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arze Jun
gfrauen

Stereotypen-Knockout

 

Auf den ersten Blick wirkt „Schwarze Jungfrau“ wie eine weitere stumpfe Kritik am Islam, die hemmungslos die Diskussion über Sexualität bei Muslima zu Unterhaltungszwecken ausnutzt. Ob mit Kopftuch oder ohne, es werden intimste Details inszeniert, wohlwissend, dass Sexualität unter Muslimen noch immer ein Tabuthema ist. Wer will, kann hier vor Wut an die Decke gehen und sich gegen die Reduzierung (deutscher) Muslima auf ihre Sexualität wehren, denn die vielen Monologe widmen sich ausnahmslos diesem Thema. Wer allerdings vermutet, dass die Enttabuisierung zum Anlass genommen wird, um schulmeisterlich Muslime zu kritisieren, wird schliesslich doch überrascht werden: der junge Regisseur Malte C. Lachmann ergreift die Chance, aus einer neuen Perspektive das Tabu zu inszenieren und eine unvergleichlich Verbindung zwischen Sexualität und Glauben zu schlagen, die sich gleichzeitig vom Thema Islam loslösen lässt. Im Gegensatz zur westlichen Kultur erstreckt sich für viel Muslime der Glaube wie selbstverständlich auch auf Sexualität und bildet so einen kontrastreichen Gegensatz zur postsexuellen Revolution. Gerade hier, könnte man meinen, sind kulturelle Unterscheide am sichtbarsten und könnten Unvereinbarkeit abendländischer und muslimischer Kultur verdeutlichen. Doch das stereotypische Denken wird herausgefordert und aufgebrochen. Auf dem zweiten Blick ist „Schwarze Jungfrauen“ alles andere als ein Affront gegen deutsche Muslime. 
Durch Monologe, die sonst Teil innerer Selbstgespräche im Hintergrund bleiben, erhält das Publikum durch derbe Worte einen unverfälschten Einblick in die Interessenkonflikte, die junge Muslima in sich tragen können. Es werden Situationen erzählt, in denen der Sexualität nachgegeben, aber auch rückblickend selbstkritisch das eigene Handeln hinterfragt wird. Die Vielfalt von Muslima und ihrer unterschiedlichen Auffassungen des Glaubens lassen sich kaum prägnanter darstellen, als an dem fesselnden Thema der Sexualität. Gerade diese Vielfalt ermöglicht es dem Publikum sich in der einen oder anderen Situation wiederzufinden und sich sogar mit einer der (muslimischen) Charaktere zu identifizieren. Der Glaube, der sonst als Kriterium der Abgrenzung genutzt wird, ist hier als Teil des Gewissens inszeniert.
Hervorzuheben ist, dass trotz der inhaltlichen Anspielungen keine religiösen Symbole verwendet werden. Vielmehr wird durch drei Damen und zwei Herren, die als Showgirls kostümiert sind, ein respektvoller Abstand geschaffen, der Raum lässt, die Puzzlestücke zum Stereotypen-Knockout selbst zusammenzuführen. Sehenswert!

Said Haider