Die Verschwundenen von Altona

Ab und zu entdeckt man sie noch, die uralten Aufkleber aus dem 20. Jahrhundert, die fordern: „Altona muss zu rück nach Dänemark.“ Der Musiker, Regisseur und Grenzbewohner Schorsch Kamerun begibt sich auf eine musiktheatralische Spurensuche im Stadtteil Altona nach subkulturellen Resten, dänischen Wurzeln, und bekennenden Ur- und Neu einwohnern. Er bildet eine traumatisierte Einwohnerschaft im ehemals „dänischen Altona“ ab, die keine Angst vor dem im Maya-Kalender angekündigten Weltuntergang hat, aber vor dem Verschwinden einer gewachsenen Umgebung durch alles verdrängende Monokulturen. Vorsichtig beginnen sie zarte Experimente für ein unabhängiges urbanes Leben, verwandeln ihre Behausung in eine Art Bollwerk - mitten in „all to nah“. Sie erhoffen sich einen Neustart ohne Zugeständnisse. Doch zwischen allem wandelt der mysteriöse Schatten eines ewigen Gewinnlers: Die fleischgewordene Wiederkehr der alten Hanse, ein nimmersatter Pfeffersack immobilienhai, der Geist von Ronald Barnabas Schill?

Altona hat eine bewegte Vergangenheit. Wie hat sich dieses besondere Quartier verändert, und wie wird es in 100 Jahren hier aussehen? Zahlreiche Interviews mit Bewohnern über ihren Stadtteil übertragen vier Musiker, vier Schauspieler und Schorsch Kamerun als Sänger in ein theatralisches Live-Konzert. Kamerun schafft aus Widersprüchen des Selbstverständnisses der Stadt, Alternativ-Kulturresten und profitabler Imageoptimierung einen Musiktheaterabend mit Schauspielern und Musikern.

Mit den Musikern
James Guey (Piano), Henrike Petter (Cello), Maria Rothfuchs (Kontrabass) und Sonja Stein (Violine)

Uraufführung am 2. März 2012 im Thalia in der Gaußstraße

 
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Die Zuschauer waren begeistert und berührt.
Ein Stadtteil wandelt sich, der Riss, der dadurch entsteht, geht durch die zwischenmenschlichen Beziehungen, hier zerreisst er eine Familie. Orte, an denen Beziehungen wachsen konnten, wie die kleinen Geschäfte und günstigen Restaurants weichen zusehends anonymen Einkaufszentren und doppelverdienerfreundlichen? Eigentumswohnungen. In denen die Bewohner oft nach der Geburt des ersten Kindes feststellen, dass der Latte für 2,70 " ein anderer Schnack" ist als der nicht mehr existente Laden, in dem ein Frühstück bis 4 Uhr Nachmittags angeboten wurde und DM 4,90 kostete. Während des Stücks erschienen vor meinem inneren Auge Bilder des Altonas, das ich in den 70ern sah- Fenster, die mit bunten Bettlaken verhängt waren, Türkinnen mit Jeans und Kleid drüber, die mit ihren Kindern Ball spielen, Fragmente der Erinnerung. Erinnerungen an Wohnungen mit Kohleöfen, Demonstrationen, meine Einkesselung vor der Frauenkneipe 1988... Meine aus Kiel stammende Begleitung musste beim türkischen Essen hinterher über jedes Detail informiert werden. Spielstark wie immer Franziska Hartmann, diesmal als verunsichertes, trauriges Kind. Auch Sandra Flubacher, Schorsch Kamerun, Axel Olsson und Josef Ostendorf spielten überzeugend und stark. Die Musik liess die Emotionen direkt ins Blut gehen. Die Zuschauer waren begeistert und berührt. Christian Nettling und Nicola Lange
Nicola Lange, 25.03.12

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