Die SchülerbotschfterInnen zu "Neverland"

Unsere SchülerbotschafterInnen verfassen regelmäßig Rezensionen.

„Eddy wir müssen reden.“, so beginnt die Inszenierung von Antu Romero Nunes „Neverland“ und spricht somit direkt, so scheint es zumindest, das Publikum an.
Während des Einleitungsmonologes bleiben die Lichter des Saales an, so als würde die Möglichkeit bestehen mit dem Schauspieler kommunizieren zu können, der jedoch nicht mit den Zuschauern direkt spricht, sondern mit Jemandem den er „spontan“ Eddy genannt hat. Eddy antwortet nur meistens nicht.
Das Stück wird öfter durch Monologe oder Gespräche mit Eddy unterbrochen, was eine Art Grundgerüst für das Stück bietet.

Das mit Humor auf die Bühne gebrachte Stück bewegt sich im Rahmen der Geschichte von Peter Pan, was jedoch nicht bedeutet, dass es ein Kinderstück ist. Mitunter verstörende Szenen lassen das gesamte Stück zu etwas werden, was beindruckend ist, aber auch ein Fragezeichen in den Köpfen der meisten Zuschauer*innen zurücklässt, da man, wie ich finde, in dem Stück den roten Faden vergeblich sucht, beziehungsweise ihn nur erahnen kann.
Am Ende des Stückes werden zwar einige Sachen klar, jedoch ist die Verknüpfung der einzelnen Szenen nicht immer ganz durchschaubar.
Das unscheinbare. sparsame Bühnenbild veranlasst mich, mich dem Text zu widmen, der jedoch meistens nicht auf Deutsch sondern „in einer Art Englisch“ gesprochen und inszeniert wird. Vereinzelt wechselt das internationale Ensemble, welches aus 13 Schauspielern besteht, aber auch in ihre Muttersprachen, wie zum Beispiel Russisch. Für den nicht bilingualen Zuschauer gibt es zur Hilfe deutsche Übertitel oder für das internationale Publikum, englische.

Antu Romero Nunes schafft es, ein gewisses Zusammenspiel zwischen Wirklichkeit und Traum zu erschaffen.
Mein Fazit ist, dass man das Stück genießen und einfach in eine andere Welt eintauchen und nicht versuchen sollte, wirklich alles zu verstehen. Denn wenn man sich nicht darauf einlässt, kann es passieren, dass man so endet, wie das ältere Paar vor uns und nach der Pause einfach nicht wieder kommt.
Mimi Bergmann, Jürgen-Fuhlendorf-Schule, Klasse 11
 
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Neverland ist ein Trip in die berauschende Welt der Träume und Fantasien der Kindheit. In Antú Romero Nunes Interpretation von Peter Pan wird „der Junge, der nicht erwachsen werden möchte“ von einer Frau (Electra Hallman) gespielt. Als eine verlotterte, mutterlose Waise ist sie egozentrisch und abgeklärt, nur auf sich selbst angewiesen. Die Härte ihres Lebens verlangt, dass Peter erwachsen wird; eine Frau, die für sich selbst sorgt.

In den Rollen Wendy, Michael und Marko spielt Marco Mandic einen einsamen Reisenden und gleichzeitig den Erzähler der Geschichte. Mit einer direkten Ansprache an das Publikum eröffnet dieser das Stück, indem er von seinen Gefühlen über das Leben spricht: Im Leben stehe ein Jeder vereinzelt und einsam. Der einzelne Mensch finde in der Realität keinen Halt, sondern gehe in der Langeweile seines Lebens verloren. Ebenso wie Peter Pan, sucht dieser Mann nach Trost, und sehnt sich nach dem Schutz und der Liebe einer Mutter. Er ist ein Reisender, ein Suchender, vergleichbar mit einem typischen Großstädter aus unserer heutigen Zeit; ein moderner Odysseus.
Doch glücklicherweise kommt das weibliche Engelwesen (Peter Pan) zu ihm geschwebt und errettet ihn aus seiner Langeweile. Die engelsgleiche Frau nimmt den Mann mit nach Neverland, in die fantastische Welt der Kinderträume und -sehnsüchte. Dort soll der einsame Reisende in die Rolle einer neuen Mutter für die junge Frau (Peter Pan) schlüpfen. Auf ihrem gemeinsamen Trip nach Neverland, einem Drogenrausch ähnlich, lockt Tinkerbell (Aenne Schwarz), genannt George, den männlichen Eindringling aber sogleich in einen Hinterhalt, bei dem dieser von einem Rudel Wölfen (den „Lost Boys“) blutig gebissen wird.

Nicht nur in den Geschlechterrollen spricht sich Nunes für eine größere gesellschaftliche Vielfalt aus. Die Inszenierung erhebt den Anspruch darauf, ein internationales Stück zu sein: Einflüsse aus vielen verschiedenen Kulturen fließen in die Stückkonzeption mit ein. Die Darsteller sprechen den deutschen Text noch in weiteren Übersetzungen (darunter auf Spanisch, Englisch, Portugiesisch, Französisch und Russisch). Sieben Schauspielstudierende aus sechs europäischen Ländern bilden die internationale Besetzung für die Rollen der „Lost Boys“, welche den Zuschauer an Straßenbanden im südamerikanischen Drogengeschäft erinnern. Eine minderjährige Drogengang in Valparaíso dient als reelle Vorlage für die fantasiereiche Darstellung der verlorenen Jungs.

Besonders spannend, finde ich die Vielzahl von Frauenbildern, wie sie in der Inszenierung vorkommen: Z.B. entsteht auf der Bühne ein alptraumhaftes Mutterwesen auf, dass seine Kinder aus Liebe verschlingt, ebenso wie eine Rabenmutter, die ihr Kind verstößt und dem Alkoholismus verfällt. Die gesellschaftliche Rolle der Frau ergibt sich zu einem großen Teil aus Bedürfnissen, die in der Beziehung des Mannes zur Frau entstehen : So ist die Frau in den unterschiedlichsten Rollen anzutreffen, als eine mütterliche Beschützerin und als Monster; aber auch als eine Heilige und als ein göttliches Wesen. In der Geschichte der Mythologie findet sich die Frau als treue Begleiterin und Beraterin des Mannes wieder, als Orakel und Dienerin, sowie als Objekt männlicher Begierde.

In dieser Hinsicht wird der Mann in der Inszenierung als das Kind, das nicht erwachsen wird“ (als Peter Pan) portraitiert. Die Figur des Odysseus und Christiano Ronaldo dienen als Beispiele für Männer, die sich in ihren infantilen Träumereien und in ihrer Egomanie verlieren.
Auch der einsame Reisende und Erzähler (Marco Mandic) entflieht seinem Leben, indem er sich in die Traumwelt nach Neverland flüchtet. Dort spielt er für Peter die Rolle der liebenden Mutter. Dass er sich aber vor seiner tatsächlichen Verantwortung, als Vater Peter Pans flüchtet, stellt sich erst ganz zuletzt heraus. Er ist ein infantiler Mann, weil er seine Frau mit einem Kind zurücklässt und stattdessen lieber eine Liebesbeziehung mit einem jungen Mädchen (Peter Pan) führt. In der Persönlichkeit des Erwachsenen (und des erwachsen Mannes) lebt das schreiende Kind, bedürftig nach Liebe, Bestätigung und nach Fürsorge. Hier zeigt sich, dass das Stück aus der Kooperation von Nunes mit Anne Haug- Feministin und Co-Autorin von Neverland- entstand.

In fantasievollen Bildern, die wie aus einem Traum entnommen wirken, bespricht die Inszenierung die übergeordneten Konzepte von Heimat und Identität; Nunes spricht von der Liebe, Einsamkeit und Sehnsucht im Leben eines Erwachsenen. Vom Erwachsensein im Allgemeinen, von Disneyfizierung, darüber, dass wir in unserem Leben in Kulissen errichten, um uns vor der Realität zu schützen. Die Allegorien und Verknüpfungen, die dabei gefunden werden, wirken oft versponnen und inhaltlich auch ein wenig schwach. So scheinen die politischen Bezüge zu den Protesten in Hongkong und dem Landraub in Chile, sowie zu Gentrifizierungsprozessen in Berlin wie wahllos eingestreut (lassen sich aber an Reiseerfahrungen oder an der Biografie und des Autors rekonstruieren). Durch den Witz und die kindliche Fantasie der Szenendarstellung wird die Verwirrung, die zeitweilig entstehen kann, außerdem wieder ausgeglichen. Wie ein modernes Märchen für Erwachsene präsentiert sich Nunes Inszenierung Neverland dem Zuschauer: Als ein fantastisch aufregendes Theatererlebnis mit einem spannenden Plot und hinreißenden Bildern- absolut sehenswert!
Ira Wichert, Helene Lange Gymnasium Hamburg, Klasse 12