Match Cut

Matthias Günther über Michel Decars "Schere Faust Papier"

In alten Dramentheorien wurde die Frage gestellt, was im Zentrum steht, die Figur oder die Handlung. Es war die Zeit, als die Welt zumindest in Theatertexten noch in Ordnung war. Der Autor hatte ein Schauspiel geschrieben mit einem Titel, und im Text erfolgte zunächst das Verzeichnis der auftretenden Personen. Der gut informierte Zuschauer, der später eine Aufführung besuchte, wusste, was auf ihn zukam oder besser, wer da die Bühne betritt. Bekanntlich ist heute alles anders und niemand weiß mehr, wer er ist. Ist der Schauspieler eine Figur, oder spielt er einen Kommentar, oder ist er privat auf der Bühne? Selbst der Zuschauer ist sich unsicher, ob er noch gemeint ist, und der Autor weiß schon lange nicht mehr, ob das, was er geschrieben hat, so auf der Bühne zu sehen sein wird, wie es geschrieben steht.


«Ach, Theater!», raunt es leicht verzweifelt. «Warum kann Theater nicht wie Fußball sein?» Aber halt! Der Fußball ist auch nicht mehr so wie früher, fassbar in einfache Formeln, wie «Der Ball ist rund» oder «Das nächste Spiel ist immer das schwerste». In der Startaufstellung waren früher einfach die besten elf Spieler einer Mannschaft. Heute, im modernen Fußball, gibt es komplizierte Taktiken gewiefter Konzepttrainer mit Spezialaufträgen für Spezialisten auf immer wieder neu zu definierenden Positionen. Es braucht einen erweiterten Kader, nicht «Elf Freunde sollt ihr sein», sondern ein Team von 23 Akteuren mit verschiedenen Eigenschaften, Stärken und Kompetenzen. Wenn selbst der Fußball so komplex ist, wie soll dann ein Theaterautor ein einfaches Personenverzeichnis erstellen?
 
Michel Decar hat ein neues Stück geschrieben: «Schere Faust Papier». Statt Personen erfolgt erst die «heutige Startaufstellung», dann «der erweiterte Kader», dann «die Auswechselbank». Die Startaufstellung ist schwer auf Zack und zügig unterwegs. Die Auswechselbank, so viel sei verraten, ist super besetzt von Ariel bis Ho Chi Minh. Und auch der erweiterte Kader ist vielversprechend: Neben Chaplin, Neptun, Krishna und vielen anderen sind auch sowjetische Weltraumhunde und englische Tennisspieler am Start. Würde man alle Personen zusammenzählen, die vielen Leute und Gruppen und Staatssekretäre und Armeen, die da Schwarz auf Weiß stehen, bräuchte man mindestens eines der größten Fußballstadien der Welt, das Camp Nou in Barcelona, ein beeindruckender Trichter, in den jede Menge reinpasst. Und das ist auch notwendig, denn Michel Decar hat auch alle möglichen Bühnenbilder, sehr verschiedene Kostüme und Requisiten aufgelistet, die es in dem Stück braucht. Eigentlich ist der Handlungsort fast die ganze Welt als Möglichkeit. Der Autor träumt sich die Bühne voll und macht die Sache richtig teuer, als sei es ein Film fürs Kino.
 
Aufforderung zum Tanz
 
Vielleicht saß Michel Decar sogar während des Schreibens vor einer großen Leinwand, ganz nah dran. Was er sah, war einer der berühmtesten Filme der Geschichte, Stanley Kubricks «2001: Odys¬¬see im Weltraum» aus dem Jahr 1968. Damals war die Welt in Wallung. Es war das Jahr der Revolution, die alle so sehr liebten, und in Kubricks Film findet sich der berühmteste Match Cut der Filmgeschichte: Ein Urmensch schleudert den Knochen himmelwärts, mit dem er gerade einen Kolle¬gen erschlagen hat. Der Knochen verwandelt sich in ein Raumschiff. Dies markiert einen riesigen Zeitsprung. Die Szene ist für «Schere Faust Papier» elementar, da zu Beginn des Stücks ein umgekehrter, aber doch wesensverwandter Zeitsprung als Start die Handlung in Gang setzt. Ein Atombunker wird zu einer Steinzeithöhle «gebombt»:
 – Die wollen uns in die Steinzeit zurück¬bomben.
 – Was heißt hier wollen? Das haben die schon längst geschafft.
 – Ist das eine Höhle?
 – Klar, das sieht man doch.
 – Du hast geschlafen, ziemlich lange.

Wer spricht da? Vielleicht sind es Rollenspieler, die in einem falschen Level gelandet sind. Jedenfalls werden sie den Ort der Handlung, diesen Bunker, nie verlassen, sie erzählen sich die Geschichte der Welt, spielen sich etwas vor: am Anfang ein Kratzen, dann ein Mensch, riesi¬ge Herden in einer verlas¬senen Wald- und Seelenlandschaft, brennende Felder, ein Pferd aus Holz, Kreuzzüge, die Eroberung eines neuen Kontinents, Tyrannensturz und Revolution, sibirische Landstraßen und Schmoren im Arbeitsla¬ger, großdeutsche Ohrläppchen, pol¬ni¬sche und weißrussische Urwälder, Indochina, Terrorstaaten und Raketenabschusscodes.
 
Marx schrieb, «Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce».
 
Bei Michel Decar heißt es, dass sich Geschichte immer 20-mal ereignet:
 – Einmal als Tragödie, einmal als Farce, einmal als Tragikomödie, einmal als ZDF-Zweiteiler, einmal als BBC-Miniserie, einmal als Tele¬novela, einmal als Eventmovie, einmal als Kriminalkomödie, einmal als ZDF-Zweiteiler –
 – ZDF-Zweiteiler hattest du schon!
 – Unterbrich mich nicht!
Michel Decar setzt Dialoge in Gang mit plötzlichen Richtungswechseln und Wendungen: Große Mysterienspiele werden veranstaltet, Höhlengleichnisse verunstaltet, Satyrspiele aufgeführt, Botenberichte hingequatscht, Pressekonferenzen improvisiert. So ungefähr.
 
Dazu gibt es ein alphabetisches Verzeichnis von Regieanweisungen und Übungen für Schauspieler, technische Vorgänge, physikalische Phänomene und Geräusche sind im Angebot. Natürlich auch eine Auswahl von Popsongs. Klar! Choreografie und Emotion sind zwei Begriffe, die der Autor nicht unerwähnt lassen möchte.
 
Für Regisseur Ersan Mondtag, der die Uraufführung von «Schere Faust Papier» inszenieren wird, ist Michel Decars Welt der Wörter und Sätze, Überschriften und Namen, Reihen und Listen eine Aufforderung zum Tanz: «Wir leben in einer Zeit der Fragmente, der Reste, des Eindrucksmülls, der Splitter und haben die Sehnsucht, das alles wie die Bruchstücke von antiken Statuen zu kitten. Das schaffen wir auch, indem wir sehend blind werden.»
 
Matthias Günther ist Dramaturg am Hamburger Thalia Theater.
Der Text ist im Jahrbuch Theaterheute Jahrbuch 2016 veröffentlicht.