Digital booklet

Der zerbrochne Krug

by Heinrich von Kleist directed by Lilja Rupprecht
Duration 2 Hours, no interval
Premiere 28.3.26, Thalia Theater
Content Notes
addressing sexual violence (rape)

Kurz gefasst

Frau Marthe erscheint am Morgen im Gericht, in den Händen den zerschlagenen Krug – nebst der gefährdeten Unschuld ihrer Tochter Eve. Denn diese war mit dem Krugzertrümmerer allein im Zimmer, als es geschah. Und so gilt es sowohl Recht für den Krug zu finden als auch die Reputation der Tochter wiederherzustellen. Als Schuldigen will Marthe Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter ausmachen. Richter Adam ist bereit ohne weitere Prüfung die Verurteilung zu vollziehen, um bloß den Vorgang schnell vom Hals zu haben. Doch ganz so einfach gestaltet sich der Prozess nicht. Denn sowohl Ruprecht hat kein Interesse, das Urteil zu akzeptieren als auch Gerichtsrat Walter, der zur Kontrolle der Justiz aus Utrecht geschickt wurde. Merkwürdig desolat ist der Dorfrichter außerdem: Der Kopf zerschunden, das Bein verletzt, die Perücke verloren. Und dann war da auch noch dieser Traum, bei dem er sich „selbst den Hals ins Eisen judizierte“. Alle Zeichen weisen auf den Richter selbst. Doch dieser windet sich durch etliche Lügen und Geschichten immer wieder eben jenen Hals aus dem Eisen hinaus und wird dabei von der Gemeinschaft geschützt, die kein Interesse daran hat, die Augen zu öffnen und zu sehen, dass der Richter selbst das Recht missachtet und sie Teil werden dieses Systems. 

Absurd ist es mit welcher Unverfrorenheit, Kleists Dorfgemeinschaft lügt und fantasiert, um bloß nicht die eigene Position zu verlieren oder das eigene Weltbild einer Korrektur unterziehen zu müssen. Die Anstrengungen sind immens, die Überzeugung damit durchzukommen allerdings auch. Am Ende stürzt das sorgsam erbaute Konstrukt dennoch zusammen. Denn zart und stetig bildet sich eine Gegenkraft, die vielleicht nicht die Gerechtigkeit wiederherstellen kann, aber die Mächtigen und ihre Mittel überführt. Und wenn wir Glück haben, entsteht aus den Trümmern diesmal etwas jenseits von Gewalt, Manipulation und Eigennutz. Die Chance wäre da.  

Kleists 1808 in Weimar von Goethe uraufgeführtes Lustspiel, hat leider nichts an Aktualität verloren. Sexualisierte Gewalt nimmt sich sowohl in den digitalen Welten als auch in der Realität immer weiter Raum. Die damit verknüpften Lügen und Strategien, das Stützen des Systems, das dies ermöglicht steht stabil. Es ist Zeit kräftig daran zu rütteln.