Lange Nacht der Weltreligionen 2015

Religion und Gewalt. Ein Begriffspaar sorgt für mediale Aufmerksamkeit, sei es im Zusammenhang aktueller Konflikte wie beispielsweise in Nahost oder religiös motivierter Radikalisierung Jugendlicher hierzulande. Religion und Gewalt. Stereotype Verknüpfungen wie Christentum und Kreuzzüge, Islam und Djihad, Judentum und militanter Zionismus werden für die abrahamischen Religionen bemüht. Ebenso stereotyp werden Buddhismus oder Hinduismus als friedliche, gewaltentsagende Religionen dargestellt. Was steht dahinter? Die Erklärungen sind kontrovers: Keine Religion ruft von sich aus auf zur Gewalt, sagen die einen. Den abrahamischen Religionen ist Gewalt immanent, meinen die anderen. Religionen werden in Konflikten instrumentalisiert, jede Gewalthandlung birgt eine Botschaft oder das Verhältnis zwischen Gewalt und Religion ist zu komplex, um eine Deutung gelten zu lassen, lauten weitere Positionen. Was steht eigentlich in den Schriften der Religionen; wie können die Texte heute gedeutet werden; welche Gegenentwürfe bieten sie an? Die Lange Nacht der Weltreligionen stellt Texte aus den unterschiedlichen Religionen vor.

Die Schulprojekte der Weltreligionen präsentieren sich in einer Videoinstallation im Eingangsfoyer ab 17.30 Uhr.

Konzept und Dramaturgie Dorothea Grießbach, Beate Heine Szenische Lesung Julia Jost Ausstattung Ute Radler Moderation Joachim Lux, Prof. Dr. Wolfram Weiße

Mit Sandra Flubacher, Marina Galic, Benjamin-Lew Klon, Matthias Leja, Marie Löcker, Daniel Lommatzsch, Jörg Pohl, Sven Schelker, Maja Schöne, Steffen Siegmund, Rafael Stachowiak, Oda Thormeyer, Marina Wandruszka, Patrycia Ziolkowska sowie Mitwirkenden aus Wissenschaft und Religion u.a. Prof. Dr. Ulrich Dehn, Bernhard Effertz, Prof. Dr. Hans G. Kippenberg, Prof. Dr. Fedor Kozyrev, Imamin Halima Krausen, Prof. Dr. Elisabeth Naurath, Oliver Petersen, Prof. Dr. Rolf Verleger, Vivian Wendt, Dr. Mustafa Yoldas Musik Sven Kacirek, Miki Yui u.a.

Gefördert von


Ulrich Dehn
Religion und Gewalt


Das Thema Gewalt ist keine Fragestellung, auf die die Schriften der Religionen von sich aus als ethisches Problem antworten wollen. Es ist eine Thematik, die wir aus unserer Situation in sie hineintragen. Gewalt ist ein Phänomen des Menschen, der Gesellschaft, und es legt sich nahe, wissen zu wollen, was religiöse Traditionen dazu sagen, ob sie eine verbindliche und nachvollziehbare Argumentation für ihre Anweisungen haben, die uns weiterhelfen kann beim Nachdenken über dieses Thema. Wo wird Gewalt begründet, wo wird sie kritisiert, welche Traditionen gibt es zur Gewaltfreiheit?
Die Quellen der Religionen sind nicht in einem Vakuum entstanden, sondern geschichtlich bedingt: Die Grundlagen des Buddhismus wurden durch den Buddha, mit bürgerlichem Namen Siddharta Gautama, im 5./4. Jahrhundert v. Chr. gelegt. Er war Adliger und hat sich zeitlebens guter Beziehungen zu den Fürsten, durch deren Landstriche er kam, erfreut. Ihren Lebensraum mussten sich die ersten buddhistischen Mönche nicht erkämpfen. Gewalt war für sie nicht erforderlich für das tägliche Leben, und so war es verständlich, dass der Schutz allen Lebens auch von Anfang an in die Lehre und Ethik des Buddhismus einging. Nichtsdestoweniger hat die buddhistische Tradition auch Aspekte entwickelt, bei denen Tötung eine Rolle spielt.
Einen Gegenpol stellen Mohammed und seine Anhänger im 7. Jahrhundert n. Chr. dar: Auf der arabischen Halbinsel waren die Verhältnisse nicht geklärt, Mohammed und seine Leute mussten sich ihren Lebensraum nach dem Verlassen Mekkas neu erkämpfen. Mit gegenseitigen Karawanenüberfällen und mit dem Schwert in der Hand wurden von Schlacht zu Schlacht die Angelegenheiten neu geordnet und die Grenzen neu gezogen – ein Geben und Nehmen auf allen Seiten. Dies alles spiegelt sich in den Schriften. Das hat die islamischen Quellen nicht daran gehindert, intensiv friedliebende gewaltfreie Traditionen auszuprägen.
Die Ursprünge sind nun geschichtlich überholt, die Überlebenskämpfe der Leute Mohammeds ebenso wie die Wanderungen des Buddha und seiner Leute durch Nordindien. Sikhs, die Angehörigen der Sikhreligion, die an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert in Nordwestindien entstanden ist, sollen einen Kirpan, ein Kurzschwert, tragen, das in Phasen ihrer Geschichte zur Selbstverteidigung unter den Bedingungen schwerer Verfolgungen diente. Heute ist es nur noch ein Symbol und bezeichnet ihre Bereitschaft, Arme, Schwache und Unschuldige zu verteidigen.
Es ist noch nicht lange her, dass Religionen die Themen Gewalt, Gewaltfreiheit und Frieden für sich entdeckt haben. Erst im 19. Jahrhundert gab es internationale Zusammenschlüsse und Konferenzen zur verbesserten Zusammenarbeit und für die gemeinsame Arbeit für den Frieden: Religionen sollten nicht länger Auslöser für Gewaltanwendung sein, sondern vielmehr zum Frieden und zur Eindämmung von Gewalt beitragen. Bis dahin war Gewalt kein ethisches Thema, Religionen wurden nicht kritisch daraufhin befragt, wie sie zur Gewalt standen. Gewalt wurde angewendet, wenn es um die Belange der Religion und des damit verbundenen Gemeinwesens ging. Darüber wurden keine ethischen Diskussionen geführt.
Heute sind wir an einer anderen Stelle. Hindurchgegangen durch die Aufklärung und ihre Folgen, die Internationalisierung von Religionen, das Ineinandergreifen von Friedensbewegungen und Religionen stehen wir vor den Herausforderungen von kriegerischer Gewaltanwendung im Namen von Religion und zugleich von Gewaltfreiheit ebenfalls im Namen religiöser Ethik.
Wie gehen wir um mit Kreuzzügen, mit den Überfällen von buddhistischen Gruppen in Myanmar auf Moscheen, von Hindunationalisten ebenfalls auf Moscheen in Nordindien, mit der barbarischen Gewalt des Islamischen Staates oder der Bewegung Boko Haram? Und zugleich mit den vielen Friedensbewegungen, die es in jeder der genannten Religionen gibt? Und mit der Parole der islamischen Bewegung Ahmadiyya: „Liebe für alle, Hass für keinen“?

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