eine Rolle spielen. Man möchte modern, liberal und offen sein, weil wir eine offene Gesellschaft sind, aber gerade in solchen Konfliktsituationen ist die Macht dieser alten Bilder ganz stark, die unbewusst rauskommt. Dann kommt es zu Dynamiken, die nicht so leicht einzufangen sind. Meine Sorge ist, dass es im Moment eine Tendenz gibt, zu spalten. Wenn ich auf rechtskonservative Gruppen und Parteien schaue, die ein ganz altes Frauen- und Familienbild wieder zur Norm erklären und entsprechende Narrative aufstellen, wird mir ganz schummrig. Da bricht was auf, von dem wir eigentlich dachten, das hätten wir längst überwunden in unserer Gesellschaft.
Theologisch betrachtet sind Engel geistige Wesen ohne festen Körper. Das heißt geschlechtslose Wesen.
Sonja Anders: Ja, das Eis der Aufklärung ist wohl dünn. Gerade in Bezug auf Kinder gibt es aber grundsätzlich eine erhöhte Empfindsamkeit, nicht wahr?
Ulrike Murmann: Eltern wollen ihren Kindern die bestmögliche Bildung ermöglichen. Sie wollen, dass sie sicher und beschützt aufwachsen, sich frei entfalten können. Eltern übertragen viel auf ihre Kinder, bewusst oder unbewusst. In der Kirche sagen wir: Kinder sind eigene Persönlichkeiten, wir besitzen sie nicht, sondern begleiten sie ins Leben. Bei der Taufe nennen wir sie daher Kinder Gottes. Sie haben eine eigene Würde, die soll sich entfalten. Und unsere Aufgabe ist, den Raum dafür zu geben, dass sie sich entfalten können.
Sonja Anders: Es sind zwei sehr junge Kinder, die sich küssen. Welche Rolle spielt das bei all der Aufregung?
Ulrike Murmann: Als Sie erzählten, es geht um zwei Neunjährige, die sich küssen, da habe ich sofort gedacht: Wo ist das Problem? Also, wenn Neunjährige sich küssen, was wollen sie? Sie wollen was ausprobieren, sie wollen vielleicht auch provozieren oder sie sind tatsächlich kindlich einander zugeneigt. Dann bitteschön, würde ich sagen, lass sie doch!
Sonja Anders: In dem Stück aber braucht es zwei Engel, die herabsteigen, weil der Streit aus dem Ruder läuft. Was verbinden Sie mit Engeln?
Ulrike Murmann: Engel sind Botinnen Gottes und treten meist auf, um frohe Botschaften zu verkünden. Auch als Schutzengel. Theologisch betrachtet sind Engel geistige Wesen ohne festen Körper. Das heißt geschlechtslose Wesen. Ohne soziales und ohne biologisches Geschlecht. Und das kann alles sein, es ist eine offene Beschreibung. In der religiösen Vorstellungswelt haben sie natürlich Flügel. Sie tragen oft goldene Locken und ein weißes Gewand, weiß als Farbe von Unschuld, und sie sind sehr flüchtig, aber wenn sie da sind, überraschen sie, intervenieren und verändern das Leben von Menschen. Sie stehen eigentlich für ein gutes Leben.
Ich bitte vor allem um himmlische Hilfe, um Kinder und Jugendliche besser vor entwürdigender Gewalt zu schützen.
Sonja Anders: Ein schöner Gedanke, dass etwas ausgesendet wird, was mehr oder weniger immateriell ist, und doch die Menschen verändern kann.
ulrike Murmann: Sie nehmen dir am Ende die Arbeit nicht ab. Die musst du schon selber machen, aber sie geben Impulse und öffnen Perspektiven, sie weiten deinen Horizont, sie befreien auch aus einer Enge. Das finde ich einen schönen Gedanken.Für die kindliche Erziehung sind sie unverzichtbar, weil sie auf das Schutzbedürfnis, das Kinder haben, antworten: Wenn ich heute Nacht einschlafe, wachen Gottes Engel über mir und behüten mich. Das ist unglaublich stärkend und beruhigend. Für beide Seiten, für Mütter und Väter, die sich schlafen legen und tatsächlich nicht mehr mit auf ihre Kinder achten können, als auch für die Kinder. Ich habe eine Erinnerung an meine Kindheit, dass ich abends, nachdem meine Mutter mit uns ein Gebet gesprochen hat, immer gut eingeschlafen bin. Kennen Sie es? Abends wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehen...?
Sonja Anders: Leider nein, meine Mutter hat nicht mit mir gebetet. Doch die Fragen nach Nächstenliebe oder nach Verantwortung für andere Menschen, diese Werte der Empathie, die halten die Populisten, von denen Sie vorhin gesprochen haben, nicht gut aus. Fürsorge und Liebe sind ihre größten Feinde. Die Aufgabe der Kirche in unserer Gesellschaft besteht auch aus dem Kümmern um die Allerkleinsten in den Kindergärten und um die Allerältesten in den Altersheimen bis hin zum Hospiz. Wie sehen Sie diese Aufgaben in der Zukunft beschützt?
ULRIKE MURMANN: Mich besorgt zum Beispiel die Entwicklung in den östlichen Bundesländern, dass die AFD, wenn sie regieren sollte, sofort die Kirchensteuer aussetzen und z.B. die kirchliche Verkündigung in Medien, die uns vertragsmäßig zusteht, absetzten will. Es sollen die Kirchen vom Bildschirm weggewischt werden.
Sonja anders: Ähnlich geht es der Kultur – da stehen wir auf einer Stufe. Umso wichtiger, dass wir zusammenstehen! Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welchen Bereich Ihrer Tätigkeit würden Sie am liebsten in die Hände von zwei Schutzengel legen?
Ulrike Murmann: Ich bitte vor allem um himmlische Hilfe, um Kinder und Jugendliche besser vor entwürdigender Gewalt zu schützen.
Sonja anders: Danke Frau Murmann, dass wir dies Gespräch führen konnten. Ich freue mich schon auf die Premiere The Boys Are Kissing, wo wir uns sicher wiedersehen werden!