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Ensemble im Blick: Cino Djavid

Ensemblemitglied Cino Djavid, der gerade Dschinns von Fatma Aydemir probt, im Gespräch mit Sonja Anders

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Mich interessieren Widersprüche, Missverständnisse auf der Bühne. Ich finde nichts spannender, als Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich missverstehen.

Sonja Anders: Du bist in Hamburg geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und hast hier studiert. Dann hast du dich auf eine Reise begeben, quer durch die Theaterlandschaft Deutschlands. Wie fühlt es sich an zurückzukommen? 

 

Cino Djavid: Ich liebe Hamburg. Es fühlt sich an, wie nach Hause kommen, und das im doppelten Sinne, sowohl ans Thalia als auch in die Stadt. Geboren im AK Barmbek, aufgewachsen im gediegenen Poppenbüttel und dann habe ich für mich die roughe Schanze entdeckt. Sicher hat sich die Schanze verändert, ist nicht mehr ganz so rough, aber trotzdem hat Hamburg nichts von seinem Charme verloren, nichts von seiner liebenswürdigen Mentalität und norddeutschen Schnauze. Das ist etwas, womit ich mich sehr identifiziere und mich wohl fühle. Die Gerüche sind noch dieselben, die Orte, dieselben Ansagen der U-Bahn-Stationen, das fühlt sich alles wie Kindheit an. Ich erzähle aber auch grad so, als sei ich schon 100 Jahre alt.  

 

Sonja: Hast du den Ort deiner Kindheit jetzt mal wieder aufgesucht? 

 

Cino: Ja, ich bin mal mit dem Auto durchgefahren. Dazu muss ich sagen, dass ich sehr oft von den Orten meiner Kindheit geträumt habe. In allen Städten, in denen ich engagiert war, träumte ich immer wieder kurze Sequenzen, wie ich aus der U-Bahnhaltestelle aussteige und dieselbe Treppe von damals hinunter gehe und dann abbiege Richtung Schule oder Kindergarten. Als ich neulich mit dem Auto durch die Straße fuhr, in der ich groß geworden bin, fühlte es sich seltsam intensiv an, aber so, als würde ich es immer noch träumen. Wie in einem David Lynch Film.  

 

Sonja: Hat sich die Gegend, in der du aufgewachsen bist, stark verändert? 

 

Cino: Nicht wirklich, ich dachte, oh schön, hier steht noch der Riesenbaum, um den die Straße herumgebaut wurde, hier diese Wiese, auf der ich gespielt habe und da das Haus, in der die Familie gewohnt hat, mit deren Tochter ich gut befreundet war. Das war noch sehr vertraut alles. Überhaupt, es fühlt sich wirklich sehr heimisch, heimelig, also im wahrsten Sinne nach Heimat an, dieses Hamburg.  

 

Sonja: Wie kamst du zum Theater, hattest du schon als Kind Zugang zu dieser Kunstform? 

 

Cino: Ich kann mich an eine “Zauberflöte für Kinder” erinnern. Die Musik mochte ich sehr, aber in dem Moment, als ich es auf der Bühne sah, dachte ich, hä, das ist komisch, ich möchte es lieber hören, nicht sehen. Vermutlich, weil meine Fantasie ersetzt wurde, durch die einer Regie und ich dachte, aber so war das doch gar nicht. Mein erstes bewusstes Theatererlebnis als Jugendlicher war dann Liliom am Thalia Theater, in der Regie von Michael Thalheimer. Ich war wie elektrisiert. Das war eine sehr polarisierende Inszenierung, in der zu Beginn 10 Minuten lang gar nichts passierte, das Publikum hat getobt vor Wut! Dieser Abend schaffte es, von den 10 Minuten Eklat am Anfang, zu Standing Ovations am Ende.  

 

Sonja: Das war Dezember 2000, zu Beginn der ersten Spielzeit von Ulrich Khuon. Und ich war die Dramaturgin dieser Produktion, die ja doch ein wenig Theatergeschichte geschrieben hat. Was für ein schöner Zufall, dass du sie als so wichtig für dich siehst. 

 

Cino: Ja, ich dachte, boah, wenn Theater so 'ne Kraft hat, dann will ich das auch machen. Das war für mich der Moment, als ich wusste, dass ich Schauspiel studieren und auf der Bühne stehen möchte. 

 

Sonja: Was haben deine Eltern zu diesen Plänen gesagt? 

 

Cino: Ich habe heimlich vorgesprochen, bin dann mit dem unterschriebenen Vertrag nach Hause und hab ihnen gesagt, ich studiere jetzt Schauspiel. Meine Mutter hat geweint – das war wohl eine Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung. Meine Eltern hofften, ich würde etwas studieren wie Medizin, Psychologie, Jura, na ja, irgendwas Akademisches. Gleichzeitig aber fanden sie toll, dass ich meinen eigenen Weg gehe und mich für etwas entscheide, was meiner Leidenschaft entspricht. Sie sind bis heute glücklich über diese Entscheidung.  

 

Sonja: War deine Mutter schon im Thalia Theater diese Spielzeit, um dich auf der Bühne zu sehen?  

 

Cino: Vor zwei Tagen saß sie in Hard Times, wie ein Kind an Weihnachten, mit großen Augen, Parkett Mitte und konnte ihr Glück kaum fassen. Sie war ganz gerührt. Das habe ich ihr ansehen können. 

 

Sonja: Wie viele Schauspieler warst du nach dem Abschluss des Studiums an unterschiedlichen Theatern in ganz Deutschland engagiert. Welche Runde hast du gedreht, bis du hier wieder angekommen bist? 

 

Cino: Meine erste Station war die Landesbühne Wilhelmshaven. Eine absolut richtige Entscheidung, weil der Intendant Gerhard Hess dort sehr progressives Theater gemacht hat, auf Augenhöhe mit den großen Städten. Dann bin ich nach drei Jahren nach Saarbrücken gewechselt. 

 

Sonja: Zu Dagmar Schlingmann ans Staatstheater Saarbrücken, die dort sehr erfolgreich als Intendantin arbeitete. 

 

Cino: Da habe zum ersten Mal den Norden verlassen und war ganz auf mich allein gestellt. Für die Entfaltung meiner Persönlichkeit war das wichtig, weit weg von meinem gewohnten sozialen Umfeld. Ich war vier Jahre in Saarbrücken, mochte die Nähe zu Frankreich, das gute Essen und habe mich im Ensemble sehr wohl und aufgehoben gefühlt. Aber dann fiel mir die Distanz zu Hamburg so langsam auf die Füße. Gottseidank hat Dagmar das Staatstheater Braunschweig übernommen und ich durfte mitziehen. Ich war sehr happy, dass ich wieder gen Norden rücke. 

 

Sonja: Du hast groß gespielt in Braunschweig, das konnten wir ganz gut von Hannover aus beobachten. 

 

Cino: Ich durfte in Saarbrücken schon zu Beginn Don Carlos spielen. Ich stand fast vier Stunden auf der Bühne und war genauso überfordert wie die Figur selbst. Aber auch in Braunschweig habe ich tolle Rollen gespielt, Malvolio, Xerxes, oder Arturo Ui, worüber ich mich sehr gefreut habe, weil die Besetzung dieser Rolle mit mir, nicht gerade naheliegt. Das war die größtmögliche Irritation, dass jemand so wahnsinnig aneckende Parolen von sich gibt, die man aufgrund meines ethnischen Hintergrunds nicht unbedingt mit ihm verbinden würde. Irritationen mag ich.  

 

Sonja: Und dann bist du noch ein Stück weiter nach oben gerückt – auf der Landkarte, meine ich…  

 

Cino: Ja, dann sind wir uns glücklicherweise über den Weg gelaufen, und ich bin nach Hannover gewechselt. Und jetzt noch ein Stück weiter an die Waterkant nach Hamburg, an genau das Theater, was mich entzündet hat. Somit hat sich für mich ein riesengroßer Kreis geschlossen, was sich irgendwie endgültig anhört, aber auf eine sehr schöne Art. 

 

Sonja: In unserer ersten Spielzeit konnte man dich in sehr unterschiedlichen Inszenierungen erleben, von Marschlande über To My Little Boy bis hin zu Hard Times

 

Cino: Ja, das ist super. Wie ein Prisma, die Rollen sind sehr unterschiedlich, die ich hier spiele. Mich interessieren eh Widersprüche, Missverständnisse auf der Bühne. Ich finde nichts spannender, als wenn sich Menschen missverstehen und man dabei zugucken kann. 

 

Sonja: Der Sprung vom christlichen Pastor, der in Marschlande als Hardliner die Hexenverfolgung schürt, zum rosa Plüschschwein in der Uraufführung To my Little Boy von Caren Jess und schließlich zum Zirkusdirektor in Hard Times ist also ganz in deinem Sinne? 

 

Cino: Ja. Wobei all diese Figuren verbindet, dass sie auf ihre Weise schräg sind. Aber das bin ich auch. Also vielleicht liegt es auch an mir. Vom inquirierenden Pastor zum Kuschelschwein ist schonmal der größtmögliche Kontrast. Ich spiele in To my litte Boy auch Ulf, den norddeutsch sabbelnden Jugendfreund der Hauptfigur, sowie seine Mutter Annette, eine riesige Sockenpuppe, die vielleicht einsamste Figur des Abends. Und zuletzt ging es in Hard Times ab in den Zirkus, in der Rolle kann ich richtig aufblühen. Es macht so eine Freude, diesen durchgeknallten Zirkusdirektor zu spielen, der zugleich durch den Abend führt. Das liegt auch daran, dass die Inszenierung ein fantasievoller Fahrstuhl ist aus urkomischen und sehr berührenden Szenen, man weiß nie, was hinter der nächsten Tür lauert, sehr musikalisch, humorvoll und mit einfachsten Mitteln erzählt. Feuer, Regen, alles handgemacht im wahrsten Sinne. Ein dreistündiger Trip, der ganz großen Spaß macht, und ein sehr großer Wunsch von mir, endlich mal mit Antú Romeo Nunes zu arbeiten. Aktuell probe ich mit Jette Steckel im Menschenfeind. Das ist sehr aufregend für mich, da ich viele ihrer Arbeiten noch aus meiner Schauspielschulzeit kenne, wie Antús Arbeiten eben auch. 

 

Sonja: In Hard Times singst du ganz wunderbar. Magst du musikalische Abende? 

 

Cino: Ja, ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Dann habe ich während der Schulzeit auf dem Albert-Schweizer-Gymnasium ein Zweitinstrument lernen müssen, und habe mich für die Posaune entschieden. Die habe ich lange vernachlässigt. Und jetzt bei Hard Times, blase ich nach 18 Jahren wieder in die Blechtröte. 

 

Sonja: Aber dem Klavier bist du über all die Jahre treu geblieben? 

 

Cino: Das Klavier war mir immer der nächste Dialogpartner. Man kann sich hinsetzen und Selbstgespräche führen, musikalische. Es sind zwei Extreme, die ich liebe: Klassik und Techno. Zwei Pole, zwischen denen ich mich bewege und die mich beide sehr energetisieren und inspirieren.  

 

Sonja: In diesem Monat folgt mit Dschinns von Fatma Aydemir ein weiterer musikalisch geprägter Abend. Regie führt Hakan Savas Mican, mit dem du in Hannover bereits in Archiv der Sehnsüchte gearbeitet hast. Welche Rolle spielt Kontinuität für dich beim Schauspielen? 

 

Cino: Archiv der Sehnsüchte basiert auf dem Roman von Dennis Utlu und geht um einen Sohn, der sich auf die Suche nach sich selbst, nach seiner Herkunft und seinem Vater macht. Zuerst hatte ich die Sorge, dass ich die Expertise nicht mitbringe, die diese Geschichte benötigt. Ich bin kein Kind einer Arbeiterfamilie und habe meine Heimat nicht verlassen müssen. Ich habe dann aber in der Arbeit mit Hakan erfahren, dass die Suche nach sich selbst nicht unbedingt mit Herkunft zu tun haben muss, sondern allgemeingültig ist. Im Publikum haben sich viele ganz unterschiedlich angesprochen gefühlt durch das Thema. Ich vertraue Hakan, was übrigens eine große Rolle spielt bei der Frage nach Kontinuität. Er konnte bei dieser Arbeit, egal welchen ethnischen Background man mitbrachte, nachvollziehbar machen, was es für jemanden bedeutet, seinen Platz in der Gesellschaft zu suchen.  Mir war das Gefühl eher fern. Und wenn mich jemand mal gefragt hat, wo kommst du eigentlich her oder wo liegen deine Wurzeln, habe ich mich immer gefreut, und gedacht, wie schön, da hat jemand Interesse, ist neugierig. Ich war von dieser Frage nie genervt, verstehe aber durchaus, wenn man damit verbindet, dass einem etwas zugeschrieben wird. 

 

Sonja: Das ist ein wichtiger Punkt. So wird leicht übergangen, dass Fatma Aydemir in Dschinns eine deutsche Familie beschreibt, ein Stück deutscher Historie – eben von Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Herkunft der Familie spielt bei den Geschwistern, von denen du eines spielst, jeweils eine andere Rolle und ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Ich mag, dass diese Geschwister so unterschiedlich sind. Das lotet Hakan sicher gut aus, mit viel Tiefe und auch Musik. 

 

Cino: Alle Arbeiten, die ich von ihm gesehen habe, am Maxim Gorki Theater zum Beispiel, sind tatsächlich immer sehr musikalisch, lustig und poetisch. Und kaum, dass man denkt, oh, jetzt wird es kitschig, jetzt krieg ich Zahnschmerzen, bekommt er die Kurve und man muss im nächsten Moment lachen. Das ist wie ein Kalt-Warm-Wasserwechsel und schafft eine große Emotionalität auf der Bühne. Ich freue mich schon sehr auf die Premiere von Dschinns