
Ich glaube, ich wäre Kostümbildner, wenn ich mir einen anderen Beruf am Theater aussuchen müsste. Ich finde es so spannend, was man mit Kostümen erzählen kann.
Sonja Anders: Du bist seit vergangener Spielzeit neu im Ensemble des Thalia Theaters, bist von Berlin nach Hamburg gekommen – wie fühlt sich die Stadt für dich an?
Jeremy Mockridge: Viel intimer, kleiner, übersichtlicher. In Berlin muss man sich verabreden, um sich zu sehen. Hier sind die Wege kürzer. Das ist schon mal schön. Und ich finde die Natur in der Stadt unschlagbar. Die Menschen sind außerordentlich nett und auch das Thalia Publikum ist sehr begeisterungsfähig. Da bin ich aus Berlin anderes gewohnt.
Sonja: In welchen Städten hast du bisher gelebt?
Jeremy: Ich bin in Bonn aufgewachsen und war dann zwölf Jahre in Berlin. Ich habe dort studiert, war am Deutschen Theater engagiert und bin dann nach Hamburg gekommen. Das wars eigentlich schon. In meiner Kindheit waren wir im Sommer viel in Toronto, weil mein Vater von dort kommt, und in Rom, weil meine Mutter Römerin ist. Das waren so die Achsen.
Sonja: Hui, sehr international! Und du hast viele Geschwister. Würdest du sagen, dass dieses große Familienkonstrukt dich geprägt hat? Jetzt befindest du dich ja wieder in einer Art Familie – im Ensemble. Kann man das vergleichen?
Jeremy: Ja, schon. Auf jeden Fall hat es mich geprägt, so viele Geschwister zu haben. Wir sind sechs, ich bin der Fünfte, also der Vorletzte. Und wahrscheinlich ist es diese Dynamik: Wann ist man dran? Man verhält sich immer in der Gruppe und weiß: Ah, okay, der eine Bruder hat gerade eine Fünf geschrieben, der andere hat andere Probleme – ich bin gerade nicht dran. Das finde ich auch in der Zusammenarbeit am Theater spannend: dass man seine Fenster finden muss und spüren, wann bin ich dran und wann haben die anderen gerade den Fokus. Aber andererseits auch, dass man sich immer wieder den Raum nehmen muss. Ich glaube, dass ich gut drunter durchrutschen konnte, weil ich der Jüngere war, mit älteren Brüdern. Das war toll, weil ich viel beobachten konnte: wie die ersten Freundinnen nach Hause gebracht werden, wie meine Eltern funktionieren, wo die Reibungsflächen liegen.
Sonja: Und deine Position im Ensemble – würdest du die ähnlich beschreiben?
Jeremy: Ich finde es spannend, dass man immer seine Menschen findet. Dass das Zeit braucht, aber dass man sich auch immer wieder erkennt, in jedem Ensemble.
Sonja: Deine nächste Premiere ist Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert, geschrieben 1947. Die Stücke, die du spielst, kommen aus sehr unterschiedlichen Zeiten. Mich interessiert, wie es als Schauspieler ist, durch die Zeiten zu reisen?
Jeremy: Ich glaube, für mich zeigt es sich in erster Linie durch die Sprache. Die Sprache hat mit der Zeit zu tun, sie ist im Theater der erste Kontakt. Bei Hard Times von Charles Dickens ist zum Beispiel eine sehr spezielle Sprache gefunden worden, um Dickens näherzukommen. Bei Shakespeare ist die Historie auch immer mit dabei. Wenn man bei Shakespeare eine Pointe setzt, denke ich immer: Darüber lachen Menschen schon seit hunderten von Jahren! Das finde ich unglaublich. Und bei Deutsches Haus ist die Sprache geläufiger, naturalistischer. Worte wie „Fräulein“ aber stoßen auf. Ich habe neulich echt gefragt, ob man wirklich „Fräulein“ gesagt hat.
Sonja: Als Schauspieler bringst du uns etwas nahe, das weit entfernt ist - oder?
Jeremy: Ja, klar. Das hat natürlich mit der Lebensrealität der Figuren zu tun. Mich beschäftigt sehr: Was ist die Realität und die Grundenergie einer Figur? Wie ist sie von ihrer Zeit geprägt – oder von ihrem Beruf? Bei Sankt Falstaff (von Ewald Palmetshofer frei nach Shakespeare) zum Beispiel diesen militärischen Anführer zu spielen oder bei Deutsches Haus einen Referendar bei Gericht – das sind ganz unterschiedliche Lebensrealitäten. Da zapft man unterschiedliche Anlagen an. Uli Khuon hat das mal die „Wechselstromanlage“ genannt.
Sonja: Wenn man den Weg von der ersten Leseprobe bis zur Premiere betrachtet, mit allen Zweifeln, Überraschungen und glücklichen Momenten: Bist du ein Schauspieler, der zu Beginn schon viel darüber weiß, was am Ende herauskommt?
Jeremy: Das ist eine super Frage. Ich finde nämlich: Manchmal gibt es Figuren oder Texte, bei denen ich in der Leseprobe denke: Die sind klar für mich. Das sind oft die grelleren Nebenfiguren, jemand wie Hitzkopf in Sankt Falstaff, bei denen man denkt: Alles klar. Und dann gibt es Figuren, bei denen Fragezeichen oder größere Geheimnisse lauern. Hard Times war so – verrätselt. Vielleicht ist es die Eindeutigkeit der Dinge, die einem manchmal das Gefühl gibt, man hätte eine Figur schon verstanden. Und dann merkt man erst im Prozess, wie viel da noch verborgen ist. Das ist das Tolle am Theater.
Sonja: In diesem Prozess spielen viele Dinge eine Rolle: Bühne, Musik, Kostüm …
Jeremy: Ich finde Kostüm eine wahnsinnig interessante Sache. Ich glaube, ich wäre Kostümbildner, wenn ich mir einen anderen Beruf am Theater aussuchen müsste. Ich finde es so spannend, was man mit Kostümen erzählen kann. Und ich finde es auch toll, dass man damit so nah am Schauspieler ist. Es ist etwas sehr Intimes: der Körper, was man anhat, was einem hilft, eine Figur zu spielen – oder was dem komplett entgegengeht. Da verspüre ich eine gute Reibung.
Sonja: Würdest du gerne einmal deine Privatsachen auf der Bühne tragen? Oder auch mal gar nichts?
Jeremy: Bei Sankt Falstaff stand in der Regieanweisung, dass der Typ nackt ist, und ich habe das nackt ausprobiert. Hm. Ich war dann zufällig im Fundus, weil ich zu einer Kostümparty eingeladen war, und da habe ich diese Penis-Unterhose gefunden und sie ausprobiert – und das war toll. Plötzlich konnte ich alles spielen, jede Erregung. Da hat die Szene für mich Spaß gemacht und ich konnte loslegen. Ich finde Kostüm oft wahnsinnig, wahnsinnig, wahnsinnig aufregend.
Sonja: Du spielst in vielen Filmen. Welche deiner letzten Rollen hast du besonders gern?
Jeremy: Ich habe in dem Olivia-Jones-Film mitgespielt, für den wir auch für verschiedene Fernsehpreise nominiert sind. Und dann war ich in einem Film, der in Venedig lief: Das Mädchen mit der Leica. Beides schöne Erfahrungen.
Sonja: Wann hast du deinen ersten Film gedreht?
Jeremy: Mit neun Jahre. Ich war fünf Wochen in Italien und habe einen ARD-Liebesfilm gedreht. Rückblickend finde ich interessant, dass ich damals wie ein Erwachsener behandelt wurde. Manchmal denke ich daran zurück und denke: Ein Wahnsinn, was man als Kind schon so an Verantwortung trägt.
Sonja: Du hast dann eine Schlüsselrolle in Die Wilden Hühner gespielt.
Jeremy: Das war einfach großer Spaß, wie eine Klassenfahrt: vier Jungs, fünf Mädels, gute Inhalte. Ich habe das wirklich sehr gerne gespielt. Dann war es allerdings so, dass ich auf dem Schulhof Autogramme gegeben habe oder im Bus erkannt wurde. Nicht immer eine leichte Dynamik als Teenager. Heute freue ich mich immer, wenn ich darauf angesprochen werde.
Sonja: Wie alt warst du damals?
Jeremy: Elf beim ersten Teil, dann dreizehn und fünfzehn. Das war verrückt. Nicht leicht war, dass ich eine sehr coole Rolle gespielt habe und dann die Erwartungshaltung an mich oftmals war: Du bist so wie diese Figur. Und das hat irgendwann genervt, weil ich immer das Gefühl hatte, ich muss das quasi erfüllen.
Sonja: Bei Draußen vor der Tür geht es in meinen Augen um den subjektiven Blick in den Kopf eines Menschen: um Kriegstrauma, um die Unfähigkeit, wieder zuhause anzukommen sowie um eine Gesellschaft, die diesen Menschen nicht versteht. Wie blickst du auf diese Perspektive?
Jeremy: Ja, ein spannendes Thema. Auch in Hinblick auf die Menschen, auf die ich dort stoße und die diese Gesellschaft verkörpern. Ich freue mich auf das Ensemble, es ist echt super. Das ist eine gute Gruppe. Und ich denke auch an Hinkemann, ein Stück von Ernst Toller, das ich in der Regie von Anne Lenk am Deutschen Theater Berlin gespielt habe. Die beiden Stücke sind verwandt. Im Zentrum stehen Kriegsversehrte, die nach Hause kommen und nichts passt mehr. Da gibt es eine starke Überschneidung.
Sonja: Würdest du sagen: Es sind beides Antikriegsstücke?
Jeremy: Ja, auf jeden Fall. Wolfgang Borchert war selbst im Krieg, er war sehr jung, als er das Stück geschrieben hat. Und ich glaube, genau deshalb ist es auch nicht einfach nur ein Stück über eine bestimmte historische Situation. Es geht um jemanden, der zurückkommt und merkt: Die Welt, in die er zurückkehrt, funktioniert einfach weiter. Aber er selbst kann darin nicht mehr funktionieren.
Sonja: Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die Zeitreise des Schauspielers endet: dass wir in einer historischen Figur plötzlich etwas Gegenwärtiges erkennen.
Jeremy: Ja. Vielleicht ist das eigentlich das Spannende am Theater: dass etwas sehr weit weg sein kann und man trotzdem plötzlich merkt – das hat mit mir zu tun.