Welt als Kulisse

Über die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes - von Matthias Günther

1. Basel Blicke
Im April 2001 stieg die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes in Basel gemeinsam mit mir auf eine Hügellage namens Bruderholz, ein reizvolles Stadtquartier mit zum Teil sehr exquisiten Eigenheimen. Barbara Ehnes hatte mich gebeten, ihr eine idealtypische Wohngegend zu zeigen, die das Basler Bürgertum repräsentiert.

Nun spazierten wir auf dem Bruderholz und Barbara Ehnes beschrieb mir die unterschiedlichen architektonischen Zugriffe, fotografierte raffinierte Einzelheiten, manchmal auch nur Blumenkübel mit Geranien. Wir waren auf Recherche für Stefan Bachmanns Inszenierung „Biedermann und die Brandstifter“. Max Frischs Stück sollte die folgende Spielzeit eröffnen.
Auf dem Bruderholz in Basel betrachteten wir die unterschiedlichen Eigenheimvariationen. Barbara Ehnes erklärte mir die Besonderheiten dieses bevorzugten Wohngebiets, die großen Fenster, durch die die schüttere Möblierung zu sehen war, die modischen Formholzstühle, das futuristische Design der Stereoanlage, das aufsehenerregend blinkte.
Wir betrachteten auf dem Bruderholz Schweizer Selbstverwirklichung par excellence.

Und Barbara Ehnes beschrieb und fotografierte und wir schlenderten durch das Quartier, bis neben uns ein Fahrzeug der Kantonspolizei Basel-Stadt hielt und uniformierte Herren freundlich nach unseren Ausweisen und unserer Mission fragten und uns baten, das Quartier schnellstens zu verlassen, es habe Beschwerden von Anwohnern gegeben. Barbara Ehnes erklärte klar und bestimmt, wir recherchierten über Biedermänner und Brandstifter und um diese Welt genauer zu beschreiben, seien wir hier. Die Schweiz oder besser das Bruderholz sei Kulisse für unsere Recherche, um daraus Kulissen für das Theater zu bauen.
Schweizer Kantonspolizisten sind geduldig, aber mit dem klaren Hinweis, dass nur erlaubt sei, was nicht störe, wurde uns unter Androhung von Ordnungsgeld nahegelegt, schnellstens das Weite zu suchen, falls wir, statt Schweizer Gardinen zu betrachten, nicht hinter schwedischen den Resttag verbringen wollten.
Wir kehrten leicht benommen in das Theater zurück, aber auch beglückt. Wir hatten die Besonderheit der Schweiz kennengelernt, als wir aus dem Theater heraustraten, durch die Gegend spazierten, Erfahrungen machten, um letztendlich das, was wir sahen und erlebt hatten, als Episode zu erzählen. Die Schweiz ist eben ein Gefängnis, wie Max Frisch schon sagte.
Das Bühnenbild, das Barbara Ehnes dann für Stefan Bachmanns Inszenierung entwarf, war jedenfalls ein in Edelbeton gefasstes drehbares Konstruktionsgerüst, das ein offenes Haus darstellte mit viel sauberem Schweizer Design in Wohn-, Schlaf- und Esszimmer für die Familie Biedermann und einem leeren Dachboden, wo die Brandstifter hausten.
Im Hintergrund waren jeweils links und rechts Großfotos der Basler Stadtkulisse zu sehen. So verwies das Bühnenbild auf die Umstände vor Ort, die durch Bezüge zur nationalkonservativen Schweizer Volkspartei des Christoph Blocher und ihrer Brandstifter-Mentalität mit zusätzlichen Texten und Originalzitaten in der Aufführung ausgeweitet wurde. Die Biedermanns bewegten sich in ihrer grau designten, von rechten demagogischen Dauerwahlkampfparolen gefluteten Wohnung wie Figuren in einem Ausstellungsraum, bei denen das Design das Bewusstsein bestimmt.

2. „Jeff Koons“ und die Konstellation Pop
Zum ersten Mal hatte ich bewusst eine Bühne von Barbara Ehnes im Dezember 1999 gesehen. Und die war legendär. Auf bestimmte Weise war es ein Debüt. Zumindest was Größe und Bedeutung betraf: „Jeff Koons“ von Rainald Goetz in der Inszenierung von Stefan Bachmann am Hamburger Schauspielhaus in der Abschiedsspielzeit von Frank Baumbauer und seinem Team. Vor der Premiere hatte mich eine Theaterkritikerin gefragt, ob ich etwas über die Ausrichtung des Basler
Schauspiels schreiben könnte, wir galten als Theater der fröhlichen Zweifler und überzeugten Dilettanten. Ich sagte zu, über unsere ironischen Moralideen etwas zu schreiben. Nachdem ich „Jeff Koons“ gesehen hatte, dachte ich, alles ist gesagt. Diese Arbeit war die Ausformulierung eines ästhetischen Konzepts und einer ganzen theatralen Ideologie in Form einer Aufführung. Alles war gesagt, was unter dem Label Poptheater in jenen Jahren gefasst worden war, jenen Aufbruch seit Mitte der neunziger Jahre, der den alten literaturbeflissenen Kritikern und der Textexegese verpflichteten Altregisseuren die Birne anbrannte und sie in tiefe Verzweiflung trieb. Hier trug sich jenes Besondere zu, hier war es zu sehen, jenes Gewaltige, Kongeniale, und ließ etwas ans Licht treten, das vorher subkutan als vorhandene Ästhetik sich zwar beschreiben ließ, aber hier war es ausformuliert und zugleich zu Ende gedacht: Die Konstellation POP!
Sie spielen. Sie feiern. Sie machen Musik.

Es beginnt vor dem Vorhang, hinter dem sich ein Club verbirgt, der aussieht wie die Kantine des Hamburger Schauspielhauses, bevölkert mit einer Schar von Schauspielern mit Andy-Warhol-Perücken, die Madonnas Song „Frozen“ summen, ehe sich dann ein knalliger Bühnenkosmos öffnet, drehend mit großen monochromen Farbflächen, pink und golden, silbern und weiß, die sowohl Ort der Präsentation, wie auch Hintergrund und Rahmung für kitschig kostümierte Edelpenner in Barockkostümen, pinkelnde Riesenplüschtiere im Sado-Sex-Modus und das poppende Urpaar Adam und Eva werden. Das gesamte Bild unterlegt mit DJ-Sounds und einer völlig eklektizistischen Spielweise, dem von Stefan Bachmann bevorzugten „comic-acting“. Es ist eine scharfsinnige Analyse der Motive, die die Welt von Jeff Koons in der knallroten Suhrkamp-Popfibel von Rainald Goetz beschreiben. So viel Inszenierung und Künstlichkeit wie in dieser Aufführung, so viel klug komponierter Quatsch, Referenz an die eigene popkulturelle Sozialisation der Theatermacher, die hier ihre Erfahrungen in der theatralen Praxis einer Aufführung reflektieren mit Schauspielern, die klarmachen, wir sind da und wir sind Pop, passte zu den letzten Wochen eines zu Ende gehenden Jahrtausends. Es gibt uns wirklich! Wir machen Zeichen, wir öffnen und schließen den Mund, wir singen. Wir sind Körper im Kostüm und labern los, wir stehen in Kulissen, die eine Kulturgeschichte der Künstlichkeit des hier und jetzt erzählen. Ganz nah dran. Eine Affirmation von Oberfläche gegen diesen ganzen veralteten Naturalismus. Als Zuschauer wollte man eigentlich nur noch dem Sog des Visuellen folgen, in der Bühne verschwinden und diese Welten bereisen.
„I wake up every morning. I open my eyes and think: here we go again“, schreibt Andy Warhol.
Für einige Jahre ging man nun auf fröhliche Erkundungen im pop-theatralen Gebiet, ehe eine allgemeine Ernüchterung eintrat und das Reclamheft als gelbe Karte die Regisseure verwarnte und die Ermahnung folgte, Pop, das ginge nicht mehr, die Zeit der Ironie sei vorbei. Es ginge jetzt wieder mehr um den Text und der sollte buchstäblich auf die Bühne gestellt werden, die die Welt bedeutet.

3. Der Bilder-Sturm
Als das Poptheater schon als abgelaufene Modestrecke in den Archiven der Theatergeschichte zu verschwinden drohte, stellte Babara Ehnes im Oktober 2008 auf der Bühne der Münchner Kammerspiele für Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares „Der Sturm“ ein riesiges, aufgeschlagenes, hochkant stehendes Buch, eine Anspielung auf die Bibliothek des Magiers Prospero. Befestigt an einer Achse ließen sich die Seiten oder besser Wände in diesem Buch hin- und herblättern.
Für jeden Schauplatz ließ sich eine andere Doppelseite aufschlagen, vor denen die Schauspieler wie in Kinder-Popup-Büchern agierten.
Die ersten zwei Seiten zeigen Prosperos Salon, verziert mit polynesischem Tiki-Style, Monsterschlund-Kamin und einem Videofenster zur Welt.
Die nächste Seite zeigte eine Foto-Welle in sattem Blau. Es folgten ein weißer Raum, den Videoprojektionen fluteten, und ein Kupferstich mit Südseeinselmotiv.

Was die „fab four“ des Poptheaters, der Regisseur Stefan Pucher, die Bühnenbildnerin Babara Ehnes, die Kostümbildnerin Annabelle Witt und der Videokünstler Chris Kondek, mit dieser bilderreichen diskursiven Aufführung schufen, war ihr Konzeptalbum. „Diese Aufführung zeigt eine der wesentlichen Erzählweisen von Pop, das zitathafte Ausdeuten von Figuren“, sagte der Schriftsteller, Musiker und Radio-Discjockey Thomas Meinecke, der einige Tage nach der Premiere gemeinsam mit mir für das Theaterheft der Münchner Kammerspiele ein Gespräch führte. Meinecke sagte, dass durch die ganz verschiedenen, abziehbildhaften Partikel, aus denen sich die Aufführung zusammensetzt – seien es Shakespeares Trunkenbolde, die wie Gilbert & George aussehen, Caliban als Angus-Young-Verschnitt in Rammstein-Pose, der polynesische Tiki-Style im Bühnenbild oder die Disco-Musik –, sich der Zuschauer auf einer Metaebene oder Making-of-Ebene wiederfindet, „dass miterzählt wird, dass hier erzählt wird und auch wie erzählt wird.“ Dazu braucht es natürlich eine gewisse Kennerschaft, dann ist der Genuss größer, aber es braucht keine Kennerschaft, um Genuss zu haben. Und das ist, laut Thomas Meinecke, „ein Kennzeichen von gutem Pop“.

4. Im Kulissenkarussell – singend
Wenn ich heute Bühnenbildmodelle von Barbara Ehnes im Atelier anschaue, dann ist das wie das Betrachten eines guten Plattencovers. Es ist eine Erzählung und ich möchte anfangen zu singen:
Ein Blick von oben
in das Bühnenbildmodell
der Wunsch den Kopf
da reinzustecken
in das Bühnenbildmodell
in die Kiste, den Karton
und hoch damit den Kopf
den behelmten
mit dem Bühnenbildmodell
und alles dreht sich
wie später auf der Bühne
Bild für Bild
ein Bildersturm
im Kulissenkarussell
Kulissen künstlich
kitschig grell
gut gemacht
stets grundiert
von scharfem Sinn
analytisch und genau
Bild, Motiv
Motiv und Bild
im Kulissenkarussell
Voll Erzählung jede Wand
manieristisch surreal
glamourös und flamboyant
Form und Aufbau
Opulenz
Widerspruch und Dekadenz
Und es dreht sich
alles dreht sich
Oft abstrakter Raum
lose möbliert
große Leinwand
Videowand
Viel Gestell
Holz und Metall
Podest und Treppe
Aussichtsplattform
Und es dreht sich
Mal auch
schwarzes Loch
schwarzer Salon
Darkroom
Leder, Holz und Spiegel
lose möbliert
ein Altar
düsterer Schminktisch
mit welken Blättern
leicht umrankt
oder auch
üppige Dekors
aus Blumen
Früchten, Torten
Reiz und Verführung
Champagnerflaschen
Besteck für Drogen
Sex und Rock ‘n’ Roll
Maßlosigkeit und Libertinage
Umkehr und Selbstbesinnung
unübersehbar.
Appell, Erotik, Religion
Christenkreuz und Ornament
Mal auch
das Helle und Spirituelle
von Künstlichkeit zu Künstlichkeit
samtüberzogen und pompös
Waschbecken und Wannen
Tristesse Royale
der Wohndesigns
Biedermeier, Blockhausstube
Bauhaus-Chic und Avantgarde
in der Plastikmöbelwelt
Und es dreht sich
trickreich weiter
immer weiter

Der Text ist in  „Starting over - Bühnenbilder, Konzepte / Stages, Concepts“ von Barbara Ehnes / Herausgegeben von Stefanie Carp 2015 veröffentlich.