Das Geheimn
is des Schauspi
elers

Ansprache von Joachim Lux, Intendant Thalia-Theater anlässlich der Verleihung des Boy Gobert-Preises 2018 an Paul Behren

 

Sehr geehrte Damen und Herren,


Schauspieler spielen auf ein paar Metern im Quadrat Leben, mal besser, mal schlechter, mal mit Hokuspokus drum herum, mal ganz schlicht auf ein paar Holzbrettern. Es ist genau diese Begrenzung, aus der die Möglichkeit entsteht, mehr zu scheinen. Aus der Phantasie erwächst die Chance, Freiheit und Großzügigkeit auszustrahlen, Heiterkeit und Tiefe, Lebensmut und Zugewandtheit, Erlebnisräume zu öffnen oder Widerstand gegen Zumutungen auszurufen. Oder mit Kinderaugen die Welt zu spüren, zu begreifen, zu vertiefen und zu erfahren.

Und dann sind da noch die ganzen Aphrodisiaka des Theaters: das Licht, die Kostüme, der Geruch der Schminke, die Unschärfe der Wahrnehmung – da hat sich gegenüber den Beschreibungen in Goethes „Wilhelm Meister“ eigentlich gar nicht viel verändert. Das Theater ist oder scheint wenigstens - ich habe das unlängst beim Thalia-Jubiläum versucht zu beschreiben - ein Ort der Freiheit zu sein, einer Freiheit im Spiel: Gegenwelt, Idee von etwas anderem, Kraft zur Subversion, Ort der Auseinandersetzung, Ort der Verführung durch die Schauspieler, die wir lieben für dieses Spiel, mit hohem Risiko, ohne Netz und doppelten Boden. Hier darf und soll man scheitern dürfen, ja, auch das. It’s a play ... without display.


Dieses Spiel ist aus der Zeit gefallen. Algorithmen, die sich perfekt wie ein Maßanzug an den user anschmiegen, sind ihm fremd. Klar, auch im Theater sollen Bedürfnisse befriedigt werden, aber mehr als Spekulation auf erahnte Wünsche als auf exakt vorausberechnete. Ja, im besten Fall werden hier Bedürfnisse befriedigt, von denen der Besucher vorher gar nicht wusste, dass er sie hat. Das Theater besteht darauf, völlig daneben liegen zu dürfen. Es setzt auf Abenteurertum mit ungewissem Ausgang. Das ist seine Chance - ein Spiel eben, ein Spiel mit philosophischem Hintersinn. Dieses Spiel ist ein Synonym für den Akt der Freiheit. Und der Schauspieler steht in dessen Zentrum.
Ganz schön eigentlich, sehr schön sogar.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Kultursenator, lieber Carsten Brosda, liebe Karin, sehr geehrter Lothar Dittmer für die Körber-Stiftung, lieber Burghart Klaußner für die Jury, liebe Sasha Rau, lieber Paul Behren,

 

Der Beruf des Schauspielers ist vielleicht tatsächlich ein Traumberuf. Kurt Körbers Idee, einmal im Jahr Schauspieler zu feiern und zu ehren, war hervorragend, denn die Schauspieler haben das natürlich verdient, und es ist beglückend, wenn ihnen Jahr für Jahr durch Sie, das Publikum, so viel und so zahlreich Liebe entgegenkommt! Das ist schon großartig. Besonders großartig ist aber, dass wir mit der Jugend hier alljährlich nicht die Vergangenheit von Lebensleistungen abfeiern, sondern die Zukunft, Menschen also, die auf dem Sprung sind. Deshalb fehlt dieser Veranstaltung auch Gottseidank der „Früher war alles besser“-Sound. Das ist an sich schon eine Freude!
Denn der Schauspieler, lieber Paul Behren, hat ja tatsächlich verheißungsvolle Aussichten. Aber warum und inwiefern eigentlich?

 

Der Schriftsteller Clemens Meyer hat sich unlängst gefragt, „wie Welt in die Sprache kommt“. Diese Frage trifft den Kern des Künstlerischen. Ja, wie kommt denn Welt in die Sprache? Durch den Autor, wenn er gut ist. Wie er das macht? Wir Leser wissen es nicht, aber wir spüren es.
Auf dem Theater ist es ähnlich. Eine gute Vorstellung, das gute Spiel eines Schauspielers: es bringt Welt auf die Bühne und nicht nur Versionen von Wirklichkeit. Über Sprache, Körper, Musik, Bewegung, über Emotionen und Dialoge - eine Welt, die die Wirklichkeit zwar erfasst, aber gleichzeitig über sie hinausdeutet. Der Schauspieler hat im besten Fall das Vermögen, die Welt künstlerisch zu fassen und wieder auszuströmen und uns teilhaben zu lassen.

 

Beinahe nebenbei macht der Schauspieler die Erfahrung, dass die eigene Persönlichkeit das Publikum fasziniert. Allerdings nicht um seiner selbst Willen, sondern als Folge der Notwendigkeit seines inneren künstlerischen Tuns. Im Kern ist der Schauspieler ein Bote. Er erfüllt sich erst mit Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren. Denn ohne den Echoraum von Ihnen, den Zuschauern, gibt es kein Theater und also auch keine Schauspieler. Sie beide treffen oder verfehlen sich hier allabendlich – nicht Regisseure, nicht Intendanten, sondern das Publikum und die Schauspieler.

 

Hier liegt zugleich ein Quell für große Enttäuschungen, für die Enttäuschung beispielsweise, sich von Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, nicht wirklich verstanden zu wissen, den Kontakt zu verlieren. Denn das passiert natürlich, da muss man nicht drum herum reden. Und es gibt weitere Hürden, Schwierigkeiten, Herausforderungen. Die größte ist vielleicht die Angst, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Denn es gibt sie, die Grenzen des eigenen Ichs. Aber es gibt auch anderes, was dem einzigartigen Künstlertum zuwider läuft. Dazu gehört zum Beispiel die Tatsache, dass der Schauspieler Teil eines Gruppenkunstwerks und außerdem einer Theaterorganisation ist und also trotz allen Künstlertums in gewisser Weise „funktionieren“ muss. Das ist nicht immer leicht, Jens Harzer hat vor einem Jahr hierzu manches gesagt.

 

Schließlich: der Schauspieler arbeitet mit extrem hohem Einsatz und verschenkt sich ohne unmittelbare Gegenleistung. Insofern steht er außerhalb der Tauschprinzipien, die unser Leben sonst durchziehen. Das funktioniert nur, wenn er von der hohen Bedeutung seiner Arbeit und von deren Wirkung auf andere überzeugt ist – selbst wenn ihm dann die Überschätzung der eigenen Bedeutung in die Quere kommt. Ich weiß nicht, ob Sie die wunderbar komische Szene „Der Theaterbrand“ des französischen Autors George Courteline kennen. Dort bilden sich die Schauspieler tatsächlich ein, sie könnten mit der Magie der Kunst Herrschaft über Leib und Leben die Zuschauer gewinnen. Als nämlich das Theatergebäude lichterloh brennt und rechts und links die Balken zu Boden stürzen, herrschen die Schauspieler die Zuschauer an: „BLEIBEN SIE! - Wir brauchen nur noch eine Viertelstunde!“ Und tatsächlich: die Zuschauer bleiben wie angewurzelt stehen... wenn auch, Gottseidank nur für einen Augenblick...

 

Sehr geehrte Damen und Herren: Entdecken Sie den Schauspieler als das, was er auch ist, und als das er sich selbst schon längst entdeckt hat: als lächerliche Figur. Ja, Künstler sind auch lächerliche Figuren. Das ist, wenn man so will, ihr höherer Ernst.
Was heißt das? Das Verhältnis von Bühne – Spieler – Welt ist tatsächlich besonders. Das hat niemand so schön in die Welt hineingeschrieben wie Shakespeare: „Das Leben ist/ Ein flüchtger Schatten; ein armer Schauspieler,/ Der seine Stunde auf der Bühne prahlt / Und tobt, und wird danach nicht mehr gehört;/ Ein Märchen ist’s, erzählt von einem Irren,/ Voll Lärm und Raserei, und nicht bedeutend.“
Shakespeares Macbeth rührt mit diesen Sätzen an der Lächerlichkeit und Nichtigkeit der Existenz, von der Bühne des Lebens, auf der der Mensch ein paar Lebensjahre verbringt. Für Shakespeare ist die Welt das wahre Schauspiel. Und der „Irre“, in anderen Übersetzungen heißt er „Idiot“ – ist er nicht der, den andere Gott nennen? Von diesen Zusammenhängen erzählen die Schauspieler, und geben dem Menschen so seine Würde zurück.

 

Wie das genau geht? Wir wissen es nicht. Lassen wir den Schauspielern einfach ihr Geheimnis. Wir verstehen es nicht – das ist ja das Schöne. Es tröstet uns über manchen Unsinn des wirklichen Lebens hinweg.

 

Flammen sind nicht in Sicht. Das Theater steht einfach da. Heute und an vielen Tagen im Jahr. Und wartet auf Sie. Offen für Sie und ihre Lust, den Schauspielern zu begegnen, Schauspielern wie Paul Behren. Und in ihnen der Welt.

 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!