Silvia Fenz

Matthias Günther über die am 26. Juni 2016 verstorbene Schauspielerin Silvia Fenz

Am 26. Juni 2016 ist die Schauspielerin Silvia Fenz in ihrer Heimatstadt Wien gestorben.
Feste Engagements führten sie zweimal ans Thalia Theater Hamburg (unter Boy Gobert 1969–1980 und Jürgen Flimm 1985–1987) und ans Schauspiel Köln. In Wien gehörte sie zum Ensemble um George Tabori, welches ab 1987 das Schauspielhaus unter dem Namen "Der Kreis" bespielte.

Nach der Rückkehr des Schauspielhaus-Gründers Hans Gratzer blieb sie bis 1997 eine der künstlerischen Säulen des Hauses, ehe sie ans Theater Basel wechselte. Ein letztes Engagement führte sie ab 2005 an Volkstheater in Wien.
Silvia Fenz arbeitete mit Regisseuren wie Stefan Bachmann, Sebastian Nübling, Christoph Marthaler Lars-Ole Walburg und Stefan Pucher zusammen. Neben ihren Theaterengagements arbeitete sie auch kontinuierlich für Film und Fernsehen, u.a. mit Michael Haneke in seinem Film "Der siebte Kontinent".
Der Intendant des Theaters Basel Andreas Beck würdigte Silvia Fenz mit den Worten: "Silvia Fenz war für mich eine sanfte Gewaltige, eine hinreißend Zerrissene, immer den Zuschauer verzaubernde große, weil so zarte, Schauspielerin, in die ich, sobald ich sie auf der Bühne sah, immer gleich verliebt war. Für mich bleibt sie ganz besonders durch Stefan Puchers 'Kirschgarten'-Inszenierung hier am Theater Basel [1999], eine ewig unvergessliche Ranjewskaja."

Matthias Günther war 1999 Dramaturg der „Kirschgarten“-Inszenierung von Stefan Pucher und schrieb für die Theaterzeitung des Basler Theaters ein Porträt über Silvia Fenz:

Die Fenz

Der Anfang könnte von Tschechow erfunden sein: Sie wuchs in einer prachtvollen Villa in Wien auf, mitten in einem großen Garten mit einem Marmorbrunnen, den scheußlichen Figuren umzingelten, in dem hat sie das Schwimmen gelernt. Der lichteste Platz war da, wo ihr Kirschbaum stand, den hatte die griechische Großmutter gepflanzt für sie. Als Kind nannte sie sich Marion, ein jüdischer Name und ihre beste Freundin war Silvia, sie selbst. Die Eltern schüttelten den Kopf, wussten wohl um die freche Provokation der kleinen Pummeligen, aber was sollte man machen, sie war das dritte Kind und man wusste von jeher das dritte Kind war das Originelle, ein Rollenfach das sie früh spielte.
In dem Jahr als der Vater mit seinem zweiten Herzinfarkt im Krankenhaus lag, wurde die Villa, die nicht der Familie gehörte, verkauft und der Garten parzelliert. Die Ferien verbrachte die Familie in St. Wolfgang. Meistens regnete es und die drei Geschwister hockten in der Stube, bis die Eltern sie ins Kino schickten, weil sie ungestört sein wollten.
Hier sah sie den Film ›Die roten Schuhe‹, da war sie fünf und wusste was sie werden wollte: Tänzerin. Sie ging in den Ballettunterricht, später auf die Tanzakademie. Sie war begabt, aber zu dick. ›Das war das Elend!‹ Man riet ihr, sich auf der Schauspielschule zu bewerben. Sie wollte gerne Schauspielerin werden, aber wie? Es gab einen Kerl, der war in sie verliebt und der hat sie dann vorbereitet auf diese Aufnahmeprüfung und das war sehr lustig, weil sie nur Hosenrollen spielte, Kerle wie der verliebte Bursche: Die hatte sie so angelegt, dass sie hereinstürzte, hinfiel, sich das Knie blutig schlug und somit eine Situation hatte, aus der sie die Figur entwickeln konnte. Auf die Frage, welche Frauenrolle sie denn anbieten könnte, sagte sie ›Ja, das Gretchen!‹, was zu großer Heiterkeit führte, denn Gretchen war blond und blauäugig und nicht eine kleine dicke Nudel. Man nahm sie auf, sie blieb zwei Jahre, dann hatte sie ihr erstes Engagement im Landestheater Tübingen. Da wurde ihr gleich am ersten Tag das Fahrrad gestohlen, also musste sie bleiben. Alle 14 Tage hatte sie Premiere mit einem neuen Stück. Eine Rolle nach der anderen. Nach einem Jahr hatte sie vierzehn Tage frei und fragte sich ›Was will ich hier?‹Weg! 
In Oberhausen wurde ihr Fach ›munter Naive, ins Komische gehende‹ dringend gesucht, also setzte sie sich mit einem Koffer in den Zug. Sie brauchte nicht viel, ausser der damals üblichen Ausstattung für ihr Rollenfach.
In Oberhausen ist sie am Bahnhof angekommen, da stand ein Schild ›Zur Innenstadt‹ und sie wusste, sie musste zum Theater in die Innenstadt. Plötzlich war sie im nächsten Ort, in einer anderen Stadt, in Mülheim oder wo auch immer und da stand wieder ein Schild: ›Zur Innenstadt‹, sie wusste nicht, dass die Innenstadt in Deutschland immer direkt neben dem Bahnhof liegt. Oberhausen war klein und Wien weit weg. Aber Oberhausen war ein Riesensprung. Das war ein Theater, wo man hinschaute.
Hilmar Hoffmann war Kulturdezernent und die jungen Filmemacher formulierten gerade ihr Manifest.
Und sie saß mittendrin: ›Ich hatte nicht mal Geld um ins Kino zu gehen. Wir hatten 5 Mark am Tag, wir hatten kein Telefon und keinen Fernseher, es war eine Zeit, wo du total nur mit Dir verbunden warst, nur auf Gespräche reagiert hast. Nur auf Unmittelbares. Und natürlich, neugierig wie du bist, solche Gespräche gefressen hast, aber du warst natürlich die kleine munter Naive ins Komische gehende mit den großsen Augen, die immer nur gehört und wahrgenommen hat.‹
Sie blieb ein paar Jahre, dann begegnete sie Boy Gobert, ihrer Vaterfigur. Sie ging an das Thalia Theater nach Hamburg und blieb dort 11 Jahre. Sie arbeitete mit Jürgen Flimm, der Oberspielleiter war, ging mit ihm nach Köln, dann zurück nach Hamburg.
Sie selbst nennt sich ein Beginnerin, die immer wieder in neuen Gruppierungen neu startet. Nach den Jahren mit Flimm traf sie in Wien auf George Tabori. Eine wichtige Begegnung. Ein Abschied von Gestern, ein Aufbruch in neue Sichtweisen auf das Theater. Das Theater ›Der Kreis‹ wurde eine Bühne für Verliebte und Verrückte. Eine wie sie mit ihrer schier unglaublichen Energie, diese ewig Junge, die sich mit ihrer Generation so schwer unterhalten kann, weil sie sich immer auf Jüngere konzentriert hat. Das empfindet sie heute manchmal als ein Manko. Sie ist nie geblieben. Sie ist die Reisende, die Liebhaberin ohne festen Wohnsitz. Zuletzt war sie am Schauspielhaus in Wien bei Hans Gratzer und hier wurde sie zu der Fenz. Eine Schauspielerin mit einer ungeheuren Bühnenpräsenz. Hier habe ich sie gesehen, wie sie an einem Fenster stand, rauchend: eine dünne Frau mit einer dünnen Zigarette. Sie liest, stammelt, stöhnt ein neues britisches Drama und vor ihr fletzt sich Hermes Phettberg auf einem Sessel und furzt Löcher in die Polster. Und keiner im Raum hebt den Finger und erhebt Einspruch, weil sie es ist, die selbst dem Fäkaldrama eine Stimme, ihre Stimme verleiht, die es zur Kunst macht.
In Wien trifft sie auf Stefan Bachmann. Und wieder ist da dieser Moment: Aufbruch. Nach drei gemeinsamen Arbeiten geht sie mit Bachmann nach Basel. Sie spielt Shakespeare, Bauer und Crimp, aber vor allem wird aus der Fenz Merlin. ›Da ist ja der Merlin‹, sagen die Leute auf der Strasse. Jetzt zu Spielzeitbeginn ist sie die Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna im ›Kirschgarten‹. Nach einem Jahr ist sie in Basel richtig angekommen, der alte Familienschrank aus der Villa in Wien steht nun in ihrer Wohnung. ›Sehr verehrter Schrank‹, sagt sie und lächelt verschmitzt, wie nur sie lächeln kann.

Matthias Günther, Oktober 1999