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Für Jugendliche

 

9 Luise, Nini und Jameelah

Das Coming-of-Age einer Luise Millerin aus Friedrich Schillers Kabale und Liebe, das in der neuen Spielzeit im Rahmen der Inszenierung Ode an die Freiheit zu sehen sein wird, findet sich auch bei den Figuren in Tigermilch von Stefanie de Velasco. Erzählt wird hier poetisch, rasant und provozierend die besondere Geschichte zweier Großstadtmädchen der Generation Z als ein Wirbelsturm, lechzend nach Möglichkeiten, unerschrocken gegenüber der brutalen Realität. Die Jugend-Gruppe probiert unterschiedliche Zugänge zu Performance und Tanz, Musik und Text und findet eigene Antworten auf die großen Fragen der heutigen Jugend.

 

Leitung Alina Gregor (Regisseurin)
ab 24.9.2020 bis Juni 2021, jeweils Do 16 – 19 Uhr
Proben-Wochenenden nach Absprache
Kosten 60 €
Thalia Probebühnen, Gaußstraße 190, 22765 Hamburg
 
Anmeldung hier

 „WIR MACHEN THEATER!“ –  HÖRT UNS DOCH! SEHT UNS DOCH!

 

Stellungnahme und Bitte vom 11.01.2021 zu einem anderen Umgang mit der Theaterarbeit für junge Generationen (Jugendliche und Studierende) seit Ende Oktober 2020

 

Seit 2008 existiert am Thalia Theater Hamburg, Thalia jung&mehr das Jugend-Performance-Ensemble Reset und seit 2014 das Studierenden-Performance-Ensemble IN_BETWEEN  in der künstlerischen Leitung von Regisseurin und Dipl. Theaterwissenschaftlerin Alina Gregor.

 

Mit Reset sind bisher 18 Stücke zu aktuellen gesellschaftlichen Themen in Bezug auf den Thalia Spielplan in den letzten 12 Jahren entstanden. Es handelt sich um Eigenproduktionen und Auftragsarbeiten, die ein reflektierendes Bindeglied zwischen den diversen Kunstformen wie Musik, Tanz, Text und Literatur in Kompositionen und Performances darstellen. Bei IN_BETWEEN sind es acht Stücke, die in den letzten sechs Jahren entstanden sind. Alle diese Stücke werden auf den Bühnen des Thalia in der Gaußstraße und auf Festivals (Lessingtage, Kaltstartfestival, Theater der Welt, Grenzgänger Festival u.a.)  gezeigt.

 

Viele der Jugendlichen und der Studierenden, die bei Reset gespielt haben, sind mittlerweile renommierte Schauspieler*innen oder Regisseur*innen und in der Theater- und Filmbranche tätig. Um nur einige Namen zu nennen Toini Ruhnke, Dennis Svensson, Veronique Afepolus, Helena Benett, Maximilian Mundt etc.

 

Der Andrang auf die beiden Gruppen (bis zu  25-30 Spieler*innen pro Gruppe)  ist sehr hoch und Wartelisten liegen in jeder Spielzeit vor. All diese jungen Performer*innen sind potentielle Theaterliebende und Theaterschaffende und   müssen als nicht zu ersetzende junge gesellschaftskritische, reflektierte Protagonist*innen gehört, gesehen und ernst genommen werden. In den Produktionen bildete Alina Gregor bisher ihre 62 Assistent*innen aus und weiter (meist Student*innen). Diese können sich mit eigenen Stärken und künstlerisch-ästhetischen Schwerpunkten in der künstlerischen Arbeit einbringen.

 

Wenn Großraumbüros und Einkaufszentren unter Auflagen weiter geöffnet bleiben, Religionsgemeinschaften Veranstaltungen organisieren dürfen, sollte es auch möglich sein, in theaterpädagogisch - performativen  Handlungsfeldern unter strengen Bedingungen Präsenzproben durchführen zu können.

 

Sollte es zu weiteren rein digitalen Proben kommen, so hätte dies nicht nur kurz-, sondern auch langfristig gravierende Folgen:

Das Theaterspiel ist für die psychische Gesundheit in der Pandemie für viele Jugendliche von hoher Relevanz! Die Möglichkeit eines freien, geschützten Raumes, indem sie sich körperlich ausdrücken  und  Kunst schaffen  können in diesen „farblosen“ Zeiten, ist mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Es geht um das Recht auf Bewegung, das Recht auf Identität, das Recht auf Spiel und Bewegung u. a.

 

Dazu gehört vor allem auch der Austausch miteinander, der über ZOOM schwierig herzustellen ist. Gerade hier könnte das Theater einen Gegenpol zu den alltäglichen, oft frustrierenden Zoom-Home-Schooling Erfahrungen (überlastete Server, zusammenbrechende Systeme etc.) sein.

 

Eine Möglichkeit sich auszuprobieren, kreativ zu sein und zu handeln und sich gehört zu fühlen.

 

Insgesamt, auch unabhängig von der Pandemie, ist der Austausch mit anderen jungen Menschen abseits von Schule und Familie, sowie die Selbsterfahrung auf der Bühne, so prägend und bedeutsam für die persönliche Entwicklung. Deswegen sehen wir Reset auch als einen Teil der Ausbildung der Jugendlichen. Dies fehlt ihnen schon seit sehr langer Zeit und ihr Unmut darüber wird immer lauter.

 

Theater funktioniert nicht über Zoom, da Theater eine Momentkunst ist.

 

Im digitalen Raum fehlt uns dieser wahrhaftige, unmittelbare und der direkte Moment. Miteinander spielen, aufeinander reagieren wird durch technische Barrieren gestört. Chorisches arbeiten, Kontakt aufnehmen, eine Stimmung kreieren ist so kaum möglich. Es fehlt die Resonanz, das Dialogisieren über leiblich-sinnliche Erfahrungen im Miteinander.

 

Bei den vorherigen Reset-Produktionen gab es im November und Dezember oft ein „Tief“. Darauf folgte im Frühjahr eine Theaterfahrt, die erste kleine Aufführung bei den Lessingtagen, erste Proben wo alles zusammengesetzt wird und sich spürbar endlich alles fügt und nun Sinn ergibt. „Man erinnert sich nicht daran wofür man das alles macht“.

 

Wir haben das Gefühl, dass aufgrund der besonderen Situation, den Jugendlichen dieses Erfolgserlebnis fehlt. Dadurch schwindet die Hoffnung und sie verlieren den Bezug. Über Zoom können wir die Szenen nicht inszenieren, nichts zusammenfügen, es ist eben kein ZOOM- Stück, es ist nicht als Film gedacht  oder die Produktion von schlechtem Fernsehen in einer Theaterversion auf dem Bildschirm.

 

Viele Der Spieler*innen werden Schauspieler*innen oder sind zukünftige Kunstschaffende, Kulturschaffende in unserer Gesellschaft. Derzeit erfahren sie, dass sie ausgebremst werden und nicht „systemrelevant“ seien. Sie werden abgehängt und sind mit den Kindern die schwächsten Glieder der Nahrungskette einer mittlerweile zu lange andauernden Maßnahme die nicht von jungen Menschen für junge Menschen durchgesetzt wird. Die Geduld und das „sich  daran halten“ ist so gut wie zu Ende.

Die jungen Menschen sind bereits in den ersten Schritten ihrer Künstlerischen Ausbildung. Die Proben mit Reset geben ihnen einen kreativer Rahmen, indem sie sich selbst, und sich miteinander ausprobieren können. Durch die Unmöglichkeit dieser Erfahrung und Bildung über ZOOM, beobachten wir auch eine fehlende Förderung der nächsten Generation Schauspieler*innen und Kunstschaffenden. Die Relevanz von Kultur und ganzheitlicher Bildung ist ein unerlässlicher Motor von Reflexion und gesellschaftlicher Teilhabe.

 

Unterzeichner*innen: 45 Jugendliche und Studierende, Maximilian Mundt (Filmstudent, Schauspieler, Fotograf), Leonie Landa (Schauspielerin und Hörbuchsprecherin), Elisabeth Graaf (Theaterpädagogikstudentin), Sibel Bicer (Kulturwissenschaftsstudentin), Emma Wiepking (Kulturjournalistin und Journalismus-Studentin), Mika Springer (angehender Regiestudent und Fotograf), Alina Gregor (Dipl. Theaterwissenschaflterin und Regisseurin, wissenschtl. Mitarbeiterin Universität Hamburg (AB Theaterpädagogik und Performance Studies), Lehrpreis Trägerin der Freien Hansestadt Hamburg für Theater 2020).