Vergesst Deutschland

Eröffnungsvortrag zu den Lessingtagen von Navid Kermani

Die Deutschen, so heißt es seit der Wiedervereinigung immer, müssten endlich wieder ein normales, ein unverkrampftes Verhältnis zur Nation haben. Fröhlich solle ihr Patriotismus sein, aber auch selbstbewusst und keinesfalls verschämt. Dass seit der Wiedervereinigung über hundert Menschen fremder Herkunft aus Liebe zum Vaterland in Deutschland ermordet wurden und ganze Landstriche praktisch ausländerfrei sind, wurde allenfalls am Rande registriert. Erst die Offenlegung eines rechtsradikalen Terrornetzwerkes im vergangenen in diesem Herbst hat die Öffentlichkeit alarmiert. Es stellt sich die Frage: Wenn Patriotismus bis heute so oft in Gewalt umschlägt, ist er dann überhaupt eine Tugend? Gotthold Ephraim Lessing, der heute als deutscher Nationaldichter verehrt wird, schien das nicht zu glauben. Seinen Zeitgenossen galt er deshalb als schlechter Patriot. „Ich habe“, bekannte er in einem Brief. „überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, daß ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheinet mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.“
In seiner Rede zur Eröffnung der Lessingtage spricht der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani über Lessings Absage an den patriotischen Enthusiasmus – und warum sie 2012 noch gilt.

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