Pressestimmen zu Das letzte Feuer

Berückende Agonie des Alltags

„Dea Lohers neues Stück „Das letzte Feuer“, eine Auftragsproduktion des Thalia Theater, erlebte gestern Abend seine Uraufführung unter der Regie von Andreas Kriegenburg. Und lieferte einen neuen Beweis für die traumwandlerisch funktionierende kongeniale Zusammenarbeit der beiden.

Loher ist eine Meisterin der Sprache. Das Stück besteht, wie fast immer bei ihr, nicht aus Handlung, sondern aus einer in Dialogen verpackten und sich langsam enthüllenden kollektiven Erzählung. Von dem Fremden erfahren wir, dass er sich über 24 Stunden in einem Pensionszimmer die Nägel gefeilt hat, schreiend, blutend, bis kein Fleisch mehr auf den Knochen war. Ein Bild, vor dem man nicht wie im Kino die Augen verschließen kann.

Diese Bilder im Kopf füllt Kriegenburg mit Fleisch und Blut. Zum Schmerz in Lohers Sprache erfindet er das Kino dazu. Mit den Bildern, die wir alle kennen, mit den abgenutzten Wohnungen, den Menschen in Unterwäsche, wie sie alleine sind, bügeln, aufräumen, an Selbstmord denken und sich verletzen, auf der Suche nach Wärme die Heizung umklammern.

Das aus ihrer Mitte gerissene Kind zeigt allen Weiterlebenden ihre Sehnsucht, zeigt, dass ihnen etwas fehlt, dass sie krank, verletzt, beschädigt sind. Und paradoxerweise ist es ausgerechnet die Alzheimerkranke, Katharina Matz in Höchstform, die sich als einzige an das Kind erinnert. Sie alle sind Nichtversteher, die Mitwisser werden wollen. Und dass sie nur ihre eigene Suche nach Sinn und Schuld und nur den eigenen Schmerz zur Verfügung haben, macht sie authentisch, wenn sie in aller Unzulänglichkeit die Geschichte zusammentragen. Und doch ist das ein großer Trost. Der einzige vielleicht, den Loher zu bieten hat.

Am Ende dieses großen Abends ziehen die Leidtragenden der Erzählung Bilanz: zwei Tote, einer im Knast, zwei in der Klapsmühle, ein Verschwundener. Nur die Brustamputierte hat’s geschafft und ein Spezialgeschäft für erotische Prothesen eröffnet.“

                                                           Frauke Hartmann, „Nachtkritik“ vom 26.1.2008