Schreiende Farben und kitschige Popmusik

Das kann einem Freund der ABBA-Musik aber eigentlich unmöglich gefallen?

Stefan Pucher inszeniert Molières Meisterwerk "Tartuffe" als knallbuntes ABBA-Musical.

Die Darsteller von "Tartuffe" bringen eine Vielzahl von 70er-Jahre Hits der Band - wie „S.O.S.“, „Money, Money, Money“, "Mamma Mia", „Honey, Honey“ oder „The Winner Takes It All" - auf die Bühne.

Warum? Warum ABBA? Das erschließt sich dem Besucher nicht. Ein innerer Zusammenhang zwischen den gespielten Szenen und den gesungenen Popsongs war - jedenfalls für mich - nicht erkennbar oder wirkte zumindest künstlich gewollt. Die Lieder haben die inhaltliche Botschaft des Stücks nicht getragen oder gar unterstützt, sondern eher sabotiert. Auch stimmlich wäre mehr drin gewesen.

Nicht jeder Schauspieler ist zugleich ein überragendes Gesangstalent. Das muss nicht unbedingt schädlich sein. Wer Natürlichkeit schätzt und ABBA liebt, der kann auch mit einem Film wie "Mamma Mia!" (2008) sehr glücklich werden. Nur sind die Lieder in "Tartuffe" eben nicht spritzig-fröhlich gemeint, sondern in einem bitter-bösen kritischen Kontext gedacht. Das kann einem Freund der ABBA-Musik aber eigentlich unmöglich gefallen? Und mir persönlich läuft schon bei ABBA im Original stets ein Schauer über den Rücken. Es wäre also möglicherweise für alle besser gewesen, wenn man auf die Musical-Einlagen verzichtet hätte.

Dafür hätte ich mir mehr Arbeit mit Sprache und Ausdruck gewünscht. Andere Stücke von Molière sind mir gerade wegen der überragenden Mimik und Gestik der Schauspieler sowie des grandiosen Spiels mit den Worten in Erinnerung geblieben. Ich denke da vor allem an Herbert Fritschs Version von "Die Schule der Frauen". Einige Stellen daraus zitieren mein Freund und ich bis heute ab und an zum Spaß. Durch die sonst karge Bühnengestaltung und die intensive Spielweise der Darsteller standen dabei ganz die Figuren im Fokus. Ihr Inneres - ihre Gedanken und Gefühle - wurden nach außen gekehrt, wodurch man als Zuschauer das Gesehene gleichsam intensiv miterleben konnte.

Bei der Inszenierung von "Tartuffe" tut Pucher leider genau das Gegenteil: Durch die reichlich kitschige Popmusik und die schreienden Farben der Kostüme schafft er so viel Ablenkung, dass dadurch das gesprochene Wort und auch die inhaltlichen Aussagen des Stücks völlig in den Hintergrund treten. Einzelne Szenen waren zwar durchaus gelungen, aber insgesamt geht der bissig-ironische Humor Molières leider unter. An die meisten Charaktere konnten wir uns schon kurz nach dem Stück kaum noch erinnern. Allein Victoria Trauttmansdorff als Zofe Dorine stach positiv heraus. Schade.

So blieb das Stück eine recht seichte, dafür aber auch locker-leichte Unterhaltung, die uns trotz allem Freude gemacht hat. Gerade in Verbindung mit einem schönen Spaziergang an der nahen Alster war es ein gelungener Abend in netter Gesellschaft. Ich freue mich schon auf das nächste Mal!