Vorstellungen am Dienstag, 16. Juli 2013

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Rezensionen zu "Die Orestie"


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Rezensionen zu "Die Orestie"




4.Februar 2018, Hamburg. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die Demokratie im antiken Griechenland, genauer in Athen, ihren Ursprung fand. Belegt ist jedoch nicht, dass das damalige Athen aus bunten Plattenbauwohnungen bestand und von rattenähnlichen Wesen bevölkert wurde. So kunterbunt sieht nämlich Ersan Mondtags Inszenierung von Aischylos Trilogie und Rachetragödie „Die Orestie“  aus. Und auch wenn der äußere Eindruck bunt und fröhlich wirkt, so geht es nicht gerade gemütlich zu im Volk der Ratten:

Im Kampf gegen Troja opfert Agamemnon, König von Argos, seine Tochter Iphigenie, damit die Winde seine Kriegsflotte antreiben. Nach seiner Heimkehr wird Agamemnon dann von seiner Frau Klytaimestra und deren Liebhaber Aigisth ermordet. Jahre später, Klytaimestra und Aigisth haben sich derzeit als beliebtes Königspaar etabliert, kehrt der als Kind ins Ausland geschickte Sohn von Agamemnon, Orest, zurück. Er wird von seiner als Magd festgehaltenen Schwester Elektra und dem Gott Apollon zum Mord an dem Königspaar angestiftet. Dies tut der zunächst zweifelnde Orest auch und wird im letzten Teil der Tragödie dann von den Erinnyen, den Rachegöttinnen verfolgt, sodass Orest nach Athen flieht, um dort von der Göttin Athene demokratisch gerichtet zu werden.

Man merkt es schnell: Die älteste vollständig erhaltene Tragödie des antiken Griechenlands lässt sich nicht in einem Atemzug zusammenfassen; wenn man bedenkt, dass fast jede auftretende Figur eine ebenso lange und zum Teil auch in die Geschichte einbeziehende Biographie besitzt.
Dementsprechend ist Ersan Mondtag ein großes Wagnis eingegangen, die komplette Trilogie auf die Bühne zu bringen. Teils wirkt es so, als ob man bei einmaligem Blinzeln schon diverse Aktionen und Handlungen verpasst hat; gerade zu Anfang des Stückes, wo die Ereignisse des Trojanischen Krieges durch Standbilder und längeren Monolog im klassischen Singsang zusammengefasst werden.
Doch gerade die wesentlichen Stellen wurden mit derartiger Raffinesse und Gestaltungskunst herübergebracht, sodass es irrelevant ist, ob man jeden kleinsten Teil der Handlung mitbekommen hat. Denn die signifikanten Szenen kann man nicht verpassen.

Und gerade das sticht bei dieser Inszenierung so hervor: Die herausragende und pfiffige Gestaltung, beginnend bei den Kostümen bis hin zum gesamten Bühnenbild.
Zu Anfang sieht alles noch ganz klassisch nach Antikem Griechenland aus; mit Kolosseum, steinernen Plastiken und Bürgerchor, der einem die Vorgeschichte „vorträllert“. Nur die skurrilen Wesen  mit Rattennase und Strubbelpullis wahlweise in weiß, schwarz oder knatschpink scheinen zuerst fehl am Platz; bis die Kulisse in sich zusammenfällt und überraschenderweise den Blick auf ein sprödes Parkhaus gibt. Und ab dann scheint sich wirklich alles zu drehen: Von den Schauspielern auf ihrer kleinen Drehscheibe bis zuletzt die gesamte Parkhauskulisse, die sich  in eine spießige Plattenbauten-Landschaft mit bunten Balkons verwandelt.
Dabei sieht dieser Hintergrund nicht nur sehr gewaltig aus; die gesamte Kulisse wird mit ins Stück eingebunden, wenn dort z.B. der Chor seinen Platz findet oder auch in einer niedlichen Plattenbauwohnung das Königspaar ermeuchelt wird.

Aber nicht nur das Bühnenbild, sondern auch die schauspielerische Leistung ist ein Genuss für das Auge: Denn in dieser dreiteiligen Inszenierung wird den Schauspielern viel abverlangt; gerade da vieles durch Ironie ins Lächerliche gezogen wurde. So ist das eigentlich tragische Treffen des Orest (hervorragend gespielt von Sebastian Zimmler) mit seiner Schwester Elektra eher komisch bis herzhaft lustig, wenn Elektra im roten Gewand und abstehenden Zöpfen von Björn Meyer gespielt wird. Und auch als dann die Mutter Klytaimestra sehr dramatisch ermordet wurde und Orest nun seinen vor Verzweiflung triefenden Monolog aussprechen will, wird demonstrierend die Kulisse zusammengebaut, Statisten räumen die Bühne auf, und Orest eilt noch mit seinem Podium vor den zugehenden Vorhang. Letztlich gibt es in der gesamten Inszenierung diverse Beispiele, wo schauspielerisches Talent und Komik perfekt in Einklang gebracht wurden.

Doch trotz allem wird der Ernst dieser Geschichte nie aus den Augen verloren: Wie der Kreis der Rache durch Gesetz und Demokratie durchbrochen werden kann. Nur das am Ende eben eine Scheindemokratie gegründet wird, in der Athene immer noch das Sagen hat. Und das der Kreis der Rache auch nicht wirklich durchbrochen wird; kurz bevor der Vorhang tatsächlich zufällt, kommt wieder Hass und Gewalt auf im Volk der Ratten. Und darum geht es doch auch eigentlich in dieser Inszenierung: Dass wir hier Ratten vor uns haben. Feige und hinterlistige Tiere, unfähig sich von der Blutrache abzuwenden und einen Staat der Gerechtigkeit und des Friedens zu gründen.

Letztendlich ist Ersan Mondtags Inszenierung von „Die Orestie“ ein Stück ganz für sich; zwischen Tragik und Komödie, Ernst und Unernst. Trotzdem passt alles zusammen; die skurrilen Rattenwesen, der melodische Chor und das alles vor einem Hintergrund zwischen antikem Kolosseum und Plattenbauten. So mag dieses Stück zuerst sehr abstrakt wirkt, doch es hat seinen ganz eigenen besonderen Charme und am Ende ist sich wohl jeder einig: Es ist schön in einer parlamentarischen Demokratie zu leben und eine solche Elektra wird man wohl in keiner anderen Inszenierung  jemals so wiederfinden.
Luise Lämmerhirt, Leibniz Privatschule Elmshorn, Jg 11

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Als Didl Mäuse auf einem LSD-Trip bezeichnete meine Begleitung die Kostüme der Protagonisten der „Orestie“.  Auf dem T-Shirt des einen steht „Geil“ und sie alle haben Rattenschwänze, rote Brillen, Schnurhaare. In der Tat, sie sehen sehr merkwürdig aus.
Nun so am Anfang des Stücks, wusste ich auch nicht so richtig, was da auf mich zukommt, als ich eine Iphigenie in kompletten Rosa und merkwürdigen Dreadlocks sehe.
 Ok, drei Stunden Tragödie, mit ganz viel Mord und komischen Namen, die sich ein gewisser Herr Aischylos ausgedacht hat. Agamemnon opfert seine Tochter Iphigenie, dieser wird wiederum getötet von seiner Frau Klytaimestra. Ja und diese stirbt zusammen mit ihrem Geliebten, durch die Hand des eigenen Sohnes, Orest. Das hört sich nicht nach leichter Kost an, nach Spaß schon gar nicht. Trotzdem hat es Ersan Mondtag geschafft, dem Stück ein wenig den Ernst zu nehmen, aber auf eine gute Art und Weise. Eine verstaubte Tragödie wurde modern inszeniert. Schauplatz sind ein Renaissance-Palast, aber auch ein Parkhaus und eine Wohngegend oder eher ein Plattenbau, in dem Gerüchte bestimmt schnell die Runde machen. Schwung hinein bringt eine Drehscheibe, die zwar nicht immer von alleine lief, aber trotzdem sehr imposant wirkte, als Orest klar wird, dass er Rache möchte. Rache an seiner Mutter, für den Mord an seinem Vater.
„Soll das so sein?“, frage ich mich dann aber, als Orest bei seinem  fast melancholischen Geständnis unterbrochen wird. Statisten, die die Puppen von der Bühne räumen, andere fangen an den Hintergrund abzubauen, der Vorhang fällt. Orest  guckt hervor, schreit nach dem Text, seine Schwester Elektra kommt dazu, sie beide wirken jedoch etwas hilflos, stammeln vor sich hin, bis sie mit der Bühne zusammen untergehen.
So grotesk geht es weiter, indem die Wahrsagerin Kassandra ein Baby ist, deren Prophezeiungen sich in Geschrei kundtun.
Worum geht es eigentlich in der „Orestie“?
Um etwas, was für uns vielleicht schon viel zu selbstverständlich geworden ist, weshalb so wenige von uns sie wahrnehmen. Die Demokratie, bzw. den Übergang von der Blutrache zu einem Rechtsstaat.
Während am Anfang noch Götter die Entscheidungen über Gerechtigkeit treffen, später Selbstjustiz stattfindet, soll am Ende eigentlich eine erste Demokratie aufgebaut werden. Doch schlussendlich entscheidet Athene alleine und stimmt für Orest´ Unschuld. Vielleicht erklärt auch das die Kostüme. Der Mensch verhält sich hinterlistig, feige, verschlagen. Er ist eine Ratte und mit Gerechtigkeit umgehen, kann er eher weniger. Damit bleibt die Frage am Ende offen: Troja ist gefallen. Doch wie geht es nun weiter?
Insgesamt ist  „ Die Orestie“ ein unfassbar beeindruckendes Stück, mit dem für den einen oder anderen vielleicht zu grotesken Bildern, doch hervorragender schauspielerischer Leistung und einem mitreißenden Chor.
Michele Lichtenstein, Marion-Dönhoff-Gymnasium Mölln, Jg 11

31.01.2018 / 15:07 Uhr / Schülerbotschafter

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