The Schmidt
Anlässlich der Premiere von »No Body« sprechen wir mit »The Schmidt«, Mitglied des queeren Künstler*innenkollektivs »House of Brownies«. »The Schmidt leitet den Jugendclub »BIPoC only« am Thalia Theater. Im Gespräch geht es darum, wie gemeinsame künstlerische Arbeit Empowerment schaffen kann.
Dort habe ich zum ersten Mal wirklich gespürt, welche Kraft künstlerischer Ausdruck haben kann, wenn es darum geht, Erfahrungen von Identität und Community sichtbar zu machen.
Darius Hartwig: Zum Einstieg: Magst du dich kurz vorstellen und erzählen, wie dein Weg zur Arbeit als Multimedia Artist, Choreograf*in und Community-Outreach-Aktivist*in geführt hat?
The Schmidt: Ich bin eine in Hamburg ansässiger Multimedia-Künstler*in, Choreograf*in und Community-Outreach-Aktivist*in. Meine Arbeit ist bekannt für eine dynamische Verbindung von Tanz, Fotografie und Film, mit der ich queere und marginalisierten Identitäten erforsche. Aufgewachsen zwischen Deutschland und Jamaika haben meine kulturellen Erfahrungen meine künstlerische Praxis geprägt und zu einem intersektionalen Ansatz in meiner Arbeit geführt. Nach meinem Bachelorabschluss an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim im Jahr 2014 schloss ich mich dem Bundesjugendballett sowie dem Hamburg Ballett an, wo ich bis 2019 als Tänzer*in auftrat.
Als „Mother“ des „House of Brownies“ setze ich mich für queere Performancekunst, Diversität und Repräsentation in den Künsten ein. 2021 wurde ich von der Ferdinand-Möller-Stiftung unterstützt und erhielten wir die Nachwuchsförderung und eine Projektförderung in der folgenden Spielzeit 24/25. Seit Dezember 2025 leite ich den Klub 1, den ersten „BIPOC only“ Jugendclub im Thalia Theater.
Darius Hartwig: Viele deiner Arbeiten kreisen um Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Community. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass Kunst für dich ein Ort sein kann, um solche Themen sichtbar zu machen?
The Schmidt: Ich habe früh gemerkt, dass viele Menschen sehr in ihrer eigenen Lebensrealität verankert sind und andere Perspektiven dadurch oft kaum wahrnehmen. Gleichzeitig kommunizieren Menschen auf unterschiedliche Weise und nehmen Informationen über verschiedene Zugänge auf. Durch unsere multimedialen Arbeiten wurde mir bewusst, dass Kunst ein besonderer Raum sein kann, um Menschen zu erreichen, zu informieren und zur Reflexion anzuregen. Ein prägender Moment dafür war unser erster Auftritt 2021 bei der Black Pride in Leipzig. Dort habe ich zum ersten Mal wirklich gespürt, welche Kraft künstlerischer Ausdruck haben kann, wenn es darum geht, Erfahrungen von Identität und Community sichtbar zu machen.
Darius Hartwig: Wenn du ein neues Projekt entwickelst, wie entsteht das? Kommen die Themen zuerst aus der Community, aus dem eigenen Körper, aus politischen Momenten? Wie sieht dein kreativer Prozess aus?
The Schmidt: Leider bin ich in meiner Karriere noch nicht an dem Punkt, an dem ich einfach frei und unabhängig Projekte kreieren kann. Oft entstehen Arbeiten im Zusammenhang mit Förderungen oder konkreten Möglichkeiten. Wenn ich ein Projekt entwickle, ist es mir sehr wichtig, kollektiv zu arbeiten. Ich versuche, einen Raum zu schaffen, in dem alle Beteiligten ihre Perspektiven und Themen einbringen können – also das, was sie gerade persönlich oder gesellschaftlich beschäftigt.
Auch beim Choreografieren spielen die Erfahrungen und Blickwinkel der Performer*innen eine große Rolle. Der Ausgangspunkt für eine Arbeit kann unterschiedlich sein: manchmal ein Gefühl, ein Musikstück, die Architektur eines Raumes oder ein aktueller politischer Moment. Letztlich hängt der kreative Prozess immer stark von den vorhandenen Ressourcen und von der Zusammensetzung des Teams ab.
Für mich ist Kunst vor allem eine Form der Kommunikation. Sie funktioniert manchmal sogar besser als ein klassischer Dialog – etwa durch Bewegung, Bilder oder einen Songtext.
Darius Hartwig: In deine künstlerischen Arbeiten suchst du immer wieder neue Formen, um unsere politische Realität zu befragen. Wann entsteht für dich das Gefühl, dass Kunst wirklich etwas in Bewegung setzt?
The Schmidt: Für mich ist Kunst vor allem eine Form der Kommunikation. Sie funktioniert manchmal sogar besser als ein klassischer Dialog – etwa durch Bewegung, Bilder oder einen Songtext. Wenn ich Kunst mache, hoffe ich, dass sie etwas in Menschen auslöst: vielleicht einen Gedankenprozess, ein Gefühl oder auch einfach ein Lächeln.
Der Moment, in dem Kunst wirklich etwas in Bewegung setzt, ist für mich der, in dem Menschen anfangen, sich selbst in anderen wiederzuerkennen. Wenn wir uns in den Erfahrungen anderer spiegeln können, entsteht Verständnis. Und aus Verständnis können Solidarität und Allyship wachsen – was im besten Fall einen Dominoeffekt auslöst.
Darius Hartwig: Du bist Teil und Mitbegründer*in von „The House of Brownies“, ein queeres BIPoC Künstler*innen-Kollektiv. Welche Rolle spielt diese Gemeinschaft für deine Arbeiten? Was verändert sich, wenn künstlerische Projekte aus einem Kollektiv heraus entstehen, statt aus einer einzelnen Autor*innenschaft?
The Schmidt: Da ich lange in Theaterstrukturen gearbeitet habe, die stark hierarchisch organisiert sind, habe ich mit der Zeit ein großes Bedürfnis entwickelt, anders zu arbeiten – nämlich kollektiv. Für mich bedeutet das, wirklich zuzuhören, miteinander zu sprechen und gemeinsam zu gestalten. In einem Kollektiv geht es nicht nur darum, Ideen zu teilen, sondern auch darum, Verantwortung, Perspektiven und Erfahrungen miteinander zu tragen. Ich sehe sehr viel Stärke in dem gemeinsamen „Wir“. Jede Person bringt ihre eigene Geschichte, ihre eigenen künstlerischen Sprachen und Blickwinkel mit ein. Dadurch entsteht ein Raum, in dem verschiedene Realitäten sichtbar werden können, besonders für Menschen, deren Perspektiven in klassischen Kunstinstitutionen oft unterrepräsentiert sind.
Wenn ein Projekt aus einem Kollektiv heraus entsteht, verändert sich auch der kreative Prozess. Das Endprodukt ist oft nicht mehr genau das, was sich eine einzelne Person am Anfang vorgestellt hat. Stattdessen entwickelt die Arbeit ein eigenes Leben – ein gemeinsames Leben, das aus den Ideen, Erfahrungen und Energien aller Beteiligten entsteht. Genau darin liegt für mich die Kraft kollektiver künstlerischer Praxis.
Darius Hartwig: Welche Verantwortung tragen Kulturinstitutionen, wie das Thalia Theater, wenn es um Themen wie Repräsentation oder Zugänglichkeit geht?
The Schmidt: Wenn ein Theater relevant bleiben und wirklich ein Ort für die Gesellschaft sein will, muss es sich aktiv mit Fragen von Repräsentation und Zugänglichkeit auseinandersetzen. Theater erzählt Geschichten – und es ist wichtig, dass sich möglichst viele Menschen in diesen Geschichten wiederfinden können, sowohl auf der Bühne als auch hinter den Kulissen.
Repräsentation im Theaterraum ist jedoch komplex. Oft bewegt man sich in einem gewissen Teufelskreis: Wenn behauptet wird, es gebe keine Nachfrage nach bestimmten Perspektiven oder Künstler*innen, werden auch keine Produktionen ermöglicht – und ohne Produktionen bleibt die Sichtbarkeit wiederum aus. Deshalb braucht es Institutionen, die bewusst Räume öffnen und neue Stimmen einladen. Ich habe zum Beispiel mit dem Wechsel der künstlerischen Leitung am Theater erstmals das Gefühl gehabt, mich selbst stärker auf der Bühne wiederzufinden. Solche Veränderungen zeigen, wie wichtig Entscheidungen auf institutioneller Ebene sind.
Gleichzeitig bleibt Theater eine Kunstform, die noch immer viele ableistische Strukturen hat. Dennoch sehe ich in den letzten Jahren auch positive Entwicklungen: etwa durch Übertitel, Gebärdensprachdolmetschen, Audiodeskriptionen oder Tastführungen. Solche Maßnahmen sind wichtige Schritte, um Theater für mehr Menschen zugänglich zu machen – auch wenn es noch viel Raum für weitere Verbesserungen gibt. Nicht nur an das Theater, sondern auch das Publikum.
Solche Räume sind aus vielen Gründen so wichtig. Sie geben jungen Menschen die Möglichkeit, sich gesehen und gehört zu fühlen, gerade in einer Gesellschaft, in der viele Stimmen oft überhört werden.
Darius Hartwig: Du leitest den ersten BIPoC-Theaterjugendclub am Thalia Theater. Was bedeutet es dir, genau dort diesen Raum zu schaffen und warum ist ein solcher safer space wichtig?
The Schmidt: Es war für mich eine große Ehre, gefragt zu werden, diesen Club zu leiten. Seit unserem Start im Dezember 2025 sehe ich, wie die jungen Menschen sich öffnen, Vertrauen zueinander aufbauen und immer mutiger ihre Stimmen in den Raum stellen. Dieser Raum erinnert mich an Orte, die ich selbst erlebt habe – zum Beispiel im Ballroom: Orte, an denen man sich nicht erst erklären muss, sondern einfach sein darf.
Solche Räume sind aus vielen Gründen so wichtig. Sie geben jungen Menschen die Möglichkeit, sich gesehen und gehört zu fühlen, gerade in einer Gesellschaft, in der viele Stimmen oft überhört werden. Sie schaffen Sicherheit, in der Experimente, Fehler und Selbstausdruck möglich sind, ohne Angst vor Ablehnung. Wir sind soziale Wesen – wenn wir von Menschen umgeben sind, die unsere Erfahrungen teilen oder verstehen, entsteht Halt. Die Welt ist kompliziert genug; solche Räume erlauben es uns, nicht allein gegen sie anzutreten, sondern gemeinsam Kraft zu schöpfen.
Darius Hartwig: Was überrascht oder beeindruckt dich in der Arbeit mit den Jugendlichen im BIPoC-Jugendclub immer wieder? Kannst Du ein Beispiel aus der Arbeit nennen, in dem Theater für junge Menschen tatsächlich zu einem Moment von Stärke oder Selbstermächtigung geworden ist?
The Schmidt: Unser Club ist noch sehr frisch, aber schon jetzt gab es Momente, die mich tief beeindrucken. Besonders unvergesslich war unser erster "CLUB treff", mit allen Thalia Gruppen, bei dem die Jugendlichen zum ersten Mal gemeinsam vor Publikum auftraten. Es war ein Moment voller Mut und Selbstvertrauen – ein Augenblick, in dem Theater für sie sichtbar zu einem Raum von Stärke und Selbstermächtigung wurde.
Oft unterschätzen wir, was junge Menschen täglich leisten. Wenn ich höre, welche persönlichen Erfahrungen sie mitbringen und wie sie diese offen in unserer Gruppe teilen, bin ich immer wieder beeindruckt von ihrer Kraft. Ihre Bereitschaft, sich zu öffnen, zuzuhören und sich gegenseitig zu unterstützen, zeigt, wie transformative Theaterarbeit für junge Menschen sein kann.
Darius Hartwig: Das Stück No Body erzählt von Diskriminierung, aber auch von Solidarität. Mit welchem Gedanken wünschst du dir, dass das Publikum diesen Theaterabend verlässt?
The Schmidt: Ich wünsche mir, dass das Publikum den Abend bewegt verlässt – dass es betroffen, wütend oder enttäuscht ist, aber vor allem ins Reflektieren kommt. Dass die Menschen erkennen, wie leicht wir unbewusst rassistische Strukturen und Vorurteile reproduzieren, und dass sie beginnen, diese Muster bei sich selbst zu hinterfragen.