Die SchülerbotschafterInnen zu „Der Sturm. A Lullaby of Suffering“

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25.Februar 2018, Hamburg.
In Shakespeares finalem Stück „Der Sturm“ lässt der auf eine Insel verstoßene Graf von Mailand und Zauberer Prospero mit seiner Magie Schiffe kentern, Personen einschlafen und Geister lenken und erschafft so Intrigen, Katastrophen und Verwirrung. In dem (fast) gleichnamigen Stück der Regisseurin Jette Steckel inszeniert diese auch Situationen, die für Verwirrung sorgen. Diesmal findet die Geschichte von Prospero nicht auf einer einsamen Insel statt, sondern im Kopf des verbitterten Magiers; denn in diesem Gedankenexperiment möchte Prospero seiner Tochter Miranda die Verwirrungen und Irrungen der Welt zeigen.

Bei dieser Inszenierung fällt eines schnell auf: Es nennt sich „Der Sturm“, die darin vorkommenden Charaktere heißen wie in „Der Sturm“ und irgendwie befindet sich Prospero am Anfang auch auf einer Insel, genau wie in „Der Sturm“. Aber ansonsten hat das Stück nicht viel mit Shakespeares Originalwerk gemein.
Dabei klingt die Idee eines Gedankenexperimentes zuerst sehr verlockend. Schließlich bietet sich die Figur der unschuldigen Miranda perfekt an, um das Geschehen abseits einer einsamen Insel ablaufen zu lassen. Und auch wenn die bis dato in der Einsamkeit aufgewachsene Miranda auf eine im 21.Jahrhundert lebende Außenwelt trifft, so bleiben die Möglichkeiten schier unbegrenzt, eine interessante Handlung auf die Bühne zu bringen.

Doch gerade daran mangelt es bei dieser Inszenierung: der Handlung.
Es bleibt teilweise schlichtweg unergründlich, was gerade auf der Bühne passiert. Was zum einen daran liegt, dass man oftmals nicht versteht, was die Charaktere von sich geben. Klassisches Englisch á la Shakespeare mit starkem deutschem Akzent können selbst die geübteren Ohren nicht immer entziffern. Dementsprechend ist man auch dankbar, immer mal wieder ein paar Übertitel zu erhalten, nur um feststellen zu müssen, dass Semantik und vorgeführte Situation nicht immer logisch vereinbar sind. Trotzdem muss man den Versuch loben, klassische Originalzitate aus Shakespeares Werken mal wieder auf deutsche Bühnen bringen zu wollen.

Des Weiteren ist es problematisch, zu verfolgen, was gerade auf der Bühne geschieht. Schließlich erschwert das überaus kreative Bühnenbild, sich auf einzelne Figuren zu konzentrieren. Und noch schwerer wird es, wenn Figuren an verschiedenen Stellen herum wuselten; im Hintergrund dazu „Denglisch“ und laute Musik alles übertönt.
Dabei ist das Bühnenbild, wie schon angemerkt, recht kreativ. Ein gigantischer Block, wie ein Puppenhaus in diverse kleine und krumme Zimmer unterteilt. Gleichzeitig ergibt die Anordnung der Zimmer den Schriftzug: „Europe is lost“. Dieses durchaus aufwendige, wenn auch nicht interessante Bühnenbild würde wahrscheinlich noch mehr Wirkung haben, wenn man es auch in den Kontext der (nicht wirklich vorhandenen) Handlung würde einordnen können. So trägt dieser gewaltige Block jedenfalls letztendlich dem Ambiente der Verwirrung visuell bei.
Eins muss man aber auch loben: Die Kostüme sind dezent, schlicht und modern. Genauso als ob sich die Schauspieler nach Feierabend nicht mehr umziehen müssen, sondern so auch nach Hause gehen können. Damit stehen sie fast schon im Kontrast zum gesamten Rest der Inszenierung, sind  jedoch wenigstens nicht negativ auffallend. Zudem muss man auch loben, dass niemand unnötig nackt ist.

Und wenn man schon dabei ist: Den Schauspielern wird viel abverlangt in dieser Inszenierung. Schließlich muss ihnen meist bewusst sein, was sie da auf der Bühne verkörpern wollen. Normalerweise muss auch meist noch extra erwähnt werden, dass die Figur des Prospero von Barbara Nüsse gespielt wird. Aber bei einem solchen Stück fällt es nicht zwingend auf, wenn die Geschlechter einzelner Figuren verdreht werden. Zu der schauspielerischen Leistung: Die durchaus talentierten Schauspieler sind auf jeden Fall mit vollem (Körper)Einsatz dabei; um die schauspielerische Leistung zu kommentieren, muss nur klar sein, was die Situation, ihre Stimmung, etc. sein soll. Dementsprechend vermute ich einfach, dass zum Beispiel André Szymanski in der Rolle des Caliban sein Bestes tut, um diesen als herum humpelnden komischen Kauz darzustellen. Es ist wahrscheinlich nur die Inszenierung, die verhindert, dass die einzelnen Charaktere mehr Persönlichkeit haben und wenn, dass ihre Rollen auch Sinn ergeben.

Allgemein bleibt der Sinn dieses Stückes unbenannt. Es werden viele Problematiken, Situationen, Moralen, etc. vorgestellt, bzw. angeschnitten; jedoch wird  keine weiter behandelt. Daher vermutet man fast schon, die Inszenierung will einfach nur „Alles ist scheiße!“ schreien; aber gleichzeitig auch noch aufzählen, was denn mit „Alles“ gemeint ist.
Und auch die Anmerkung des Titels; „A Lullaby of Suffering“, ergibt zuerst auf das Stück bezogen kaum bis keinen Sinn. Doch wenn man dies auf das Publikum bezieht, so muss man Jette Steckel wahrlich loben, dass es ihr gelungen ist, die Zuschauer in ihre Inszenierung miteinzubeziehen,  ja, sie sogar zu den leidtragenden Figuren zu ernennen und so auf makroskopischer Ebene jene vierte Wand zu durchbrechen, die andere Stücke nur mühselig antasten. Dementsprechend ist es auch ein gewagter, aber kluger Schachzug, keine Pause in das Stück einzubauen,  nicht dass die Zuschauer, die aktiv eingebundenen Figuren, ihrem Stück entfliehen.

Letztlich ist „Der Sturm. A Lullaby of Suffering“ eine interessante Inszenierung, die nicht zwingend Sinn ergeben will. Man muss trotzdem den Versuch loben; denn so eine Inszenierung von Shakespeares Sturm gab und gibt  es wahrscheinlich noch auf keiner weltlichen Bühne. Jedenfalls hat Jette Steckel viel gewollt mit ihrem Stück; ist aber ein bisschen zu weit weg vom Ziel geflogen.
Luise Lämmerhirt, Leibniz Privatschule, Elmshorn, JG 12


„„Der Sturm. A Lullaby of Suffering“ (nach William Shakespeare)
Shakespeares Drama „der Sturm“ erzählt die Geschichte Prosperos; einst Herzog von Mailand, doch nun zusammen mit seiner Tochter Miranda, im Exil auf einer Insel lebend.
Prosperos Bruder Alonso hatte diesen in der Vergangenheit aus seinem Amt und aus dem Land verwiesen. Seine Flotte befährt gerade das offene Meer, als Prospero einen gewaltigen Sturm heraufbeschwört,  welcher das Schiff zum Kentern bringt und seinen Bruder, samt Mannschaft, an die Insel spült.
Es sind die Zauberkräfte Prosperos, die das weitere Geschehen auf der Insel beeinflussen. Ein Luftgeist namens Ariel, sowie der missgestaltete Hexensohn Caliban sind durch Zaubermacht in den Dienst Prosperos gezwungen und helfen ihm dabei, das Schicksal nach seinem Willen zu gestalten.
Die Inszenierung von Jette Steckel bedient sich einer Vielzahl unterschiedlicher künstlerischer Mittel, um das Geschehen in einem weltanschaulichen Kontext darzustellen.
In einem dichten „Sample“ wechseln sich innerhalb der Inszenierung Video, Tanz und lyrisches Sprechen mit Gesang, Rap und den Kompositionen einer Live-Band ab.
Dabei entsteht ein düsteres Portrait unserer Zeit, welches mit starker Emotionalität vorgetragen, den Zuschauer vereinnahmt. Der wuchtigen Inszenierung lässt sich nur schwer etwas entgegensetzen. Der in kompakter Weise vorgetragenen Gesellschaftskritik fehlt aber der notwenige Dialog mit dem Zuschauer. Daher ist fraglich, ob alles, was in den fast zweieinhalb Stunden zur Sprache kommt, nachhaltig wirken kann.
Trotz dieser heftigen Kritik bin ich gleichzeitig voller Begeisterung über diese Inszenierung! Insbesondere die Komposition aus Bühnenbild, Musik und Darstellern wirkt als ein Ganzes gesehen, unheimlich faszinierend. Durch das erwähnte „Sampling“ und die starke Besetzung, welche die, für diese Methode nötige, Flexibilität (scheinbar leicht) beherrschte, fällt  die Spannung an keinem Punkt der Handlung ab, sondern bleibt über  die gesamte Vorstellung ungewöhnlich hoch. Durch die Musik verbindet sich die Zuschauer im gemeinsamen Mit-leid mit der Welt, vielleicht steigt in vielen ein Gefühl von Humanität auf …und möglicherweise erfüllt es sogar alle Köpfe im Saal. Darin ist die Inszenierung absolut gelungen, ja ist fantastisch!
Ihr gelingt zu thematisieren, auf eine flüchtige, fast impulsive, unkontrollierte Weise, was normalerweise kaum zur Sprache kommt. Vielleicht  weil es zu stimmungsdrückend,  gleichzeitig offensichtlich, und vor allem ziemlich unangenehm ist, wenn politische oder gesellschaftskritische Haltungen derart emotional geäußert werden?
Wir vermeiden gerne, dass uns jemand mit dieser Art von Ansprache begegnet, wie es in „Der Sturm“ auf eindrucksvolle Art mutig, weil provokant, einfach gewagt und getan wird.
Vom Publikum wurde das Stück mit einem langanhaltendem, begeisterten Applaus beantwortet.
Persönlich wünsche ich mir nur, dass dieses Tosen, dieser heraufbeschworene Sturm noch etwas länger andauert, damit er nachklingen kann, widerhallt in unseren Köpfen!  Und wir vielleicht diese günstigen Strömungen ergreifen können und endlich wagen einen neuen Kurs zu fliegen.
Um etwas Neues auszuprobieren und darüber zu gesünderen, besseren Handlungsmöglichkeiten und Wegen zu gelangen, brauchen wir sowohl Mut als auch Entschlossenheit. Wir müssen radikaler im Denken und Handeln sein, wenn wir uns von den vermeintlich schweren Hindernissen, welche uns von einer besseren Lebensweise abhalten, endlich befreien und (möglicherweise auch mal experimentell) zu neuen Wege gelangen wollen!
Diese Stück anzusehen empfehle ich daher jedem, der sich neuen Impulsen (zukünftig) öffnet  und Veränderungen mit Neugier und Freude entgegensieht. :)
Ira Wichert, Jahrgangsstufe 12  des Helene Lange Gymnasiums in Hamburg
 
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Kate Tempest - Tempest ist das alt-englische Wort für Sturm („the tempest“ ist der original Titel des Stückes) und kommt vom lateinischen Wort „Tempestas“ - ist eine britische Rapperin, die durch ihre sozialkritischen Texte und ihren extremen künstlerischen Out-Put immer wieder für Bewunderung sorgt. Mittlerweile im Feuilleton bekannt, sorgt sie durch ihren latenten Antisemitismus auch immer wieder für Furore.
In ihrem letzten Album rechnet sie mit dem Großstadtleben ab. Sie erzählt die Geschichte von sieben Personen, die allesamt in getrennten Wohnungen um 4:18 Uhr wach liegen. Tempest erzählt von ihren Schicksalen und Problemen, ihren Ängsten. Wach sind sie da und denken über die Welt nach, oder ihren Ex; daran, dass Konsum sie auch nicht mehr glücklich macht: Stop crying, start buying! Sie ist so eine Mischung aus Gregor Gysi, Tupac und Julia Engelmann. Ihre Alben sind immer wie mit dem Holzhammer geschreinert.
Der Kenner des Theaters und auch Shakespeares fragt sich jetzt, was das alles mit „Der Sturm“ zu tun hat. Es ist Shakespeares Requiem auf die Menschheit - sein Abgesang.
Es geht um Prospero - den durch seinen Bruder weggeputschten, ehemaligen Herrscher von Mailand, der mit seiner Tochter Miranda auf einer Insel festsitzt. Auf der Insel befinden sich auch der gezähmte Wilde Caliban und Ariel, der eine Art Naturgeist ist. Die Beiden unterstehen Prospero, da der sie gerettet hat. Der Bruder des Prospero, Antonio, landet nun durch einen schrecklichen Sturm auch auf der Insel. Miranda verliebt sich in Ferdinand, den Sohn des Antonio, und Caliban wird durch Antonio und die restliche Besatzung so korrumpiert, dass er zum Wilden wird und Prostero nach dem Leben trachtet.
Aber das ist am heutigen Abend vollkommen egal. Prospero sitzt heute Abend nämlich mit Miranda auf der Insel und zeigt ihr die Welt durch seine magische Kugel. An Hand der Figuren aus Kate Tempest’s Album „Let them eat chaos“, werden wir durch die Geschichte geführt. Ein riesiger Bühnenaufbau dient als Hausreihe. Die kleinen Wohnungen sind so designed, dass sie „Europe is lost“ - auf Tempest’s Album gibt es einen gleichnamigen Titel - ausschreiben.
In diesen gefängnisartigen Wohnapparaten sehen wir Europa scheitern; die Bewohner werden durch Macht und Geld, durch Unaufmerksamkeit, politische Unlust und Konsumgeilheit von den wahren Problemen abgelenkt. Und hier scheitert auch die eigentlich so großartige Jette Steckel an dem, voran immer mehr Regisseure zu scheitern scheinen: ungeordnete Gedanken. Sie fliegt von einem Thema zum anderen. Präsentiert keine Lösungen, wenn, dann nur sehr simple und redet über Alles und Nichts. Böse Zungen könnten sie fasst eine Populistin heißen... also der Inhalt ist schon mal Murks - das Bühnenbild dagegen ist der Hammer.
Der riesige gelbe Aufbau aus zwölf Kästchen kommt phänomenal daher. Die ganze Zeit wird mit Licht, Sand, Video und Musik gearbeitet. Das Stück ist wahrscheinlich das bestaussehende, das ich im Thalia je gesehen habe. Auch alle Schauspieler sind absolute Spitze - nur Barbara Nüssen schafft es, alle in den Schatten zu stellen.
Es ist ein Stück, mit klasse Darstellern und einem super Look, aber der Inhalt kann einfach gar nicht überzeugen. Der Versuch an extrem politischem Theater scheitert leider maßlos.
Wenn sie Kate Tempest mögen, sollten sie hin gehen. Aber sonst würde ich es meiden.
Paulo Sieweck, Gymnasium Corveystraße, Jg 10