Schülerbotschafter: Rezensionen zu "Hexenjagd"

12. Oktober 2018, Hamburg

Im heutigen Deutschland ist die Trennung von Staat und Kirche im Grundgesetz festgehalten. Natürlich gab und gibt es noch andere Systeme, wie zum Beispiel die Theokratie. Dort ist die Staatsgewalt religiös legitimiert: Was Gott (angeblich) sagt, ist somit Gesetz.
Dass so ein System natürlich auch seine (blutigen) Schattenseiten hat, zeigt Stefan Puchers Inszenierung von „Hexenjagd“.
Nachdem Pastor Parris einige Mädchen nachts tanzend im Wald beobachtet hat, beginnen merkwürdige Dinge in Salem vor sich zu gehen. Natürlich kann nur der Teufel dahinter stehen. Um die Kleinstadt in Neuengland von diesem Gräuel aus der Hölle zu befreien, wird sogleich ein Gericht eingesetzt, dass jeden an den Galgen bringt, der nicht zugibt, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Es braucht auch nicht lange, bis Nachbarn ihre Nachbarn beschuldigen und man sich mehr vor dem Gericht als vor dem Teufel fürchten muss.
Man merkt schnell: Das auf realen Ereignissen basierende Stück von Arthur Miller ist keine leichte Kost. Und auch Puchers Inszenierung verzichtet auf keine (Text)stelle der Vorlage; die gesamte Atmosphäre ist durch ein gelungenes Bühnenbild und einige Video- und Musikeinlagen sogar noch unheimlicher gemacht worden.
Erstmal zum Bühnenbild: Auf einem riesigen, tribühnenartigen Scheiterhaufen aus Strohballen, Gittern und Brettern turnen während der gesamten Zeit die Charaktere herum. Nicht nur dass der Scheiterhaufen symbolisch und real auf das Ende der Hexenjagd hindeutet; während des Stückes wird dieser aufgrund seiner skurrilen Form vielfältig und kreativ verwendet.
Und um all jene Szenen abzuhandeln, die von dem Scheiterhaufen nicht abgedeckt werden können, werden regelmäßig kurze Videosequenzen eingespielt. So beginnt das Theaterstück auch urplötzlich mit einem psychedelisch angehauchten Filmchen, welcher den Tanz der jungen Mädchen recht kreativ zeigt. Die meisten Filme dienen jedoch nur dem Ambiente, so wird darin Holz gefällt oder man sieht Feuer vor sich hin flackern.
Natürlich sind es nicht der Scheiterhaufen oder Videosequenzen von Feuer, die dem Stück seinen Namen gerecht werden lassen. Sondern die aufkommende absurde Situation, dass jeder verklagt und vor dem Galgen enden kann (und eventuell wird). Dabei verliert auch irgendwann der aufmerksamste Zuschauer den Überblick, wer denn nun wirklich schuldig ist oder ob überhaupt jemand eine wirkliche Schuld begangen hat. Spätestens wenn Unschuldige aus selbstsüchtigen Gründen verklagt werden, hat das Stück seinen wahren Spannungshöhepunkt erreicht.
Doch die Spannung geht oftmals in einem ausschweifenden Dialog verloren. Es ist dabei natürlich keine Schande, den Text der Vorlage in dieser Inszenierung ungekürzt unterbringen zu wollen; jedoch muss er nicht komplett trocken und bewegungslos vorgesagt werden. Vor allem wenn man Schauspieler auf der Bühne stehen hat, die schon bewiesen haben, dass sich nicht jeder Dialogabschnitt wie ein Beratungsgespräch beim Zahnarzt anhören/anfühlen muss.
So hat man zum einen Sylvana Seddig, welche als obskure Tituba in einem auffällig pinken Plüschkostüm über die Bühne rollt und turnt und wie ein scheinbar alles beobachtender Erzähler die Situation kommentiert; wenn sie nicht gerade im Hintergrund ihre interessanten Akrobatiken vollführt.
Und zum Anderen Jörg Pohl, welcher in seiner Darstellung als einfacher Bauer John Proctor der gesamten Inszenierung einige Comedy-Elemente verleiht, wobei diesem spätestens ab der zweiten Hälfte das Lachen vergeht und er in seiner Rolle als unschuldig Verurteilter und erfolgloser Kämpfer für die Gerechtigkeit wahrlich aufgeht.
Und auch die anderen Schauspieler sind hervorragend, so auch Tim Porath in seiner Rolle als Proctors genügsamen Freund und Opfer des Systems Giles Corey, oder Rafael Stachowiak als manisch Psalm-verliebten Stellvertreter des Gouvenours Thomas Danforth.
Einziges Problem: Auch mit den besten Schauspielern kann man eine Szene aus trockenem Dialog nicht mehr retten. Und da bringt es auch nichts, wenn man bestimmte Spannungselemente dauerhaft wiederholt; wie das stilistische von oben herab Auftauchen des Pastors John Hail (sehr gut dargestellt von Kristof van Boven).
Jedoch gibt es viele Szenen und Bilder, die sich in das Gedächnis aufgrund ihrer Genialität einbrennen und dem Ambiente des Stückes zugutekommen. So könnte sich auch die hiesige Kirche an den mit Bass unterlegten Psalmgesängen dieser Inszenierung ein Beispiel nehmen, damit deren Besucher auch mal mit Gänsehaut (und eventuell einem Ohrwurm) das Gebäude verlassen.
Letztendlich stellt Stefan Puchers Inszenierung von „Hexenjagd“ die Tragik und den Wahnsinn der tatsächlich stattgefundenen Hexenprozesse sehr gut und sehr kreativ dar. Dennoch gibt es Szenen, bei denen man glaubt, bei einer Buchvorlesung und nicht im Theater zu sein, wodurch einiges an Spannung und Interesse verloren geht. Zum Glück können das gelungene Bühnenbild, die talentierten Schauspieler und einige wirkliche clevere Szenen dieses Stück ziemlich gut retten.
Luise Lämmerhirt, Leibniz Privatschule , Elmshorn, Jg 12