Neutralität heißt nicht Wertfreiheit

Anlässlich der Premiere von »Baracke« sprach Dramaturgin Johanna Vater mit Marie Angelmann und Robert Verhagen vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus Hamburg (MBT) über rechte Normalisierung, demokratische Verantwortung – und die Frage, was passiert, wenn niemand widerspricht.

Die wichtigste Voraussetzung ist (...) die Bereitschaft anzuerkennen, dass rechte Aussagen, Handlungen oder Einstellungen nicht harmlos sind
(Robert Verhagen)

Johanna Vater: Kurz und knapp: Was macht das Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Hamburg?

 

Robert Verhagen: Der Kern unserer Arbeit ist Beratung. Wir unterstützen Einzelpersonen und Institutionen, die mit rechten Ungleichwertigkeitsvorstellungen konfrontiert sind und einen Umgang damit finden wollen – zum Beispiel Schulen, Vereine, soziale Einrichtungen oder Initiativen. Häufig geht es um sehr konkrete Fragen: Wie ordnen wir Aussagen, Symbole oder Codes ein? Welche Haltung und welche Regeln brauchen wir? Und wie reagieren wir, wenn rechte Positionen im Alltag sichtbar werden?

 

Marie Angelmann: Darüber hinaus machen wir Bildungsformate, Öffentlichkeitsarbeit – etwa Analysen, Jahresrückblicke und Handreichungen – sowie Recherche und Monitoring zu rechten Aktivitäten in Hamburg. Uns ist dabei wichtig, nicht nur rechte Akteur*innen zu beobachten, sondern auch zivilgesellschaftliche Gegenwehr sichtbar zu machen.

 

Vater: Wer wendet sich an euch?

 

Angelmann: Etwa zwei Drittel unserer Anfragen kommen von Institutionen, ein Drittel von Einzelpersonen. Ein häufiger Anlass ist, dass Menschen im Arbeitsalltag mit rassistischen oder antisemitischen Aussagen oder Haltungen konfrontiert sind und merken: Das ist ein Problem, aber wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen.

 

Vater: Was braucht es, damit Beratung wirksam sein kann?

 

Verhagen: Die wichtigste Voraussetzung ist ein Problembewusstsein. Also die Bereitschaft anzuerkennen, dass rechte Aussagen, Handlungen oder Einstellungen nicht harmlos sind. Beratung funktioniert nur freiwillig – wir können niemanden überzeugen, der kein Problem sieht. Wir beraten systemisch: Ratsuchende sind Expert*innen für ihre Situation, wir bringen unsere Fachperspektive ein. Zentral ist für uns dabei immer die Betroffenenperspektive. Wir fragen: Welche Auswirkungen haben Entscheidungen auf Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind oder betroffen sein könnten?

zentraler Nährboden für Rechtsextremismus ist, wenn Menschen oder Institutionen nicht hinschauen wollen
(Marie Angelmann)

Vater: Arbeitet ihr auch mit Personen, die Gewalt ausüben?

 

Angelmann: Nein. Wir arbeiten weder mit Täter*innen noch als Betroffenenberatung. Für Betroffene rechter Gewalt gibt es spezialisierte Stellen, in Hamburg ist das Empower. Und für Menschen, die selbst in rechten Szenen aktiv sind und aussteigen wollen gibt es eine eigene Ausstiegs- und Distanzierungsberatungen. Wir arbeiten mit Menschen und Institutionen, die rechte Haltungen in ihrem Umfeld wahrnehmen und etwas dagegen tun wollen.

 

Vater: Ihr sagt, ihr arbeitet nicht täterzentriert. Was bedeutet das konkret?

 

Verhagen: Viele Einrichtungen richten den Blick zuerst auf die Person, die rechte Haltungen äußert: Wie holen wir sie „zurück in die Gruppe“? Dabei geraten oft die Bedürfnisse von Betroffenen oder von Menschen, die sich unwohl fühlen, aus dem Blick. Wir verschieben den Fokus: Wie muss ein Raum gestaltet sein, damit er sicherer ist? Welche Standards braucht es? Erst danach stellt sich die Frage, was im Umgang mit der Gewalt ausübenden Person möglich ist – ohne dass ihre Bedürfnisse den Prozess dominieren.

 

Angelmann: Wir arbeiten mit dem Verständnis, dass rechte Ideologien in der Gesellschaft verbreitet sind und uns alle prägen. Ein zentraler Nährboden für Rechtsextremismus ist, wenn Menschen oder Institutionen nicht hinschauen wollen – wenn sie sagen: „Das hat mit uns nichts zu tun.“ Dann werden rechte Gewalt und Ausschluss schnell reproduziert, ohne dass es als Problem erkannt wird.

Seit Anfang 2024 sind unsere Fallzahlen um etwa 45 Prozent gestiegen – so stark wie noch nie.
(Marie Angelmann)

Vater: Ihr verzeichnet steigende Fallzahlen. Woran liegt das – Normalisierung oder Sensibilisierung?

 

Angelmann: Beides. Seit Anfang 2024 sind unsere Fallzahlen um etwa 45 Prozent gestiegen – so stark wie noch nie. Wir sehen, dass Menschen sich teilweise wohler fühlen, rechte Aussagen zu tätigen. Gleichzeitig erleben wir eine sehr wache Zivilgesellschaft: Viele melden sich, weil sie Dinge nicht hinnehmen wollen.

 

Vater: Welche Rolle spielen rechte Kommunikation, Codes und Social Media?

 

Verhagen: Rechte Akteur*innen sind online sehr professionell. Sie haben früh verstanden, wie Algorithmen funktionieren und wie emotionalisierende Inhalte Reichweite erzeugen. Codes verändern sich ständig – heute kommen schnell wechselnde Zeichen wie Emojis hinzu.

 

Angelmann: Auch Sprache verschiebt sich. Begriffe wie „Remigration“ wurden lange in rechten Kreisen verwendet, werden inzwischen aber deutlich beiläufiger genutzt – oft ohne dass noch thematisiert wird, was damit eigentlich gemeint ist.

 

Vater: Wie geht ihr mit Situationen um, in denen rechte Aussagen als „Scherz“ daherkommen?

 

Verhagen: Für Betroffene ist die Wirkung dieselbe – unabhängig davon, ob etwas als Witz gemeint war oder nicht. Entscheidend ist, dass rechte Gewalt reproduziert wird. Dann braucht es eine klare Haltung und Konsequenzen. Ob jemand ein geschlossenes Weltbild hat oder noch erreichbar ist, ist für den Umgang relevant – nicht für die Bewertung der Situation.

 

Angelmann: Und wenn man in dem Moment nicht reagieren kann, heißt das nicht, dass man gar nichts tun kann. Man kann später handeln, Verbündete suchen, Standards klären. Schweigen wird sonst schnell als Zustimmung gelesen.

 

Vater: Wie resilient erlebt ihr demokratische Institutionen?

 

Verhagen: Es hat sich viel getan: Leitbilder, Regelwerke, Antidiskriminierungsstrukturen. Gleichzeitig hängen Prozesse oft an einzelnen engagierten Personen. Wenn Haltung nicht strukturell verankert wird, verpufft sie, sobald diese Personen gehen.

 

Angelmann: Hinzu kommt ein massiver Ressourcenmangel – gerade in Schulen und sozialen Einrichtungen. Selbst wenn der Wille da ist, fehlen oft Zeit und Personal. Prozesse versanden, Engagierte brennen aus.

 

Vater: Es gibt Berichte über rechte Strategien in Ehrenämtern oder Institutionen. Wie schätzt ihr das ein?

 

Angelmann: Evidenzbasiert ist das schwer zu belegen. Als Tendenz hören wir aus ländlicheren Regionen, dass solche Strategien dort stärker sind. Unsere Sorge ist, dass sich Mehrheitsverhältnisse verschieben, weil Engagierte gehen und zu wenige widersprechen – und dass sich rechte Haltungen dadurch leichter festsetzen.

Hoffnung geben uns die vielen mutigen Menschen, die sich melden und sagen: Wir sehen, was passiert – und wir nehmen das nicht hin.
(Marie Angelmann)

Vater: Wo kippt Neutralität in aktives Wegsehen?

 

Angelmann: Neutralität heißt nicht Wertfreiheit. Das Neutralitätsgebot orientiert sich an unserer Verfassung – an Demokratie und dem Schutz vor Diskriminierung. Wer diskriminierende oder antidemokratische Aussagen stehen lässt, normalisiert sie. Das trägt zu einem Erosionsprozess bei.

 

Verhagen: Wichtig ist, überhaupt zu handeln. Das muss nicht immer im Moment passieren – aber Wegsehen darf keine Option sein.

 

Vater: Gibt es eine unbequeme Wahrheit, der sich Hamburg stellen muss?

 

Angelmann: Der Mythos, Hamburg habe keine rechte Gewalt. Auch hier gibt es eine lange Geschichte tödlicher rechter Gewalt – u.a. hat der NSU in Hamburg Süleyman Taşköprü ermordet. Und auch hier gibt es Alltagsrassismus und Alltagsantisemitismus. Wir sind alle darin verstrickt und müssen uns damit auseinandersetzen.

 

Vater: Zum Schluss: Was bereitet euch die größte Sorge – und was gibt Hoffnung?

 

Verhagen: Sorge macht uns, dass zivilgesellschaftliche Projekte, die direkt oder indirekt gegen rechts arbeiten, Finanzierung verlieren. Das schwächt Räume, in denen Demokratie praktisch wird.

 

Angelmann: Hoffnung geben uns die vielen mutigen Menschen, die sich melden und sagen: Wir sehen, was passiert – und wir nehmen das nicht hin.

 

Vater: Vielen Dank für das Gespräch!