Didine van der Platenvlotbrug

Anlässlich unserer Premiere von »Die kleine Meerjungfrau« traf sich unser Dramaturgieassistent Darius Hartwig mit der Hamburger Queer-Aktivistin, Moderatorin und Drag Queen Didine van der Platenvlotbrug, um über sichere Räume, queeren Widerstand und die Leerstellen unserer Erzählungen zu sprechen. 

Ich möchte als Queer-Mom auch Anteil daran haben, dass es dir gut geht.
(Didine van der Platenvlotbrug)

DARIUS HArtwig: Auf TikTok und Instagram bist du vor allem als Didine – The Queer Mum bekannt. Wie kamst du zu diesem Namen? 

 

DIDINE van der Platenvlotbrug: Während der Corona-Zeit entwickelte sich eine kleine queere Familie aus meinem Freund*innenkreis, in der ich zum einen die älteste Person war und zum anderen auch eine Wohnung hatte, in der wir uns gemeinsam treffen konnten. Insofern war ich strukturell ein wenig die Nestgeberin. 

Neben dieser funktionalen Ebene ergab sich, dass dann drei Menschen in meiner queeren Familie zu unterschiedliche Zeitpunkten ihr Trans-Coming-Out hatten und zu mir gekommen sind, um darüber zu sprechen, bei mir auf dem Sofa saßen und Sicherheit gesucht haben.

 

 

Darius: Zuhören als klare Form der Fürsorge.

 

Didine: Absolut. Zuhören und dranbleiben, immer wieder sagen: Wir müssen uns treffen. Ich möchte wissen, was bei dir im Leben los ist. Ich möchte als Queer-Mom auch Anteil daran haben, dass es dir gut geht. Und irgendwann sagten sie tatsächlich: „Hey, Mom.“ Zunächst fand ich es noch ganz lustig und sweet, aber dann löste es einen ernsthaften Prozess in mir aus. Was ist das für eine Rolle als queere Mom? Parallel ergab sich, dass ich mittlerweile viele Workshops für queere Menschen gebe und Empowerment-Arbeit mache. Das passte dann gut zusammen: zuhören, empowern und zurückgeben.

Darius: Wie füllst du diese Rolle auf deinen Social-Media-Kanälen aus?

 

Didine: Gerade auf TikTok erreiche ich viele junge queere Menschen mit Videos, die ganz grundsätzliche Fragestellungen zu queeren Themen behandeln oder in denen ich auch nur kurze Tipps gebe. Viele bedanken sich dafür, dass meine Videos zugänglich sind und ich einfach erkläre. Aber ich erreiche auch ein nicht unbedingt queeres Publikum, das sich mitunter noch nie Gedanken darüber gemacht hat, was zum Beispiel Minority Stress ist – auch sie können aus meinen Videos viel mitnehmen.

Dass ich eine erklärende, empowernde Haltung einnehmen kann, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich mit 56 Jahren eine ältere Person bin, die nicht mehr so viele Kämpfe führen muss.

eine der queeren Superkräfte ist, sich immer wieder regelmäßig in Frage zu stellen
(Didine van der Platenvlotbrug)

Darius: Gab es denn in deinem Leben einen Moment, wo sich deine Haltung zu dir selbst verändert hat?

 

Didine: Ich glaube, eine der queeren Superkräfte ist, sich immer wieder regelmäßig in Frage zu stellen und zu überlegen, ist das noch so richtig, wie ich lebe, wen ich um mich herumhabe? Ich wusste schon als Vier-, Fünfjähriger, dass ich non-binär bin, ohne es benennen zu können. Dann geriet dieser Gedanke in den Hintergrund und 45 Jahre später saß ich selbst in einem Workshop zu Gender Identity und merkte, wie vertraut mir vieles vorkam. Ich hatte vergessen, dass ich bereits als Kind diese Gedanken hatte. Mit 50 dann zu erkennen, dass ich eben nicht ein schwuler Mann bin, der auch Drag macht, sondern non-binär, das war so ein wirklicher Moment des Empowerments, der mich viel ruhiger und selbstsicherer gemacht hat. Das innere Fragezeichen, das die ganze Zeit wie eine schleifende Bremse am Fahrrad, alles anstrengend gemacht hat – das war mit einem Mal weg.

Die queere Community hat einfach eine so großartige, wundervolle Kraft, andere Zukünfte zu erschaffen
(Didine van der Platenvlotbrug)

Darius: Wie können wir mit aktuell wachsenden Unsicherheiten umgehen? 

 

Didine: Wenn wir über die politische und ökonomische Lage sprechen, über die Haltung zur Welt, dann ist in der Gesellschaft vieles von Unsicherheiten und Unwägbarkeiten geprägt. Lange geltende Gewissheiten spielen keine Rolle mehr. Sei es der Klimawandel. Sei es die Generationengerechtigkeit – es gibt aktuell wenig hoffnungsvolle Versprechen, was sehr erschütternd ist. Gerade deshalb glaube ich, dass wir insgesamt in der Gesellschaft Räume brauchen, in denen wir füreinander sorgen und in denen die Angst mal keine Rolle spielt. Es ist sehr mühsam, weil der politische Druck von außen hoch ist, aber umso wichtiger werden diese Räume. 

 

Darius: Was lässt dich dabei zuversichtlich sein?

 

Didine: Die queere Community hat einfach eine so großartige, wundervolle Kraft, andere Zukünfte zu erschaffen. Zu sehen, dass ein weißes, patriarchales System gerade im Zusammenbruch begriffen ist, heißt auch, dass Platz für neue Erzählungen ist. Zu sehen, was in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden ist, von der Idee der Chosen Family bis zu neuen Formen des Zusammenlebens. Der Status-quo wird abgelöst – und es gibt großartige und starke Kräfte, die an der Zukunft arbeiten. 

Leerstellen in den Erzählungen benennen und erinnern, queere Räume sehen und beschreiben – das ist eben Queering the Public

Darius: Platz für neue Erzählungen bietet das Buch Weiblichkeiten auf St. Pauli, das du 2024 mitherausgegeben hast. Was verstehst du unter Weiblichkeiten?

 

Didine: Dieser Begriff ist aus der Gründung des Weiblichkeitenmuseums Feminité entstanden. Wir haben während des Prozesses viel über den Namen diskutiert. Soll es ein Frauenmuseum werden, ein FLINTA*-Museum? Dabei haben wir schließlich festgestellt, dass wir uns mit dem Wort Weiblichkeiten einer politischen Debatte entziehen und stattdessen einen Raum für ganz unterschiedliche Ideen öffnen, was Weiblichkeit eigentlich alles sein kann. So ist dieser Begriff auch unser Zugang für ein anderes Erzählen über den Stadtteil St. Pauli. Das Buch konzentriert sich dabei auf 25 sich weiblich verstehende Menschen, die vom Mittelalter bis heute auf St. Pauli leben und gelebt haben, und erzählt in Kurzbiografien ihre Geschichten und letztlich auch Geschichte.

 

Darius: Welchen Leerstellen begegnen dir in den Erzählungen über St. Pauli? 

 

Didine: Das sie vor allem sehr männlich dominiert sind. Es gibt eine sehr fest verankerte Erzählung über St. Pauli als Amüsierviertel – irgendwo zwischen Glamour und Trash. 

 

Darius: Die den exzessiven Partytourismus weiter antreibt. 

 

Didine: Genau. Aber sobald du nicht nachts, sondern tagsüber mit offenen Augen über die Reeperbahn gehst, siehst du sehr viel Anderes, sehr viel Trauriges. Sich klarzumachen, dass das schon immer ein migrantischer Stadtteil war, dass das schon immer ein Stadtteil war mit großer Armut und sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Sei es das Chinesenviertel rund um die Schmuckstraße, welches durch die Nationalsozialisten geräumt wurde, oder der Kampf um die besetzten Häuser in der Hafenstraße. Eigentlich gibt es mehr Leerstellen als Erzählungen über diesen Stadtteil. Das Buch oder die Ausstellung Feminité lagen auf der Hand, weil St. Pauli so eine schöne Lupe ist, ein Vergrößerungsglas auf die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Weiblichkeiten umgeht. 

 

Darius: Wie kommen wir aus einem Erinnern ins Gestalten? 

 

Didine: Tatsächlich gibt es eine spannende wissenschaftliche Praxis: Queering the City. Sie zeichnet sich durch die Art und Weise aus, wie wir auf Geschichte schauen und wie wir durch das Forschen, Sprechen und Erinnern queerer Lebenswelten Räumen ihre Bedeutung zurückgeben. Wenn wir also wissen, wie zum Beispiel der Stadtteil St. Pauli aus queerer Sicht funktioniert hat, schaffen wir einen neuen Layer auf diesem Stadtplan, der eigentlich schon verloren gegangen war.

Gerade vor einer Woche habe ich mit diesem Buch eine bezaubernde Lesung in einem Seniorentreff auf St. Pauli gemacht, wo genau diese wundervollen alten Kiezpersonen – ein Kellner der alten Schule, die ehemalige Dragqueen – zu den einzelnen Biografien noch viel mehr zu erzählen wussten. Das war einfach atemberaubend, weil es Wissen ist, das sonst verloren geht.

Die Realität sieht so aus, dass wir durch eine Stadt voller heteronormativer Einschreibungen spazieren und uns an jeder Ecke koloniale Denkmäler und Straßennamen begegnen. Dann zu sagen: Okay, wir wollen wieder etwas sichtbar machen, die Leerstellen in den Erzählungen benennen und erinnern, queere Räume sehen und beschreiben – das ist eben Queering the Public.