Schw
arze Jun
gfrauen

Eine kleine Selbstreflexion

 

Ich werde im folgenden Text all das zusammenfassen, was beim gestrigen Besuch des Stücks „Schwarze Jungfrauen“ die Teilchen, die sich in meinem Bauch und Kopf bewegen, zum Tanzen gebracht haben.
In der Aufführung der bayrischen Theaterakademie August Everding werden radikal-orthodoxe Muslima auf höchst unterhaltsame, witzige, skurrile,  aber doch ernste Weise dargestellt, die das oft reproduzierte Bild der Gläubigen als enthaltsame Frau aufbrechen. Die schwarzen Jungfrauen gehen aus, ficken mit Typen, ziehen nach Kreuzburg, viel Wein trinken und Party machen und dabei selbst über ihren Körper bestimmen. „Fett!“, denke ich, wie man das in jugendlichem Neudeutsch so sagt. Endlich emanzipiert sich die Sexualität und das Körperbewusst vom Glauben. Endlich ist die muslimische Frau nicht immer nur das enthaltsame Wesen unter einem Schleier. Nicht weil ich dagegen bin, dass Menschen so sind oder weil ich diesen Typus für richtig halte, aber weil ich beobachte, dass dieses Bild sich nicht mehr bewehren kann. Jungfräulichkeit wird oftmals in Verbindung mit dem jeweiligen Glauben gebracht. So im Christentum, so im Islam und in anderen Religion. Dass dabei ein Jungfernhäutchen nichts mit der Tatsache zu tun hat, an welcher Stelle du in der Ich-bin-eine-gute-Muslima-Skala stehst, wird auf eine spielerische, tänzerische und musikalische Weise mit minimalistischem Bühnenbild und glitzerndem Make Up auf die Bühne gebracht.
Mein anfänglicher Gedanke, es ginge um Religionskritik, hat sich in Luft aufgelöst. Nein, er hat sich sogar umgekehrt! Kritisch sind die Schwarzen Jungfrauen allemal, aber sie kritisieren keinen Glauben, sondern die verbohrte Gesellschaft, die Unterdrückungsmechanismen auf jene projiziert, um sie zu legitimieren. Dabei kriegen nicht nur die Moslems ihr Fett weg, sondern alle, die jenem Prinzip folgen, egal ob damals das Christen- oder heute das Bürgertum.
Ich bin begeistert von diesem Befreiungsschlag und muss schlagartig an alle Helden meiner Schulzeit denken... Wedekind, der mir in Frühlings Erwachen beigebracht hat, dass das Unterdrücken von Trieben und fehlende Aufklärung zu nichts anderem als der Vernichtung des Menschen führen kann. Wendla Bergmann, die bei einer Abtreibung stirbt, ohne dabei zu wissen, dass sie schwanger ist, weil niemand ihr je geklärt hatte, was das, was sie mit Melchior im Stroh getrieben hat, eigentlich war. Kant mit seinem glorreichen Spruch, dass man sich seines eigenen Verstandes bedienen müsse, um sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Kleist, der erkannt hat, dass Wahrheit nicht allgemein, sondern subjektiv ist... meine ehemalige Deutschlehrerin, die mich erst letzte Woche an Fontanes Effi Briest erinnerte. Dürrenmatt, der schon längst wusste, dass allem nur noch die Komödie beikommt. Für mich das beste Beispiel: „Schwarze Jungfrauen“.
All diese großen Namen habe ich jetzt nicht erwähnt, um zu zeigen, wie aufmerksam ich in der Schule war, sondern weil sie mir alle wieder in den Kopf kommen, als ich gebannt auf die Bühne schaue und der Rollstuhlchoreografie folge. Im Publikum sitzen überwiegend Menschen 40+, die aussehen wie belesene, kultivierte Hanseaten. Nach dem Stück werden sie sicher kurz darüber nachdenken, wie oft „ficken“ in dem Stück gesagt wurde oder wie postkolonial es ist, als deutsches Theater ein Stück über die sexuelle Befreiung der Muslima zu spielen. Oder sie denken darüber nach, in welcher Welt wir eigentlich leben, eine Welt, in der all diese Themen brandaktuell und unglaublich real sind. Oder sind sie vielleicht nur für mich so real, weil ich mit meiner Migrationsgeschichte in dem Weltbild von heute, aber auch noch dem vor mehreren Jahrzehnten lebe? In meinem kurdischen Dorf hat die europäische Aufklärung leider nie stattgefunden, genau so wenig wie die sexuelle Befreiung. Wie hunderte Blitze jagt ein Gedanke den nächsten und nach dem Stück kann ich nicht anders, als bei dem Nachgespräch mit Publikum und Darstellern all diese Dinge auszusprechen und danach tief durchzuatmen. Das ist Theater! Du gehst rein, deine ganzen Gedanken stellen sich auf den Kopf, du wirst dazu gezwungen über alle Weisheiten nachzudenken, die du in deinem Leben umsetzen wolltest, aber dann doch tief in einer Ecke deines Hirnes vergraben hast und wenn du den Zuschauerraum verlässt, musst du tief durchatmen, weil du keine Ahnung hast, wer du eigentlich bist, was du eigentlich denkst, was deine Ideale und Maxime sind, ob du überhaupt welche hast und was diese Bretter, die die Welt bedeuten, dir offenbart haben.

Leyla Yenirce