Programm > Jung&mehr > Thalia Treffpunkt > 14 Die Verhältnisse zum Tanzenbbringen

Für Studierende

 

14 iN_BETWEEN

Weltöffnung und Weltabschottung. Grenzen öffnen und Grenzen ziehen. Immer und immer wieder bewegen sich Gesellschaften in und mit Singularitäten. Das Theater ist keine sichere Bank. Im Gegenteil, das Theater fällt für uns aus der Rolle in den Konflikt. Das Theater ist Gegenwart und müsste nach Autor Albert Ostermaier ein permanentes Sein – ein Tag- und Nacht-Theater, ein Traum- und Wachtheater, ein Boxring, eine Messe, ein Parlament, ein Tribunal, ein Schlafzimmer, ein Revolutions-Rave … das Theater muss tanzbar sein. Wie verändern sich Gesellschaften nach dem möglichen Überstehen einer Krise? Wie bewegend ist Irritation tatsächlich? Mit dem Erspielen unterschiedlicher künstlerischer Möglichkeitsräume erfinden wir zwischen „risk und rules“ kreative Parameter und Antworten für einen persönlichen und gesellschaftlichen Zustand. Wir untersuchen u.a. die geplante Thalia-Inszenierung von Yael Ronen State of Affairs und finden eigene Zugänge in Performance, Text und Tanz.

 

Leitung Alina Gregor, Regisseurin

Set 1: Ab 15.10.2020 bis Ende Februar 2021

Set 2: Ab 8.4.2021 bis Juni 2021

Jeweils Do 20 – 22 Uhr. Proben-Wochenenden nach Absprache.

Kosten 60 €

Thalia Probebühnen, Gaußstraße 190, 22765 Hamburg

 

Anmeldung hier

Hamburg, 14.01.2021

 

Offener Brief des Studi-Ensembles „IN_BETWEEN“ (Thalia Treffpunkt)

 

Liebes Thalia, liebes Jung&mehr,

 

zur Zeit stehen unsere Füße still. Die Coronavirus-Pandemie hat nicht nur gezeigt, wie schnell die Politik handeln kann, wenn es darauf ankommt – sie hat auch schnell verdeutlicht, wo die Prioritäten der Wirtschaft, der Gesellschaft, des Landes liegen. News Flash: Die Kultur ist es nicht. Hunderttausende Kreativ- und Kulturschaffende können nicht arbeiten, ihre Berufung nicht ausüben, ihre Gedanken zwar zu Papier aber nicht auf eine Bühne bringen. Dort, wo sie eigentlich hingehören. Wo sie hin müssen.

 

Dass Museen, Opern- und Konzerthäuser, Clubs und Theater seit knapp einem Jahr sowohl finanziell als auch ideell vernachlässigt werden, offenbart ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft – nämlich der Glaube daran, dass Kultur, Kunst und Kreativität keiner Förderung bedürfen. Dass sie als unabhängige Säulen der Gesellschaft betrachtet werden müssen. Dass sie nicht wichtig sind.

 

Dabei wird ein Faktor jedoch weitestgehend außer Acht gelassen: Kinder, Jugendliche und junge Menschen – die Mitglieder dieser Gesellschaft, auf die generell am wenigsten gehört und deren Bedürfnisse politisch häufig nicht genug ernst genommen werden. Zugleich ist es jedoch ihr Leben, das durch Kultur, Kunst und Kreativität verbessert, ja sogar gänzlich verändert werden kann. Somit stellt sich die Frage: Was macht es mit all den jungen Menschen, plötzlich nicht mehr proben zu können? Wohin mit der kreativen Energie?

 

Probe per Zoom – ist das überhaupt möglich? Insbesondere für Studierende ist die Online-Lehre zu einem täglichen Begleiter geworden. Dass viele für die Arbeit oder das Studium den ganzen Tag vor dem Laptop zu sitzen, ist eine Notwendigkeit – dass jedoch auch immer mehr Freizeitbeschäftigungen über den Bildschirm stattfinden, entwickelt sich zu einer Belastungsprobe. Künstlerische Prozesse gehen im digitalen Raum verloren, technische Probleme bremsen die Dynamik. Das gemeinschaftliche Kollektiv weicht einer Leidensgenossenschaft.

 

Dabei ist das Kollektiv der Ort, an dem die Ideen entstehen. Kleine Fünkchen im Kopf, die sich verbreiten, weiter angezündet werden, ein Lagerfeuer, ein Buschbrand, ein Inferno bilden. Alles ist dann offen. Man wird angestiftet. Es gibt dann diese eine Unmittelbarkeit, denn in dem Moment, wo Menschen zusammenkommen um zu spielen, gibt es eine prinzipielle Offenheit aller Möglichkeiten. Wer diese Vergänglichkeit erlebt, wird süchtig danach. Und ohne sie fehlt dann etwas.

 

Warum Theater wieder priorisiert werden muss:

...weil Theater machen und gemeinsam spielen die Legitimation meiner Gefühle und Gedanken sein kann. Weil ich erst im Ensemble sehe: Die fühlen und denken auch so.

...weil Theater wichtig ist, um Gemeinsamkeit zu schaffen und sich weiterhin zu begegnen.

...weil Theater sich unter die Oberfläche wagt. So zeigt es den Menschen in seiner Verletzlichkeit, in seinen Abgründen, in seiner Schönheit.

...weil Theater Mut zur Hässlichkeit hat, während der Rest der Welt sie fürchtet.

...weil die Vielfältigkeit und Diversität im Theater ihr Ventil findet, um gehört zu werden. Wenn Kultur verstummt, verstummen auch wir Menschen.

 „WIR MACHEN THEATER!“ –  HÖRT UNS DOCH! SEHT UNS DOCH!

 

Stellungnahme und Bitte vom 11.01.2021 zu einem anderen Umgang mit der Theaterarbeit für junge Generationen (Jugendliche und Studierende) seit Ende Oktober 2020

 

Seit 2008 existiert am Thalia Theater Hamburg, Thalia jung&mehr das Jugend-Performance-Ensemble Reset und seit 2014 das Studierenden-Performance-Ensemble IN_BETWEEN  in der künstlerischen Leitung von Regisseurin und Dipl. Theaterwissenschaftlerin Alina Gregor.

 

Mit Reset sind bisher 18 Stücke zu aktuellen gesellschaftlichen Themen in Bezug auf den Thalia Spielplan in den letzten 12 Jahren entstanden. Es handelt sich um Eigenproduktionen und Auftragsarbeiten, die ein reflektierendes Bindeglied zwischen den diversen Kunstformen wie Musik, Tanz, Text und Literatur in Kompositionen und Performances darstellen. Bei IN_BETWEEN sind es acht Stücke, die in den letzten sechs Jahren entstanden sind. Alle diese Stücke werden auf den Bühnen des Thalia in der Gaußstraße und auf Festivals (Lessingtage, Kaltstartfestival, Theater der Welt, Grenzgänger Festival u.a.)  gezeigt.

 

Viele der Jugendlichen und der Studierenden, die bei Reset gespielt haben, sind mittlerweile renommierte Schauspieler*innen oder Regisseur*innen und in der Theater- und Filmbranche tätig. Um nur einige Namen zu nennen Toini Ruhnke, Dennis Svensson, Veronique Afepolus, Helena Benett, Maximilian Mundt etc.

 

Der Andrang auf die beiden Gruppen (bis zu  25-30 Spieler*innen pro Gruppe)  ist sehr hoch und Wartelisten liegen in jeder Spielzeit vor. All diese jungen Performer*innen sind potentielle Theaterliebende und Theaterschaffende und   müssen als nicht zu ersetzende junge gesellschaftskritische, reflektierte Protagonist*innen gehört, gesehen und ernst genommen werden. In den Produktionen bildete Alina Gregor bisher ihre 62 Assistent*innen aus und weiter (meist Student*innen). Diese können sich mit eigenen Stärken und künstlerisch-ästhetischen Schwerpunkten in der künstlerischen Arbeit einbringen.

 

Wenn Großraumbüros und Einkaufszentren unter Auflagen weiter geöffnet bleiben, Religionsgemeinschaften Veranstaltungen organisieren dürfen, sollte es auch möglich sein, in theaterpädagogisch - performativen  Handlungsfeldern unter strengen Bedingungen Präsenzproben durchführen zu können.

 

Sollte es zu weiteren rein digitalen Proben kommen, so hätte dies nicht nur kurz-, sondern auch langfristig gravierende Folgen:

Das Theaterspiel ist für die psychische Gesundheit in der Pandemie für viele Jugendliche von hoher Relevanz! Die Möglichkeit eines freien, geschützten Raumes, indem sie sich körperlich ausdrücken  und  Kunst schaffen  können in diesen „farblosen“ Zeiten, ist mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Es geht um das Recht auf Bewegung, das Recht auf Identität, das Recht auf Spiel und Bewegung u. a.

 

Dazu gehört vor allem auch der Austausch miteinander, der über ZOOM schwierig herzustellen ist. Gerade hier könnte das Theater einen Gegenpol zu den alltäglichen, oft frustrierenden Zoom-Home-Schooling Erfahrungen (überlastete Server, zusammenbrechende Systeme etc.) sein.

 

Eine Möglichkeit sich auszuprobieren, kreativ zu sein und zu handeln und sich gehört zu fühlen.

 

Insgesamt, auch unabhängig von der Pandemie, ist der Austausch mit anderen jungen Menschen abseits von Schule und Familie, sowie die Selbsterfahrung auf der Bühne, so prägend und bedeutsam für die persönliche Entwicklung. Deswegen sehen wir Reset auch als einen Teil der Ausbildung der Jugendlichen. Dies fehlt ihnen schon seit sehr langer Zeit und ihr Unmut darüber wird immer lauter.

 

Theater funktioniert nicht über Zoom, da Theater eine Momentkunst ist.

 

Im digitalen Raum fehlt uns dieser wahrhaftige, unmittelbare und der direkte Moment. Miteinander spielen, aufeinander reagieren wird durch technische Barrieren gestört. Chorisches arbeiten, Kontakt aufnehmen, eine Stimmung kreieren ist so kaum möglich. Es fehlt die Resonanz, das Dialogisieren über leiblich-sinnliche Erfahrungen im Miteinander.

 

Bei den vorherigen Reset-Produktionen gab es im November und Dezember oft ein „Tief“. Darauf folgte im Frühjahr eine Theaterfahrt, die erste kleine Aufführung bei den Lessingtagen, erste Proben wo alles zusammengesetzt wird und sich spürbar endlich alles fügt und nun Sinn ergibt. „Man erinnert sich nicht daran wofür man das alles macht“.

 

Wir haben das Gefühl, dass aufgrund der besonderen Situation, den Jugendlichen dieses Erfolgserlebnis fehlt. Dadurch schwindet die Hoffnung und sie verlieren den Bezug. Über Zoom können wir die Szenen nicht inszenieren, nichts zusammenfügen, es ist eben kein ZOOM- Stück, es ist nicht als Film gedacht  oder die Produktion von schlechtem Fernsehen in einer Theaterversion auf dem Bildschirm.

 

Viele Der Spieler*innen werden Schauspieler*innen oder sind zukünftige Kunstschaffende, Kulturschaffende in unserer Gesellschaft. Derzeit erfahren sie, dass sie ausgebremst werden und nicht „systemrelevant“ seien. Sie werden abgehängt und sind mit den Kindern die schwächsten Glieder der Nahrungskette einer mittlerweile zu lange andauernden Maßnahme die nicht von jungen Menschen für junge Menschen durchgesetzt wird. Die Geduld und das „sich  daran halten“ ist so gut wie zu Ende.

Die jungen Menschen sind bereits in den ersten Schritten ihrer Künstlerischen Ausbildung. Die Proben mit Reset geben ihnen einen kreativer Rahmen, indem sie sich selbst, und sich miteinander ausprobieren können. Durch die Unmöglichkeit dieser Erfahrung und Bildung über ZOOM, beobachten wir auch eine fehlende Förderung der nächsten Generation Schauspieler*innen und Kunstschaffenden. Die Relevanz von Kultur und ganzheitlicher Bildung ist ein unerlässlicher Motor von Reflexion und gesellschaftlicher Teilhabe.

 

Unterzeichner*innen: 45 Jugendliche und Studierende, Maximilian Mundt (Filmstudent, Schauspieler, Fotograf), Leonie Landa (Schauspielerin und Hörbuchsprecherin), Elisabeth Graaf (Theaterpädagogikstudentin), Sibel Bicer (Kulturwissenschaftsstudentin), Emma Wiepking (Kulturjournalistin und Journalismus-Studentin), Mika Springer (angehender Regiestudent und Fotograf), Alina Gregor (Dipl. Theaterwissenschaflterin und Regisseurin, wissenschtl. Mitarbeiterin Universität Hamburg (AB Theaterpädagogik und Performance Studies), Lehrpreis Trägerin der Freien Hansestadt Hamburg für Theater 2020).