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Eine Flasche Wein, zwei Migrantinnen
 

Pfadfinderin Joanna Jurkiewicz im Nachgespräch mit Zuschauerin Alexandra Waligorski

Joanna Jurkiewicz:
Ich bin sprachlos. Und dann ging es am Ende beim Publikumsgespräch doch um das Kopftuch. Mich macht das wütend und traurig zugleich.

Alexandra Waligorski: Dabei hat das Stück doch eigentlich einen guten, offenen Denkraum aufgemacht. Aber du hast Recht, letztlich stand während des Publikumsgesprächs das Kopftuch zur Debatte.
JJ: Dabei war es doch so gut, wie sich das revueartig inszenierte Stück vom Islam wegbewegt hat. Besonders das Zusammenspiel von Choreographie und Musik haben einfach Spaß gemacht. Ich denke dann sofort an die Rollstuhl-Choreographie: Sie stellte einen Bruch zwischen einem vielschichtigen, komplizierten Thema und der Leichtigkeit eines Musicals dar.
AW: Ja, mich hat dieses Gesinge und Getanze auch fasziniert. Es war absurd, Dada und Drag gleichzeitig. Auch das Publikum war nicht sicher!
JJ: Was meinst du mit „sicher“?
AW: Naja, die wurden angetanzt, angeflirtet und angestarrt. Letztlich konnten die Schauspieler_innen sogar sagen, was die Personen in der ersten Reihe alles während des Stücks gemacht haben.
JJ: Das finde ich auch schön, weil man weiß, dass die Schauspieler_innen sensibel auf die Reaktionen des Publikums sind, sie aufnehmen und in ihrem Spiel verarbeiten. Aber auch von unseren hinteren Plätzen konnte ich beobachten, dass sich die Schauspieler_innen auf der Bühne amüsiert haben.
AW: Auf jeden Fall! Weniger amüsant fand ich jedoch die Reaktionen der Menschen beim anschließenden Publikumsgespräch.
JJ: Du weißt ja, mir fehlen da die Worte...
AW: Zwar fand ich die Fragen und Kommentare des Publikums auch schwierig, habe ich erst dadurch gemerkt, was mir an dem Stück positiv aufgefallen ist und welches Potenzial die Inszenierung hat. Denn eigentlich stand für mich gar nicht der Islam im Zentrum. Obwohl es etwas naiv klang, hat mich die Aussage des Komponisten am stärksten zum Nachdenken gebracht: Es geht nicht um Muslime, sondern um Menschen. Also, ich finde, es geht um das Anderssein in Deutschland. Das hat sich vor allem in den Kostümen und der Maske gezeigt. Es war nicht zu übersehen, dass hier Queerness inszeniert wurde. Noch stärker hätte man den Bruch nicht treiben können, als einen weißen deutschen Mann in ein Frauenkostüm zu stecken und eine migrantische Muslima spielen zu lassen. Auch, wenn eine Dame aus dem Publikum es radikaler gefunden hätte, eine Schauspielerin in eine Burka zu stecken.
JJ: Erst durch diese Verfremdung war es gewissermaßen für den Regisseur erlaubt, diesen Stoff aufzuführen. Sonst kommt man immer an den Konflikt einer legitimen Sprecherposition. Das ist mir bei „Protokollen von Toulouse“ bereits aufgefallen. Ich stelle mir dann immer gleich die Frage: Wer darf was über wen sagen? Besonders wenn ein weißer männlicher Katholik (wie sich Malte C. Lachmann beim Publikumsgespräch selbst bezeichnete) ein Stück zu muslimischen Frauen auf die Bühne bringt. Hier wird klar, dass Text und Aufführung unterschiedliche Sachen sind und verschieden behandelt werden müssen.
AW: Ja klar. Feridun Zaimoğlu ist eben nicht Malte C. Lachmann.
JJ: Der Text wird sozusagen neugeschrieben und damit entstehen Fragen, die mit der Positionierung und Repräsentation im Theater zu tun haben. René Pollesch hat das Thema bei einem Interview für das Süddeutsche Magazin thematisiert. Es geht auf der einen Seite um den Regisseur, der ein Stück bearbeitet, aber auch um die Schauspieler_innen. Bei Lachmanns „Protokolle von Toulouse“ hat für mich die Besetzung der Muslime nordafrikanischer Herkunft durch weiße Männer nicht funktioniert, es wurden dadurch bestimmte Zuschreibungen nur wiederholt.
AW: Aber bei „Schwarze Jungfrauen“ ging alles kreuz und quer. Die Zuschreibungen wurden vielmehr als Waffe in der Hand einer Muslima benutzt. Das hat mir gefallen, weil dies sich den üblichen Debatten zu diesem Thema selbstbewusst und elegant entzogen hat.
JJ: Im Nachgespräch wurde aber dieser Frau ihr Kopftuch wieder aufgesetzt.

Joanna Jurkiewicz