Pressestimmen zu Jeder stirbt für sich allein

Pressestimmen zu Jeder stirbt für sich allein




Wenn Theater sich noch jener moralischen Verantwortung stellen will, einmal ohne ironische Distanzierung oder drastische Symbolik über politische Handlungsfähigkeit zu sprechen, dann bekommt es in Percevals Inszenierung ein Beispiel geboten, wie das aussehen könnte. Sehr konkret nämlich, und das ist im zeitgenössischen Theater schon so lange als konservativ verpönt, dass es in dieser Kraft geradezu erfrischend neu und modern auftritt.

Süddeutsche Zeitung


Perceval schickt seine Darsteller in ein Personenregie-Wechselbad von Statik und wilder Bewegung. Manchmal schwebt das Ensemble wie in einer Pina-Bausch-Choreografie über die Bühne, dann erstarren sie zu einer kalten, harten Menschen-Installation, mal Zeitlupe, mal Slapstick, ständig variiert das Tempo, immer sitzen die Aktionen und Pointen, das Publikum lacht dem Tod ins Gesicht, bevor es wieder heulen möchte. [...] Hans Falladas Talent, immer den authentischen Ton der fiesen Sadisten wie den der sympathischen Verlierer zu treffen, konnte Perceval wunderbar inszenieren, denn ihm stand ein Ensemble voll großartiger Solisten zur Verfügung. Oda Thormeyer und Thomas Niehaus, die als Ehepaar Quangel aus ihrer kleinen Welt und deren limitierten Möglichkeiten den Heldenkampf führen wollten, spielten das innerlich zerstörte Paar mit nuancenreicher Tiefe. Niehaus knapp, unpathetisch, mit stoischer Akkuratesse eines Kleinbürger-Revoluzzers, Thormayer mit Würde, Hoffnung und gebändigter Trauer, beide jede Sekunde von einer atemberaubenden Präsenz. [...] Ein Kompliment, das man der gesamten Thalia-Riege machen konnte, denn vor allem die Kontraste zwischen greller Komik und äußerster Kälte und Brutalität schimmerten in packender Dichte. Fast alle spielten mehrere Rollen. Barbara Nüsse brillierte als wüster, trinkender und misshandelnder SS-Mann Prall ebenso wie als mutig helfender Kammergerichtsrat Fromm – größere Gegensätze an einem einzigen Abend sind kaum denkbar. Alexander Simon und Mirco Kreibich ließen ihre Figuren – Hergesell und Barkhausen – förmlich explodieren.

spiegel.de


Im Bühnenhintergrund steht eine Wand, und an dieser Wand klebt, ins Senkrechte gekippt, ein Modell der Stadt Berlin. Es ist, als blicke man im Flug, von oben, auf ferne Wohnblöcke, Hinterhöfe, Plätze. Eigentlich ein kleines Weltwunder: die hängenden Höfe von Berlin, eine Stadt, steil in den Abgrund gebaut. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass diese Kopfübermetropole aus Gegenständen des praktischen Lebens besteht: aus Uhren, Schuhschachteln, Handtaschen, ja sogar aus Messern und Gabeln. Berlin ist im Hamburger Thalia Theater gebaut aus dem Kram, den seine Bewohner besitzen. Und die Stadt befindet sich in Auflösung; was in den Häusern verborgen war, ist herausgefallen und liegt nun unter ihnen auf einem großen Scheiterhaufen: Kartons, Spielzeug, Geschirr, leere Schubladen. Die Bühnenbildnerin Annette Kurz hat dieses Bühnenbild gebaut – eine Stadt auf der Kippe, von Vandalen im Zuge einer endlosen Razzia verwüstet. [...] Hans Fallada allerdings scheint im brachialen Regisseur Perceval eine völlig andere, fürsorgliche Seite zu wecken. [...] Er spornt nämlich seine ausnahmslos großartigen Spieler zu lauter Kabinettstücken der guten alten Darstellungskunst an. Zwar wird eine Vielzahl von Figuren von lediglich elf Schauspielern auf die Bühne geführt und dort betreut, es ist das Gewimmel des gängigen Schauspieler-erzählen-Romane-Theaters zu sehen, und man hört das übliche Stimmengewirr eines inszenierten Hör-buchs, aber in diesem Gewimmel und Gewirr herrscht eine solche Liebe der Spieler zu ihren Figuren, dass man nicht müde wird, zu sehen und zu hören. Wie in einem dunklen, sachlichen Menschenvarieté gelingen Glanznummern der Figurenzauberei, Szenen werden in Sekunden gebaut, nur damit wir begreifen, wie alles zusammenhängt: Berlin, Panoptikum der Abhängigen und Verstrickten. Alle sind dem Unter-gang geweiht, gerade das nimmt den Regisseur für sie ein. Jeder kommt zu seinem Recht, jeder wirft mal einen liebenden Blick auf einen anderen und gibt ihm so Gewicht. [...] Angst und Liebe sind die großen Kräfte in diesem Stück. Dem Regisseur Luk Perceval ist ein Kunststück gelungen: Er hat das Gleichgewicht zwischen beiden Kräften hergestellt, sodass man beim Zuschauen von beiden ergriffen wird und an beide glaubt. Aber an die Liebe ein bisschen mehr.

Die Zeit


Was für ein Glanzstück! Die Thalia-Premiere von Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ ist konzentriertes, großartiges Ensembletheater. Luk Percevals konzentrierter Minimalismus erreicht in diesem mühelos über vier Stunden tragenden Abend eine neue Dimension. Die psychologische Grundsituation des Romans kondensiert Perceval auf eine gültige Essenz, die mit der von ihm und Dramaturgin Christina Bellingen zugespitzten Stückfassung aufs Feinste korreliert. Zwar kommt eine Schusswaffe zum Einsatz, doch alle drastischen Gewaltbilder sowie Liebesbegegnungen malt er ausschließlich mit Worten, Gesten und Blicken im Kopf des Zuschauers, wo sie, atmosphärisch verstärkt durch die E-Gitarre von Lothar Müller, umso eindringlicher implodieren. [...] Es ist auch großes Ensembletheater, in dem die Schauspieler häufig mehrere Rollen übernehmen und jeder irgendwie zu einem Protagonisten wird. André Szymanski gibt seinem Kommissar Escherich eine bewegende Zerrissenheit und Melancholie. [...] Der Showdown zwischen Escherich und Kluge ist in seinem nebligen Purismus ein Glanzstück von vielen an diesem Abend. Mit großem Gespür lotet das Ensemble alle tragischen Facetten von Angst, Zynismus, Zartheit, aber auch der Groteske bis zur Knallcharge aus.

Hamburger Abendblatt


Fröhlich schief und bewusst immer einen Hauch neben ihrer Rolle liegen meist auch die Schauspieler der Stückfassung, die fast nur Hauptrollen, aber keine beherrschenden kennt. Mit großer Souveränität bewegen sie sich immer haarscharf am Rand der Schmiere, besonders wenn es in die Welt der Berliner Kleinkriminellen geht, der nicht sehr schlauen Frauenausbeuter, Kinderprügler und Durchwurstler. [...] Gezeigt werden Menschen, die selber ständig nach ihrer Rolle suchen und dabei, wie etwa Gabriele Maria Schmeide als vermögende Zoofabrikantin oder Daniel Lommatzsch als sie ausnutzender, sich um alles im Leben drückender Falschver-dächtigter, ins allerkomischste Rudern geraten.

FAZ


Der Oberspielleiter liefert eine viereinhalbstündige, konzentrierte Fassung mit großar-tigen Schauspielern in einem geradezu überwältigend vielschichtigen Bühnenbild von Annette Kurz [...]. Kurz hat ein Modell der Stadt Berlin aus Telefonen, Büchsen, Schachteln, Handtaschen, eben Alltagsgegenständen gebaut und in die Vertikale gekippt, das bildet nun den Hintergrund für die Geschichte, die in der Reichshauptstadt spielt.
Dieses Bild, ein Kunstwerk, ist so offen und verrätselt zugleich, dass es auch nach diesem langen Abend nicht entschlüsselt ist. Gern wandert das Auge immer wieder über die Häuserzeilen, die Plätze, sucht zu erkennen, wiederzufinden, Wege zu gehen.

Die Welt


Hier – in diesem großartigen Bühnenbild von Annette Kurz – wird uns Novalis' Einsicht über Mikro- und Makrokosmos konkret vor Augen geführt: Das Größte spiegelt sich im Kleinsten, das Kleinste im Größten. Und obwohl diese Gebrauchsgegenstände schon Patina angesetzt haben, lässt sich das Leben von anno dazumal auf, mit und in ihnen nachspüren. [...] Percevals wundervolles Schauspieler-Ensemble versteht es, Stille, Verletztheit, Nachdenklichkeit oder Zynismus und Brutalität ebenso meisterhaft darzustellen wie ins Groteske gesteigerte Komik. Besonders überzeugend André Szymanskis Darstellung des Kriminalkommissars Escherich, mehr karrierebewusster Mitläufer als glühender Nazi: Szymanski spielt die Zerrissenheit seiner Figur lakonisch und macht den Zuschauer so zum Komplizen – erschreckend. Und symptomatisch für die Stärke dieser Inszenierung, die keine ihrer Figuren in Nichtigkeit abgleiten lässt.

nachtkritik.de


[G]ute vier Stunden reines, kurzweiliges Erzähltheater mit einem starken Ensemble und bei aller Tragik vielen heiteren Momenten. Atmosphärisch trifft er damit ins Schwarze – der Jubel beim Premierenpublikum ist am Sonnabend groß.

Mopo


Fast totenstill ist es im Zuschauerraum, wenn Thomas Niehaus auf der dunklen Bühne das Glaubensbekenntnis des Otto Quangel spricht: Es bleibt immer eine Wahl, und wer aufrecht stirbt, ist nicht umsonst gestorben.

Frankfurter Rundschau


Mit verstörender Klarheit dröselt Perceval Mentalitäten, Mechanismen und Verpflechtungen auf, spiegelt das große Ganze in den kleinen Leuten und umgekehrt. So entsteht ein Sittengemälde der Nazi-Zeit, das gleichzeitig aus seiner Zeit herauswächst. [...] Man sieht die Ansteckungsgefahr des Bösen und die Kraft des Widerstands. Fast wird Perceval hier zum großen Moralisten, aber ihm gelingt das ohne Pathos. Zu zeigen, wie es darum geht, anständig zu bleiben.

Kieler Nachrichten


Vier Stunden packend und niemals langweilig. [...] Ein Muss für jeden Theatergänger!

Bild


Luk Perceval und Christina Bellingen zeigen ein Gesellschaftspanorama unterm Brennglas, fern jeder Rührseligkeit, doch mit einer zärtlichen Hinwendung. Es sind die widersprüchlichen Charakterstudien der Figuren, die auf das zeitlos Prekäre des menschlichen Charakters verweisen. Das erzählt nicht nur viel über die damalige Gesellschaft, sondern auch über die heutige – und wahrscheinlich ebenso viel über den kommenden Menschen. Wider besseren Wissen weigert sich Perceval, den Zyniker zu geben; er appelliert an das Einzige, was den Menschen am Leben hält und ihm Hoffnung gibt: die Liebe. Er tut das aus Liebe zur Utopie.

Jurybegründung Theatertreffen


Luk Percevals Hamburger Fallada-Abend „Jeder stirbt für sich allein“ – neben „Krieg und Frieden“ die zweite Romanadaption in der diesjährigen Auswahl – könnte man sogar im allerbesten Sinne als moralisches Theater bezeichnen. Und gleichsam im Nebenjob entlarvt der Vierstünder über den Widerstand eines Ehepaares gegen die NS-Diktatur nachgerade triumphal die gern behauptete Trennung in Regie– auf der einen und Schauspielertheater auf der anderen Seite als das, was sie ist: eine eher bühnenrealitätsferne Placebo-Debatte. Das Thalia-Ensemble besticht mit komplexen, individuellen Figurenskizzen.

Publikation Theatertreffen






09.11.2012 / 20:04 Uhr / Pressestimmen

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