Die SchülerbotschafterInnen zu "Im Herzen der Gewalt"

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Erste Eindrücke

Stille. Ein Klavier ertönt und die kräftige Stimme des Schauspielers von Edouard beginnt ein französisches Lied zu singen. Ein intensiver Einstieg, passend zu dem, was die Zuschauer erwartet. Alle hören gebannt zu und werden durch die Musik schon am Anfang der Vorstellung in die Geschichte von Edouard hineingezogen.Das Lied ist nicht lang und hat trotzdem eine erstaunliche und langanhaltende, beruhigende Wirkung.
Anschließend erhebt Eduard sich langsam und nähert sich über den knarrenden Holzboden, welcher ein heimisches Wohnzimmergefühl aufkommen lässt, dem vorderen Rand der Bühne.
Die folgende Szene, in welcher der Mann ein Selfie mit dem Publikum schießt, lockert die Grenze zwischen Zuschauer und Schauspieler und man hat das Gefühl, zu dem Stück dazu-zugehören. Ob der Schauspieler Sebastian Doppelbauer in dieser Szene bereits in seiner Rolle steckt oder einfach als er selbst das Publikum in die Vorstellung einleitet, wird nicht ganz klar, doch gerade das macht diesen Einstieg so persönlich.

Bühnenbild

Das Bühnenbild bietet dem Zuschauer wenig Raum zur Ablenkung von der Handlung. Die Darsteller stehen vor einem weißen Hintergrund, welcher von weißen Tüchern gebildet wird. Diese werden von Edouard und seiner Schwester als Bettdecke benutzt und Edouard wickelt sich auch einige Male darin ein. Der eigentliche Zweck ist aber, dass die Tücher einzeln, nacheinander abgerissen werden und somit immer mehr vom hinteren Bühnenteil sichtbar wird. Möglich ist auch, dass das Abreißen der Tücher eine Unterteilung des Stückes in Kapitel bezwecken soll. Im hinteren Teil der Bühne befindet sich eine weiße Leinwand, hinter der das Schattenspiel der Momente vor der Vergewaltigung stattfindet. Dadurch wird beim Zuschauer die Vorstellungskraft angeregt und die Aufmerksamkeit geschärft. Zudem werden auf der Leinwand Videountermalungen gezeigt. Im vorderen Bühnenbereich steht außerdem ein Klavier, welches für den Einstieg in das Theaterstück genutzt wird und noch zwei weitere Male zur musikalischen Untermalung dient.

Schauspieler

Sebastian Jakob Doppelbauer bleibt das ganze Stück in seiner Rolle von Édouard Louis. Diese Rolle vermittelt er sehr emotional und authentisch. Anders als Doppelbauer hat Toini Ruhnke vier Rollen übernommen, die der Schwester Clara, Reda, der Polizei und des Therapeuten. In einer Szene stellt sie sogar einen Hund dar. Den Wechsel zwischen den verschiedenen Rollen verdeutlicht sie großartig, sodass es einem als Zuschauer leichtfällt, nachzuvollziehen, wann sie welche Rolle spielt.
Während des Theaterstückes interagieren die Schauspieler mit dem Publikum, indem sie zu den Zuschauern reden und häufig Augenkontakt mit ihnen halten. In der Garage entsteht dadurch eine viel persönlichere Atmosphäre. Dieses Empfinden wird noch einmal durch das Selfie am Anfang verstärkt und unter anderem dadurch, dass sich Clara in das Publikum setzt. Es wird einem als Zuschauer vermittelt, ein Teil des Stückes zu sein. Durch eine nicht erhöhte Bühne und einen kleinen Raum wird der nahe Kontakt zwischen Publikum und Bühne nochmals verstärkt. Besonders in der Vergewaltigungsszene wird man dann von den starken Emotionen der Charaktere mitgerissen.

Aufbau

Der häufige Rollentausch und Szenenwechsel bringt eine gewisse Dynamik in das Theaterstück. Es gibt darin viele Zeitsprünge, die ebenfalls dazu führen, dass der Zuschauer der Handlung nicht immer sofort folgen kann. Zum Beispiel werden die Erlebnisse am Anfang nicht chronologisch wiedergegeben, sondern es fängt damit an, dass Edouard nach der Vergewaltigung zu seiner Schwester fährt. Dann spielen Ruhnke und Doppelbauer in einzelnen Stücken die Erlebnisse von Edouards und Redas Nacht nach.

Beziehung zur Familie/Prägung


Die Gesellschaft und auch seine Familie lassen ihn nicht vergessen, wer er war und ihrer Meinung nach immer noch ist. Besonders deutlich wird dies an der Beziehung zur Schwester gezeigt. Selbst nach der Flucht aus der Provinz in die Metropole Paris und der Namensänderung, die als Lossagung von der Familie und der Vergangenheit gesehen werden können, nimmt seine Schwester Clara ihn nicht ernst. Sie respektiert ihn nicht, nennt ihn immer noch Eddie, macht sich über ihn lustig, als er nach den für ihn traumatischen Erlebnissen mit Reda zurück zur Familie reist. Noch immer sitzen auch die Geschehnisse aus der Kindheit tief in seiner Psyche. Das Gefühl, dass die Familie sich für ihn schämt, dass sie nicht hinter ihm stehen, hinterlässt tiefe Verletzungen, die auch das Publikum zu spüren bekommt. Trotz des Gefühls, nicht akzeptiert zu werden, flieht er zurück zu den Menschen, die ihn seine Vergangenheit nicht vergessen lassen. Ist dies auch für den Protagonisten eine Flucht in die Vergangenheit? Eine Flucht in die Zeit vor der Vergewaltigung?

Beispielszene Verhör

Die Szene des Verhörs wirkt sehr intensiv. Edouard ist bei der Polizei, muss den Verlauf schildern, immer wieder. Man merkt, wie er sich immer unbeholfener fühlt, beginnt, seine Aussage selbst anzuzweifeln. Trotz seines traumatischen Erlebnisses lässt die Beamtin nicht ab. Bei der kleinsten Abweichung bringt sie ihn dazu, die Geschichte erneut zu erzählen. Da die Schauspieler in dieser Szene ein Mikrofon nutzen, sind die Worte lauter, deutlicher, und lassen das Publikum spüren, welche Rolle dieses Erlebnis in Edouards Leben hat. „Die Polizei hat meine Geschichte gestohlen“, sagt dieser selbst im Tagesspiegel.

Nacktheit/Vergewaltigung

In dem Moment, in dem Edouard von Reda dazu aufgefordert wird sich auszuziehen, hat man vermutlich nicht erwartet, dass er sich komplett ausziehen würde. Man merkte keinerlei Verteidigung seitens Edouards. Er tat das, was gewünscht war, und dies ließ einen seine Angst spüren. Der Prozess seiner Entblößung fühlte sich länger an als er vermutlich war, denn man konnte sich auf die Gefühle von Edouard einlassen und war genauestens darauf konzentriert. Ab diesem Augenblick der kompletten Nacktheit sprach Edouard kaum noch und wenn, dann schweren Herzens, was man gut zu spüren bekam. Es wirkte alles sehr echt auf einen und man bekam das Gefühl, als wollte man helfen.

Edouard Louis‘ Intention

Edouard Louis erklärt in einem Interview mit Patrick Wildermann auf dem Programmzettel des Stückes, dass er durch die Vorstellung nicht darauf reduziert werden möchte, dass er ein Opfer sexueller Gewalt ist. Ob diese Intention in "Im Herzen der Gewalt" deutlich wird, ist allerdings fraglich.
Einerseits stimmt es - das Theaterstück befasst sich nicht nur mit seiner Person als Vergewaltigungsopfer, sondern bringt auch das gestörte Verhältnis zu Schwester und Familie auf die Bühne. Ebenfalls zu beachten ist, dass es einen zugehörigen Teil gibt, der sich ausschließlich mit dieser Thematik befasst ("Das Ende von Eddy"). In diesem Teil verhält sich die Vergewaltigung jedoch als zentrales Thema. Dass Edouard sich unter dem Publikum nackt auf dem Boden liegend zeigt, lässt ihn so verletzlich wirken, dass sich dieser Eindruck über den Rest des Stückes hinzieht. Natürlich ist es von großer Relevanz, Themen wie sexueller Missbrauch anzusprechen und tiefgehend zu behandeln, trotzdem bezieht sich das Stück fast ausschließlich auf die Auswirkungen dieser traumatischen Erfahrung und man erinnert sich, wenn man das Theater verlässt, an Edouard als Vergewaltigungsopfer.
Genau hier liegt auch die Problematik bezüglich Edouards Intention. Er möchte nicht auf seine Opferrolle reduziert werden. Doch ist es nicht genau das, was dem Zuschauer während der Vorstellung klar werden sollte? Vergewaltigungen hinterlassen Spuren, die nicht abwaschbar sind, sich auf das gesamte restliche Leben eines Opfers dieser Gewalt auswirken und es immer ein Stück weit auf die Tat reduzieren und es so einschränken werden.

Letzte Eindrücke

Die Vorstellung hat noch nachVerlassen des Saals eine anhaltende Wirkung und sorgt für viel Gesprächsstoff. Bei vielen ist es wie eine Art Schock, der erst einmal verdaut werden muss. Durch den wirren Aufbau, die dramatische und impulsive Arbeit der Schauspieler und natürlich auch die emotionale Handlung des Stücks braucht man anschließend erst Zeit, um seine Gedanken und die Handlungen, welche im Laufe des Stücks auf das Publikum eingeschlagen sind, zu sortieren und zu filtern.
Insgesamt war es ein sehr schöner und lehrreicher Abend, der einen zu kritischen, interessanten Gedanken und Gesprächen gebracht hat. Die Schauspieler haben die Geschichte und vor allem das Kernthema perfekt übermittelt.

Von: Fiene Gürich, Anna Kaiser, Alexander Freyer, Carlotta Rabe, Emely Lemke, Liv Twisselmann, Leslie Malso, Laura Gegic
(Klasse 12b der JCS Thesdorf, Lehrerin Andrea Rieck)