Kommentare und Rezensionen zu "Neverland"

Das sagen unsere Schülerbotschafterinnen und Schülerbotschafter

Theaterkurs Jahrgang 12 +13 der Erich-Kästner Schule, Leitung: Mia Panther

 

Besonders gefallen hat mir die Kritik an der modernen Gesellschaft, wie es zum Beispiel in der „Gute-Nacht-Geschichte“ der Fall war.
In der Szene wurde viel über verschiedene Trends geredet, denen allen hinterherrennen, aber keiner hinterfragt diese Trends.
Auch hat mir die Darstellung „Eltern-Kind Beziehung“ gefallen. Es wurde nicht das ausschließlich harmonische Familienbild gezeigt, sondern aufgezeigt, WAS heutzutage eher „üblich“ ist. Mir selber war gar nicht bewusst, wie es sich für eine alleinerziehende Mutter anfühlen muss, wenn das Kind die ganze Zeit nur auf der Suche nach seinem Vater ist. Im Stück wurde es durch die Figur Peter verdeutlicht, die ihre Mutter verabscheut, sich aber gleichzeitig auf die Suche nach einer perfekten Familie fokussiert. -Alexa

 

An der Inszenierung von dem Stück Neverland interessiert mich, dass verschiedenen Sprachen gesprochen. Ich finde es interessant, weil ich sowas vorher noch nicht in einem anderen Theaterstück gesehen/ gehört habe. Außerdem finde ich, dass die Kostüme/ die Darstellung von den verschiedenen Rollen sehr “abenteuerlich” aussehen (es sind Kostüme wo ich nicht direkt an Peter Pan/ Nimmerland denken würde). - Annika

 

Besonders eindrucksvoll fand ich den Umgang mit Klischees, der sich auf verschiedene Weise geäußert hat. Bei der Verwendung von Sprache wurde dies genutzt, z.B. wurde Französisch im Kontext von Liebe verwendet. Außerdem wurde eine bestimmte Rollenverteilung von Mann und Frau  umgesetzt (weibliche Captain Hook, weiblicher Peter Pan etc.). Ich finde es sehr interessant über Vorurteile bzw. Klischees nachzudenken und zu verstehen, wie sie das Denken beeinflussen können. Eindrucksvoll fand ich auch das Bühnenbild und die Requisiten. Besonders die Szene, in der Geburten dargestellt wurden und mit viel Plastikfolie und Blut gearbeitet wurde. Denn mit dieser “Echtheit”/ Darstellung von Blut habe ich nicht gerechnet. - Celina

 

Höchst interessant finde ich, wie K.Weise in einer Pressestimme sich zu dieser Inszenierung wie folgt äußert: ,,Neverland-ein Spielplatz für Erwachsene“ (NDR Kultur, 13.10.19). Ich finde diese Äußerung deshalb so interessant, da ein Spielplatz ja bekannterweise ein Ort für Kinder ist. Dieser Ort scheint allerdings in dieser Inszenierung zu einem für Erwachsene geworden zu sein. Ein Spielplatz mit Spaß, jedoch auch erfüllt mit Trauer, Ernsthaftigkeit und Zitat: ,,fantastisch bildstarke und verblüffend einfache Impressionen“ (M. Nellissen, Welt, 14.10.19). Ebenso interessant wie faszinierend finde ich die Äußerung J.Fischers: ,,Aus Texten, Bildern und Musik schrauben Regie und Ensemble ein dunkles Spiegelkabinett zusammen[…] (nachtkritik.de, 13.10.19). Diese Äußerung betont in meinen Augen, dass dieses Stück wohl mehr traurig als glücklich ist, mehr bedrückend als befreiend, eher beängstigend als animierend, aber zugleich einen Jeden dennoch auch stark zum Nachdenken bringen muss. - Carla

 

An der Inszenierung "Neverland" von  Antu Nunes am Thalia Theater, hat mich am meisten die Multilingualität beeindruckt. Das Stück konnte durch diese Vielfalt noch mehr Leute erreichen und jegliche Nischen einer Sprache nutzen. Ich persönlich, habe mich dadurch auf eine besondere Art und Weise verbunden zur Storyline gefühlt, da das Spiel mit Sprache mir viel bedeutet. Außerdem fand ich es sehr eindrucksvoll, dass Peter und Captain Hook von einer Frau und die Mutter von einem Mann verkörpert wurden. Dadurch haben die Künstler das klassische Rollen – bzw. Geschlechterbild durchbrochen und uns, das Publikum dazu angeregt auch mal etwas zu tun, was außerhalb der Norm liegt. Unterstützt wurden diese Faktoren durch einen metaphorischen Sprachgebrauch, welcher dem Stück eine tiefere Bedeutung gegeben hat. Diese Art zu sprechen hinterlässt automatisch einen tiefsitzenderen Eindruck, da man nicht bloß dort sitzen und zuhören kann, nein – man muss nämlich selbst nachdenken, um dem Stück weiterhin folgen zu können. Ein weiterer Punkt, der Eindruck bei mir hinterlassen hat ist, dass der Name "Eddie" als Vermittlungsinstanz zwischen Künstler und Zuschauer genutzt wurde. Doch – wie am Ende rauskam – war(en) Eddie gar nicht wir, die Zuschauer, sondern der Protagonist selbst. - Aïcha

 

Zudem hat mir sehr gefallen, dass altbekannte Motive des Stücks auf heutige politisch-gesellschaftliche Systeme projiziert wurde, welches neues Zusammenhänge schaffte, einen neuen Blickwinkel auf die heutige Welt richtete aber mir vorallem auch so in Erinnerung geblieben ist, weil diese Themen uns alle betreffen und egal aus welchem Winkel man es betrachtet, die Neverland-Thematik auf diese heutigen Ereignisse zu übertragen sind. Was mir wohl aber am meisten gefallen hat war, dass das Theaterstück dem Zuschauer keine einheitliche Antwort geliefert hat und dies auch nicht erreichen wollte. Mit Hilfe aller theatralen Mittel, wie in diesem Fall vor allem auch durch Sprache, wurde genannte Neverland-Thematik zwar gut aufgegriffen, aber dem Zuschauer jegliche Freiheit gelassen Gesehenes auf sich selbst und sein Umfeld zu übertragen, bzw. erzählte Geschichte selber weiterzuführen. Für mich ist ein Theaterstück immer dann gut, wenn das Denken nach der Vorstellung nicht abgeschlossen ist, sondern es mich noch Stunden, wenn nicht sogar Tage, begleiten und zum Nachdenken, erfinden und fantasieren anregt. Und genau das hat das Stück geschafft! - Lea

 

Die Kostüme der Schauspieler und Schauspielerinnen fand ich spannend, da es nicht die „typischen“ Kostüme sind. Meiner Meinung nach sind es eher „spezielle und außergewöhnliche“ Kostüme und nicht das was ich bei dieser Inszenierung an Kostümen erwartet hätte. Auch interessant ist, dass halb Mensch- und halb Tiergestalten verkörpert werden. Besonders hervorzuheben sind noch die aktuellen Anspielungen auf den Landraub in Chile, die Proteste in Hong Kong oder die Gentrifizierung von Berlin. Denn dadurch tritt nochmal das Aktuelle in den Fokus/Vordergrund. - Keno

 

Zum Beginn des Stückes “Neverland” empfand ich die Proxemik von und die damit kombinierten bunten Lichtspiele erfolgreich umgesetzt. Die unterschiedlichen Farben hatten mit dem “fliegen” von Peter Pan eine magische Wirkung auf den Zuschauer. Zunächst war es für mich schockierend, dass ein Mann komplett nackt auf der Bühne stand. In dem Moment empfand ich es als überraschend aber auch bemerkenswert, denn die geschichtliche Verknüpfung mit der Statue David, hat das ganze Geschehen in ein ganz anderes Bild versetzt. Es wurden ebenfalls philosophische Texte benutzt, die zum Nachdenken anregten. Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Disney Assoziation, dass ein Junge mit grünen Blätterkleid, der mit der niedlichen Elfe Tinker Bell durch eine Lichtwelt fliegt, in der Kinder nicht großwerden müssen, sich definitiv nach dem Stück verfärbt hat. - Şahsenem

 

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„Eddy wir müssen reden.“, so beginnt die Inszenierung von Antu Romero Nunes „Neverland“ und spricht somit direkt, so scheint es zumindest, das Publikum an.
Während des Einleitungsmonologes bleiben die Lichter des Saales an, so als würde die Möglichkeit bestehen mit dem Schauspieler kommunizieren zu können, der jedoch nicht mit den Zuschauern direkt spricht, sondern mit Jemandem den er „spontan“ Eddy genannt hat. Eddy antwortet nur meistens nicht.
Das Stück wird öfter durch Monologe oder Gespräche mit Eddy unterbrochen, was eine Art Grundgerüst für das Stück bietet.

Das mit Humor auf die Bühne gebrachte Stück bewegt sich im Rahmen der Geschichte von Peter Pan, was jedoch nicht bedeutet, dass es ein Kinderstück ist. Mitunter verstörende Szenen lassen das gesamte Stück zu etwas werden, was beindruckend ist, aber auch ein Fragezeichen in den Köpfen der meisten Zuschauer*innen zurücklässt, da man, wie ich finde, in dem Stück den roten Faden vergeblich sucht, beziehungsweise ihn nur erahnen kann.
Am Ende des Stückes werden zwar einige Sachen klar, jedoch ist die Verknüpfung der einzelnen Szenen nicht immer ganz durchschaubar.
Das unscheinbare. sparsame Bühnenbild veranlasst mich, mich dem Text zu widmen, der jedoch meistens nicht auf Deutsch sondern „in einer Art Englisch“ gesprochen und inszeniert wird. Vereinzelt wechselt das internationale Ensemble, welches aus 13 Schauspielern besteht, aber auch in ihre Muttersprachen, wie zum Beispiel Russisch. Für den nicht bilingualen Zuschauer gibt es zur Hilfe deutsche Übertitel oder für das internationale Publikum, englische.

Antu Romero Nunes schafft es, ein gewisses Zusammenspiel zwischen Wirklichkeit und Traum zu erschaffen.
Mein Fazit ist, dass man das Stück genießen und einfach in eine andere Welt eintauchen und nicht versuchen sollte, wirklich alles zu verstehen. Denn wenn man sich nicht darauf einlässt, kann es passieren, dass man so endet, wie das ältere Paar vor uns und nach der Pause einfach nicht wieder kommt.
Mimi Bergmann, Jürgen-Fuhlendorf-Schule, Klasse 11
 
 
 

Neverland ist ein Trip in die berauschende Welt der Träume und Fantasien der Kindheit. In Antú Romero Nunes Interpretation von Peter Pan wird „der Junge, der nicht erwachsen werden möchte“ von einer Frau (Electra Hallman) gespielt. Als eine verlotterte, mutterlose Waise ist sie egozentrisch und abgeklärt, nur auf sich selbst angewiesen. Die Härte ihres Lebens verlangt, dass Peter erwachsen wird; eine Frau, die für sich selbst sorgt.

In den Rollen Wendy, Michael und Marko spielt Marco Mandic einen einsamen Reisenden und gleichzeitig den Erzähler der Geschichte. Mit einer direkten Ansprache an das Publikum eröffnet dieser das Stück, indem er von seinen Gefühlen über das Leben spricht: Im Leben stehe ein Jeder vereinzelt und einsam. Der einzelne Mensch finde in der Realität keinen Halt, sondern gehe in der Langeweile seines Lebens verloren. Ebenso wie Peter Pan, sucht dieser Mann nach Trost, und sehnt sich nach dem Schutz und der Liebe einer Mutter. Er ist ein Reisender, ein Suchender, vergleichbar mit einem typischen Großstädter aus unserer heutigen Zeit; ein moderner Odysseus.
Doch glücklicherweise kommt das weibliche Engelwesen (Peter Pan) zu ihm geschwebt und errettet ihn aus seiner Langeweile. Die engelsgleiche Frau nimmt den Mann mit nach Neverland, in die fantastische Welt der Kinderträume und -sehnsüchte. Dort soll der einsame Reisende in die Rolle einer neuen Mutter für die junge Frau (Peter Pan) schlüpfen. Auf ihrem gemeinsamen Trip nach Neverland, einem Drogenrausch ähnlich, lockt Tinkerbell (Aenne Schwarz), genannt George, den männlichen Eindringling aber sogleich in einen Hinterhalt, bei dem dieser von einem Rudel Wölfen (den „Lost Boys“) blutig gebissen wird.

Nicht nur in den Geschlechterrollen spricht sich Nunes für eine größere gesellschaftliche Vielfalt aus. Die Inszenierung erhebt den Anspruch darauf, ein internationales Stück zu sein: Einflüsse aus vielen verschiedenen Kulturen fließen in die Stückkonzeption mit ein. Die Darsteller sprechen den deutschen Text noch in weiteren Übersetzungen (darunter auf Spanisch, Englisch, Portugiesisch, Französisch und Russisch). Sieben Schauspielstudierende aus sechs europäischen Ländern bilden die internationale Besetzung für die Rollen der „Lost Boys“, welche den Zuschauer an Straßenbanden im südamerikanischen Drogengeschäft erinnern. Eine minderjährige Drogengang in Valparaíso dient als reelle Vorlage für die fantasiereiche Darstellung der verlorenen Jungs.

Besonders spannend, finde ich die Vielzahl von Frauenbildern, wie sie in der Inszenierung vorkommen: z.B. entsteht auf der Bühne ein alptraumhaftes Mutterwesen auf, dass seine Kinder aus Liebe verschlingt, ebenso wie eine Rabenmutter, die ihr Kind verstößt und dem Alkoholismus verfällt. Die gesellschaftliche Rolle der Frau ergibt sich zu einem großen Teil aus Bedürfnissen, die in der Beziehung des Mannes zur Frau entstehen : So ist die Frau in den unterschiedlichsten Rollen anzutreffen, als eine mütterliche Beschützerin und als Monster; aber auch als eine Heilige und als ein göttliches Wesen. In der Geschichte der Mythologie findet sich die Frau als treue Begleiterin und Beraterin des Mannes wieder, als Orakel und Dienerin, sowie als Objekt männlicher Begierde.

In dieser Hinsicht wird der Mann in der Inszenierung als das Kind, das nicht erwachsen wird“ (als Peter Pan) portraitiert. Die Figur des Odysseus und Christiano Ronaldo dienen als Beispiele für Männer, die sich in ihren infantilen Träumereien und in ihrer Egomanie verlieren. Auch der einsame Reisende und Erzähler (Marco Mandic) entflieht seinem Leben, indem er sich in die Traumwelt nach Neverland flüchtet. Dort spielt er für Peter die Rolle der liebenden Mutter. Dass er sich aber vor seiner tatsächlichen Verantwortung, als Vater Peter Pans flüchtet, stellt sich erst ganz zuletzt heraus. Er ist ein infantiler Mann, weil er seine Frau mit einem Kind zurücklässt und stattdessen lieber eine Liebesbeziehung mit einem jungen Mädchen (Peter Pan) führt. In der Persönlichkeit des Erwachsenen (und des erwachsen Mannes) lebt das schreiende Kind, bedürftig nach Liebe, Bestätigung und nach Fürsorge. Hier zeigt sich, dass das Stück aus der Kooperation von Nunes mit Anne Haug - Feministin und Co-Autorin von Neverland - entstand.

In fantasievollen Bildern, die wie aus einem Traum entnommen wirken, bespricht die Inszenierung die übergeordneten Konzepte von Heimat und Identität; Nunes spricht von der Liebe, Einsamkeit und Sehnsucht im Leben eines Erwachsenen. Vom Erwachsensein im Allgemeinen, von Disneyfizierung, darüber, dass wir in unserem Leben in Kulissen errichten, um uns vor der Realität zu schützen. Die Allegorien und Verknüpfungen, die dabei gefunden werden, wirken oft versponnen und inhaltlich auch ein wenig schwach. So scheinen die politischen Bezüge zu den Protesten in Hongkong und dem Landraub in Chile, sowie zu Gentrifizierungsprozessen in Berlin wie wahllos eingestreut (lassen sich aber an Reiseerfahrungen oder an der Biografie und des Autors rekonstruieren). Durch den Witz und die kindliche Fantasie der Szenendarstellung wird die Verwirrung, die zeitweilig entstehen kann, außerdem wieder ausgeglichen. Wie ein modernes Märchen für Erwachsene präsentiert sich Nunes Inszenierung Neverland dem Zuschauer: Als ein fantastisch aufregendes Theatererlebnis mit einem spannenden Plot und hinreißenden Bildern- absolut sehenswert!
Ira Wichert, Helene Lange Gymnasium Hamburg, Klasse 12
 
 

Neverland – Eine postdramatische Odyssee ins Innere unserer kulturellen Identität

„Alles ist voneinander getrennt und alles Sein ist Ausdruck der Trennung und des Abstands zueinander.“ - So beginnt das Stück. Das Subjekt wird zum Objekt. Der Zuschauer wird zum Schauspiel. Der Leser wird zum Autor.

Sind wir nur vereinzelte, voneinander getrennte und entfremdete Individuen? Sind wir eine verbundene Gemeinschaft? Was verbindet und was trennt uns voneinander? Kennen wir uns überhaupt und können wir eine tiefgehende Beziehung zu unseren Mitmenschen aufbauen, oder bleiben wir uns ewig fremd, sind wir uns selbst ein Rätsel? Besteht eine einheitliche kulturelle Identität und welche kulturelle Herkunft definiert uns? All dies sind Fragen, die Antu Romero Nunes in seinem seit Kurzem am Thalia Theater laufenden Stück „Neverland“ aufwirft und behandelt, welchen er nachgeht und versucht für sie eine Antwort zu finden. In mitreißenden, unerschrockenen teilweise abstoßenden, aber immer gewaltigen Bildern, postdramatisch erzählten, sezierten Sequenzen von Szenen, Geschichten und Beziehungsgeflechten und mit einem eindrücklich spielenden, aus allen Kulturen und Sprachen gemischten Schauspieler-Ensemble thematisiert Nunes gegenwärtige globale politische Probleme, die drohenden Klüfte in der europäischen Gemeinschaft, reist durch die europäische Kultur und Geschichte und in unser tiefstes Innerstes, um der Frage nach unserer wahren Identität und Herkunft auf den Grund zu gehen.

Laurence Volquardsen, Modedesign, HAW Hamburg