
Streit kann eine positive Auseinandersetzung großer Energien sein. Das denke ich auch.
Sonja Anders: Du bist in Chemnitz aufgewachsen. Wie ist deine Erinnerung daran?
André Szymanski: Nun ja, ich bin da aufgewachsen. Also habe ich viele Erinnerungen. Meine Eltern, mein Bruder, meine Familie, Kindheit , Jugend, an mein Neubaugebiet, das direkt in den Wald überging. Ich bin in der Platte aufgewachsen, in einem unspektakulären Fünfgeschosser, aber dahinter begann gleich der Wald, und am Ende des Waldes lag ein Dorf, in dem meine Großeltern lebten. Ich bin also sowohl in einem Neubaugebiet als auch auf dem Land aufgewachsen. Der Richtigkeit halber muss ich noch erwähnen, dass die Stadt damals noch Karl-Marx-Stadt hieß.
Sonja: Würdest du sagen, dass es dich bis heute prägt, im Osten, also in der DDR, aufgewachsen zu sein?
André: Ich habe zumindest eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie es ist, in einem „kollektivistischen System“ aufzuwachsen. Ich war 15 Jahre, als die Mauer fiel. Das heißt, ich habe noch einiges mitbekommen, wenn auch nicht die unangenehmeren Dinge oder gar Schwierigkeiten, die sich vielleicht mit Studienwunsch, drei Jahren Armee etc. angeschlossen hätten. Aber natürlich bin ich durch die DDR geprägt.
Sonja: Hat deine Mutter gearbeitet?
André: Ja, wie fast alle Mütter und Frauen in der DDR.
Sonja: Das heißt, du warst im Kindergarten und hast deine Schulzeit in der DDR verbracht?
André: Den größten Teil ja. Kinderkrippe, Kindergarten und dann an der „zehnklassigen, allgemeinbildenden, polytechnischen Oberschule Anton Semjonowitsch Makarenko“ (lacht)
Ja, so die offizielle sozialistische Bezeichnung. Im Eingang hing ein Schild mit Bild und einem Zitat von Makarenko, einem umstrittenen russischen Pädagogen: „Ich fordere von dir, weil ich dich achte.“ Das habe ich mir zehn Jahre lang jeden Tag angeguckt. Ich fand diesen Gedanken irgendwie immer interessant: Ich lasse dir nicht alles durchgehen, ich will etwas von dir, weil ich Respekt vor dir habe. Das passte für mich auch immer zum Theater. Ich fordere dich heraus, ich möchte etwas von dir auf der Bühne sehen und vertraue dir. Ich bekomme mehr von dir, als du dir selbst zutraust. Weil wir uns achten.
Sonja: In dieser Zeit des Erwachsenwerdens, die einen ja sehr prägt, ist in deiner Welt die Mauer gefallen. Wie schnell bist du das erste Mal in den Westen gereist?
André: Gleich im November 1989. Ich weiß das noch ziemlich genau, weil es so unglaublich war. Auf einmal stand von einem Tag auf den anderen die Welt Kopf – aber sie war auch offen. Ich bin dann nach Berlin gefahren, es war irre.
Sonja: Hattest du vorher das Gefühl, dass die Welt dir verschlossen war?
André: Nein, das habe ich damals noch nicht so begriffen. Meine Eltern haben sich allerdings auch immer große Mühe gegeben, das Mögliche möglich zu machen, tolle Urlaube an der Ostsee, im Harz bei meinen Großeltern oder mit viel Aufwand auch in Ungarn. Im Trabant, mit meinem Bruder und mir auf der Rückbank dieses winzigen Autos. Was man heute für selbstverständlich hält, war damals mit einem unglaublichen Aufwand verbunden: Visa besorgen, Geld tauschen zu horrenden Kursen, bezahlbares Benzin im Kofferraum „mitnehmen“, ewig lange Fahrten. Aber wir sind bis nach Budapest gefahren – eine große Sache.
SonjA: Und als Fünfzehnjähriger bist du 1989 gleich nach Berlin?
André: Am 10. November habe ich mich mit einem Freund in den Zug gesetzt. Meine Eltern haben das erstaunlicherweise zugelassen. Wir kamen am Bahnhof Zoo an, es roch nach Pommesfett und es gab sehr lange Schlangen an den Schaltern, an denen man sein Begrüßungsgeld, die 100 D-Mark, abholen konnte. Wir haben uns dann aber nicht angestellt. Glücklicherweise hatte ich ein bisschen Westgeld dabei. Ich erinnere mich noch an das Gefühl: Ich fand es sehr aufregend, etwas irreal aber schon damals auch ein bisschen demütigend. Das hat sich irgendwie gehalten.
Sonja: Was denkst du, wie deine Eltern beschreiben würden, wie sich ihre Lebensrealität damals verändert hat?
André: Das kann ich für sie so genau nicht beantworten. Für mich als Jugendlicher war es ein riesiges, faszinierendes Abenteuer mit bis dahin nicht denkbare Möglichkeiten, aber sie haben sicherlich ganz andere Sorgen und Ängste gehabt. Meinen Eltern ging es aber ganz gut. Meine Mutter war Lehrerin, zeit ihres Arbeitslebens nie arbeitslos und als Mathematiklehrerin auch ziemlich unbefangen. Sie hat schließlich weder Staatsbürgerkunde noch Russisch unterrichtet. Mein Vater war allerdings kurze Zeit arbeitslos und hat dann eine neue Stelle gefunden. Und das war entscheidend in dieser Zeit, weil es tatsächlich Massenarbeitslosigkeit gab.
Sonja: Schon absurd, dass diese Folge der oftmals glorifizierten Wende so wenig gesehen wird.
André: Man müsste eigentlich viel mehr über diesen Anschluss sprechen, über die Treuhand oder darüber, dass die Ausgangssituation so ungleich war: auf der einen Seite die BRD, auf der anderen eine wirtschaftlich komplett marode DDR, die auf den kapitalistischen Markt geworfen wurde – mitsamt ihren 17 Millionen Einwohnern. Viele verloren von einem Tag auf den anderen nicht nur ihre vermeintliche Identität in ihren Betrieben oder an ihren Arbeitsplätzen, sondern ganz simpel auch ihre Jobs und damit Möglichkeiten, sich im gleichen Maße zu entwickeln.
Sonja: Würdest du fürs Theater auch beschreiben, dass es mehr annektiert als wiedervereint wurde?
André: Ich bin ja erst mit 20 Jahren zum Studieren an die Hochschule Ernst Busch gegangen und wurde dann am Deutschen Theater Berlin engagiert, ich fand das großartig, weil das schon zu DDR-Zeiten für Schauspieler natürlich der Sehnsuchtsort war. Das Theater hatte in der DDR einen unglaublichen Stellenwert. Die Leute waren sehr gut ausgebildet, und Theater war extrem wichtig, weil jeder Satz wichtig war. Es war ein subversiver Ort.
Sonja: Was waren für dich wichtige Stationen nach dem Deutschen Theater?
André: Ich bin 1999 mit Thomas Ostermeier von der Baracke des Deutschen Theaters an die Schaubühne Berlin gegangen und dort zehn Jahre geblieben. Das war wahnsinnig aufregend: eine sehr junge Truppe und wir haben viele Versuche gemacht, Mitbestimmungsmodelle und einiges anderes. Manches davon empfinde ich im Nachhinein auch etwas anstrengend. (lacht). 2009 bin ich dann im Schlepptau von Luk Perceval ans Thalia Theater gewechselt.
Sonja: Luk Perceval war damals Hausregisseur am Thalia Theater?
André: Genau. Er hat hier im Jahr zwei Stücke inszeniert, und ich habe viel mit ihm gearbeitet. Aber auch aus privaten Gründen war es für mich an der Zeit, noch einmal die Stadt zu wechseln. Es hat sich in der Folge alles ziemlich gut entwickelt in Hamburg: Ich habe neue Leute kennengelernt, neu über Theater nachgedacht, neue Sachen ausprobiert. Ich bin spielerischer geworden, ich habe mich verändert.
Sonja: Hat sich nicht auch der Umgang miteinander am Theater über die Jahre verändert?
André: Vor allem lässt nach, dass ein Regisseur, eine Regisseurin die einzig gültige Wahrheit für sich beansprucht. Das ist ein Problem, mit dem sich Schauspieler*innen oft herumplagen mussten. Manchmal ist es auch ein bisschen lustig: Du gehst von einer Arbeit in die nächste, und plötzlich ist das Gegenteil von dem, was vorher richtig war, falsch. Mit Luk Perceval habe ich auf Augenhöhe gearbeitet, genauso mit Antú Nunes, Jette Steckel, Charlotte Sprenger und jetzt Anne Lenk. Man ist stärker in die Arbeit eingebunden und hat dramaturgisch mitgedacht. Dadurch hat sich die Zusammenarbeit mit dem Regieteam verändert, und ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Schauspieler ist ein total vulnerabler Beruf, Proben sind eine vulnerable Situation, und der Umgang miteinander ist vielleicht das Grundsätzlichste, was sich für mich über die Jahre verändert hat.
Sonja: Anfang Dezember wird Kabale und Liebe hier in Hamburg Premiere haben, eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin. Beide Ensembles spielen miteinander. Wie fühlt sich das an?
André: Das wird ein spannender Versuch, weil man tatsächlich eine gemeinsame Produktion bestreitet: Kolleg*innen vom Deutschen Theater – Maren Eggert, Felix Göser, Mercy Dorcas Otieno und Janek Maudrich – spielen gemeinsam mit dem Ensemble des Thalia Theaters. Ich finde es auch schön, dass das Stück in zwei Städten herauskommt.
Sonja: Weckt das Erinnerungen an deine Zeit am Deutschen Theater?
André: Aus persönlicher Sicht ist es eine interessante Wendung: Ich kehre dahin zurück, wo ich angefangen habe. Ich freue mich auch auf den Raum dort. Er ist anders als dieser hier, den ich wirklich sehr lieben gelernt habe. Ich weiß, dass die Akustik im Deutschen Theater durch den Gips-Horizont sensationell ist. Aber ich frage mich auch, was alles passieren wird, wie wir uns auf der Bühne begegnen, in den Proben mit Anne Lenk und dann in den Premieren und Vorstellungen in den beiden Städten?
Sonja: Ich finde vor allem auch den Gedanken einer Kooperation schön: dass man sich als zwei Theater zusammentut und gemeinsam auf eine abenteuerliche Reise geht. Anne Lenk hat die Rollen unabhängig vom Alter der Schauspieler*innen besetzt. Wie fühlt es sich an, wenn Eltern und Kinder beinahe gleich alt sind?
André: Am Anfang war es schon seltsam. Anne Lenk fand das nie – Für sie ist die Liebe zeitlos in diesem Stück. Ich denke, dass sich daraus interessante Konflikte und Spannungen entwickeln werden. Eine seltsame Coolness des Alters vielleicht, die man von außen betrachtet sogar als unangenehm empfinden könnte. Ich frage mich gerade bei den Proben: Wenn der Vater intrigant, aber auch hedonistisch und ein bisschen merkwürdig ist, wogegen rebelliert der Sohn? Vielleicht geht es um eine Sehnsucht nach Idealen, die in der Vätergeneration offensichtlich nicht mehr da ist. Die Frage: Wonach sucht die jüngere Generation im Gegensatz zu ihren Eltern?
Sonja: Und es geht um verschiedene Vorstellungen von Liebe – wie auch in deiner letzten Premiere, Der Menschenfeind. Mit der Regisseurin Jette Steckel verbinden dich einige Arbeiten, nicht wahr?
André: Ja, mit Jette bin ich sehr vertraut. Wir haben schon so viele wunderbare und unterschiedliche Arbeiten miteinander gemacht. Manchmal, wenn erste Ideen zu Konzept oder Bühne entstehen, denke ich manchmal: Ich könnte jetzt 100 Sachen sagen, warum das nicht geht. Aber ich weiß, mit wem ich zusammenarbeite, und dass wir uns der Herausforderung gemeinsam stellen. Jette hat eine Idee, ich habe eine Idee, und daraus folgen Auseinandersetzungen, die überhaupt nicht arg sind, sondern interagieren. Und das ist großartig. Es hat viel mit Vertrauen zu tun, wie wir zusammenarbeiten.
Sonja: Ich denke, es ist ein gängiger Irrtum, dass Menschen, die auf Augenhöhe arbeiten, nicht wirklich streiten. Das Gegenteil ist ja der Fall. Wenn von oben herab dirigiert wird, hat eine echte Kontroverse keine Chance, sie wird durch Angst und Druck verhindert. Siehst du das auch so?
André: Streit kann eine positive Auseinandersetzung großer Energien sein. Das denke ich auch.