Der Dompteur der Zeit

Erinnerungen an den Schauspieler PETER MAERTENS von Christopher Rüping

 

Der Theaterhimmel über Hamburg hat einen neuen Stern bekommen. Peter Maertens, der wunderbare Grandseigneur des Thalia Theaters, ist am 11. Juli im Alter von 88 Jahren gestorben. Hier unten, in der Hitze der Stadt, spürt man seine plötzliche Abwesenheit schmerzlich.

 

Seit ein paar Tagen bin ich wieder hier in seiner Stadt, probe an seinem Theater, an dem in dieser Spielzeit zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten kein Maertens mehr spielen wird. Ich wohne sogar in St. Georg, in seinem Stadtteil. Oft ertappe ich mich bei der Vorstellung, wie Peter durch gerade diese Gasse läuft, um genau diese Ecke biegt. Ich stelle mir vor, wie er auf der Straße von eben diesen Anwohnern, die mir fremd sind und fremd bleiben werden, die er aber gekannt haben muss — oder zumindest ihn gekannt haben müssen —, mit einer Mischung aus hanseatischem Pragmatismus und unverhohlenem Stolz gegrüßt wird.


Es gibt eine Anekdote – Peter erzählt sie wenige Wochen vor seinem Tod in einem sehr schönen Gespräch mit dem Dramaturgen Matthias Günther, das glücklicherweise aufgezeichnet wurde. Sie handelt von Peters Vater, dem Schauspieler Willy Maertens, der 1945 Intendant des Thalia Theaters wurde. Weil er nach dem Krieg kein eigenes Auto hatte, stellte das Theater ihm einen Wagen und einen Fahrer. Und dieser Fahrer, der Willy Maertens nun also jeden Tag durch Hamburg fuhr, wurde allmorgendlich von selbigem darauf hingewiesen, bloß vorsichtig zu fahren: Schließlich könne jeder Fußgänger ein potentieller Abonnent sein, dessen Gesundheit man ja nun auf gar keinen Fall gefährden wolle!
Ich glaube, ich habe das Prinzip Stadttheater und seinen Zauber überhaupt erst dank Peter verstanden: Die unverkrampfte (weil gelebte und nicht am Schreibtisch entworfene) Verwebung mit der Stadt, in der man arbeitet – das war sowohl Peters Alltag, als auch der seines Vaters.

 

Ich lausche weiter der Tonaufnahme des Gesprächs zwischen Peter und Matthias. Peter erzählt nun von wichtigen Begegnungen mit Regisseuren: Heinz Hilpert, Jürgen Flimm, Luk Perceval, Nicolas Stemann. Am Ende nennt er auch mich, was mich unendlich dankbar und demütig macht. Aber ihr Gespräch bleibt nicht in der Vergangenheit stecken, dafür war Peter nicht der Typ, er wechselte mühelos zwischen Erinnertem und Geplantem. Und so wendet sich auch dieses Gespräch bruchlos der Zukunft zu: Peter schlägt vor, demnächst wieder auf die Thalia-Bühne zurückzukehren, zwar könne er im Moment nicht laufen (er sagt, die Techniker müssten ihn wohl stützen), aber im Rollstuhl sitzend lesen, das ginge durchaus. Und schon beginnt er ein Gedicht zu rezitieren und fragt Matthias nach seiner Meinung: Ob das wohl was wäre? Es ist dann nicht mehr dazu gekommen.

 

Man sagt das immer so schnell: „Die Bühne war sein Ein und Alles.“ Oder „Er hat für das Theater gelebt.“ Ich glaube das nicht. Nie. Ich glaube nicht, dass Peter Maertens, dieser Vollblutschauspieler, dessen Vor- und Nachfahren Michael, Kai und Miriam Maertens ebenfalls auf der Bühne standen und stehen, für das Theater gelebt hat. Ich glaube nicht, dass die Bühne sein Ein und Alles war. Peter hatte eine Familie, die er liebte und die ihn liebte. Er hatte Freundschaften, die er bis ins hohe Alter unterhielt. Er war Fußballfan, hielt eine Zeitlang zum Hamburger SV, war dann Stammgast bei den Heimspielen des FC St. Pauli. Und natürlich hatte er Träume und Albträume, hat sich Sorgen gemacht um die Gesundheit und das Glück seiner Kinder, hatte Ängste und Sehnsüchte, hatte Geheimnisse (wahrscheinlich), hatte Erinnerungen an durchzechte Nächte und Sonnenaufgänge, hatte ein Lieblingslokal und eine Lieblingsfarbe (vielleicht), hat Pläne gemacht und verworfen, hatte Gedanken, die verwehten, und Begegnungen, die sich im Sand verliefen. Ich weiß von alledem nichts, wir haben nie darüber gesprochen, aber das heißt nichts anderes, als dass er andere Menschen hatte, mit denen er darüber sprach.


Wenn wir miteinander unterhielten, ging es ums Theater. Oder um Hamburg. Manchmal (zu selten) bin ich mit Peter gemeinsam durch St. Georg oder Altona gelaufen und er erzählte mir ganz beiläufig von dieser Stadt, die er in Schutt und Asche gesehen und deren Wiederaufbau er begleitet hatte. Jedes Haus und jeden Straßenzug sah er mehrfach und in unterschiedlichen Zuständen der Zerstörung und des Wiederaufbaus vor seinem geistigen Auge – eine endlose Doppelbelichtung. Das, was war, und das, was ist. Beide Wirklichkeiten existierten nebeneinander, waren in ihm vereint.
Überhaupt, die Doppelbelichtung: Ich habe Peter als alten Mann kennengelernt, bei unserer ersten Begegnung war er 82 Jahre alt. Und trotzdem bilde ich mir ein, ihn mir als jungen Mann vorstellen zu können: das Blitzen in den Augen, der Schalk im Nacken, das Lachen, das ihm so leicht fiel. Auch die Großzügigkeit gegenüber ehemaligen und gegenwärtigen Schauspielkolleginnen und -kollegen, die schnell in offene Bewunderung umschlagen konnte. Die Neugier! Er hatte schon so viele kommen und gehen sehen – und blieb trotzdem neugierig auf alle, die da nachrückten. Die Unsicherheit auch, jedenfalls manchmal. Und — bei all der Erfahrung, all der Geschichte, die dieser große Schauspieler nicht nur erlebt, sondern geprägt hatte: seine Bescheidenheit.
Es war, als wären in dem Peter, den ich kennen lernen durfte, all die Peters enthalten, die ich leider verpasst habe: konstante Mehrfachbelichtung, die simultane Präsenz von Gegenwarten und Vergangenheiten. Ein müheloses Gleiten zwischen dem, was war, dem, was kommt, dem, was wird.


Diese seltene Gabe hatte Peter auch auf der Bühne – ich glaube, sie ist ein Wesenszeichen vieler großer Schauspielerinnen und -Schauspieler: den Puls der Zeit für einige Momente aus seiner erbarmungslosen Gleichmäßigkeit zu befreien. Mit der Zeit zu spielen. Ihr für ein paar Augenblicke zu entwischen. In gewisser Weise war Peter für mich auf der Bühne immer auch ein Dompteur der Zeit. Zu Beginn von „Bye Bye Hamburg“ drehte er sie zurück, verwandelte die Gaußstraße, in der wir damals spielten, Jahrzehnt für Jahrzehnt zurück in eine Probebühne, in das Lager eines Gemüsehändlers, in eine sandige Brache. Er führte uns zurück bis ins Jahr 1940, als seine Mutter, die unter ihrem Künstlernamen Charlotte Kramm ebenfalls am Thalia Theater gespielt hatte, als „Nicht-Arierin“ bereits Auftritts- und Hausverbot hatte und die Vorstellungen, in denen sein Vater Willy spielte, also nicht mehr besuchen konnte, sodass er, Peter, als kleiner Junge alleine im Saal des Thalia Theater saß und seinem Vater da oben beim Spielen zuschaute.
Am Ende von „Die lächerliche Finsternis“ traf man mit einer schwer zu erklärenden Zwangsläufigkeit auf ihn im Dschungel – so, wie man am Ende von „Apocalypse Now“ auf Marlon Brando trifft. Er war der Anfang und das Ende. Auch bei „Panikherz“, unserer letzten gemeinsamen Arbeit. Sie beginnt mit ihm als Benjamin Stuckrad-Barre im Cowboy-Outfit und endet auch so.
Jeder Abend ein Spektakel, jedes Leben eine gute Geschichte.


Für mich hätte es ewig so weiter gehen können. Die Zeit hat es anders gewollt. Lieber Peter, ich wünsche dir eine gute Reise. Ich vermisse dich.

 

Christopher Rüping

Theater der Zeit September 2020