Er is
t da!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Stadt-, Theater- und Stiftungs-Cheferie, liebe Stadt-, Theater- und Stiftungsleute, liebe Ursula, lieber Jürgen Sandmeyer und vor allem mein lieber Merlin,


ich freue mich, dass ich als Dramaturg des Thalia Theaters über Dich, Merlin sprechen darf. Danke dafür. Es ist mir eine Ehre.

 

Filmseminar an der OFS
Ich traf Merlin Sandmeyer zum ersten Mal an einem Dienstag im Herbst 2012. Es war ein amtlicher Dienstag. Amtlich deshalb, weil Merlin sich entschieden hatte, an der Otto-Falkenberg-Schule, der Fachakademie für Schauspiel und Regie, in München zu studieren. Ich war Dramaturg an den Münchner Kammerspielen und arbeitete an der Falckenbergschule als Dozent für Theater- und Filmtheorie. Und an einer Schule gibt es amtliche Termine. Dienstags um 17 Uhr war immer Filmseminar. An jedem amtlichen Dienstag schauten wir im großen Seminarraum auf einer großen Leinwand Filme von überall und anderswo.


Wir wollten anhand unterschiedlichster Werke europäischer Autorenfilmer, über New Hollywood-Blockbuster bis hin zu Fernsehserien, über das Tun von Schauspielern sprechen. Was sehen wir, wenn Schauspieler ihrer Arbeit nachgehen: dem Schauspielen? Was kann man über Schauspieler sagen, außer allgemeinen Äußerungen wie: „ja, äh… ja, es war irgendwie ganz gut, aber nicht so gut, wie es auch schon war, in dem anderen Film, da sei es besser gewesen und hätte es irgendwie mehr berührt, … aber das war ja eben auch ein anderer Schauspieler, nämlich eine Schauspielerin, und die hätte das ganz anders gespielt, …wobei es jetzt auch nicht schlecht gewesen wäre, aber anders.“
Im Filmseminar wollten wir herausfinden, was das Besondere von Schauspielern und Schauspielerinnen ausmacht, um selber für unsere Arbeit auf den Probebühnen, für die Herstellung und Präsentation von dem, was wir Schauspiel nennen, ein Vokabular zu entwickeln, das uns helfen sollte, Vorgänge besser zu beschreiben. Wir wollten weg von Aussagen wie: „Du, ähm, ich weiß nicht genau, was du spielst, und ob du überhaupt spielst, aber so wie du spielst, kommt da nix rüber.“
Wir wollten erst mal überhaupt etwas beschreiben, bevor wir regiealtmeisterlich formulieren: „Es ist so langweilig, vielleicht solltest Du dir mal zuhören“.
Der Vorteil beim Betrachten eines szenischen Vorgangs in einem Film und den Versuch, diesen dann in Worte zu fassen, liegt darin, dass wir die Szene nach der Beschreibung noch einmal anschauen, um unsere Beobachtungen zu überprüfen. Stimmt das, was wir sehen?
Es geht um die allmähliche Präzisierung eines Gefühls und die Übersetzung eines Spielvorgangs in Sprache. Der Vorteil, das anhand von Filmen zu tun, liegt darin, dass die Schauspieler aus dem Film nicht im Raum leibhaftig anwesend sind. So wird die Äußerung über einen Darsteller nicht zugleich als eine Kritik an einer anwesenden Person aufgefasst.
An einem dieser amtlichen Dienstage probierten wir Texte aus einem Film zunächst auf der Bühne aus, um später die szenische Umsetzung im Film anzuschauen und genau an diesem Dienstag ist zum ersten Mal Merlin anwesend. Auf der Bühne stehen schon einige Schauspielschülerinnen und lesen einzelne Szenen aus Rainer Werner Fassbinders „Warnung vor einer heiligen Nutte“.

 

Merlin hat sich verspätet, geht direkt auf die Bühne, nimmt ein Textblatt. Neben ihm beginnt eine Kollegin einen Fassbinder-Text zu lesen: „Du, ich glaube, ich werde die Rolle ganz nackt spielen. Da hat man doch ein ganz anderes Gefühl.“
Merlin ist dran. Er zögert, überfliegt das Textblatt liest, „wöwöwö“, zögert, dreht das Blatt um, liest, „mememe“, blickt sich kurz um, er zupft an seinem Hemdkragen, guckt auf das Textblatt, hält es näher vor sein Gesicht, zögert, schaut auf das Blatt der Kollegin neben ihm, die mit dem Zeigefinger auf die betreffende Textstelle, die Replik, hinweist. Merlin räuspert sich kurz, setzt an zu sprechen, zögert, setzt erneut an und sagt: „Meinetwegen!“
Das ist alles. Mehr gibt es nicht zu sagen, denn die Szene hat nicht mehr Text. Und was soll man auch sagen, wenn jemand sagt:
„Ich werde die Rolle ganz nackt spielen.“
„Meinetwegen“.

Aber in dieser kurzen Sequenz zeigt Merlin etwas, was ihn auszeichnet, nennen wir es „meinetwegen“ Präsenz! Er ist da! An der OFS. Otto-Falckenberg-Schule, über die Merlin sagt, „es sei die Waldorf-Schule unter den Schauspielschulen“. Weniger Technik, eher die Suche nach dem individuellen Ausdruck: „Denken, Fühlen und Wollen.“

 


Waldorfschule und „Drosselschlag in Altenkessel“
Merlin weiß, wovon er spricht, er war auf der Freien Waldorfschule in Saarbrücken, seiner Heimatstadt, besser gesagt am Rand von Saarbrücken, in Altenkessel. Aber auf dem Ortsschild steht noch „Saarbrücken“.
In diesem Jahr feiern die Waldorfschulen ihren 100. Geburtstag.
Waldorf 100. Auf der Webseite der Schule wird die Frage gestellt:
„Was verbindet uns zum Beispiel mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg oder Rainer Werner Fassbinder?“
Antwort: „So wie Tausende anderer Frauen und Männer, die im Leben ihre Frau bzw. ihren Mann stehen, sind sie ehemalige Waldorfschüler.“ Und der Geburtstag der Schulgemeinschaft wird gefeiert mit einem Eurythmie-Orchester-Kunst-Theater Projekt. Ein Spektakel.

 

Ja, Kunst und vor allem das Theater spielt in der Waldorfschule eine zentrale Rolle. Für Merlin und seinen älteren Bruder Fridolin, der auch Schauspieler ist, war die Waldorfschule wohl mitentscheidend für die Idee Theater zu machen.
Ich rufe den Bruder Fridolin an, er ist im Ensemble am Schauspiel Frankfurt. Er kann heute Morgen nicht hier sein, lässt aber grüßen, er spielt heute noch am frühen Abend in Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“.
Frido sagt, die Morgensprüche vor der Klasse, jedes Jahr das Weihnachtsspiel und drei Wochen später die Fortsetzung mit den Heiligen-Drei-Königen, waren lustige Erfahrungen auf kleiner Bühne. Hirte oder Jesus, Engel oder Esel, das waren Aufgaben.


Für einen Moment sehe ich Jens Stoltenberg und Rainer Werner Fassbinder in Hirtenkostümen vor mir und dann erscheint vor meinem inneren Auge Merlin Sandmeyer mit Schnauzbart und Rainer Werner Fassbinder-Lederjacke im Stall von Bethlehem. Er schaut in die Krippe und sagt: „Meinetwegen. Ich könnte die Rolle auch nackt spielen.“
Die Sandmeyer-Brüder Fridolin und Merlin wachsen im „Drosselschlag in Altenkessel“ auf. So heißt die Straße, so heißt der Ort. „Drosselschlag in Altenkessel“ Ein Nest mit komischen Vögeln. Die Sandmeyer-Brüder sind mit den Daniels befreundet. Fridolins bester Freund ist Daniel Sträßer, heute Schauspieler, und der neue Tatort-Kommissar aus Saarbrücken und Merlins bester Freund ist Daniel Hirschmann, der wirklich Kommissar in Saarbrücken ist. Er ist Polizist und heute hier im Thalia Theater. (Guten Morgen, Daniel Hirschmann). Die Familie Hirschmann wohnt schräg gegenüber der Sandmeyers und die Familie Sträßer im Prinzip auch. Es ist alles ein wenig schräg im „Drosselschlag in Altenkessel“, denn die Mütter Gertraude Sträßer und Ursula Sandmeyer wiederum sind beste Freundinnen und haben eine Seifen-Manufaktur „duft und schaum“. Und Vater Jürgen Sandmeyer ist ein „dufter Typ“, sage ich. „Und ein großer Komödiant“, sagt Bruder Fridolin.


In der Familie Sandmeyer gibt es eine theatrale Vorprägung, der Opa, der Vater vom Vater, war Oberbeleuchter am Landestheater, der Vater war Bühnenmeister, dann Aufnahmeleiter beim Fernsehen und die Mutter Balletttänzerin in Hagen und Bielefeld, später Ankleiderin beim Saarländischen Staatstheater.
Auf meine Frage, ob es in der Kindheit der Sandmeyer-Brüder - die beide eine große Affinität zum komischen Spiel haben - Komikervorbilder gegeben habe, sagt Bruder Fridolin: „Charlie Chaplin“, dann sagt er, allerdings nicht durch Charlie Chaplin-Filme, sondern durch ihren Vater, der früher Charlie Chaplin-Imitationen gemacht hat. Die Sandmeyer-Brothers haben Slapstick durch ihren Vater kennengelernt.


Ich stelle mir vor, wie die Sandmeyers am Küchentisch sitzen und frühstücken und auf ein Zeichen werden Brötchen mit Gabeln aufgespießt und es beginnt ein Tanz: die in Brötchen gespießte Gabeln parodieren Beine, die Ballettschritte ausführen. Und Mutter Sandmeyer verbessert die seitliche Haltung des Spielbeins in der II. Fußposition.
Sie sitzen am Tisch und unterstützen den Tanz mit lustigen Gesichtern, wackelnden Köpfen und zuckenden Schultern. Und später lesen die Sandmeyer-Brothers Comics. Sie lieben Comics, als Saarländer kennen sie die große Comic-Literatur der Franzosen sehr gut. Die neunte Kunst: Asterix und Obelix, Lucky Luke und Idefix werden zu Spielanlässen, die sie mit Freunden am Nachmittag probieren: Römer fliegen durch die Luft und Piraten gehen unter:
piff paff poff / zack bumm bumm / zack bang doing / rappel dengel bang / bling blang paff / tschraaaack / gluck gluck / uiiee aieejajai
„Im Comic funktioniert alles, ist alles möglich“, sagt Bruder Fridolin.
Sie haben in Sachen Slapstick, mehr dem Comic nachgeeifert als dem „real life“.
ene mene mink mank / pink pank / use duse aka deia / eia weia weg / ene dene dube dene / dube dene dalia / ebe bebe bembio / bio bio buff

 

So gingen die Sandmeyer-Brothers mit Hilfe ihrer Verkleidungskiste auf hohe See, in den wilden Westen oder kämpften als Ritter der Kokosnuss für die Freiheit des Burgfräuleins, das immer Merlin spielen musste. Die Scheißrollen. Auch das Pony war Merlins Part. Er war ein furioses Pony, denn er konnte perfekt im Kreis laufen, er verfügte über eine spezielle Kunst der Koordination, die er beim Kunstradfahren gelernt hat. In Altenkessel ist der „RV Wanderlust“ ansässig und die Sandmeyer-Brothers wurden Vereinsmitglieder. Fridolin als Radballer und Merlin als Kunstradfahrer. Und in dieser Ästhetiksportart, dieser „höchsten Form des Geräteturnens“ auf einem Zweirad in ständiger Kreisbewegung, wurde Merlin extrem erfolgreich. Im Hallenradsport-Forum war im April 2006 zu lesen:
„Hi Leute, bei der am Sonntag durchgeführten Landesmeisterschaft der Jugend im Kunstradfahren, gaben zehn Sportler/innen ihr Bestes. Die geringe Zuschauerzahl verfolgte aufmerksam das Geschehen in der Jahnturnhalle Altenkessel. Merlin Sandmeyer, der Einzelkämpfer in der 1er Juniorenklasse, wurde trotz Patzer Landesbester und erreichte die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft. Dafür drücken wir ihm alle Vereinsdaumen!!!"

Saarländischer Landesmeister.
Vielleicht war der Patzer, ein listiges, lustiges Stürzen, ja auch Merlins neuer Leidenschaft geschuldet, dem Theaterspielen.
Seit er in der Waldorfschule beim 8-Klass-Spiel in dem Stück „Oliver Twist“, den Anführer einer Diebesbande gespielt hatte und die ganze Klasse alles gemeinsam bewerkstelligte - von der Stückauswahl über das Bühnenbild, Kostüme, Maske, Technik, das volle Programm - hatte sich Merlin zugeschaltet: Hallo, ich bin da!
Dann in der 12. Klasse wurde es konkret, als ein Regisseur, Marcus Lachmann aus Berlin, kam und als Klassenspiel „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare inszenierte. Merlin spielte den Narr, Probstein. Marcus Lachmann sagte, das kann man auch als Beruf machen. Guck dir das mal an. Es gibt Studiengänge.
Klar, Studiengänge, das wusste Merlin bereits. Sein Bruder Fridolin studierte nämlich mittlerweile Schauspiel an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Und damit war der Beruf des Schauspielers in der Familie Sandmeyer vergeben.


Oder? Oder etwa nicht?
Merlin haderte. Was tun?
Vielleicht was mit Design? Oder Musik?
Er wollte jedenfalls nicht das machen, was sein großer Bruder macht.
Oder doch?

 

Schauspielschule in Mjunik
Es war Fridos Geburtstag, die Family versammelte sich in einer Kneipe in Ludwigsburg. Merlin trank Tequila.
Und noch ein Glas und noch ein Glas Tequila. Nach vielen Tequilas - Scheiß drauf. Denk dir „soll so sein“ und schenk' dir einen Tequila ein - fragte Merlin seinen Bruder, wie es für ihn, den Bruder wäre, wenn er, der jüngere Bruder, ebenfalls den Weg des Schauspiels probieren würde und ob er, der ältere Bruder, was dagegen hätte, und wenn ja, dann würde er, der jüngere Bruder, es natürlich nicht machen. Und Frido sagt: „Mach auf was du Bock hast. Ja, mach das! Unbedingt. Es ist doch geil, wenn wir irgendwann zusammen auf der Bühne stehen.“


Nach dem Abitur absolviert Merlin erst mal ein „Freies Soziales Jahr Kultur“ im Saarländischen Staatstheater, in der kleinsten Spielstätte, Sparte 4, ein Experimentierraum für 99 Zuschauer, er fährt Ton und Licht, schreibt kleine Texte für die Dramaturgie, er macht Regieassistenzen und jede Menge neue Erfahrungen.
In der musikalischen Reihe „Direkt-Musik“ hat Merlin einen ersten Auftritt. Er singt das Lied „Dörte“ von Rainald Grebe:
„Dörte, Dööörte. Du bist der Ausweg aus der Spaßgesellschaft.“


Und für Merlin ist es der Weg direkt in eine Produktion als Darsteller und Musiker. „Endstation Sehnsucht“. Es wird für Merlin die Fahrkarte für weitere Arbeiten und so verbringt er nach dem „kulturellen Jahr“ ein „spielendes Jahr“ im Theater, während er sich für Vorsprechen an Schauspielschulen vorbereitet.
Weihnachten kommt Bruder Fridolin nach Saarbrücken und auf der Probebühne des Theaters zeigt Merlin seine Vorsprechrollen. Frido denkt (so sagt er es mir am Telefon): „Okay. Krass, der spielt ja wie ich.“


Ein Hampelmann. Der macht Bambule, macht Unsinn, eilt herbei, schleicht herum, geht auf der Stelle, gestikuliert, vergräbt sein Gesicht in den Händen, hüpft rum, fällt hin, taucht auf und ab.

 

Und dann hat Bruder Fridolin Merlin dieselben Sachen gesagt, die die Schauspieldozenten Frido an der Akademie gesagt haben: „Mach weniger. Sag mal einfach nur einen Satz ohne zu gestikulieren, spring nicht in die Luft, mach keine Rolle rückwärts. Nicht so viel Aktionismus.“

Und dann sagt Bruder Fridolin: „Fahr nach Ludwigburg, begib dich direkt dorthin. Ich will sehen, wie die zu dir sind und ob die noch einen zweiten Sandmeyer aufnehmen.“
Merlin fährt nach Ludwigsburg und schafft die Aufnahmeprüfung. Beweis erbracht: Die nehmen einen zweiten Sandmeyer!


Aber Merlin geht nach München. Merlin dachte, Schauspielstudium in München,
das heißt Sex, Drugs and Rock´n`Roll.
Wo kommt der Mensch her? Aus Saarbrücken.
Wo geht er hin? Da wo es leuchtet.

 

München leuchtet, das wusste schon Thomas Mann.
Was Merlin nicht wusste, München ist eine Disco Stadt,
Mjunik Disco. Bum Tschaka Bum Tschaka Bum Bum.
München ist sauber, reich, schickimicki.

 

Die New York Times schreibt:
„Mjunik - Germany's hot spot of the moment“.
Aber was für ein Moment?
„Give me one moment in time”, singt Whitney Houston.

 

Aber Merlin hat keine Zeit,
Merlin drückt auf`s Gaspedal,
dass die Probebühnen qualmen.
Das Scheinwerferlicht ist sein Sonnenschein
Er sieht nicht mal die Palmen.
Er ist hundertmal so schnell
wie ein rollender Stein.
Er startet durch. Er fordert heraus,
will alles lernen, mitnehmen, was im Angebot ist.


„Nur keine Leere aufkommen lassen! Ein gelungenes Dasein hängt von Unterhaltung ab!“, wie es so schön im Wolfram Lotz-Text „Einige Nachrichten an das All“ heißt, den Merlin heute zu Anfang zögernd, zaudernd, stolpernd, sich verheddernd uns gezeigt hat. Eine Slapstick-Nummer, die passt zu dem, was wir hier gerade tun:
in höchster Nervosität, den richtigen Ausdruck suchen,
obwohl wir manchmal lieber im Bett geblieben wären.

 

Ich habe Merlin an einem amtlichen Dienstag im Herbst 2012 kennengelernt und ihn und seine ganze Klasse im zweiten Studienjahr zu einem gemeinsamen Projekt eingeladen. Eine Art Klassenspiel der Otto-Waldorf-Schule im Werkraum der Münchner Kammerspiele, gemeinsam mit Schauspielern des Ensembles: Grundlage sind vier Romane von Émile Zola, „grandiose Meisterwerke des Naturalismus voll Zärtlichkeit und Brutalität, übersetzt in schnelles, plastisches, spannendes Theater, Theater wie eine sehr gute Fernsehserie, „Kir Royal“ am Bodensatz der Gesellschaft, der Titel: „Schnapsbudenbestien“. Darauf einen Tequila.
Ein weiteres Jahr später spielt Merlin die Hauptrolle in der Werkraum-Inszenierung „Hundeherz“. Knallhartes Comic-Theater-Acting.
Für seine Arbeiten bekommt er 2015 den O.E. Hasse-Preis, der abwechselnd an Studierende der Berliner „Bier-Ernst Busch-Hochschule“ und der Münchner „Otto-Waldorf-Schule“ vergeben wird, um „herausragende Begabungen zu unterstützen und zu ermutigen“.

 

Ich werde gebeten, für die Laudatio dem Laudator einige Beobachtungen aus der gemeinsamen Arbeit mit Merlin zu liefern. Prompt sich. Als Dramaturg arbeite ich ja in einem Theaterlieferservice, wie ich immer wieder leidvoll erfahre. Wir müssen liefern! Wem auch immer. Ich schreibe:
„Auf der Probe redet er, wenn er muss, doch lieber ist es ihm, etwas zu tun, zu zeigen, zu spielen. Deshalb betritt er die Bühne. Manchmal eher schlurfend. Als wäre er gerade erst aufgestanden. Er durchschreitet den Raum.
Läßt sich treiben, scheinbar fahrig. Sein Gesicht kann in jedem Augenblick explodieren: chaotisch und albern, kindlich oder uralt. Es wütet, strahlt, verängstigt oder vereist sich, in jähen, rätselhaften Wechseln. Er braucht kein Kostüm, keine Ausstattung, kein Podest. Er ist die Mitte, um die sich alles dreht. ER IST DA.“

 

Burgtheater. Der Olymp?
Und dann war Merlin weg. Raus aus meinem Theateralltag.
Ich ging 2015 nach Hamburg an das Thalia Theater.
Merlin ein Jahr später an das Burgtheater nach Wien.
Ich frage Merlin: Und Burgtheater, der Olymp?
Merlin sagt, die kochen auch nur mit „lauwarmen Wasser“.


Die ersten beiden Produktionen waren beschissen, die liefen unter dem Slogan: „Ist egal, muss gemacht werden.“ Da guckt auch niemand hin, sagt Merlin. Furchtbare Produktionen, aber darin total entspannt. Und immer noch besser, als mit Regisseuren zu arbeiten, die einen quälen oder Schauspielern, die einen zurechtweisen, wie man zu spielen hat. Das alles hat er nicht erlebt in seinen zwei Jahren an der Burg. Es war angenehm.
Er hat viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Was er liebt, sind Schauspieler und Regisseure, die bodenständig sind, nicht so abgehoben.
In Herbert Fritschs Slapstick-Mechanik-Theater oder dem Minimalismus von Michael Thalheimer hat er für sich etwas Neues entdeckt. Beide arbeiten mit extremen Formen. Es sind strenge Vorgaben, ein Rahmen, den es gilt auszufüllen. Eine Fixierung auf das körperliche Spiel.
Was kann der Körper unabhängig von dem Text erzählen?
Was erzählen mehrere Körper zusammen?
Bei dem einen scheinbar ausufernd, in einer Reihung von Einfällen, mit einer extrem ausgestellten Art zu spielen, bei dem anderen extrem reduziert. Aber es sind Vorgänge, die Konzentration brauchen, weil man die Formen nicht verraten darf, indem man die Form zu sehr bedient, zu viel macht im Formenspiel, oder sich von der Form komplett verabschiedet. Es geht darum, in der Form die Freiheit zu entdecken.


In Wien wurde Merlin 2017 für den Nestroy Theaterpreis in der Kategorie „Bester Nachwuchs“ nominiert, unter anderem für seine Arbeiten mit Herbert Fritsch und Michael Thalheimer. In der Jurybegründung steht:

„Einem Bonmot zufolge lässt sich der Verlauf einer Schauspielerkarriere in drei Abschnitte gliedern: Wer ist denn der? – Da ist er ja! – Lebt der auch noch?
In der abgelaufenen Spielzeit macht am Burgtheater ein junger Akteur mit jedem seiner Auftritte auf sich aufmerksam. Merlin Sandmeyer absolviert in Herbert Fritschs Shakespeares „Komödie der Irrungen“ als Kerkermeister geradezu akrobatische Turnübungen; und in Aischylos „Die Perser“ bricht er in der Regie von Michael Thalheimer an der Seite von Christiane von Poelnitz nach allen Regeln der Kunst zusammen. Winselnd, nackt, blutbesudelt windet er sich dazu auf dem Boden des Akademietheaters: Merlin Sandmeyer schreckt vor nichts zurück. Da ist er ja!“

 

Hamburg leuchtet!
Und jetzt ist er hier in Hamburg. Das Thalia Theater hat Merlin Sandmeyer dem Burgtheater zu Beginn der letzten Spielzeit abgeluxt. Danke Joachim. Was für ein Gewinn. In 5 Produktionen, „Vor dem Fest“, „Rom“, „Checkpoint Woodstock“, „Die Katze und der General“ und „Die Nacht der von Neil Young Getöteten“ können wir und Sie, liebes Publikum, derzeit Merlin Sandmeyer in ganz unterschiedlichen Spielformen und Spielweisen auf den Bühnen des Thalia Theater erleben.
Darüber wurde in den letzten Tagen im Hamburger Abendblatt oder im NDR klug berichtet. Ich freue mich, dass ich - wie einst an den Münchner Kammerspielen - zuerst mit ihm an diesem Haus arbeiten durfte, in der mittlerweile abgespielten „Iran-Konferenz“.

 

Merlin ist ein Schauspieler, das sehen wir in allen seinen Arbeiten, der nicht nur nach Kunstschöpfungen aus dem Inneren sucht, sondern eben auch und gerne nach sehr präzisen Formen von Abläufen. Er gestaltet und probiert. Er ist Konstrukteur und verfügt über eine Präzision, die er dann während der Aufführung dekonstruiert und seine Figuren dadurch verwandelt in scheinbar nichtperfekte Darstellungsdilettanten, in Tolpatsche, Stolperer und Taumelnde.

 

Das Nicht-Perfekte perfektioniert er. Das ist das Besondere seiner Darstellungskunst, das er eben ein Schauspieler ist, der uns nicht durch Virtuosität und Artistik Staunen macht, als säßen wir in der Zirkusmanege. Nein, er zeigt uns das Unzulängliche und Unperfekte, er zeigt uns mit seinem Körperspiel den Gegenentwurf zum Ästhetizimus der Warenwelt, wie er in den Epizentren des Visuellen, den Showrooms des Körperdesigns präsentiert wird. Merlins Figuren sind „keine Models aus der Muckibude“.

 

In Jette Steckels Inszenierung „Katze und General“ stottert Merlin als Figur auf der Bühne durch einen Text, wir sehen, wie das Stottern den Bewegungsablauf beeinflusst und verändert.
Wir sehen einen Spieler, der sein Körperinstrument beherrscht, ein Stotterer, und erleben zugleich den Eigensinn und die Widerständigkeit eines stotternden Körpers, den wir aufgrund unserer Erfahrung aus der Wirklichkeit vielleicht wiederzuerkennen meinen, den Stotterer von nebenan.
Merlin spielt mit unserem erworbenen Wissenszusammenhang, er zeigt das Stottern, das wir auf unterschiedlichste Weise lesen können, als das Stottern eines Stotteres aus der wirklichen Welt.

„Ja“, flüstert jemand im Publikum, „stottert der da denn wirklich?“

 

Wir sehen einen Körper, der scheinbar sich jeglicher Kontrolle und Beherrschbarkeit entzieht und das macht Merlin mit Präzision.
Er performt das Unperfekte und spielt mit dem Risiko des Scheiterns, der Gefahr der Peinlichkeit und des Bloßstellens.
Aber eben gestaltet. Authentizität als Darstellung.


Und wir, die Zuschauer, sind nicht schamhaft Schauende, sondern erfreuen uns dann eben doch am virtuosen Spiel, am Rhythmus, an der Leichtigkeit.
Ja, um Moritz Krämer nochmal zu zitieren, dessen Song „Allen gefallen“, Merlin gerade gesungen hat: „Und ich wollt' immer schon leicht sein / Und rhythmisch aufgeräumt / Jemand der immer schon da ist“

 

Merlin, ich bin froh und dankbar, dass du da bist.
Herzlichen Glückwunsch zum Boy Gobert-Preis 2019.
Lass es leuchten / Make it shine / One moment in time.