Verena Brakonier
Anlässlich der Premiere von »Hard Times« sprechen wir mit der Hamburger Choreografin und Tänzerin Verena Brakonier über KLASSISMUS – die Diskriminierung aufgrund der sozio-ökonomischen Herkunft – und die Schnittstelle von KUNST UND AKTIVISMUS.
Klassismus ist keine Kunstepoche. Das wird immer noch häufig verwechselt.
Özgür Uludag: Wer bist du, und welche Rolle spielt deine eigene Herkunft dabei, dass du dich in deiner Kunst mit Klassismus beschäftigst?
Verena Brakonier: Ich bin Choreographin und Tänzerin und ich bin Arbeiter*innenkind. Meine Eltern hatten eine Autowerkstatt in einem Dorf in Rheinland-Pfalz und später bin ich bei meiner alleinerziehenden, in Vollzeit arbeitenden Mutter mit Schulden aufgewachsen. So bin ich sozialisiert worden. Ich denke, viele haben bei der Beschreibung schon Bilder, vielleicht auch schon Vorurteile im Kopf. Der Weg in die Kunst war mir auf vielen Ebenen nicht vorgegeben. Ich habe als Erste in meiner Familie studiert. Ich arbeite künstlerisch und aktivistisch zum Thema Klassismus - der Diskriminierung aufgrund der sozio-ökonomischen Herkunft. Klassismus ist keine Kunstepoche. Das wird immer noch häufig verwechselt.
Der Zugang zum Kulturbereich ist strukturell erschwert. Das fängt schon früh an: Wer kann sich Nachhilfeunterricht leisten? Wer hat ein eigenes Zimmer und genügend Ruhe zum Lernen? Kinder aus Arbeiterfamilien bekommen bei gleicher Leistung schlechtere Noten - dazu gibt es Studien.
Klassismus zeigt sich auch in der Debatte um die neue Grundsicherung, “Lifestyle” - Teilzeit und das Arbeitszeitgesetz. Ich nutze meine Theaterarbeit als Sprachrohr, um auf diese strukturellen Ungleichheiten aufmerksam machen. Außerdem gebe ich Anti-Klassismus-Workshops und engagiere mich in der Vernetzungsarbeit.
Uludag: Menschen aus der Arbeiterklasse werden oft auf ihre Leistung und Funktion reduziert. Woher kommt dieses Denken historisch, und warum wirkt es aus deiner Sicht bis heute so stark in Bereichen wie Bildung, Arbeitswelt, Politik und Kultur?
Brakonier: Dieses Denken ist kein Zufall. Machtverhältnisse haben sich über Jahrhunderte verfestigt, und im Kapitalismus wurde menschliche Arbeit zur Ware. Diese Logik hat sich tief in unsere gesellschaftlichen Strukturen eingeschrieben und prägt bis heute, wie wir Menschen wahrnehmen und bewerten.
Auch von Menschen, die davon betroffen sind. Es schreibt sich in den Körper ein. Und es gibt oft keine Stimmen für Arbeiter*innen oder Armutsbetroffene. Auch in politischen Institutionen wie dem Bundestag gibt es wenig Repräsentation.
Es ist wichtig, das Ungleichgewicht sichtbar zu machen und über Privilegien zu sprechen. Es braucht Räume, besonders in Kunst und Kultur, in denen Betroffene selbst sprechen können, anstatt nur Gegenstand von Erzählungen zu sein. Dafür ist es entscheidend, Diskriminierungsmechanismen auf allen Ebenen zu berücksichtigen: beim Personal und den Produktionsbedingungen ebenso wie beim Programm und dem Publikum.
Wie wir sitzen, sprechen, uns bewegen, was wir als schön oder hässlich empfinden, was uns Angst macht, das ist kein Zufall, sondern geprägt durch die Klasse, in der wir aufgewachsen sind.
Uludag: Der Zusammenhang von Körper, Gefühl und sozialer Herkunft scheint relevant zu sein. Wie prägt unsere Herkunft unseren Körper und unser Selbstbild und warum ist das so zentral für das Verständnis von Klassismus?
Brakonier: Wie wir sitzen, sprechen, uns bewegen, was wir als schön oder hässlich empfinden, was uns Angst macht, das ist kein Zufall, sondern geprägt durch die Klasse, in der wir aufgewachsen sind. Menschen aus der Arbeiter*innenklasse lernen oft früh funktionsfähig zu bleiben und Schmerz oder Erschöpfung nicht zu zeigen. Der Körper wird zum Speicher. Dazu fällt mir direkt die Debatte um die Krankentage ein. Unser
Bundeskanzler bietet gerade viele Beispiele.
Die Erfahrungen der Arbeiterklasse gelten oft als körperlich, emotional. Sie werden als weniger wertvoll als abstraktes, rationales Wissen, das eher der Mittel- und Oberschicht zugeschrieben, abgewertet. Das ist kein Zufall, sondern Klassismus. Eine bestimmte Art zu denken und zu fühlen wird als universell und besser dargestellt. Es gibt ein Unten-und-Oben-Denken: Aufstieg, Hochschule, Hochkultur… Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle
Uludag: Kannst Du konkrete Beispiele aus Deiner Arbeit nennen, bei denen es um das Thema Klassismus geht und auch beschreiben, welche Wirkung sie im Idealfall entfalten?
Brakonier: In AUTO-FIKTION: DER STRUGGLE SO REAL, meinem auto-fiktiven Stück in einer Autowerkstatt, biete ich mein Auto zum Verkauf an und frage ins Publikum: Wer hat einen Führerschein? Und wer hat ihn selbst bezahlt? Und wer hat ihn geschenkt bekommen? Die Menschen zeigen auf und lachen. Plötzlich wird etwas sichtbar im Raum, das sonst unausge- sprochen bleibt: finanzielle Unterstützung durch die Eltern ist ein Privileg, das oft als selbstverständlich wahrgenommen wird.
In meinem letzten Stück LEBENSLAUF, für junges Publikum, erzähle ich von
meiner Mutter, die bei Lidl gearbeitet hat, neben der Arbeit im Büro und der Pflege von meinem Opa. Und davon, dass der Lidl-Chef der reichste Mann Deutschlands ist. Er ist überreich! Auf der Bühne rechne ich dann aus, wie viele Jahre meine Mutter hätte arbeiten müssen, um genauso reich zu werden wie ihr Chef. Die Zahl liegt im Millionenbereich, ist unvorstellbar hoch und praktisch unerreichbar. Und alle verstehen sofort, wie unglaublich ungerecht das ist. Die Kinder
fragen oft danach, ob meine Mutter wirklich bei Lidl gearbeitet hat. Und im besten Fall fühlen sie sich gehört und gesehen.
Mein Team und ich versuchen auch auf mehreren Ebenen anzusetzen: Beim Publikum, wir haben Nachbar*innen aus dem Viertel eingeladen, den Eintritt frei gemacht und die Werkstattmitarbeiter eingebunden und eingeladen.
Beim Programm haben wir nicht nur das Thema auf der Bühne behandelt, sondern auch im Faltblatt über Klassismus informiert.
Und auch beim Personal haben wir hauptsächlich mit Arbeiter*innenkindern und Betroffenen zusammengearbeitet, das in den Bios sichtbar gemacht und auch intern anders über Geld, Ressourcen und Arbeitsweise gesprochen.
Die Betroffenen hatten keine Stimme in der Entstehung der Erzählungen.
Uludag: In klassischen Erzählungen über Arbeit und Industrie werden Arbeiter*innen häufig als moralisch stark, aber politisch und strukturell machtlos dargestellt. Wo siehst du darin einen frühen Versuch, soziale Ungleichheit sichtbar zu machen, und wo reproduzieren solche Erzählungen aus heutiger Perspektive problematische Stereotype?
Brakonier: Ich bin keine Theaterwissenschaftlerin, aber ich glaube, dass Kunst schon immer versucht hat, soziale Ungleichheit sichtbar zu machen. Das ist wichtig und wertvoll. Gleichzeitig sind viele Darstellungen klischeehaft: der Arbeiter im Feinripphemd mit Bier. Solche Bilder reduzieren Menschen, anstatt sie wirklich sichtbar zu machen. Das grundlegende Problem ist, dass diese Geschichten meistens über Menschen erzählt wurden, nicht mit ihnen. Die Betroffenen hatten keine Stimme in der Entstehung der Erzählungen. Und das ist für mich ein zentraler Punkt: Solange Menschen aus der Arbeiter- oder Armutsklasse nicht selbst erzählen und gestalten, bleiben auch gut gemeinte Darstellungen eine Art, Menschen in eine Schublade zu stecken. Das Publikum kann nach Hause gehen, sich betroffen fühlen und denken: "Die tun mir leid. Gut, dass es mir nicht so geht." Ohne dass wirklich etwas in Bewegung kommt.
Das gilt natürlich nicht für alle. Gerade im zeitgenössischen und freien Theater erlebe ich viel Sensibilität und Bewegung. Trotzdem bleibt die Frage zentral: Wer erzählt hier eigentlich für wen und wer wird dabei wirklich sichtbar?
Der Begriff Klassismus ist übrigens schon älter als viele denken. Er kommt aus den 70er Jahren in den USA, aus lesbischen und schwarzen Feministinnen- und Frauenbewegungen. Die haben früh gezeigt, wie Rassismus und Klassismus zusammenhängen und intersektional wirken. Auch in Deutschland waren es zunächst Lesbengruppen aus der Arbeiter*innen- und Armutsklasse, die sich organisierten. Das wird heute oft vergessen.
Uludag: Industrielle Arbeitswelten erzeugten oft nicht nur materielle Not, sondern auch eine Entfremdung von Bildung und dem eigenen Körper. Welche Parallelen erkennst du heute bei Arbeiter*innenkindern in Schulen, Hochschulen oder im Kulturbetrieb? Sind diese klassischen Muster noch aktuell oder ist „Klassismus” ein veralteter Begriff, den wir durch moderne Konzepte ersetzen müssten?
Brakonier: Ich glaube, diese Entfremdung ist nach wie vor sehr real. Schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, Ausbeutung, steigende Lebenshaltungskosten. Das ist keine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, das ist heute.
Und für Arbeiter*innenkinder hat sich strukturell wenig verändert. Der Bildungstrichter zeigt das sehr deutlich: Wer es überhaupt auf eine Hochschule schafft, hat schon einen langen Weg hinter sich. Aber selbst wenn man es schafft, bedeutet das noch lange keine Sicherheit.
Viele kämpfen mit dem Imposter-Gefühl und dem bleibenden Eindruck, nicht wirklich dazuzugehören. Das hat konkrete Folgen: Man traut sich weniger zu, verhandelt schlechtere Gehälter und zweifelt an der eigenen Kompetenz.
Gerade im Kulturbetrieb finde ich das besonders undurchsichtig. Zwar arbeiten dort fast alle unter prekären Bedingungen, aber es wird kaum darüber gesprochen, wer im Hintergrund ein Erbe oder eine Eigentumswohnung der Eltern als Sicherheit hat. Das führt zu der existenziellen Frage: Wer kann es sich überhaupt leisten, Kunst zu machen? Wer kann unbezahlte Praktika oder Volontariate annehmen, die oft der einzige Türöffner in die Branche sind?
Und warum sollte Klassismus überholt sein? Ich sehe das nicht so. Die Mechanismen sind vielleicht subtiler geworden, aber sie sind nicht verschwunden. Im Gegenteil: In der aktuellen Zeit treten sie sogar wieder deutlicher zutage.
Es ist kein Zufall, dass rechte Regierungen zuerst in Kunst und Kultur kürzen. Das hängt alles zusammen.
Uludag: Du arbeitest an der Schnittstelle von Kunst, Aktivismus und Bildung. Welches Potenzial siehst du darin, dass Theater gesellschaftliche Ungleichheiten nicht nur darstellt, sondern auch hinterfragt und erfahrbar macht? Und wo siehst du dabei die Grenze zwischen kritischer Sichtbarmachung und einer möglichen Ästhetisierung sozialer Realität?
Brakonier: Tanz und Theater sind mein Handwerkszeug, und ich habe die Hoffnung, dass es etwas bewegen kann. Vielleicht manchmal nur im Kleinen – etwa wenn sich jemand im Publikum zum ersten Mal repräsentiert fühlt. Das ist nicht nichts. Der Kulturbereich erreicht außerdem ein Publikum, das auch Einfluss hat. Es ist kein Zufall, dass rechte Regierungen zuerst in Kunst und Kultur kürzen. Das hängt alles zusammen.
Problematisch wird es, wenn Armut romantisiert wird. Wenn es zu Voyeurismus wird, eine Art „Poverty Porn“, bei dem soziale Härte nur als Kulisse dient, ohne echtes Interesse an Veränderung.
Reality-Fernsehen ist ein gutes Beispiel dafür. In meinen eigenen Arbeiten setze ich bewusst Humor ein. Ich glaube, kritische Kunst darf unterhalten - vielleicht muss sie unterhalten, sonst erreicht sie niemanden. Aber sie darf nicht nur auf der Ebene bleiben. Deshalb ist mir die aktivistische Arbeit so wichtig: Es geht darum, Aufmerksamkeit zu schaffen, politische Forderungen zu stellen und sich unter Betroffenen zu unterstützen
mit Wissen, Jobs und Emotional. Das gehört für mich zusammen.
Uludag: Zum Abschluss: Was möchtest Du dem Publikum des Thalia Theaters noch mitgeben?
Brakonier: Klassismus ist kein individuelles Problem, es ist ein strukturelles. Es geht um eine Form von Diskriminierung, die in Institutionen verankert ist - oft unsichtbar, aber sehr wirksam.
Das zeigt sich auch daran, was wir in Deutschland überhaupt als „Kultur“ bezeichnen. Unsere Vorstellung von Hochkultur – also Theater, Oper, Museen oder Orchester - orientiert sich noch immer stark an einer weißen, bürgerlichen und eurozentrischen Norm. Das sieht man schon an der Unterscheidung zwischen E- und U-Musik, zwischen Geige und Blockflöte, zwischen hochgefördert und kaum gefördert.
Der Soziologe Pierre Bourdieu beschreibt das ganz gut mit seinen Kapitalsorten: Es geht eben nicht nur um Geld, sondern auch um kulturelles, soziales und symbolisches Kapital – also um Bildung, Netzwerke und ‚Vitamin B‘. Wer nicht von Geburt an damit ausgestattet wurde, muss auf allen Ebenen kämpfen. Wir brauchen für diese Geburtslotterie mehr Bewusstsein und den Willen zur politischen Veränderung.
In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf eine Arbeit von Greta Granderath, Jivan Frenster und mir hinweisen: Der Kurzfilm HÄNDE, inspiriert von Bourdieu, ist auf der Seite von Diversity Arts Culture zu sehen. Er geht der Frage nach, ob die sozioökonomische Herkunft in den Händen sichtbar wird. Viele verschiedene Menschen kommen darin zu Wort und geben Einblick in ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten: https://diversity-arts-culture.berlin/magazin/haende
