Vorstellungen am Dienstag, 16. Juli 2013

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Premierenblogger

Kadija Dastager


Kadija Dastager
, * 1985, Hamburg-Kabul/ Studium der Rechtswissenschaft

Was macht eigentlich ein Pfadfinder beim Thalia Theater? Denke ich an das Wort „Pfadfinder“ kommen mir Bilder von amerikanischen Teenagern in den Sinn, die in Suburbia von Haus zu Haus gehen und selbstgebackene Kekse für den guten Zweck verkaufen. Diese Assoziation passt im ersten Gedankenblick so gar nicht zum Theater – oder vielleicht etwa doch?

Warum Theater? Theater ist eine ganz besondere Welt für sich. Es ist die klassische Art eine Geschichte zu erzählen, manchmal mit Zugabe einer Weisheit manchmal nur um zu konsumieren. Auf jeden Fall ist das Theater aber ein Ort an dem Menschen aufeinander treffen um sich mit aktuellen Themen der Gesellschaft auseinander zu setzen, denn Theater ist Aktion, Interaktion und Kommunikation.

Wieso also ein Thalia Pfadfinder werden? Mein Ansatz ähnelt der Herangehensweise von Hänsel aus dem Märchen. Hänsel, der vor einem „großen Walde“ wohnt, wird zusammen mit Gretel von den Eltern in den Wald geschickt. Um aber nachts den Weg zurück zu finden, streut Hänsel Kieselsteine auf den Pfad in den Wald hinein. Den Weg aus der Theaterwelt will ich natürlich nicht zurück finden, vielmehr möchte ich mit Hilfe der Thalia Pfadfinder Kieselsteine ausstreuen und einen „Pfad“ für andere Interessierte und Noch-nicht-Interessierte bereiten. Manchmal ist die Theaterwelt nämlich nicht nur ganz besonders, sondern ganz „besonders“ unter sich – zumindest wirkt es manchmal von außen so. Deswegen sollte das Theater seine Toren noch ein wenig weiter öffnen und bemerkbar machen, dass es für Jedermann, ganz egal welcher Migrationshintergrund oder Abstammung, offen ist um am Kulturgeschehen der Stadt Hamburg teilzunehmen. Neben schulischer Bildung steuert auch geistige Nahrung wie Theater oder Kultur im Allgemeinen, einen erheblichen Anteil für die Entwicklung einer Person und letztlich in einer Folge von Kettenreaktionen für die Gesellschaft bei.
Arzu Değirmenci Pehlivan


Arzu Değirmenci Pehlivan


Ich bin auf der kleinsten Insel in Hamburg geboren und 31 Jahre jung. Auf der Insel Willy Town (für nicht Insider: Wilhelmsburg) spricht man über 25 Sprachen und feiert im Jahr über 15 religiöse und kulturelle Feste. Ich studierte in Hamburg und Manchester Politik- und Islamwissenschaft und arbeitete in verschiedenen kulturellen und politischen Einrichtungen. Ich bin Teilnehmerin des Leadership Programms für junge Führungskräfte der Bertelsmann Stiftung und arbeite derzeitig als Projektmitarbeiterin in einer Migranten-Organisation. Meinen Eltern habe ich meinen türkischen Migrationshintergrund zu verdanken. Ich bin mit einem türkischen Türken verheiratet und frage mich, ob meine zukünftigen Kinder als türkische Türken wie der Papa oder als deutsche Türken wie die Mama gesehen werden. Oder einfach nur als Kinder.

Ein Gramm Migration

Wenn ich meinem Opa damals, als er vor fast 38 Jahren aus der Türkei nach Deutschland einwanderte, erzählt hätte, dass man im 21. Jahrhundert mit der „Migration“ Geld verdient, hätte er wieder geglaubt, dass ich ihm was vom Pferd erzähle. Doch in meiner unermüdlichen Klugscheißer-Haltung, hätte ich ihm alles aufgezählt, was es so heutzutage gibt: Migrantenliteratur, Migratenfilme, Migratenvereine, Migrantengeschäfte, Migrantenszene, Migrantenrestaurants „undsoweiterundsofort“. Ich hätte ihm sogar damals geraten, eine „Migranten-Aktie“ anzulegen, die in den kommenden 38 Jahren in einer exponentiellen Kurve mehr als die lukrative Google-Aktien eingebracht hätte und wir jetzt wahrscheinlich Milliardäre wären. Aber so ist es nicht gekommen.

Mein Opa, jetzt 75 Jahre alt, pendelt wie ein Surfer, den das Wellen-Heimweh packt alle sechs Monate von Ort zu Ort. Von der Türkei nach Deutschland und von Deutschland in die Türkei. Und von da aus nach Deutschland und dann wieder in die Türkei. Migration nennt man diesen Prozess. Also eine Wanderung, die bei Surfern nicht anders ist, nur das diese von Arugan Bay nach Taghazoute wandern und von dort aus nach Jericoacoara. Mein Opa wandert auch. Aber nicht hinter den Wellen, sondern zwischen zwei Welten hin und her, für eine der beiden er sich eines Tages entscheiden muss. Das Alter setzt seinem Wandern bald eine natürliche Grenze. Genau wie ein altes Surfbrett, dass durch die Welleneinschläge kleine Risse bekommt.

Wenn ich meinem Opa damals auch erzählt hätte, dass ich bei einem Fazil Say Konzert in der vierten Reihe neben einer adrett gekleideten Dame saß und um mich herum weder Menschen mit Theo Weigel Augenbrauen wie die von meinem Opa, noch kopftuchtragenden Frauen mit orangem Haaransatz, wie meine Oma gab, so würde mein Opa mir das auch nicht glauben.

Ein Surfer schon, denn sowohl in Taghazoute, als auch in Jericoacoara gibt es Dreadlocks tragende Typen, die einen Touch von meinem Theo Weigel Opa haben, als auch Frauen, die mehr tragen als Kopftücher und einen Ganzkörperbadeanzug. Aber das blasse und graue Publikum in der Konzerthalle verkörperte nicht einen Gramm Migration, außer den in der Türkei lebenden berühmten Pianisten und mir und fünf weiteren Menschen, die sich unter die 250 Menschen verirrt hatten.
Am Ende habe ich mich gefragt, wo sie sind? Alle diejenigen Omas und Opas, die vor fast 50 Jahren nach Deutschland eingewandert waren.
Yen Dieu Pham


Yen Dieu Pham

Begonnen 1990 in Brandenburg an der Havel
Unterwegs von 1996 – 2000 durch Deutschland
Geblieben seit 2000 in Hamburg

Was ist für dich zu Hause?
Hamburg, wo meine Familie/ Freunde mit mir zusammen leben.

Was erwartest du von einem guten Theaterstück? 
„Das Gleiche, was ich von einem guten Menü erwarte: Es sollte nicht pfade und einseitig schmecken, sondern mich auf unterschiedliche Weise anregen und überraschen. Ich möchte eine Zusammenstellung von Zutaten erfahren, von denen ich mir nie gedacht hätte, dass diese miteinander funktionieren. Meine Neugierde soll geweckt werden und ich will mich fragen, was sich die Köchin/der Koch dabei gedacht hat, als sie/er sich für diese Menükomposition entschieden hat. Zum Abschluss möchte ich dann noch einen Snack aus dem Menü mit nach Hause nehmen, von dem ich besonders angetan war.“
Viviana Gonzales Lobato


Viviana Gonzales Lobato
, * 1991 in Mexico City, Mexiko; 2010 Au Pair in Deutschland, seit 2013 Studium der Sozialökonomie in Hamburg

Wo ist mein Zuhause?

Habe ich überhaupt eins oder vielleicht mehrere?
Das ist was Europa, vor allem Deutschland, jetzt für mich ist: nicht mehr nur ein Kontinent voller Möglichkeiten, der nach Integration strebt, oder „wohin“ ich nach dem Abitur gehen wollte. Ein Satz von Konfuzius erinnert mich an dieses neues Zuhause: „The strength of a nation derives from the integrity of the home.“

Migration, Integration und Theater

Meiner Meinung nach, fehlt diesem Kontinent bzw. Land weder Integration noch Migration. Egal wo man hinguckt, sieht man Menschen aus verschiedenen Ländern sehen, obwohl man sie nicht immer „erkennt“. Jeder hat andere Gründe, warum er hier ist, jeder aber beeinflusst in irgendeiner Weise die Wirtschaft, die Politik, die Kultur, die Kunst. Zum Glück ist Theater ein Teil von Kunst und Kultur, der nie aufhört, sich zu verändern. Wie William Ralph Inge sagte: „Theater is, of course, a reflection of life. Maybe we have to improve life before we can hope to improve theater.“
Janina Granfar


Janina Granfar
, * 1990 in Hamburg, Deutschland; aufgewachsen in Hamburg, seit 2012 Studium der Politikwissenschaften in Hamburg

Worte, Namen und ihre Geschichten
Namen haben stets eine Geschichte. Meinen von Haus aus sehr vernünftig denkenden Eltern war es
wichtig, mir am 08. August 1990 einen Namen zu verpassen, der mich nie in die Lage versetzen würde, ihn buchstabieren zu müssen ‒  dafür, da sprachen sie aus Erfahrung, würde schon unser ungewöhnliche, persisch stämmige Nachname “Granfar” sorgen. Janina schien unproblematisch.

Europa
In Hamburg geboren und aufgewachsen, war mir bis zu meinem halbjährigen Aufenthalt in Australien nie bewusst, wie sehr ich mich mit dieser Stadt identifiziere. Aus Hamburg zu kommen erschien mir plötzlich wie einen Adelstitel zu tragen – aus Europa zu kommen hingegen exotisch. Wie die genaue Definition von Europa lautet, konnte ich den Australiern jedoch nicht beantworten.

Wege ins Theater
Ich wollte nie zu den Pfadfindern. Ich wollte nie in einer Uniform mit der Gitarre unter dem Arm auf irgendeinem Waldboden sitzen und danach mein Zelt am Weiher aufschlagen. Für mich war klar: Ich ‒ Pfadfinder? Niemals! Aber so hundertprozentig nie nie niemals! Die Jahre vergingen, ich reflektierte mein gestörtes Verhältnis zu den Pfadfindern und irgendwann kam die Frage dann doch nochmal auf: Möchtest du Pfadfinder werden? Als ich die eine Million Stufen ins „ Nachtasyl“ emporjapste, um dort auf ehemalige und zukünftige Thalia-Pfadfinder zu treffen, grinste ich in mich hinein. Gut, dass Worte interpretiert werden können. Oder noch besser: interpretiert werden müssen.
Tjorven Hamdorf


Tjorven Hamdorf
  *1994 in Hamburg, 2012 Abitur, längere Aufenthalte in England und Thailand, Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Mutter dänische Wurzeln, Vater iranischer Herkunft

Der Zusammenhang zwischen Zuhause, Europa und Theater

Zuhause? Das ist Vertrautheit. Zuhause, da kenne ich mich aus und weiß, wo es lang geht. Das Zuhause kann sich ändern, es ist vor Allem ein Gefühl. Durch Europa sind bestehende Grenzen geöffnet worden. An fremden Orten entdeckt man Vertrautes wieder, es ist unkomplizierter zu reisen und die uns Deutschen so bekannte Bürokratie ist keine Barriere mehr, um sich innerhalb Europas zu bewegen. Europa ist eine Chance. Gerade in diesen Zeiten des Umbruchs, wo die Idee Europa nicht mehr ein bloßes Konstrukt, sondern auch für den Einzelnen spürbar ist, sollte es zu einem Thema im Theater werden. Europa schafft es, Grenzen und Vorurteile zu überwinden. Die Abschaffung der Grenzen innerhalb Europas, die Begegnung mit dem Neuen, das Miteinander in Europa lässt Vorurteile überwinden – genauso wie Kunst Grenzen überschreiten und überwinden vermag. Theater ist Kunst. Kunst spiegelt den Zeitgeist wieder und hinterfragt und kritisiert auch immer wieder die bestehenden Normen und Regeln einer Gesellschaft. Deshalb finde ich es wichtig, dass Projekte wie die “Thalia Pfadfinder” ins Leben gerufen werden, die Schranken brechen und Theater für alle und jeden öffnen wollen.
Jennifer Krüger


Jennifer Krüger
, * 1994 in Hamburg, hier lesen, schreiben, rechnen gelernt; den wesentlichen Rest (Empathie, Abenteuerlust und wirklich außergewöhnliche Pantomime-Skills) dafür irgendwo auf herrlich lauten, wuseligen polnischen Familienfeiern, in amerikanischen Sommercamps, beim Streiten mit Moskauer Taxifahrern… und im Theater.

Was ist zu Hause?
“Zu Hause” heißt für mich: verstehen und verstanden werden. Die Orte, an denen ich mich sicher und geborgen fühle. Vertrautheit. “Octopussy’s Garden” von den Beatles und Pierogi mit Blaubeerfüllung, wie sie nur meine Oma machen kann. Zu Hause ist, wo ich herkomme und wo ich immer wieder hin will.

Doch das, was in der Zwischenzeit passiert, lässt mich weiter lernen und weiter wachsen. Und ist deshalb so spannend und wichtig für mich.

Was ist Theater?
Theater ist unmittelbar.
Lebendig, anregend, aufregend, aufwühlend. Es ist unsinnig, genial, einnehmend, menschlich, abgespaced.
Und macht verdammt viel Spaß. Im Theater reise, lerne und wachse ich. Darum krieg ich nicht genug davon.

Und darum ist es wohl auch das Naheliegendste und einzig Sinnvolle, die Begeisterung mit anderen Theaterwütigen zu teilen. Und meine Eindrücke in Texten zu verarbeiten. Damit sie nicht wild in meinem Kopf herumschwirren und herausplatzen, wann es ihnen gefällt.
Ich freue mich schon riesig auf die neuen Stücke und auf die Arbeit am Blog!
Mona Li


Mona Li,
* 1991 in Oldenburg, Deutschland; seit 2013 Studium International Management in Hamburg

Unterwegs
Name: Mona Lisa ohne sa. Mama ist eine Chinafrau. Papa ist eine Kartoffel. Im Regen geboren. In den Regen gezogen. Schon in über 40 Ländern gewesen.  Studium Internationales Management. Auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet, um mehr von der Welt zu sehen. Investiert in Erinnerungen.

Theater – Ein Kochkurs
Seit meinem sechsten Lebensjahr spiele ich Theater. Zunächst an einer Kunstschule, dann beim Oldenburgischen Staatstheater. Ich habe seit diesem Zeitpunkt weitaus mehr Inszenierungen von Stücken gesehen, als Menschen getroffen, die sich Meyer, Müller oder Schulz nennen.
Theater ist ein bisschen wie Kochen. Man hat ein Rezept und viele Zutaten. Die Zutaten sind nie die gleichen. Immer, wenn man das Rezept neu kocht, schmeckt es ein wenig anders. Wenn das Rezept besonders gut ist, man frische Zutaten hat und man dann auch noch einen guten Koch hat, dann ‒ BOOM ‒ Geschmacksexplosion!
Ormina Marschal


Ormina Marschal

Ich kam 1991, zehn Minuten nach meiner Zwillingsschwester, zur Welt. Im Jahr 2000 entschieden meine ukrainischstämmige Mutter und mein afghanischstämmiger Vater aus politischen Gründen nach Deutschland zu flüchten – selbstverständlich mit ihrem Zwillingspaar. Zwölf Jahre nach meiner Ankunft in Deutschland nahm ich das Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg auf Meinen bikulturellen Hintergrund hebe ich immer als Vorteil empfunden, bezeichne mich selbst dennoch als „Hamburger Deern“.

Warten auf das bunte Publikum

Fest steht, dass das Publikum deutscher Theater nicht bloß jünger und zahlreicher, sondern vor allem bunter werden sollte. Im Klartext heißt das: Man will Migrationshintergrund im Publikum sehen!
Aber wie kriegt man bloß mehr Zuschauer mit Zuwanderungsgeschichte in die Theater Deutschlands? Wie kann man das erwünschte Publikum anlocken und wie weit würde man dafür gehen?
– Verlängerung einer Aufenthaltsgenehmigung erst nach drei besuchten Vorstellungen?
– Schauspielhäuser an vorstellungsfreien Tagen als Hochzeitssäle zur Verfügung stellen?
– Zuwanderer, die mehr als 2 Jahre keine Vorstellung besucht haben und damit nicht genügend Integrationsbereitschaft zeigen eine Abschiebung aufzwingen?
– Stellitenschüsselverbot?
– Oder – ganz gewagt – darauf setzten, dass ein ansprechender Spielplan die Leute in die Vorstellungen lockt?

Doch bevor man zu drastischen Maßnahmen greift, sollte man sich fragen, ob geringe Besucherzahlen seitens der Einwanderer auf Integrationsunwilligkeit deuten, oder werden ausländische Mitbürger seitens der Theater tatsächlich immer noch nicht genügend involviert?

Wenn es ein Thema gibt, dass an deutschen Theatern zunehmend an Bedeutung gewinnt und immer wieder aufgegriffen wird, dann ist es Migration. Die deutsche Kultur unterliegt dem Einfluss ihrer Einwanderer längst nicht mehr bloß kulinarisch. Und da die Theaterbühne ein Ort ist, der die Gesellschaft widerspiegeln sollte, ist es sicherlich nicht verkehrt auch die Kunst und Kultur der Einwanderer Deutschlands auf der Bühne zu repräsentieren. Wäre dies zur Genüge der Fall, müssten doch eigentlich weniger Hochhauswohnsiedlungen von Satellitenschüsseln geschmückt sein, oder?

Dass die deutsche Kultur als Leitkultur verstanden und akzeptiert werden sollte, ist nicht zu viel verlangt, aber es sollte eingesehen werden, dass jene Leitkultur dem Einfluss ihrer Einwanderer mehr denn je unterliegt und von ihnen geprägt wird. Die Kultur der Einwanderer auf die Bühne zu bringen heißt also ein Stück weit die wahre zeitgenössische deutsche Kultur zu zeigen. Mit all ihren Ecken, Kanten und Einflüssen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Theater ein bunteres Publikum vertragen könnten.
Aber das potenzielle Publikum scheint in die Rolle des Godots geschlüpft zu sein und lässt – wie denn auch anders – auf sich warten.
Eins war bisher bei jeder Aufführung von Becketts „Warten auf Godot“ gleich: Godot ist nicht aufgetaucht. Aber, liebe Aufführende, lasst euch eins gesagt sein: Von euch erwarten wir einen anderen Schluss.
Mazlum Nergiz


Mazlum Nergiz
, 1991 in Diyarbakir geboren. Seit 2012 Studium der Kulturanthropologie und vergleichenden Literatur- und Religionswissenschaft in Berlin

Theater
Das Theater und seine Räume sind für mich schon immer Orte von extrem wichtigen, weil politischen Fragen gewesen. Doch die deutsche Dramatik hat ein Problem: Sie ist extrem langweilig, weil sie scheinbar vergessen hat, worüber es zu sprechen wichtig ist und in so depressiver Gefühlsduselei verfangen, dass sie schlafend in den dunklen Nebel der Relevanzlosigkeit gefallen ist, aus dem sie nur noch eines retten kann: Gewaltige Worte, die einem Rock-Konzert gleich uns und unsere verschlafenen Augen wieder ins jetzige Bewusstsein schmettern, um die Blicke wieder für das schärfen zu lassen, was hier um uns passiert und warum.

Aber nur wozu?

Sprache, Zugehörigkeit und Vorstellungen von Gesellschaftsentwürfen müssen wir immer noch weiter diskutieren und zwar gemeinsam. Das bedeutet, alle die zum partizipieren einzuladen, die aus dem vagen Konzept der Mehrheitsgesellschaft herausfallen, und Wege zu ebnen, um Stimmen derer nach draußen zu senden, die über das schreiben wollen, was uns alle beschäftigten sollte: In was für einer Welt leben wir eigentlich?
Phuong Ngoc Nguyen Le


Phuong Ngoc Nguyen Le
, * 1989 in Song Be, Vietnam; 1994 in Deutschland angekommen, seit 2009 Studium in Hamburg, zwischendurch ein halbes Jahr in China und ein halbes Jahr in Südkorea verbracht.

Die Suche nach dem Zuhause

Ich erinnere mich an Rudyard Kiplings weise Worte: „East is East, and West is West, and never the twain shall meet,” – but they DID meet! Mit anderen Worten: Kulturell gesehen sitze ich zwischen zwei Stühlen. Im asiatischen Sprachgebrauch würde man mich als eine „Banane“ bezeichnen – außen gelb, innen weiß. Auf der Straße hier nennen sie mich „Schlitzi“, in Vietnam bin ich kiều – die „Auslandsvietnamesin“ – in den Augen anderer gehöre ich also irgendwie nicht dazu. Für mich bin ich einfach nur das Ergebnis einer globalisierten Welt, ein Amalgam aus multikulturellen Traditionen, Werten und Sprachen. Vielleicht muss ich mich auch gar nicht einordnen. Zu Hause ist für mich weder dort, noch hier, es ist nirgendwo – aber auch überall.

Theater und Migration

Dass „East“ und „West“ sich durchaus treffen können, beweist für mich das hiesige Theater. Migranten im Theater, ob nun als Zuschauer oder auf der Bühne, sind schon längst nicht mehr unvorstellbar. Europa hat jetzt mehr Einwanderer denn je und muss sich damit auseinandersetzen. Wie könnte es kreativer, schneller und brisanter gehen als im und durch das Theater? Darin sehe ich auch die Aufgabe des Theaters: nebst der Unterhaltungsfunktion aktuelle soziale Themen zu verarbeiten und Menschen verschiedenster Herkunft zusammenzuführen.
Thuy Phuong Phan


Thuy Phuong Phan
, * Hanoi, Vietnam, Studium in Kunstgeschichte und Regionalstudie in Hamburg und Berlin

Theater und Migration
Heinrich: Demnächst suchen sie eine männliche Besetzung für Romeo. Hast du Interesse?

Tunga: Interesse ja, aber sie nehmen doch sicherlich keinen Schwarzkopf für Romeo, Digger!

Warum eigentlich nicht?

Tunga, Theater und Migration sind viel enger miteinander verknüpft als du denkst. Was glaubst du, wie das Theater überhaupt entstand und wie es sich im Laufe der Zeit durch die Migration entwickelt hat?

Das Theater lebt von der Migration!

Die Migration ist schließlich keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Die gibt‘s bereits seit unserer Existenz und es ist auch gut so, sonst würden wir wohl immer noch am selben Platz stampfen, statt vorwärts zu marschieren, oder?
Schau dir z.B. Hamlet an, er war der Prinz von Dänemark und ist ein Migrant. Genau wie deine Eltern dich hier her, schicken auch seine Eltern ihn nach Wittenberg zum Studieren.

Nathan war auch ein Ausländer, als er den Hof des islamischen Sultans Saladin betrat, um mit diesem über die Religion zu sprechen. Und weißt du, wem Lessing die Figur des Nathan widmete? – Seinem jüdischen Freund Moses Mendelssohn.
Und noch was Tunga, das Theater funktioniert doch so: A spielt B und C schaut A zu. Allein in dem Wort Theater, steckt das griech. Wort ,théaomai‘ drin, was für ,schauen/anschauen‘ steht. Also funktioniert das Theater nur, wenn es auch ein Publikum gibt. Und beobachte mal, wie viele Menschen du entdeckst , die keine Migranten sind, also die, die nicht von Ort zu Ort gewandert sind und vielleicht es immer noch tun. So viele gibt‘s doch gar nicht, oder? – Das bedeutet, das Publikum ist wie du! Warum sollten sie denn keinen Schwarzkopf wie dich auf der Bühne sehen wollen? Vielleicht wegen dieses Schwarzkopfes gehen sie erst ins Theater. Also Tunga, trau dich!
Leyla Yenirce


Leyla Yenirce
, geboren 1992 in Kurdistan. Zieht mit ihrer Familie aufgrund des kurdisch-türkischen Territorialkonfliktes nach Oldenburg, studiert seit 2011 „Kultur der Metropole“ an der Hafencity Universität in Hamburg und setzt sich mit der kulturellen Dimension der Großstadt auseinander.

Theater
Die Idee, Theater bilde die Gesellschaft ab, ist veraltet. Das Theater der Rebellion will mehr und wirft neue Fragen auf: Wo finden wir eine Heimat, die nicht lokalisierbar ist? Wo finden wir unseren Platz in der Welt? Die eigentlich Migration findet nicht von einer geographischen Grenze in die nächste statt, sondern in unseren Köpfen. Wollen wir Menschen integrieren, indem wir zwanghaft versuchen, ein paar mehr Köpfe mit dunklen Haaren in die Sitze zu quetschen, oder fangen wir an, unsere Augen zu öffnen, um außerhalb von mit hanseatischen Mäzenen und GutbürgerInnen gefüllten Reihen zu schauen: Sind dies wirklich die einzigen Menschen in diesem Land, die etwas zu sagen haben?

Aus dem Thalia-Lessingtageblog 2014 entstand die Idee: Warum den Blog nicht auch während der Spielzeit weiterführen? Ab der Spielzeit 2014/15 gibt es im Premierenblog zu jeder Thalia-Premiere interkulturelle Premierenberichte.